120 Minuten, die ihr Leben veränderten
Wie Bettina Lahn durch Tischtennis trotz Parkinson neue Hoffnung fand
Fotos: Maurice Schuhmacher
12.10.2026 / FULDA -
Jahrelang wusste Bettina Lahn aus Fulda nicht, warum ihr Körper ihr immer weniger gehorchte. Sie verlor ihre Arbeit, ihre Selbstständigkeit und zeitweise die Fähigkeit, sich ohne fremde Hilfe zu bewegen. Erst nach rund 14 Jahren erhielt die heute 61-Jährige die Diagnose Parkinson. Eine neue medikamentöse Behandlung und ihre Leidenschaft für Tischtennis haben ihr inzwischen ein großes Stück Lebensqualität zurückgegeben. Heute steht sie sogar bei Weltmeisterschaften an der Platte. Mit OSTHESSEN|NEWS teilt sie ihre Geschichte.
14 Jahre ohne Gewissheit
Bis zum Mai 2010 führte Bettina ein geregeltes Leben. Die gebürtige Fuldaerin, die am Aschenberg aufwuchs, ist Mutter von drei Kindern und arbeitete Vollzeit als Fleischereiverkäuferin. Doch zunehmend litt sie unter Müdigkeit, Gleichgewichtsstörungen und Sprachproblemen. Am Freitag nach Christi Himmelfahrt verschlechterte sich ihr Zustand so stark, dass sie einen Arzt aufsuchte. Wegen des Verdachts auf einen Schlaganfall kam sie ins Krankenhaus. Drei Monate blieb sie im Klinikum Fulda. Doch eine eindeutige Ursache fanden die Ärzte nicht. Später wurde eine dissoziative Bewegungsstörung vermutet. Es folgten weitere Klinikaufenthalte, unter anderem in Bad Kreuznach. Ihre Beschwerden blieben: Die Finger verkrampften sich, das Gehen wurde immer schwieriger. Ein Alltag, der viel Kraft kostet
An ihrer Seite steht Ehemann Mario Lahn (65). Gemeinsam musste das Paar lernen, mit der Erkrankung umzugehen. Bettina benötigt etwa alle zweieinhalb bis drei Stunden Medikamente, manchmal auch nachts. Lässt deren Wirkung nach, versteift sich ihr Körper. Selbst Anziehen oder Treppensteigen können dann kaum noch ohne Hilfe gelingen. Hinzu kommen schwere Schluckstörungen. Mario unterstützt seine Frau im Alltag. Auch Familie und Freunde geben ihr Halt. Noch im April war Bettina während einer Kreuzfahrt überwiegend auf den Rollstuhl angewiesen. Dass sie wenige Monate später bei einer Weltmeisterschaft Tischtennis spielen würde, hätte sie damals kaum geglaubt. Die 120 Minuten, die alles veränderten
Bei einem Aufenthalt in einer Parkinson-Fachklinik in Kassel wurden Bettinas Medikamente neu eingestellt. Nach einer Anpassung der Dosierung verbesserte sich ihre Beweglichkeit deutlich. Wie sehr, zeigte sich an einem Nachmittag, den sie nie vergessen wird. Eigentlich wollte Bettina nur kurz in der Tischtennishalle vorbeischauen, um ihre Zimmernachbarin zu entschuldigen. Noch kurz zuvor hatte sie in der Physiotherapie Schwierigkeiten gehabt, rückwärtszugehen. Eine Therapeutin musste sie an beiden Händen festhalten. In der Halle ermutigte ein Physiotherapeut sie, selbst einen Schläger in die Hand zu nehmen. Bettina zögerte. Zuletzt hatte sie als Kind am Fuldaer Aschenberg Tischtennis gespielt. Schließlich versuchte sie es. Anfangs musste sie sich noch an der Platte festhalten. Doch die ersten Ballwechsel gelangen, und Bettina spielte weiter. Aus Minuten wurden Stunden. Erst nach 120 Minuten legte sie den Schläger aus der Hand. Ein neues Leben an der Tischtennisplatte
Heute trainiert Bettina beim KSV Niesig und gehört zu PingPongParkinson. Zu Hause wurde sogar die Garage umgebaut, damit dort eine Tischtennisplatte Platz findet. Mario besorgte ihr zwei Schläger mit Carbon-Einlage. Ist gerade kein Spielpartner da, trainiert Bettina mit einer Virtual-Reality-Brille - ihrer "Geheimwaffe", wie sie lachend sagt. Tischtennis fordert Reaktion, Koordination und Beweglichkeit. Erste wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Sport Menschen mit Parkinson helfen kann. Medikamente und Physiotherapie ersetzt er jedoch nicht. Vom Rollstuhl zur Weltmeisterschaft
Ende September nahm Bettina an der Parkinson-Tischtennis-Weltmeisterschaft in Hannover teil. Rund 800 Sportler aus 35 Ländern waren dabei. Für die Fuldaerin war schon die Teilnahme ein Erfolg. Im Doppel erreichte sie mit ihrer Partnerin das Achtelfinale, im Einzel kam sie in die zweite Runde. Beim Mixed machte sich allerdings die Erschöpfung bemerkbar. "Ich konnte mich nicht ausreichend erholen." Denn trotz ihrer Fortschritte bleibt Parkinson Teil ihres Lebens. "Man sollte nie vergessen: Selbst wenn es einem gut geht, die Krankheit ist immer da", betont sie. Eine Goldmedaille, die mehr bedeutet als jeder Sieg
Ihre schönste Auszeichnung bekam Bettina allerdings schon vor der Weltmeisterschaft. Ihre Kinder und Enkelkinder hatten ihr eine kleine Medaille geschenkt, auf der jeder seinen Daumenabdruck hinterlassen hatte. "Für uns bekommst du schon die Goldmedaille", sagten sie und hängten sie ihr um den Hals. Bei der Weltmeisterschaft in Hannover gewann Bettina Lahn keine Goldmedaille. Doch die wertvollste hatte sie schon dabei.