OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch (25)

Udo Wischniewski: Wünsche mir, dass mehr Leute Verantwortung übernehmen

Zieht die Fäden bei der SG Ehrenberg: Udo Wischniewski
Fotos: Brandon Watkins

26.10.2022 / FULDA - Er ist einer der bekanntesten Osthessen. Nicht nur, weil er einst Küchenchef auf dem "ZDF-Traumschiff" war. Auch, weil jeder den Fußball in der Rhön und speziell den bei der SG Ehrenberg, die seit dreieinhalb Jahren in der Verbandsliga Nord kickt, mit ihm verbindet. Die Rede ist von Udo Wischniewski. Im OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch plaudert er über das Selbstverständnis der SGE, so etwas wie "gallische Dörfer" zu sein in der Verbandsliga, warum es so besonders ist, für die Dreier-SG in der Rhön zu kicken - und nicht zuletzt, den 0:2-Rückstand am Sonntag bei der SG Johannesberg in einen 3:2-Sieg gedreht zu haben. 


Im O|N-Sportgespräch lassen wir immer Sportler aus verschiedenen Sportarten der Region zu Wort kommen. Wir erzählen die Geschichte hinter der Geschichte, losgelöst vom aktuellen Tagesgeschehen. Heute folgt Teil 25 der Serie. 

Herr Wischniewski, Sie tragen Ihr "Glückssakko". Hat das einen besonderen Grund?


Udo Wischniewski: Ich hatte das bei unserem ersten Saisonsieg gegen Vellmar an. Und am Sonntag bei unserem Sieg in Johannesberg wieder. Vielleicht lasse ich es bis zum nächsten Spiel an (lacht) ...

Waren das "Rhöner Tugenden", mit denen die SG Ehrenberg ihr Spiel in Johannesberg gedreht hat?

Wischniewski: Was sind Rhöner Tugenden. Die gibt's einfach im Fußball. Dass du bissig in Zweikämpfe gehst, dass du präsent bist. Wir müssen über den Kampf kommen, um ins Spiel zu kommen. Wenn wir das schaffen, hat es jeder Gegner gegen uns schwer.

Und so ist es auch in Johannesberg gewesen, oder?

Wischniewski: In der ersten Halbzeit noch nicht so. Und in der zweiten haben wir fünf Minuten gebraucht. Dann waren wir giftig und gallig. Es war praktisch nur eine Frage der Zeit, bis wir uns belohnen. Wir haben das Glück erzwungen.  Sogar der 18-jährige Tim Hillenbrand, der nach der Pause mit Maurus Klüber ins Spiel gekommen ist, hat sich in jeden Zweikampf geworfen. Hillenbrand ist ja im Sommer aus Petersbergs A-Jugend zu uns gestoßen. Er ist sicher ein großes Mittelfeld-Talent in Osthessen. Und als das 3:2 fiel in der Nachspielzeit, lagen alle unserer Spieler aufeinander. Es gab Riesen-Emotionen.

Ihr habt enormes Verletzungspech. Wie sehr erschwert das euer Spiel?

Wischniewski: Irgendwann wird unsere Achse zurückkommen. Angefangen von Sven Kemmerzell - der gebürtige Gersfelder hat sich seinen zweiten Kreuzbandriss im gleichen Knie zugezogen; im letzten Jahr hat er gefühlt fünf Zweikämpfe verloren. Über Innenverteidiger Moritz Schäfer, der am Mittwoch einen MRT-Termin hat. Hin zu David Wollny, unserem Zielspieler im Sturm. Er hat sich einen komplizierten Schlüsselbeinbruch zugezogen. Wir haben viel gehört, dass der Umgang mit ihm schwierig sein soll. Gleich bei unserem ersten Treffen hatte ich ein anderes Gefühl. Er ist ein bescheidener Junge, der sich ein Stück weit falsch verstanden fühlt. David gehört nach Ehrenberg.

War's das mit den personellen Sorgen?

Wischniewski: Da ist noch Maxim Meister, ein großes Defensiv-Talent, der im Juli seinen Dienst bei der Bundeswehr angetreten hat. Teilweise haben uns auch Daniel Heil und Felix Beck gefehlt. In Summe waren es oft sechs oder sieben Spieler. Im August gab es eine Situation, in der uns bei beiden Seniorenmannschaften 16 Spieler nicht zur Verfügung standen. Lucas Breunig musste neun Monate wegen einer Entzündung im Hüftbeuger aussetzen, die Gefahr war groß, dass die Entzündung chronisch wird. Da bleibt Florian Dinkel. Dass er nach seinen beiden Operationen, bei denen die O-Beine begradigt werden mussten, wieder spielt, ist bestimmt nicht gewöhnlich. Die Situation, dass fünf Spieler auf der Auswechselbank saßen, hatten wir noch nicht in dieser Saison. Trotzdem haben wir 13 Punkte nach 13 Spielen. 

Angenommen, jemand kennt die SG Ehrenberg nicht. Wie würden Sie Ihren Vereinen beschreiben?

Wischniewski: Die SGE ist einfach strukturiert. Unser Hauptaugenmerk liegt auf Zusammenarbeit und dem Vereinsleben. Mit wenig Mitteln versuchen wir, so hoch wie möglich zu spielen. Allein wegen unserer Infrastruktur müssen wir demütig sein.

Die SG Ehrenberg besteht aus drei Vereinen: dem SV Wüstensachsen, der SG Seiferts und dem SV Thaiden. Fehlt ein Kunstrasenplatz? 

Wischniewski: Eigentlich nicht. Und es ist schwierig, zwei Kunstrasenplätze in der Nähe zu haben. Den in Hilders können wir ja nutzen - sofern wir Geld dafür zahlen. Ich persönlich mag diese Plätze eh nicht besonders. Fußball muss für mich nach Gras riechen. Sonst geht die Fußballromantik verloren. Der Platz in Thaiden ist reines Trainingsgelände für uns. Das Sportgelände in Wüstensachsen erfährt einen kompletten Neubau. Neuer Rasen, neue Regenanlage. Er sollte im nächsten Jahr fertiggestellt sein. 

Die SGE und Meik Voll - oder besser gesagt: sein Trainerteam - das passt?

Wischniewski: Wie Arsch auf Eimer. Meik Voll passt absolut in die Rhön. Dort, wo Emotionalität und Geselligkeit wohnen. Und mit seinem Co-Trainer Hugo Lingelbach, der viele Gespräche mit den Spielern führt, ergänzt er sich prima. Und Daniel Pfeiffer, der auch zu unserem Team gehört, hat dafür gesorgt, dass Voll weitermacht bei der SGE. 

Zum Selbstverständnis der SG Ehrenberg. Ist es zermürbend, in jedem Jahr um den Klassenerhalt zu kämpfen?

Wischniewski: Nein, gar nicht. In der Gruppenliga haben wir uns in der Vergangenheit immer zwischen Platz drei und fünf bewegt, also oben mitgespielt. Und im ersten Versuch sind wir ja in der Relegation vor 2.800 Zuschauern und einem 2:1 gegen Türkgücü Kassel (Tore: Andre van Leeuwen, Marius Bublitz) in die Verbandsliga aufgestiegen. Das war 2019. Als wir wieder nüchtern waren und uns geschüttelt haben, war uns klar, dass das ein Riesen-Abenteuer für uns wird. Dreieinhalb Jahre versuchen wir jetzt, mit kleinen Mitteln gegen die Großen mitzuspielen. Das gelingt uns ganz gut: mit einer tollen Mannschaft, tollem Teamgeist, tollem Zusammenhalt und mit einem Wahnsinns- und fußballverrückten Umfeld.

Zurück zur Struktur der Dreier-SG in der Rhön. Wie sieht die genau aus?

Wischniewski: Seit unserer Gründung 2005 haben wir immer versucht, mit einheimischen Spielern so hoch wie möglich unsere Ziele zu erreichen. Wir versuchen auch, die talentiertesten Spieler im Umkreis von fünf oder zehn Kilometern an uns zu binden - in Verbindung mit dem einen oder anderen auswärtigen Spieler. Das Wichtigste ist, dass ein Spieler, der zu uns kommt, in unser Mannschaftsleben passt - unabhängig von seinen fußballerischen Fähigkeiten. Speziell im Winter führe ich diesbezüglich sehr viele Gespräche. Um sich auf das Abenteuer SGE einzulassen und den Weg mitzugehen.

Das heißt im Umkehrschluss, dass Spieler, die diesen Weg wählen, alles richtig gemacht haben?

Wischniewski: Spieler, die zu uns gewechselt sind, werden es nie bereuen. Weil wir einfach auch drumherum viel tun und anbieten.

Sie sind ja als Küchenchef bekannt. Haben Sie auch für die SGE-Spieler gekocht?

Wischniewski: Nach unserem grandiosen Sieg gegen Hünfeld haben die Spieler die berühmte Currywurst Sansibar bekommen. Sie ist ein Mythos. Es geht darum, dass sie wissen, ich habe sie selbst gemacht. Und sie wissen dies zu schätzen.

Zu Ihnen persönlich. Wäre die SG Ehrenberg ohne Sie vorstellbar?

Wischniewski: Eine gute Frage. Aber berechtigt. Generell stelle ich mir diese Frage auch seit längerem. Es hat mir in der Vergangenheit extrem viel Spaß bereitet. Es ist jedoch ein Riesen-Aufwand. Man stellt viele Dinge hinten an. Ich wünsche mir für die Zukunft - für beide Mannschaften und den Verein - dass mehr Leute Verantwortung übernehmen. Ich bin im Vertrieb tätig, im Beruf sehr eingespannt, arbeite für zwei Firmen und bin im letzten Jahr Vater geworden. Du kommst an einen Punkt, an dem irgendetwas liegen bleibt - wenn du am Tag drei bis vier Stunden, oder 20 pro Woche, für den Verein arbeitest. Und ich mache nie etwas halbherzig, sondern zu 100 Prozent.

Gibt es Funktionen, die Sie noch nicht ausgefüllt haben bei der SGE?

Wischniewski: Weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls Ansprechpartner. Für jeden und überall. Für Mannschaft, Presse, Sponsoren, Verband und und und ... Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich es beschreiben soll, welche Funktion ich ausführe. Ich möchte aber nicht im Vordergrund stehen. Als Leute bei uns weggebrochen sind in der Vergangenheit, habe ich Aufgaben übernommen und mit Leben gefüllt. So viel kann ich sagen. 

Das klingt nach Veränderung, oder?

Wischniewski: Die Struktur muss sich ändern. Wir machen die Vereinsarbeit für die einheimischen Spieler, weil wir sonst die Talente verlieren würden. Um denen eine Plattform zu bieten, hochklassig Fußball zu spielen. Unsere Spieler sind bodenständig. Und ein Stück weit fußball-verrückt.

Wenn Sie zum Abschluss einen Wunsch freihätten, wie würde der lauten?

Wischniewski: Dass unsere Seniorenmannschaften zusammenbleiben. Und wir uns im Vorstand so verstärken, dass wir 2025 guten Gewissens unser 20-jähriges Bestehen feiern können. Am liebsten so hochklassig wie möglich. Und dass die Welt wieder ein Stück weit besser wird. (wk)

Zur Person

Udo Wischniewski ist 45 Jahre alt, seit fünf Jahren verheiratet, wohnt in Wüstensachsen und ist auch gebürtiger "Sässemer". Seit letztem Jahr gehört eine jetzt einjährige Tochter zur Familie. Mehr als zehn Jahre war er beruflich als Küchenchef im Ausland tätig. Sein Vorsatz lautete immer: "Wenn ich zurückkomme, würde ich mich gerne im Verein engagieren." Als Fußballer beendete er mit Anfang 20 aus beruflichen Gründen seine Laufbahn. +++

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