O|N-Sportgespräch

Radmarathon-Fahrer Stöhr: Überwältigender Sieg in über 2.000 Meter Höhe

Radmarathon-Fahrer Sebastian Stöhr im O|N-Sportgespräch
Fotos: goa

22.07.2026 / ANTRIFTTAL - Der Antrifttaler Extremsportler Sebastian Stöhr reitet die Erfolgswelle: der Radmarathon-Alpenspezialist erlebt im Sattel wenige Monate vor dem 40. Geburtstag den zweiten Frühling und eilt von einem Saisonhighlight zum nächsten. Zum Ausklang der Saison stehen noch zwei wichtige Rennen an – und ein drittes, mit dem aus dem Vorjahr noch eine Rechnung offen ist.



Ihm ist keine Steigung zu lang oder zu steil, im Gegenteil: wo andere im Taunus verzweifeln, ist es ihm "zu schnell vorbei" – eher ein Aufgalopp für das, was bei ihm eigentlich zählt. Sebastian Stöhr brennt für Radmarathonrennen in den Alpen. Seit er vor wenigen Jahren wieder intensiv eingestiegen ist und zu einem der Leistungsträger im Team Velolease wurde, geht es ähnlich wie bei einem Alpenpass stetig bergauf. Und auch eine schwere sturzbedingte Enttäuschung beim eigentlich vorgesehenen Saisonhöhepunkt des Vorjahres, dem weltberühmten Ötztaler Radmarathon, der inoffiziellen Weltmeisterschaft, steckte Stöhr nach kurzem Durchatmen weg.

Ein Trainerwechsel im Oktober brachte neue Impulse. "Nach einem erfolgreichen Trainingslager liefen auch gleich die beiden ersten Rennen in Göttingen und bei Eschborn - Frankfurt richtig klasse", freut sich der Ruhlkirchener über einen U-40-Altersklassensieg bei der Tour de Energy und den zweiten Platz in Frankfurt. Beim Material hat sich Stöhr ans Limit herangearbeitet: sein Spezial-Bergrennen-Carbonrad Cervelo R5 liegt bei einem Gesamtgewicht von 6,3 Kilogramm im fünfstelligen Euro-Bereich, der Satz der exklusiven Laufräder hat bei einem Gewicht von 930 Gramm (zusammen!) einen Wert von weiteren 2.500 Euro. Stöhr war der erst vierte Rennfahrer, der sie vor dem offenen Verkauf nutzen durfte. Für die extremen Rennbelastungen wurde das Wochentraining auf mehr als 20 Stunden geschraubt – neben Familie und Vollzeitjob. "Rund um den Trainingsplan baut man das restliche Privatleben. Ohne eine disziplinierte Strukturierung und das Verständnis der Familie würde das nicht gehen", sagt der leistungsorientierte Rad- Amateur.

Stöhrs Aufwand lohnt sich

Zwei Rennen im Juni bestätigten eindrucksvoll, dass sich Stöhrs Aufwand lohnt. Mitte Juni wurde er in Lienz beim Supergiro Dolomiti, einem der schwersten Alpen-Radmarathons über 218 km und mehr als 5.000 Höhenmeter Fünfter seiner Altersklasse und 15. total. "Ein toller Erfolg, wenn Teilnehmer wie Jack Burk, der zweifache Sieger beim Ötztaler, oder Alban Lacarta, der ehemalige MTB-Weltmeister mit am Start sind. Mein Zeitziel war 7:10 Stunden, am Ende wurden es 6:58!"

Derart motiviert erlebte Stöhr zwei Wochen danach eine weitere, wohl noch bemerkenswertere Sternstunde. "Die 166 km des Granfondo-Livigno-Radmarathons durch die Schweiz, Österreich und Italien bei 4.300 Höhenmetern sind von den absoluten Höhen nochmal eine ganz andere Hausnummer", erläutert der Radrennfahrer. "Es geht bereits in 1.800 m Höhe los und dann über fünf Pässe jenseits der 2.000 m, mit dem höchsten schweizer Pass, dem Umbrailpass mit 2.503 m. Da muss man körperlich angepasst agieren: die Herzfrequenz ist bei niedrigerer Wattzahl deutlich höher." Gerade an den beiden letzten harten Pässen konnte Stöhr seine persönlichen Stärken ausspielen.

"Ich hatte mir die Kraft gut eingeteilt, so dass ich dort viel Zeit gut gemacht habe. Am Ende ging es vorbei an der Skistation Mottolino über Gravel-Schotterpassagen mit rampenartigen Anstiegen, da hab" ich nochmal alles rausgequetscht!" Es sollte sich mit dem Altersklassensieg lohnen: "Ich war bei der Nachricht vom Sieg komplett geflasht. Meine Ehefrau dachte bei meinem Anruf, bei dem ich komplett aufgewühlt war, an einen Scherz. Ich musste mich total zusammenreißen, meine Stimme hat gezittert. Sieg und erneut Top-15 im Gesamtklassement, und das bei der hochklassigen Konkurrenz!"

Amateur-WM 2027 in Frankreich im Blick

Es wäre nicht "Basti" Stöhr, wenn er nicht bereits nach vorn schauen würde. Im Oktober steht ein Qualifikationsrennen für die Granfondo Radmarathon-Weltmeisterschaft 2027 in den französischen Alpen an, und schon kommende Woche wartet der Nürburgring-Hammer "Rad am Ring". Das laut Stöhr selektivste und härteste deutsche Rennen umfasst sechs Runden über die legendäre Nordschleife, 3.500 Höhenmeter und 150 Kilometer. "Da will ich meine Altersklasse gewinnen, das wäre mir persönlich echt wichtig. Aber wir haben dort auch ambitionierte Velolease-Teamziele."

Na klar, dann wäre da noch der Ötztaler. Auch wenn die körperlichen 2025er-Wunden verheilt sind: der Stachel sitzt noch tief. "Nach dem Vorjahressturz muss ich einfach am letzten Augustwochenende nochmal den Ötztaler fahren. Da ist das Who-Is-Who am Start. Wir haben bei Velolease ein brutal starkes Team, daher lautet das Ziel, uns den Titel von vor zwei Jahren zurückzuholen. Und persönlich will ich eine Zeit unter 7:30, vielleicht bei optimalem Verlauf sogar 7:20 schaffen." Stöhr hält inne: "Verrückt, dass ich inzwischen in solchen Dimensionen denke."

Nächstes Jahr will Alpenjunkie Stöhr weniger Rennen bei gleichem Trainingsaufwand bestreiten. Dass die Amateur-WM 2027 in Frankreich ihn schon jetzt anstachelt, will und kann Sebastian Stöhr nicht verbergen. (goa) +++

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