OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch (79), Teil zwei

Jemal Kassa: Ohne Eltern und Familie in einem anderen Land, das war schwierig


Fotos: Carina Jirsch/ON-Archiv

09.11.2023 / FULDA - Dass Fußball mehr als ein 1:0 ist - mehr als Ergebnisse, Resultate, Tabellen und andere sportliche Notizen -, das beweist das Beispiel des Hünfelder Offensivspielers Jemal Kassa. Das Leben des 26-Jährigen kommt auf den ersten Blick zweigeteilt daher: 14 Jahre lebte er in seiner Heimat Eritrea in Afrika - und seit fast zwölf Jahren ist er in Deutschland in eine andere Welt, eine andere Gesellschaft, eine andere Kultur mit anderer Sprache eingetaucht. Wie er sich hier durchboxte, das lesen Sie im zweiten Teil des Osthessen|News-Sportgespräches über den besonderen Fußballer und Menschen.

Im Osthessen|News-Sportgespräch lassen wir immer Menschen aus verschiedenen Sportarten der Region zu Wort kommen. Wir erzählen die Geschichte hinter der Geschichte. Heute folgt Teil 79 der Serie.

O|N: Wie lange bist Du nicht mehr in Deinem Geburtsland Eritrea gewesen - und woher kommst Du genau?


Kassa: Seit zwölf Jahren bin ich nicht mehr daheim gewesen. Bis ich fast 15 war, habe ich dort gelebt. Ich komme aus der Hauptstadt Asmara, die 963.000 Einwohner hat. Sie liegt 2.325 Meter hoch. Das können sich viele hier nicht vorstellen.

O|N: Welche Verhältnisse herrschen dort? Im Unterschied zu Deutschland?

Kassa: Es sind schwierige Verhältnisse. Es ist derzeit kein Krieg. Aber die Lebensqualität, die Art zu leben, ist schwieriger. Es gibt Armut. Man muss richtig arbeiten, um zu überleben. 

O|N: Welchen Kontakt hattest Du oder hast Du zu Deiner Familie?

Kassa: Zu meinem Vater hatte ich nicht so richtig Kontakt. Er hat viel gearbeitet, und abends war das kaum möglich. Für mich war das schwierig. Ja, ich habe es auch vermisst. Das Verhältnis zu meiner Mutter und meinen Geschwistern war gut, ich habe drei Schwestern und einen Bruder. Die waren damals alle klein, ich war der Älteste. Ich war meistens in der Schule und dann gleich zum Fußballspielen. Von der Schule nach Hause, essen - und dann direkt auf die Straße zum Fußballspielen.

O|N: Fußball auf der Straße gab's früher in Deutschland auch mal. Wie muss man sich das bei Euch vorstellen?

Kassa: (lacht mal wieder) Ja, ich bin halt ein Straßenfußballer. Wir haben immer in Kongo-Sandalen gespielt. Wenn die kaputt waren, waren sie kaputt. Dann ging es barfuß weiter. Einen Ball haben wir aus älteren Kleidern gezaubert.

O|N: Als Du als junger Mensch - als Kind fast - nach Deutschland gekommen bist, wie war das für Dich?

Kassa: Als ich nach Deutschland gekommen bin, das war sehr schwierig. Ohne Eltern. Ohne Familie. Ein anderes Land. Eine andere Kultur. Anderes Wetter. Eine andere Sprache. Die Sprache war am schwierigsten. Ich hab' gebraucht, bis ich realisiert habe: Es gibt kein Zurück. Es war schwierig als junger Mensch zu erkennen, dass man sein Leben ohne Familie durchleben muss. Doch ich musste erst einmal mit der Situation klarkommen, dass ich jetzt auf eigenen Beinen stehen muss. Von heute auf morgen stand ich alleine da.

O|N: Der Sport - und insbesondere der Fußball - war da eine Krücke zum Laufen-Lernen, oder?

Kassa: Ja. Der Fußball hat mir geholfen. Da konnte ich mich in die Mannschaft integrieren und in kürzester Zeit die deutsche Sprache lernen. Durch den Fußball hatte ich etwas, an dem ich mich festhalten konnte.

O|N: Besitzen die Eltern auch in Eurer Kultur eine besondere Stellung?

Kassa: Wenn es meinen Eltern gut geht, geht es mir auch gut. Ich schicke jeden Monat Geld an meine Familie. 

O|N: Du hast in Deutschland Schule und Ausbildung absolviert. Wo?

Kassa: Schulen habe ich zwei besucht. In Fulda die Domschule - und als ich im Fußball-Internat in Kaiserslautern war, die IGS (Integrierte Gesamtschule), Bertha-von-Suttner-Schule.

O|N: Und welche Ausbildung?

Kassa: Zum Industriemechaniker in Kassel. Ich arbeite bei der EDAG in Petersberg.

O|N: Welche Stationen als Fußballer hast Du insgesamt - in Fulda und in Kaiserslautern durchlaufen?

Kassa: Angefangen habe ich in der B-Jugend von Viktoria Fulda in Bronnzell, Trainer waren erst Philipp Dahm, später Mike Kohlhepp, noch später Nihad Sulovic. Im zweiten B-Jugend-Jahr bin ich nach Kaiserslautern; dort habe ich in B- und A-Jugend gespielt. Dann bin ich in der Männer-Oberliga zum FK Pirmasens und zum SV Morlautern (nördlicher Stadtteil von Kaiserslautern). Ehe ich nach Fulda zurück bin, zur SG Barockstadt. Dirk Schütrumpf hat mich geholt.

O|N: Wie bist Du eigentlich zu Deinem Ruf- und Spitznamen "Jemo" gekommen?

Kassa: Von einem ehemaligen Spieler in Morlautern. Es ist einfach eine Kurzform meines Vornamens. Die konnten sich nicht entscheiden, ob Jemal oder Jamal. Jamal haben viele gesagt oder gedacht. Da haben sie halt Jemo draus gemacht. Und Mohamedadem, was in meinem Spielpass steht: mein Vater heißt so. Das ist bei uns so, dass der Name des Vaters an den ersten Vornamen angehängt wird. (wk)

Vielen Dank für das Gespräch. Und Osthessen|News wünscht dem Hünfelder SV einen Heimsieg am Samstag gegen den KSV Baunatal. +++


























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