OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch (62)

Michael Hohmann: Zwei Drittel der Kinder können nicht sicher schwimmen

Der hessische DLRG-Präsident Michael Hohmann war zu Gast in der O|N-Redaktion
Fotos: Laura Stuppe

06.07.2023 / FULDA - Sommerzeit ist Badezeit. Allerdings häufen sich in der schönsten Zeit des Jahres auch immer wieder Meldungen über tragische Badeunfälle. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 355 Badetote - und die Schwimmfähigkeit der Deutschen geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Wird Deutschland ein Land der Nichtschwimmer? Darüber, über den Stellenwert des Schwimmens in der Gesellschaft und die größten Gefahren für ungeübte Schimmer spricht der aus Fulda-Haimbach stammende hessische DLRG-Präsident Michael Hohmann im OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch. 


Im Osthessen|News-Sportgespräch lassen wir immer Menschen aus verschiedenen Sportarten der Region zu Wort kommen. Wir erzählen die Geschichte hinter der Geschichte. Heute folgt Teil 62 der Serie. 

O|N: Herr Hohmann, jedes Jahr im Sommer häufen sich die Fälle von Badeunglücken. Auch in Osthessen gab es in diesem Jahr schon einen tragischen Fall, als zwei Jugendliche in Bebra ertrunken sind. Sie selbst sind schon seit mehr als 30 Jahren bei der DLRG. Können Sie sich in die Rettungskräfte vor Ort hineinversetzen, was geht einem in solchen Momenten durch den Kopf? 

Hohmann: Ja, natürlich kann ich mich in die Situation hineinversetzen. Ich bin selbst ja auch immer noch aktiv dabei. In dem Moment, in dem man dorthin alarmiert wird, funktioniert man einfach. Jeder weiß, was er in dem Moment zu tun hat. Die Gefühle kommen dann erst richtig hoch, wenn man wieder nach Hause fährt. 

O|N: 355 Badetote gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Wo liegen für ungeübte Schwimmer die größten Gefahren? 

Hohmann: Viele überschätzen sich schlichtweg und glauben, man könnte im Freigewässer das Gleiche machen, wie in einem Schwimmbad. Im Schwimmbad haben sie ein Becken mit klarem Wasser, es sind viele andere Badegäste dort und es wird sehr gut überwacht. Im Freigewässer, und dort passieren in Hessen die Badeunfälle, ist das anders. Dort haben sie unterschiedliche Wassertemperaturen im Gewässer, das bringt den Kreislauf durcheinander. Hinzu kommen noch Strömungen und größere Distanzen. Für viele ist das ein ungewohntes Terrain. Keiner fährt in den Skiurlaub, ohne einen Skikurs gemacht zu haben. Beim Schwimmen heißt es aber oft: hab ich als Kind mal irgendwie gelernt, das geht schon. 

O|N: Man hört immer wieder, dass sich Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer entwickelt. Teilen Sie diese Einschätzung? 

Hohmann: Ja. 2017 konnten 10 Prozent der Kinder am Ende der Grundschule überhaupt nicht schwimmen. Diese Zahl hat sich bis 2022 verdoppelt. Das ist frappierend. Und da reden wir jetzt nur von Kindern, die wirklich gar nicht schwimmen können. Wenn man noch die Kinder dazunimmt, die nur schlecht schwimmen, haben wir zwei Drittel der Kinder, die gar nicht oder nicht sicher schwimmen können. Und sicher meint in diesem Fall 200 Meter am Stück, also jetzt auch nichts Außergewöhnliches. Das gab es in diesen Dimensionen vorher nicht. Wir haben da auch eine Abhängigkeit zum Bildungsstand. Bildungsfernere Schichten lernen schlechter Schwimmen. 

O|N: Ist Schwimmen lernen womöglich auch zu teuer? 

Hohmann: Nein, das würde ich nicht sagen. Die Wertigkeit des Schwimmens in der Gesellschaft hat einfach abgenommen. Schwimmen ist ja eigentlich eine günstige Sportart, man braucht ja nur eine Badehose. 

O|N: Was sind denn dann die Gründe, für diese negative Entwicklung? 

Hohmann: Dass die Zahl der Nichtschwimmer steigt, hat mehrere Gründe. Zum einen ist es bedingt durch das Schließen von Bädern. Da müssen sie nur hier in den Landkreis gucken, hier wurde beispielsweise das Allwetterbad in Neuhof geschlossen. Dazu kommt, dass es für die Schulen einfach umständlicher wird, in die Bäder zu kommen. Und dann lässt natürlich auch die Bewegungsfähigkeit der Kinder nach. 

O|N: Wo kann man ansetzen, um diesen Missstand zu beheben? 

Hohmann: Die Probleme sind erkannt, jetzt müssen wir an die Umsetzung. Wir brauchen wieder mehr Bäder und Wasserflächen. Dort stehen wir gerade in intensivem Austausch mit der Landesregierung. Und auch die Lehrer in den Schulen müssen Schwimmkurse geben können. Wichtig ist, dass die Wertigkeit des Schwimmens allgemein in der Gesellschaft wieder steigt. Da tut sich gerade was. Man erkennt, wie wichtig das Schwimmen ist. Das ist ein gutes Zeichen. 

O|N: Muss das Schwimmen in der Schule wieder einen höheren Stellenwert bekommen? 

Hohmann: Der Stellenwert ist seit 25 Jahren der gleiche, das ist nicht das Problem. Der Aufwand, den die Schulen betreiben müssen, um Schwimmunterricht anbieten zu können, ist nur deutlich größer geworden. Alleine die Logistik rundum ist schon riesengroß, wenn man noch 15 Minuten mit dem Bus ins Schwimmbad fahren muss. 

O|N: Die durch Corona geschlossenen Bäder haben das ganze Problem noch mal verschärft. Kann man diese Lücke an Nichtschwimmern überhaupt noch mal schließen? 


Hohmann: Wir müssen rund eineinhalb Jahrgänge nachholen, das sind ungefähr 75.000 Kinder. Das wird uns auch irgendwann gelingen, davon bin ich überzeugt. Die Zahlen der Schwimmausbildung gehen momentan nach oben, da geben alle wirklich viel Gas. Aber es wird natürlich seine Zeit dauern. 

O|N: Sie haben die fehlenden Wasserflächen und Bäder schon angesprochen. Wie ist denn Osthessen dahingehend aufgestellt? 

Hohmann: Wir hatten früher noch das Allwetterbad in Neuhof, das ist jetzt weggefallen. Aber allgemein sind wir hier noch ganz gut aufgestellt. In Fulda und Hünfeld haben wir zwei große Hallenbäder, die auch immer wieder mit großem Aufwand ertüchtigt werden. Aber natürlich sind auch hier alle Wasserflächen voll belegt. 

O|N: Dann lassen Sie uns noch mal ein wenig nach vorne schauen. Besteht denn die Hoffnung, dass es in den kommenden Jahren wieder bergauf gehen könnte? 

Hohmann: Das ist natürlich ein Blick in die Glaskugel. Wir gehen aber mal davon aus, dass wir mit einer besseren Bäderinfrastruktur diesen Rückgang aufholen können. Es braucht aber auch ein Umdenken in der Bevölkerung. Die Menschen müssen verinnerlichen, dass Schwimmen wichtig ist. Wir hoffen, dass wir den Status Quo halten und die Schwimmfähigkeit wieder steigern können. Dann sollte auch eine Besserung eintreten. Wir sollten aber auch immer den Spaß im Vordergrund sehen und nicht sagen, schwimmen ist gefährlich. Das ist Käse. Am Wasser sein, macht einfach Spaß. 

O|N: Herr Hohmann, vielen Dank für das Gespräch. (fh)++

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