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Echt jetzt! (129)

Jeder kann singen! Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Sing-Empfang für die Weinkönigin, 1977.
Foto: Willi Pragher. Freiburg- Empfang der Deutschen Weinkönigin Gisela Faber im Rathaus; Gesangverein St. Georgen; von oben - LABW - Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 109865a, CC BY 4.0

09.10.2026 / REGION - "Ich bin kein Caruso. Aber ich tu so." Arno Leicht, Komponist und Gesangspädagoge. Das muss Ihnen echt nicht peinlich sein: Jeder von uns ertappt sich manchmal dabei, dass er irgendwas vor sich hinsingt. Wenn uns im Radio was gefällt. Beim Duschen. Beim Spazierengehen (da hockt doch hoffentlich niemand hinterm Baum und lacht sich einen Ast?) Singen soll sogar gesund sein. Und macht natürlich Freude. Also los: Zwei, drei, vier!



"Auf Flügeln des Gesanges, Herzliebchen, trage ich dich fort."
Heinrich Heine, 1797 bis 1856
.

Gesang ist die Stimme des Herzens. Wird jedenfalls behauptet. Wir haben alles schon gehört, Lustiges, Abstoßendes, Berührendes. Ist schon klar: Gegen Gesangskünstler wie Maria Callas, Enrico Caruso, Harry Belafonte oder Freddie Mercury brauchen unsere Stimmbänder erstmal eine ordentliche Politur. Trotzdem: Fast ein Drittel von uns soll beim Duschen singen. Wahrscheinlich, weil das Schamgefühl in den Ausguss fließt, wenn man sowieso schon nackig rumsteht. Vielleicht denken wir: hier hört uns keiner. Oder gefällt uns einfach der Rhythmus der Wassertropfen?

Noch härter sind die Zahnputz-Sänger. Mit der Bürste im Hals ist natürlich jede Form von Wohlklang futsch. Selbst dem vertrautesten Mitbewohner wird es nicht gelingen, die Gurgelei im Badezimmer irgendeiner Melodie zuzuordnen. Na und? Es geht doch um die Leidenschaft. Und wahrscheinlich schmeckt der Gesang mit Zahnpasta-Geschmack wenigstens den Künstlern. Die Probleme hat man nicht, wenn man in Kneipen, bei Konzerten, bei Fußballspielen einfach hemmungslos mitsingt. Nehmen wir uns doch einfach Picasso als Vorbild: "Um zu zeichnen, musst du deine Augen schließen und singen." Da werden manche Kunst-Banausen aufheulen: Jetzt wissen sie endlich, wie all diese Strichmännchen und Farbkleckse zustande gekommen sind...

"Es ist die Länge der Gesänge
zu lang für meines Ohres Länge."
Wilhelm Busch, 1832 bis 1908

1809 gründete Carl Friedrich Zelter, ein Duz-Freund Goethes, die erste "Liedertafel" in Berlin. Das war ein auf 25 Mitglieder begrenzter Männerclub, der niemals öffentlich auftrat, sondern nur zur eigenen Erbauung sang. Ist das Singen von gestern? Im 19. und 20. Jahrhundert gab es Männer- und Gesangvereine in jeder winzigen Häusersammlung. Heute klagen viele Traditions-Vereine über Mitgliederschwund. "Helft uns bitte," schrieb ein Gesangverein an den Deutschen Chorverband (Motto: "Wir sind ganz Chor"). "Wir sind nicht mehr singfähig. Wir sind nur noch 14 alte Männer." Tja, was tun? Vielleicht ein paar moderne Songs ins Programm integrieren, rät der Verband.

Totgeschwiegen hat sich die deutsche Sangeslust jedenfalls noch lange nicht. Wo Traditionsvereine verschwinden, werden andere gegründet. Und tatsächlich: Neben den klassischen Liedern kommen auch immer mehr angesagte Songs ins Programm. 60.000 Laienchöre gibt es in Deutschland, mit über vier Millionen Sängerinnen und Sängern. Allein der Rhön-Sängerbund zählt 2.000 Mitglieder in 59 Vereinen. Das beeindruckt sogar den zuständigen Staatsminister "für Kultur und Medien", Wolfram Weimer: "Da kann man schon fast von musikalischem Breitensport sprechen." Kinderchöre gibt"s, Schulchöre, Kirchenchöre, Jazzchöre, Männergesangvereine und queere Chöre. Es gibt sogar einen Singkreis singender Psychiater. Natürlich in Berlin.

"Wie das mit der Singerei technisch funktioniert,
habe ich nie kapiert."
Rocksänger Meat Loaf, 1947 bis 2022

Letzten Mittwoch gab’s in Bad Kissingen, im Rossini-Saal, das erste Kissinger Rudelsingen. Da waren sie aber spät dran, die Franken. 2017 schon war die damals noch relativ neue Form des gemeinsamen Singens im Fuldaer Kulturkeller gelandet. Mitgesungen haben vor allem Frauen. Ein Veranstalter lobte damals sich selbst: "Lauter glückliche Gesichter. Im Unterschied zum Karaoke macht sich bei uns niemand zum Affen." Beim Karaoke singt meistens einer allein auf der Bühne und wird bejubelt oder ausgelacht. Der Japaner Shigeichi Neghishi soll die simple Idee 1967 ersonnen haben.

Ohne Technik geht in Nippon natürlich nichts: Karaoke-Maschinen liefern die gesangsfreie Musik und projizieren den Text auf eine Leinwand. Inzwischen beherrschen Spielekonsolen wie Playstation und natürlich Internet-Programme den Karaoke-Zirkus. Im Ursprungsland Japan kommen die Sangeswütigen auch ohne Publikum klar: Für umgerechnet fünf Euro die Stunde kann man Karaoke-Boxen mieten, Softdrinks inklusive. Der Vorteil: Die Boxen sind schallisoliert, im Unterschied zu den papierdünnen-Wänden daheim... Bei uns gibt’s noch Karaoke klassisch. Auch in Fulda, zum Beispiel im Irish Pub Trinity, Am Peterstor 1. Allein im November an neun Tagen.

"Sollst nicht uns lange klagen,
Was alles dir wehe thut.
Nur frisch, nur frisch gesungen!
Und alles ist wieder gut."
Adelbert von Chamisso, Dichter, 1781 bis 1838

"Was der Sport für den Körper bedeutet, das bedeutet das Singen für die Psyche, unser Denken, unseren Geist, unsere Gefühle." Sagt der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz. Beim Singen werden 100 Muskeln, vom Kehlkopf bis zum Bauch, beansprucht. Zwerchfell, Lunge, Rachen, Mund und Nase – alle werden gebraucht, wenn wir zu singen beginnen. Der große Geiger Yehudi Menuhin sagt: "Das Singen ist zuerst der innere Tanz des Atems, der Seele, aber es kann auch unsere Körper aus jeglicher Erstarrung ins Tanzen befreien und uns den Rhythmus des Lebens lehren." Nach 60 Minuten Singen soll der Körper mehr Immun-Botenstoffe produziert haben. Das ist ein echtes Kampfmittel, zum Beispiel gegen jede Art von Viren. Singen entspannt. Ein Forscherteam am Londoner Imperial College nahm Speichelproben von Chorsängerinnen- und Chorsängern und fand heraus, dass während der Chorprobe das Stresshormon Cortisol reduziert wurde. Reden wir gar nicht erst über Glücks- und Kuschelhormone, die durchs Singen wachgeküsst werden.

"Wer singt,
betet zweimal."
Das soll der Kirchenlehrer Augustinus (354 bis 430) gesagt haben.

Gehen, singen, beten. Das ist der heilige Dreiklang bei Wallfahrten. Mein Freund Ludwig war ein treuer Dauer-Kunde bei diesen katholischen Wanderungen. Er schwärmte von den gelegentlichen Missklängen der Blech-Kapellen und den wie beim Rosenkranz hingemurmelten Liedern. "Da braucht man keinen Buddhismus, da versinkt man in einer Art Trance. Irgendwann ist alles in Einklang mit Dir, auch Du selbst." Gemeinsames Weihnachtssingen gibt es überall in Deutschland. In Kirchen natürlich, in Fußball-Stadien, auf Marktplätzen – und auch auf dem Fuldaer Domplatz (13. Dezember, 18 Uhr). Wie kommt es bloß, dass es die Deutschen so massenhaft zum Freiluft-Singen drängt? Vielleicht, weil in der Menge die peinlichen Momente im heimischen Wohnzimmer vermieden werden können. Zum Beispiel die Dominanz von Tante Elvira; deren Stimme klirrt wie geborstenes Glas. Oder die Tatsache, dass den meisten ab der zweiten Strophe der Text nicht mehr geläufig ist.

Als wir alle Gefangene der Corona-Sperren waren, trat im Fuldaer Stadtzentrum eine Weile jeden Tag zur selben Zeit eine unerkannte Opernsängerin auf ihren Balkon. Überall um sie herum öffneten sich die Fenster, Nachbarn stellten sich auf ihre Terrassen und warteten auf das vermutlich schönste Konzert dieser Stadt: eine Stimme, die sich in den Himmel schraubte und den frustrierten, verängstigten Menschen gab, was sie sonst nirgends fanden: Trost.

"Jeder kann singen."
Astrid Jorgensen, Musiklehrerin

Haben Sie schon von Astrid Jorgensen gehört? Die 36-jährige Australierin ist eine echte Gesangsgranate. 2017 erfand die Musiklehrerin in Brisbane ihren ersten Kneipen-Chor. Ihre Idee war so einfach wie umwerfend: Sie verlegte den Musikunterricht in die Kneipe. "Bei mir sind auch seltsame Stimmen willkommen", erklärt die Lehrerin: "Es ist kein Verbrechen, schief zu singen." In ihren improvisierten Shows bringt sie dem gesanglich minderbegabten Publikum irgendein Musikstück bei. Schluss ist erst, wenn der Song sitzt – und zwar dreistimmig!

Das Ergebnis wird aufgenommen und ins Internet gestellt. Im November 2017 bereits wurde ihre Chor-Version des "Cranberries"-Hits "Zombie" ein Kracher in den Sozialen Medien. Als während der Covid-Seuche Zusammenrottungen von Menschen verboten waren, erfand sie den "Sofa-Chor" – sie dirigierte weiter, die Sängerinnen und Sänger saßen isoliert zu Hause. Jorgensen ist bereits durch halb Asien und Amerika getourt, in diesem Herbst ist sie auch in Europa unterwegs. In England und Irland natürlich, und am 16. und 18. Oktober in Berlin.

"Früher haben wir den Mädchen noch Ständchen unterm Fenster gesungen.
Heute fahren die Kerle im Porsche vor und hupen bloß noch."
Gotthilf Fischer

Von 1969 bis in die 2000er Jahre war Gotthilf Fischer (1928 bis 2020) der Chorleiter der deutschen Nation. In ungezählten Konzerten und Fernseh-Shows brachte Fischer gigantische Menschenansammlungen zusammen, selten unter tausend, einmal sogar 60.000 Köpfe. Und alle sangen auf sein Kommando. Vor allem Volkslieder. Haben Sie eigentlich Dirigieren gelernt, wollte ein vorwitziger Reporter von dem Autodidakten wissen. "Nein", antwortete der barsch, "das kann jeder Dackel." Singen freilich konnte nach seinem Urteil nicht jeder. Was sollen die denn machen? "Wer nicht singen kann, darf den Flügel wegschieben oder Noten verteilen."

"Die Küchenschabe kann wunderschön singen und tanzen.
Aber die Henne hindert sie daran."
Volksspruch aus Nigeria

Seit Jahrzehnten schon toben am Kölner Tanzbrunnen, mit Unterbrechungen, die vermutlich härtesten Liederabende der Republik. "Lust am Leiden" titelte die Zeit im September 1989. "Knallhartes Publikum" lobte im vergangenen Jahr der Kölner Stadtanzeiger. Je härter, desto besser. Härter noch als viele "Battle-Raps", bei denen Rap-Sänger zu einer Art verbalem Boxkampf auf die Bühne treten. In Köln kämpfen die Sänger gegen das Volk. Die Zuschauer sind mit Trillerpfeifen bewaffnet und haben vorbereitete Plakate dabei mit saftigen Beleidigungen; da müssen die Hobby-Künstler schon nervenstark sein.

In diesem Jahr stand ein Mann auf der Bühne, den die Kölner nur als "80-Euro-Walter" kennen, wegen seiner Auftritte in einer TV-Trödelshow. Den Mann hatten die fünftausend Scharfrichter gleich gefressen. Kaum sang er "Bodo Ballermann" von Udo Lindenberg, grölte das Publikum lieber seine eigene Musik: "Hey Baby" von DJ Ötzi. "Alter, das war wie eine Schlachtbank," klagte der Buh-Mann. Die größte Beleidigung aber war sein Trostpreis: eine Dose Ravioli.

Am Anfang und am Ende dieser Lieder-Liste schmettern die Kneipen-Chöre. Und dazwischen der übliche wilde Musik-Mix.

Nach einer Stunde Musikunterricht: Astrid Jorgensens Kneipen-Chor singt "Africa" von Toto: https://www.youtube.com/watch?v=kTmRhPsJo5M

Johnny Cash, Daddy Sung Bass: https://www.youtube.com/watch?v=x_geYBnMNG0

George Harrison, This Song: https://www.youtube.com/watch?v=T0i9rjTxhpY&list=RDT0i9rjTxhpY&start_radio=1

The Carpenters, Sing a Song: https://www.youtube.com/watch?v=2LYekeK0HWo&list=RD2LYekeK0HWo&start_radio=1

Benny Goodman, Sing Sing Sing: https://www.youtube.com/watch?v=r2S1I_ien6A&list=RDr2S1I_ien6A&start_radio=1

Cat Stevens, I You Want To Sing Out Sing Out: https://www.youtube.com/watch?v=yYMQpDCVYBo&list=RDyYMQpDCVYBo&start_radio=1

Liza Minelli, Sing Happy: https://www.youtube.com/watch?v=tQoF0fFU-RU&list=RDtQoF0fFU-RU&start_radio=1

Elton John, Your Song: https://www.youtube.com/watch?v=GlPlfCy1urI&list=RDGlPlfCy1urI&start_radio=1

Paul McCartney, Silly Love Songs: https://www.youtube.com/watch?v=HwKUaYBUYNc&list=RDHwKUaYBUYNc&start_radio=1

Enya, How Can I Keep From Singing: https://www.youtube.com/watch?v=MM8mOKfxmWw&list=RDMM8mOKfxmWw&start_radio=1

Die Prinzen, Alles nur geklaut: https://www.youtube.com/watch?v=yMR45cZbvDw&list=RDyMR45cZbvDw&start_radio=1

Neil Diamond, Song Sung Blue: https://www.youtube.com/watch?v=lSy9dt5FeS0&list=RDlSy9dt5FeS0&start_radio=1

Morissey, Sing Your Life: https://www.youtube.com/watch?v=asJ9FNUfQD4&list=RDasJ9FNUfQD4&start_radio=1

Sesamstraße, Mahnah Mahnah Song: https://www.youtube.com/watch?v=01v9wALJ19w&list=RD01v9wALJ19w&start_radio=1

The Who, The Song Is Over: https://www.youtube.com/watch?v=NgYudFmmOl4&list=RDNgYudFmmOl4&start_radio=1

Über Hunderttausend singen "Bohemian Rhapsody" von Freddie Mercury – ein Zusammenschnitt aus zahllosen Kneipen-Chor-Auftritten: https://www.youtube.com/watch?v=qtM-5lhZ-yo
(Rainer M. Gefeller)+++

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