Echt jetzt! (111)

Hinter dem Bauzaun geht es weiter - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Bonifatius steht unerschütterlich auf der Baustelle.
Foto: Annemaria Gefeller

29.05.2026 / REGION - Hallo! Leben in dieser Stadt nur noch Frühaufsteher? Nein nein, ihr Spät-Einschläfer seid nicht gemeint, die morgens gegen sechs heimwärts wanken. Sondern all diese Frauen und Männer, die schon vor dem ersten Angelusläuten in merkwürdig aufgeräumter Stimmung auf ihren Morgen-Einsatz warten. Längs des großen Flusses, am Jerusalemplatz, rund ums Schloss, auf dem Domplatz, in der Altstadt... Manche Früh-Jogger, die noch nicht ganz auf der Höhe ihres Begriffsvermögens sind, zucken in der Fulda-Au schläfrig zurück. Was ist hier denn passiert? Sieht so aus, als hätten die Sarazenen ein Heerlager aus Pagodenzelten errichtet. Aber halt: Sowas hat doch auch der Nachbar im Garten, seit die Tage endlich heller sind. Party-Zelte stehen in der Landschaft! Und Bauzäune bis zum Horizont! Fuldas feiert das größte Fest dieses Sommers: Hessentag. Und 80 Jahre Hessen. Da muss man schon mal ein bisschen ranklotzen.



1990 war der Hessentag bereits in Fulda. Schon damals wälzten sich 700.000 Menschen durch die Stadt, ein Rekord. Mindestens so viele werden im Juni erneut erwartet. Wir betrachten ein 36 Jahre altes Schwarz-Weiß-Foto von Hubert Weber. Guck, wie sie alle glücklich gucken, obwohl ein Regenschauer niedergeht: Walter Wallmann mit Hut, damals noch Regent des Hessenlandes. Seine Frau Margarete, die Hambergers... Im selben Jahr beginnt der Auszug der Amerikaner aus der Region. Ein Schock für Osthessen. Abgesehen vom Vollzug der Wiedervereinigung war der Hessentag womöglich der einzige Lichtblick dieses Jahres. Manche meinen, damals sei vielleicht die Lunte gelegt worden für das Faible der Domstädter für große Ereignisse. Heute sind die Kultur-Events ein Markenzeichen dieser Stadt. Aber Hessentag, das ist schon eine andere Größenordnung, oder?

Macht mal halblang, werden unsere südlichen Nachbarn vielleicht mosern: Was soll das schon sein, "Hessentag"? Allein zum Oktoberfest kommen doch sieben Millionen Besucher. Freilich wird da auch "a weng" Bier hereingesaugt, aber selbst auf der Theresienwiese werden kulturelle Ansprüche erfüllt. Verzeihung, wie konnten wir das übersehen! Bei Euch ist "die Maß" natürlich alleweil das Maß aller Dinge. In den Festzelten röhrt die Blasmusik, bis uns die Blech-Kultur aus den Ohren quillt. Und die Politik lallt ihren süßen Senf dazu. Aber mit uns solltet ihr euch besser nicht vergleichen: zehn Tage Hessen total. Mit allem, was das Land ausmacht – Feierlaune, Wirtschaftspower, Appetit auf alles, Entdeckungen, Begegnungen, Superstars vor dem Dom, Handwerker, Künstler, Erfinder, Vereine, Politiker. Überall werden wir auf Menschen treffen, die wir irgendwoher kennen. Ist das nicht... der Ministerpräsident? Kann schon sein. Grüßen Sie einfach, dann wissen Sie’s ja.

Strunzen wir mal durch unsere Stadt. Es ist früh, die kommende Hitze ist noch weit weg. Und die Schulkinder sind auch noch nicht da. Dafür jede Menge arbeitende Bevölkerung: Männer in monströsen Jacken oder in Umhängen, die wie Warnwesten leuchten. Beim Pappert im Bahnhof gibt’s schon frische Brötchen; die meisten übrigen Bäcker der Stadt sortieren sich noch. Wir schlendern entlang der "Lotto Hessentagsstraße". Gleich zu Beginn, Ecke Lindenstraße, das erste der beliebten Bauzaun-Arrangement. Da wächst was Rätselhaftes aufwärts. Auch das Kaufhaus Karl: außen vergittert, innen leergeräumt. Hier entsteht der "Treffpunkt Hessen". Da kann man Politiker bei der Arbeit beobachten. Natürlich müssen wir auch rechts und links schauen, auch in die Gassen der Altstadt. Viele Geschäfte haben sich mit Rabatt-Aktionen gerüstet. Da könnte sich auch für Einheimische der Schnäppchen-Ausflug lohnen.

Aber jetzt stehen wir vorm Jerusalemplatz. Letzten Sommer hockten hier ab Nachmittag mitunter benebelte Kiffer und krakeelende Schnaps-Trinker; das ist Geschichte. Beim Blick durch den Bauzaun ahnt man, dass aus dem alten, verwahrlosten Juden-Friedhof endlich ein ehrwürdiger Park werden kann. Gut so! Ein paar hundert Meter weiter ist Endspurt-Stimmung. Auf der Anfahrt zur Kaisersaal-Terrasse liegen Batterien von Bäumen bereit, dazu hunderte von eingetopften Pflänzchen. Auf dem viel zu lange verwüsteten Gelände wird geharkt und gegraben, die Gärtner-Garde ist am Werk. Guck, da blüht uns was.

Aber wir wollen mal nicht vom Festweg abkommen. Vom Bierdorf auf dem Uniplatz sieht man noch nichts. Die Stadtpfarrkirche wartet immerzu unerschütterlich auf Besucher, ein Massenandrang täte ihr sicherlich gut. Der immer zugewandte Stadtpfarrer Stefan Buß ist nicht nur Seelsorger, sondern auch eine Art kirchlicher Event-Manager. Der Mann heißt betende und nicht-betende Hessen in seiner schönen und schattigen Kirche willkommen. Ein paar Meter weiter, auf der Friedrichstraße, grüßen wieder Bauzäune und ein komplettes Hausgerüst von rechts. Im einstigen Lifestyle-Palazzo "Lieblings" ist der Neu-Aufbau schon gelungen: der "Private Health Club" sieht echt edel aus. Drei Häuser weiter kämpft das Café Glück immer noch gegen einen Wasserschaden. Und schau an: Dem Schandbau Nummer 26 wurde tatsächlich ein halbwegs zivilisierter Holzzaun zur Verhüllung gegönnt.

Juli 1961, Alsfeld. Der Krieg, gerade 16 Jahre her, ist noch in frischer Erinnerung. Bis zu 14 Millionen Menschen kamen in diesen Jahren nach Deutschland, aus Pommern, Schlesien, dem Sudetenland. Sie kamen nicht freiwillig. Vertrieben, geflüchtet – Kriegsopfer waren auch sie. Eine Million von ihnen zog es nach Hessen. Der legendäre Ministerpräsident Georg-August Zinn erfand damals den Hessentag: um die Menschen des künstlich zusammengefügten Bundeslandes sowie die Heimatvertriebenen miteinander "zu vereinen". Zinn sagte damals den Satz, den heute auch der Fuldaer OB Heiko Wingenfeld nochmal zitiert: "Hesse ist, wer Hesse sein will." Drei Tage dauerte das Fest. Spielmannszüge, Trachtentänze, Aufmarsch der Regierenden, Weinverkostungen, Sportfeste. In der Turnhalle eine Ausstellung über das Land und seine Leute. Show-Sensationen gab es auch: Der Frankfurter Wecker, bislang unerreichte Kult-Sendung des HR, wurde aus Alsfeld übertragen. Und dann kam er, Bill Ramsay, und besang seine "Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe". Was sollte er auch sonst singen?

Erbarme, der Hessetach kommt! Selbstverständlich hat dieses größte Event, das unser Bundesland zu bieten hat, auch ein Nerv-Potential der Extraklasse. Für alle, die darüber entscheiden müssen. Für jene, die das Geld zusammenhalten müssen. Für die Organisatoren, die Logistiker, die Bauleute, die Gärtner, die Anlieferer, die Sicherheitsplaner, die Journalisten, für die Anwohner und Geschäftsleute in der "roten Zone". Egal, wie lang man Anlauf nimmt – am Ende wird’s für jeden Weitspringer eng. Die Post kann nicht überall ausgeliefert werden. Manche Mitarbeiterinnen von Pflegediensten wissen noch nicht, wie sie zu ihren Patienten vordringen sollen. Und manche Patienten mit Mobilitätseinschränkungen grübeln, wie sie ihre Ärzte erreichen können. Aber auch das wird sich noch regeln. Wo gefeiert wird, fällt auch schon mal ein Bierdeckel runter.

Wo waren wir stehengeblieben? Inzwischen haben wir mehrere Bauzaun-Spaliere hinter uns, vor uns eine Batterie von Holzhütten. Was ist das denn? "Bratwurststände", klärt uns ein fachkundiger Fuldaer auf. Träum weiter, Mann. Auch hessische Traditionen können mehr als Wurst. Aber dennoch muss auf dem Fuldaer Hoheitsgebiet sicher niemand Hunger leiden. An den Eingängen eines größeren Bauwerks sägen und schrauben zwei Männer, drinnen buddeln Kollegen an einem schiefen Erdhügel. Kann dieser Urwald jemals geradegerückt werden? "Muss ja", sagt einer der Arbeiter. Die anderen lachen. Hier soll man, wenn’s fertig ist, "der Natur auf die Spur" kommen. Streuobstwiesen, Tierspuren, wilde Welten ertasten. Und zwischendurch auch mal was futtern: An den Naschpyramiden wachsen essbare Pflanzen. Na ja, als Zwischengericht...

Hinter dem Bauzaun geht es weiter. Sowas Ähnliches hat doch der Udo Lindenberg gesungen. Unser Udo! Der Mann ist gerade 80 geworden. Ein großartiger Jahrgang (okay, wenn wir mal von D. J. Trump absehen). Aber sonst: Dolly Parton. Howard Carpendale. Liza Minelli. Cher. Donovan. Al Green. Ray Dorset (Sänger von "Mungo Jerry"). Pepe Lienhard. Ricky King. David Gilmour ("Pink Floyd"). Robby Krieger ("The Doors"). John Paul Jones ("Led Zeppelin"). Olivia Molina. Roger Glover ("Deep Purple"). Alle 1946 geboren! Alle derselbe Jahrgang wie das Bundesland Hessen. Das rockt, oder? Hessen sei "kein Land zum Anhalten, da will man immer nur durch", hat der Ignorant Jan Böhmermann in seinem Podcast "Fest & Flauschig" abgerotzt. Sieh zu, dass du weiterkommst, Junge; heim nach Pulheim, diesem Kaff am Kölner Autobahn-Ring. Wir hören lieber, was Landtagspräsidentin Astrid Wallmann zum Hessentag zu sagen hat: "Fulda ist in dieser Zeit gewissermaßen die heimliche Hauptstadt unseres Landes." Wieso heimlich?

Stellen Sie sich dieses galaktische Konzert vor: Jahrgang 1946 rockt die Domplatz-Bühne zum Achtzigsten unseres Bundeslandes. Exklusiv nur bei uns!

Udo Lindenberg, Hinter dem Horizont: https://www.youtube.com/watch?v=gfe2oIwy8MI

Dolly Parton, Jolene: https://www.youtube.com/watch?v=Ixrje2rXLMA

Howard Carpendale, Ti Amo: https://www.youtube.com/watch?v=tnAZY6PGRF8

Liza Minnelli, Maybe This Time: https://www.youtube.com/watch?v=yMpSQV1-bsA&list=RDyMpSQV1-bsA&start_radio=1

Cher, Believe: https://www.youtube.com/watch?v=nZXRV4MezEw&list=RDnZXRV4MezEw&start_radio=1

Donovan, Atlantis: https://www.youtube.com/watch?v=9AUEjzVQwKo&list=RD9AUEjzVQwKo&start_radio=1

Al Green, Let’s Stay Together: https://www.youtube.com/watch?v=XXx6RDzR6eM&list=RDXXx6RDzR6eM&start_radio=1

Mungo Jerry, In The Summertime: https://www.youtube.com/watch?v=wvUQcnfwUUM&list=RDwvUQcnfwUUM&start_radio=1

Pepe Lienhard Sextett, Swiss Lady: https://www.youtube.com/watch?v=LI7Z677KU7E&list=RDLI7Z677KU7E&start_radio=1

Ricky King, Verde: https://www.youtube.com/watch?v=7Wr8fl5Yu0c&list=RD7Wr8fl5Yu0c&start_radio=1

Pink Floyd, High Hopes: https://www.youtube.com/watch?v=7jMlFXouPk8&list=RD7jMlFXouPk8&start_radio=1

The Doors, Riders On The Storm: https://www.youtube.com/watch?v=iPRSxwZBmcM&list=RDiPRSxwZBmcM&start_radio=1

Led Zeppelin, Stairway To Heaven: https://www.youtube.com/watch?v=Ly6ZhQVnVow&list=RDLy6ZhQVnVow&start_radio=1

Olivia Molina, Mi Buenos Aires Querido: https://www.youtube.com/watch?v=gNHAt889Ork&list=RDgNHAt889Ork&start_radio=1

Deep Purple, Black Night: https://www.youtube.com/watch?v=vuxljLxapLU (Rainer M. Gefeller) +++

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