Echt jetzt! (93)

Aus die Mausi - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Maus passt auf!
Foto: Ryan Stone auf Unsplash

23.01.2026 / REGION - Jetzt mal ehrlich, Vertreter des männlichen Geschlechts: Wann haben Sie zuletzt Ihre Liebste mit "Mausi" angesprochen? Ist ja klar, jetzt will’s wieder keiner gewesen sein. Aber Männer: das geht gar nicht! Ist Ihre Lady etwa verhuscht wie eine Maus? Oder unscheinbar und grau? Hat sie schief sitzende Zähne und nagt trotzdem an allem rum? Haben Sie vielleicht vergessen, dass jeder zehnte Deutsche – meistens Frauen – sich vor Mäusen ekeln? Bevor Sie Ihre Dame das nächste Mal zärtlich "Mausi" nennen wollen, lesen Sie mal diesen Text, bitte. Ist vielleicht eine Therapie-Sitzung fürs Leben. Und dabei noch völlig kostenlos.


Die Johannisau in Fulda ist Mäuseland. Im Untergrund der abrasierten Felder leben Unzählige von ihnen in einem Tunnelsystem. Unentwegt huschen sie aus ihrem Dunkelreich an die Oberfläche, an den braunen Stängeln gibt’s immer noch was zu knabbern. Schnell müssen sie sein. Von oben betrachtet – zum Beispiel mit den ultrascharfen Augen eines Bussards – ist da unten eine gewaltige Festtafel gedeckt. Die Leckerbissen wuseln herum. Da muss man sich nur vom Himmel fallen lassen, die gelblichen Krallen schon gewetzt... Aber der Bussard ist nicht allein. Die Lufthoheit über der Johannisau haben die Krähen. Die sind meistens gut genährt, da hat man’s nicht auf Mäuse abgesehen. Aber Eindringlinge wie diesen lässig kreisenden Mäuseschreck mögen wir hier nicht! Erst greift nur eine Krähe an, dann zwei, eine weitere. Sie rauschen im Sturzflug, die Flügel angelegt, von oben auf den irritierten Raubvogel. "Piiij", schreit der Bussard. So klingt er, wenn er sich ärgert. Dann trollt er sich. Allzu viele Mäuse freilich rettet das nicht.

Denn die Maus, da beißt niemand einen Faden ab, hockt nun mal ganz hinten in der Fresskette. Ihre größten Feinde: Katzen, Mauswiesel, Hermeline, Füchse, Steinmarder, Schlangen, Raubvögel jeder Art. Und natürlich die Menschen mit ihren Mausefallen. Irgendwo am Waldrand döst die Waldohreule, bis endlich die Abendbrotzeit dämmert. Lassen wir uns nicht täuschen: Die putzigen Eulen sehen zwar aus wie gemütliche Kissen mit Augen und Schnabel – aber sie sind pfeilschnell, wenn der kleine Hunger wach wird. Was machen all diese Jäger bloß, wenn’s keine Mäuse mehr gibt? Dann droht ein großes Sterben. Im "Jahrhundertwinter" 1962/63 lag Deutschland drei Monate lang unter einem Eispanzer. Massenhaft erfroren und verhungerten die Mäuse. Unzählige Mäusebussarde verendeten, weil’s nichts mehr zu futtern gab. In ihrer Not versuchten sie Rebhühner zu jagen – und machten sich dadurch die Menschen zum Feind. Selbst die scheuen Waldohreulen flüchteten in die Städte. Nur zehn Prozent der Mäuse sollen diesen Polarwinter überlebt haben. Vor lauter Freude haben die Geretteten nach der großen Kälte wahre Orgien gefeiert. Die kleinen Nager vermehrten sich wie die Fruchtfliegen.

Was machen die echten Mausis denn so den ganzen Tag? Erstens: fressen. 15 bis 20 Mahlzeiten sind Standard. Am liebsten maufeln die freilebenden Tierchen Getreide. Wenn’s nichts Pflanzliches gibt, werden zur Not auch Kleinsttiere gefuttert. Bücher, Dämmstoffe und Kabel, die sie in unseren Wohnungen so gern zerbeißen, werden übrigens nicht verputzt – die braucht Mausi zum Nestbau. Zweitens: Nicht gefressen werden. 20 Milliarden Mäuse soll es auf der Welt geben (gezählt hat sie natürlich niemand). Jeder hergelaufene Fleischfresser betrachtet sie als Beute. Deshalb müssen sie immerzu "wieselflink" und mucksmäuschenstill sein. Drittens: Sex. Mausi ist ein Luder. Lässt sich gern und häufig mit mehreren Männchen ein. Bis zu acht Mal im Jahr wird sie Mutter von jeweils bis zu acht Jungen. Die Babys wiegen ein Gramm und sind nackt, blind und taub. Nach zehn Tagen wachsen die ersten Haare, nach 15 Tagen öffnen sie die Augen, nach sechs Wochen sind sie geschlechtsreif. Und dann? Alles auf Anfang.

Während sich Hausmäuse gemütlich in unseren Vorratskammern einrichten, graben sich die Wühlmäuse vom freien Feld in abgezirkelte Kleingärten vor. Wie schön, wenn’s dort Lößboden gibt; der ist so herrlich locker. Und was es da alles zu zernagen gibt! Blumenzwiebeln, Knollen, komplette Gemüse-Beete – ja, sogar die Wurzeln von Bäumen.

Ein guter Freund hat mir gerade "schicksalsergeben" geklagt, dass die unterirdischen Pflanzen-Vernichter einem ehrwürdigen Baum den Garaus bereitet haben – "der geborstene Kirschbaum hat seine Äste lassen müssen, der Stamm ist im Frühjahr dran". Den Kampf gegen die Mäuse-Streitmacht, schreibt resignierend der Freund, "können wir nicht wirklich gewinnen". Versucht wird es natürlich dennoch. Was es da alles gibt – neben der altertümlichen Metallbügel-Falle Giftköder, "Begasung" und Mittel, vor deren Geruch die Mäuse zurückschrecken sollen: Am Gartenzaun werden Holunder, Lavendel und Wacholder gepflanzt, im Garten großzügig vergorene Buttermilch vergossen. Der Freund, ein großer Humanist, setzt darauf, dass seine Klapper-Flaschen das Getier vertreiben. Das sind Plastikpullen, die auf Holzstäbe gesteckt werden und bei jedem Windhauch ein Trommel-Stakkato unter die Erde schicken. Hoffen wir mal, dass die Wühlmäuse nicht taub sind.

Alfred Brehm, der Altmeister unter den Tierbetrachtern, ist in einem Mäuse-Zwiespalt gefangen. Einerseits: "Schon wenn sie ruhig sitzt, macht sie einen ganz hübschen Eindruck; erhebt sie sich aber und putzt und wäscht sich, dann ist sie geradezu ein bezauberndes Thierchen." "Gutmütig und harmlos" sei sie "und ähnelt nicht im geringsten ihren boshaften, tückischen und bissigen Verwandten, den Ratten." Aber jetzt kommt’s: "Alle angenehmen Eigenschaften unserer Hausgenossen werden leider durch ihre Lüsternheit und Genäschigkeit sehr beeinträchtigt." "Immer die besten Bissen" klaut sie sich zusammen – Süßigkeiten, Milch, Fleischspeisen, Käse, Fette, Früchte, Körner. Und immer "weiß sie sich Zugang zu verschaffen"; selbst "feste, starke Türen" werden anstandslos durchgenagt. "Ihre hauptsächliche Schädlichkeit" beruhe auf ihrer Zerstörungslust.

"Die Maus ist ein Tier, dessen Pfad mit in Ohnmacht fallenden Frauen übersät ist," textete der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce. Empfindsame Männer stürzt das Kleinstlebewesen offenkundig ebenfalls ins Elend. Im August 1917 erlitt Franz Kafka in seiner Prager Wohnung einen Blutsturz. Nur auf dem Land, dachte er, könne er sich auskurieren. So kam er ins 70 Kilometer entfernte Zürau – und lernte, dass auch die Dorf-Idylle ihre Schrecken bereithält. Kafka klagte dem Kumpel Felix Weltsch sein Leid:

"Lieber Felix, der erste grosse Fehler von Zürau: eine Mäusenacht, ein schreckliches Erlebnis. Ich selbst bin ja unangetastet und mein Haar ist nicht weisser als gestern, aber es war doch das Grauen der Welt. Schon früher hatte ich es hie und da in der Nacht zart knabbern gehört, einmal war ich sogar zitternd aufgestanden und habe nachgesehn, es hörte dann gleich auf — diesmal aber war es ein Aufruhr. Was für ein schreckliches stummes lärmendes Volk das ist. Um 2 Uhr wurde ich durch ein Rascheln bei meinem Bett geweckt und von da an hörte es nicht auf bis zum Morgen. Auf die Kohlenkiste hinauf, von der Kohlenkiste hinunter, die Diagonale des Zimmers abgelaufen, Kreise gezogen, am Holz genagt, im Ruhen leise gepfiffen und dabei immer das Gefühl der Stille, der heimlichen Arbeit eines gedrückten proletarischen Volkes, dem die Nacht gehört... Alles ist mir heute verdorben, selbst der gute dumpfe Geruch und Geschmack des Hausbrotes ist mäusig."

Viele haben versucht, Sympathien für die Mäuse zu wecken. Hat nicht viel genutzt. Vor unserer Ablehnung konnte uns nicht mal die listige Micky Maus bewahren. Oder die noch listigere "Sendung mit der Maus". Oder "Speedy Gonzales", die schnellste Maus Mexikos. 1961 erschien die Novelle "Katz und Maus" von Günter Grass. Gleich zu Beginn Auftritt der schwarzen Katze des Sportplatz-Verwalters. Mahlke, der groteske Held der Geschichte, schlief. Sein Adamsapfel aber schlief nicht. Auf und ab hüpfte der Hals-Knorpel, er "wurde der Katze zur Maus" – "jedenfalls sprang sie Mahlke an die Gurgel..."

"Manchmal spielt das Leben

mit dir gern Katz und Maus.

Immer wird’s das geben,

einer der trickst dich aus."

Udo Jürgens hat das geträllert, im Titelsong für die aus Amerika importierten Zeichentrick-Filmchen "Tom und Jerry". Bei den absurden Verfolgungsjagden wird die Katze Tom zum dämlichen Dauer-Versager. Jerry, die Maus, trickst ihn immer aus. Das wirkliche Leben, wissen wir, ist dem kleinen Nager nicht so gewogen: Schlechtes Image, miserable Überlebens-Chancen. Wenn wir nicht den gutherzigen Albert Einstein hätten, würde kaum jemand zur Ehrenrettung unseres Beutetiers antreten. "Der Mensch erfand die Atombombe, aber keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren," hat Einstein gesagt. Schon recht. Aber Mäuse in Haus und Garten will natürlich auch niemand haben...

Albernes, Schmissiges und Klassisches für die Ohren: Mäusemusik für Sie!

Pat Boone, "Speedy Gonzales": https://www.youtube.com/watch?v=v4s2AMKPHnE

Mark Forster, "Ich frag die Maus". Lied 50. Geburtstag der Sendung mit der Maus: https://www.youtube.com/watch?v=gpiPIJ7oZ1E

Saso Avsenik und seine Oberkrainer, "Hallo kleine Maus": https://www.youtube.com/watch?v=dwH7RPaNEUw

Genesis, "All in a Mouse’s Night": https://www.youtube.com/watch?v=BsOlHrxgpAg

Jethro Tull, "One Brown Mouse": https://www.youtube.com/watch?v=sa6IrbDWJ2w

Marillion, "Sugar Mice": https://www.youtube.com/watch?v=QSMpIGZ3n60

David Bowie, "A Windmill in Old Amsterdam": https://www.youtube.com/watch?v=wv1ANNakp_g&t

The Mouseketeers, "Mickey Mouse March": https://www.youtube.com/watch?v=SsuaW7s40HI&t

Dieter Hallervorden, "Mausi": https://www.youtube.com/watch?v=4w2m2l02zd4

Aaron Copland, "The Cat and The Mouse", gespielt von Bingnyu Liu:https://www.youtube.com/watch?v=EyD1J8ZKsCw (Rainer M. Gefeller)+++

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