Echt jetzt! (101)

Woche der Kopfschmerzen - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Der Müll, die Stadt und die Plakate: Bilder aus Fulda nach der Wahl.
Fotos: Rainer M. Gefeller

20.03.2026 / REGION - Herr Oberbürgermeister, wir haben ein Problem. Schon klar, das wissen Sie besser als ich. Morgens, vorm Badezimmerspiegel, und abends gleich nochmal sollten wir uns fragen: Wie konnten wir das zulassen? Was haben wir falsch gemacht, dass diese AaEffDe so viele Wählerinnen und noch mehr Wähler dazu verleiten konnte, ihr die Stimme zu geben? So ein Kopfschmerz kann schon bohrend sein. Mitte der Woche sahen vor allem die übriggebliebenen Plakate der CDU so geknickt aus, wie viele in der Stadt sich fühlen. Ganz oben am Laternenpfahl grinst unerreichbar für Vandalen ein gewisser Herr Schüssler. Mir wird schlecht. Eigentlich wollte ich hier heute den Frühling feiern, aber das muss jetzt mal warten.



Keine Panik: Die Fulda fließt weiterhin Richtung Weser, und das hiesige Stadtschloss steht auch noch; die dicken Mauern haben schon härtere Prüfungen ertragen. Aber der Schrecken ist nun mal da; irgendwie hat man sich in der Osthessen-Stadt darüber erhaben gefühlt. AfD? Gab’s zwar, zum Beispiel am Aschenberg und in Fulda Galerie – aber das war doch beherrschbar. Anders als in Neuhof. "Hohmann-City" ist nur 20 Kilometer entfernt und schien politisch ganz weit weg. 2021 haben dort 9,8 Prozent der wählenden Einwohner die AfD beehrt. Das trug der Kali-Stadt den Ruhm ein, Platz 1 auf der Bestenliste der Rechtsaußen-Wähler in Hessen erobert zu haben. Am Sonntag waren es sogar 15,8 Prozent – aber das ist im Städtevergleich nur noch Mittelmaß und entspricht ziemlich genau dem Landesdurchschnitt. Was ist da vor sich gegangen? "Dein Nachbar wählt uns auch", hat die AfD plakatiert. Brrrr, gar nicht drüber nachdenken. Der Nachbar? Freunde? Familie? Und wieso duzen mich diese Braunis?

Kleine Sendepause für ein Frühlings-Gedicht. Keine übereilte Vorfreude, erholsam wird das nicht – geschrieben hat’s der unsentimentale Bert Brecht im Jahr 1928:

Über das Frühjahr

Lange bevor

Wir uns stürzten auf Erdöl, Eisen und Ammoniak

Gab es in jedem Jahr

Die Zeit der unaufhaltsam und heftig grünenden Bäume.

Wir alle erinnern uns

Verlängerter Tage

Helleren Himmels

Änderungen der Luft

Des gewiß kommenden Frühjahrs.

Der stechende Gestank des Niedergangs, der sich mit dem Giftgas Ammoniak verbindet, wehte bereits 1928 über das Land, als Brecht dem Frühling einen Totengesang schrieb. 1929 schlug die Weltwirtschaftskrise zu. Das erste globale Unheil, das sämtliche Verlässlichkeiten zermalmte. Die Jobs, den Wert des Geldes, das tägliche Brot, die Existenz von Unternehmen, Familien... Rutschen wir jetzt auch wieder in eine solche Krise? Die Angst davor ist jedenfalls spürbar. Angst ist der Treibstoff der AfD. Angstschweiß ist der Stoff, aus dem braune Suppenköche ihr Leibgericht zubereiten. Wie kann man sich sowas nur auftischen lassen?

Vor der Wahl grummelte es bereits in Fuldaer CDU-Kreisen. "40 Prozent erreichen wir nie und nimmer". Woher kam diese Skepsis? In vielen anderen Kommunen Osthessens blieb die gewohnte osthessische Übermacht der Schwarzen ungebrochen: Burghaun und Ebersburg 58, Eichenzell 48, Eiterfeld und Flieden 51, Großenlüder 56, Hilders 54, Hofbieber 74, Hünfeld 60, Künzell und Neuhof 50, Petersberg 48, Tann 57 Prozent. Allerdings ist die AfD derart dünn auf der Brust, dass sie in keiner dieser Gemeinden überhaupt angetreten ist. Die berüchtigte Ausnahme: Neuhof. Dennoch: An der Angst um die allgemeine Weltlage kann’s nicht allein gelegen haben, dass in Fulda die CDU derart geschrumpft und die AfD dermaßen aufgeblasen wurde: Christdemokraten 37,9 Prozent (viereinhalb Prozentpunkte weniger als 2021), für die Partei der Nichtdemokraten gab’s 20,10 Prozent (12,9 Prozentpunkte plus). Ist Fulda, der Kraft-Maschine der Hessen-CDU, der Saft ausgegangen? Und den traditionellen Parteien der Mitte gleichfalls? 2021 kamen CDU, SPD, Grüne, FDP und CWE gemeinsam noch auf 81,79 Prozent. Am Sonntag waren’s nur noch 64 Prozent...

Der Wahlkampf war müde und langweilig, von Kämpfen keine Spur. Wir verstehen natürlich, dass sich die AfD am liebsten versteckt hat. Wenn man nicht in Erscheinung tritt und immer schön höflich bleibt, vergessen viele Menschen, wen sie vor sich haben. Ist das etwa nicht dieser Polit-Verein, der unserer Gesellschaftsform den Garaus bereiten will? Weg mit der Demokratie, der EU, den Migranten, zum Beispiel? Wer sich gern in der bürgerlichen Mitte einschleichen will, möchte auch diese unappetitlichen Geschichten vergessen lassen: Kumpelei mit Putins Russland zum Beispiel oder Vettern-Wirtschaft. Nee, AfD. Wer sich nicht einlullen lässt, vergisst nicht. Aber weshalb haben sich auch die übrigen Parteien zu einem Leisetreter-Wahlkampf verleiten lassen? Haben sie gedacht: wird schon nicht so schlimm werden? Das ist wohl gründlich daneben gegangen.

Ist die Stadtregierung ein Opfer des eigenen Erfolges? Fuldas Schönheit ist zu einer spektakulären, verführerischen Bühne geworden. Der Dom als Kulisse für Konzerte und Selfies. Kongresse und gigantische Shows im Esperanto. Die Barock-Stadt als Heimat für umjubelte Musical-Inszenierungen. Restaurants, Cafés, Flanierwege und Sonnenplätze jeder Art für die Besucher. Der Weihnachtsmarkt, in der gesamten Republik als Hotspot der Gemütlichkeit gepriesen. Für Hunderttausende ist unsere Stadt am Rande der Rhön zu einem Magneten geworden, und es werden immer mehr. Aber: die Touris wählen nicht. Nicht wenige Fuldaer fragen: Das ist alles wunderbar, aber was habe ich davon? Was wird aus unserer Stadt? Einheimische können rasch aufzählen, was ihnen Unbehagen verursacht. Zum Beispiel: Der Leerstand in Geschäften. Baustellen an allen Ecken. Zu viele Bettler. Steigende Mieten. Müll-Ecken. Hohe Preise. Hohe Mieten. Insolvenzen – ja, sogar Pleiten. 62 Prozent der Bundesbürger, meldet in dieser Woche das Meinungsforschungsinstitut Forsa, befürchten, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland verschlechtern werden. Fulda trauert noch um die Gummiwerke. Und dann wird, ausgerechnet in der Wahlwoche, das Aus für Tegut verkündet.

"Der Erfolg der Bio-Bewegung in Deutschland", schreibt die FAZ in einem traurigen Abschieds-Artikel, "wäre ohne das vor knapp 80 Jahren in Fulda gegründete Unternehmen nicht möglich gewesen." Aber Bio gibt es inzwischen überall, häufig billiger und nicht unbedingt schlechter. "Tegut hat sich nie nur als gewöhnlicher Supermarkt verstanden", wunderte sich soeben die Neue Zürcher Zeitung, sondern "tat, was es für die Menschen für richtig hielt". Die Beziehung der Fuldaer zu "ihrem HaWeGe", wie Ältere den Supermarkt immer noch nennen, überlebte sogar die unübersehbaren Anzeichen, dass es nicht mehr ganz rund lief. Die NZZ: "Welkes Gemüse, keine Milch im Regal, eine lange Schlange an der Kasse? Es ist doch Tegut, kein Problem!"

Und wer hat uns das eingebrockt, dass jetzt Tausende von Tegutlern vom Rausschmiss bedroht sind? Natürlich dieser Oberbürgermeister, samt seiner CDU. Wer ist schuld, wenn mir ein E-Roller auf dem Bürgersteig in die Hacken fährt? Wenn im Restaurant kein Platz frei ist, weil sich irgendwelche Touris vorgedrängt haben? Wenn uns die Tauben den Bürgersteig vollkleckern? Wenn uns am Bahnhof ein abgerissener Typ mit Bierflasche anrempelt? Wenn Elterntaxis uns den Weg versperren? Wenn dieser Auto-Rowdy sein Radio aufdreht, dass die ganze Straße dröhnt? Wenn meine Lieblings-Brötchen ausverkauft sind? Wenn’s regnet? Natürlich: diese Stadtpolitiker. Natürlich die CDU. Oder sind’s die Grünen? Die Sozen? Die FDP? Wurstegal, die sind doch sowieso alle gleich. Da ist es doch praktisch, dass die AaEffDe für alles eine Lösung weiß. Die AfD, sagt der Darmstädter Politikwissenschaftler Professor Christian Stecker, kann einfach nichts falsch machen. Da sie kaum irgendwo Verantwortung trägt, ist sie die Ideal-Partei für alles und jedes. Wer AfD wählt, kann darauf hoffen, dass er "denen da oben" einen Schrecken einjagt.

Das ist jedenfalls gelungen. Margarete Hartmann, Spitzenkandidatin der CDU in Fulda, findet das Ergebnis "niederschmetternd, erdrückend, enttäuschend". Statt einer "Vier an erster Stelle" jetzt die Suche nach neuen Mitspielern in der Stadt-Koalition. Aber: "Davon geht die Welt nicht unter." Der Schlager-Refrain, den sie da zitiert, liest sich komplett so:

Davon geht die Welt nicht unter,

Sieht man sie manchmal auch grau.

Einmal wird sie wieder bunter,

Einmal wird sie wieder himmelblau.

Zarah Leander hat das gesungen, zum ersten Mal 1942. Der alte Hit hat die Nazis überlebt, viele haben ihn nachgesungen. Zum Beispiel André Heller, 1979. Und 2009 tauchte er sogar in Tarantinos Kino-Reißer "Inglorious Basterds" auf.

Das Lied sollten wir uns mal wieder auf unsere Playlist holen. Und dann müssen wir unsere Kopfschmerzen loswerden, da hilft schon eine leichte Schädel-Massage. Nebenher werden die verschlafenen Hirnzellen wach; dann wissen auch unsere gestressten Kommunalpolitiker, was zu tun ist. Erstens: Wie wär’s, wenn Ihr mal wieder Eure Wähler besuchen würdet? Vielleicht ein gemeinsamer Spaziergang durch die Stadt? Kann nicht schaden, wenn die Euch kennenlernen – und wenn Ihr zuhört, was sie bewegt. Wartet nicht bis kurz vor der nächsten Wahl, Begegnungen mit Wählern und Nichtwählern sind so wichtig wie Einatmen und Ausatmen. Zweitens: Ran an die Koalitions-Gespräche. Alte Verletzungen, offene Rechnungen, parteiliche Wunschprogramme könnt Ihr schon mal streichen. Was ist wichtig für die Stadt und ihre Menschen? Nur das zählt. Drittens: Denkt gar nicht daran, resignativ zu werden. Vom alten Konrad Adenauer kann man immer noch was lernen: "In der Politik ist es niemals zu spät", hat er gesagt, "es ist immer Zeit für einen Neuanfang." Los geht’s!

Nach dieser Überdosis Politik haben Sie bestimmt keine Lust auf eine Ladung Protestsongs oder andere Arten von gesungener Gesellschaftskritik. Ich auch nicht. Hier meine Vorschläge für musikalische Entspannung:

Olivia Rodgrigo, The Book of Love: https://www.youtube.com/watch?v=2e-0IEXV8Cc&list=RD2e-0IEXV8Cc&start_radio=1

Zucchero, Spirito Nel Buio: https://www.youtube.com/watch?v=Dz0Okxx9_u8&t

Mark Knopfler, Two Pairs of Hands: https://www.youtube.com/watch?v=IRLGFWjI1zE

Beyoncé, Blackbird: https://www.youtube.com/watch?v=FSfFwLwRQwY

Jacob Collier, Little Blue: https://www.youtube.com/watch?v=IQvzX0Z3HE4&list=RDIQvzX0Z3HE4&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller)+++

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