Echt jetzt! (107)

Der Wal sind wir - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Gestrandeter Wal vor der Insel Poel.
Foto: Daniel Manz / Greenpeace

01.05.2026 / REGION - Welch ein Schauspiel; jetzt wird sogar schon das große Finale gefeiert. "Walelujah", trompetet die BILD-Zeitung. Dabei ist das Drama noch gar nicht zu Ende. Noch drängen sich die Darsteller auf der Bühne um den kolossalen aber dauer-erschöpften Superstar: Selbst ernannte und echte Wal-Versteher, ein leibhaftiger Minister, medizinisches Fachpersonal, betende Laien, Umwelt-Aktivisten, Rettungsdienstler, Meeres-Biologen, Touristen, Feuerwehrleute. Sie kämpfen bis aufs Blut in dem Wettstreit: Wer tut das Beste, das einzig Richtige für "unseren Timmy"? "Tierschützer" gegen "Tierquäler" und umgekehrt. Aber wer ist wer?



"Leider geschlossen, sind bald zurück. Grund: Walrettung." Das steht auf der Webseite der Hattersheimer Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies. "Ich habe viel Erfahrung mit Wildtieren", hat sie erzählt – "allerdings nicht mit Walen". Macht nichts, "im Bereich Medikamente" fühlt sie sich sattelfest: "Ich habe keine Angst davor, einen Wal zu spritzen". Hoffentlich ist sie auch bei der Dosierung sattelfest; ein Zwölftonner lag schließlich noch nicht auf dem Behandlungstisch ihrer Haustierpraxis. Jetzt aber gehört die Frau aus Hessen zum Einsatzteam in der Ostsee. Wo "Timmy" ist, da ist Frau Tönnies nicht weit.

Der Wal lag, wo er nicht sein sollte. Das massige Meerestier hat sich in die Ostsee verirrt. In Ufernähe fuhr er sich auf Sandbänken fest, kam wieder frei, hing wieder fest. Seit März ging das so. Am Strand, auf Ausflugsbooten, im Internet und an den Fernsehgeräten schien die halbe Republik ihm zuzuschauen. Wie er sich dreht und wendet. Wie er Wasserfontänen hochspuckt. Wie er leidet. Wie er stirbt? Weshalb fühlen wir uns diesem einen Tier so verbunden? Warum lassen wir "Timmy", wie Hape Kerkelings Kult-Figur Horst Schlämmer den Koloss getauft hat, nicht einfach in Ruhe? Ist der Wal überhaupt zu retten? Sind wir noch zu retten?

Am 3. März nahm das Drama seinen Anfang. Im Hafen von Wismar plantschte ein Wal und verhedderte sich in Netzen. Auf der Kaimauer sammeln sich zum ersten Mal Schaulustige. Abends macht er sich davon, zeigt sich in den kommenden Wochen immer wieder irgendwo in Ufernähe, bis er seinen ersten unfreiwilligen Parkplatz findet: 23. März, auf einer Sandbank in der Lübecker Bucht, gleich vorm Timmendorfer Strand. Taucher, Spezialboote, Saugbagger rücken an. Und der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann; manche nennen ihn "Walflüsterer". Sein Hilfseinsatz ist nicht von Dauer, er pampt gegen Behörden und Rettungs-Kollegen und verschwindet schnell wieder. Stattdessen fertigt er einen "Dokumentar-Film" mit der düsteren Ankündigung: "Warum er wahrscheinlich sterben wird." Deutschland, sagte er dem SPIEGEL, habe über dem Wal "seinen kompletten Verstand verloren".

Das fürchtet auch Julia Ruhs, Kolumnistin bei BILD. Vielleicht sei das Land wie der Wal: "ein schwerfälliger, kraftloser Koloss, der nicht vom Fleck kommt". Und schon weiß jeder was über das arme Tier. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali wünscht ihm "ein gutes Ende" und fragt sich auf Instagramm, "wie es sein kann, dass so viele Menschen mit dem Wal mitfiebern". Hilflos sei der Wal – "die Tiere in den Schlachthäusern, bei der Massentierhaltung, sind auch hilflos". Martin Rütter, ein landesweit bekannter Hundetrainer, ätzt: "Das Mitgefühl kommt, weil der Wal nicht in ein Brötchen passt."

Um wen geht’s hier eigentlich? Der Buckelwal steht seit 1966 unter Artenschutz; Jäger hatten seine Bestände in bedrohlichem Ausmaß dezimiert. Heute gilt er nicht mehr als gefährdet, bis zu 140.000 "Megaptera Novaeangliae" soll es wieder geben. Wenn ein Wal abtaucht, macht er "einen Buckel" und abwärts geht’s; in 50 Metern Tiefe findet er, was ihm am besten schmeckt: Schwärme von Krill, kleine Krebstiere. Manchmal tun’s auch kleinere Fische, davon aber reichlich. Der scharfzüngige Tierforscher Alfred Brehm fand den Buckelwal "plump" und "entschieden hässlich", preist aber seine Schwimmkünste: "Selbst wenn er unter dem Wasser dahinschwimmt, wirft er sich oft von einer Seite auf die andere und wiegt sich förmlich in seinem Element, ganz so wie ein Vogel in der Luft." Und in der Liebe macht den Buckelwal-Paaren kaum einer was vor: "Beide Geschlechter liebkosen sich in ebenso ungewöhnlicher wie unterhaltender Weise, versetzen sich nämlich gegenseitig liebevolle Schläge mit ihren Brustflossen, die zwar höchst zärtlich gemeint, immerhin aber so derb sind, dass man das Klatschen derselben bei stillem Wetter meilenweit hören kann. Nach solchen Kundgebungen ihrer Stimmung rollen sie sich von einer Seite auf die andere, reiben sich gegenseitig sanft mit den Finnen, erheben sich teilweise über das Wasser, wagen vielleicht auch einen Luftsprung...." Und wenn sie gar keine Lust haben? Dann singen sie sich was. Akustiker haben "622 ausgeprägte Klänge" herausgefiltert, mit denen die Wale sich mit Ihresgleichen verständigen. "Wops" singen die Frauchen gern, "Thwops" die Kerle. Unser Wal singt auch.

Das Trauerspiel dieses Frühlings findet kein Ende, es ist wie ein Stück mit ständigen Wiederholungen. Der Wal ist frei! Er schwimmt! Wohin will er? Falsche Richtung. Mensch, Wal, das Meer liegt doch hinter Dir! Und dann: Wieder gestrandet. Wieder die Taucher, die Bagger, die Experten. Jenna Wallace, Fach-Frau aus Hawaii, wurde dramatisch eingeflogen und reiste dramatisch wieder ab: "Ich bin die falsche Tierärztin, um für Politik oder Youtube an einem Wal herumzupfuschen." Demonstrationen, Mahnwachen an Land. Menschenketten. Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung. Hysterisierte Wal-Touristen durchbrechen Absperrungen. Eine 58-Jährige hüpft von einem Ausflugsboot in die 4 Grad kalte Ostsee. Drei Meter vor dem armen Tier wird sie von der Wasserpolizei abgefischt und behauptet später, der Wal habe sich über ihren Besuch gefreut...

Till Backhaus, Umweltminister in Mecklenburg-Vorpommern, schmeißt sich an den Wal ran wie kaum sonst jemand. Backhaus an allen Stränden, an denen der große Nicht-Schwimmer festhängt. Backhaus verbringt die Nacht auf einem Boot der Fischereiaufsicht und lauscht den Atemzügen des Wals. Backhaus stapft durchs Niedrigwasser auf das Tier zu, das nicht flüchten kann. Ergriffen spricht der Mann Sätze wie diese: "Was dieser Wal durchgemacht hat... Ich habe vor diesem Tier absolute Hochachtung." – "Ich glaube an dieses Tier." – "Ich werde den Wal bis zum Ende begleiten, lebend oder tot." Während eines seiner ungezählten Presse-Statements muhten auf der Insel Poel ein paar Rindviecher dazwischen. "Nu mal ruhig", sagte der Minister, und schon war’s still auf der Weide. "Sie sehen, ich bin auch ein Flüsterer und kann auch mit Tieren umgehen." Mancher hüstelt vor sich hin, der Sozialdemokrat Backhaus wünsche dem nassen großen Kumpel ein Überleben bis mindestens 20. September. Dann wird in Meck-Pom ein neuer Landtag gewählt. Backhaus ist der am längsten amtierende Minister in Deutschland, aber richtig berühmt ist er erst jetzt, dem Wal sei’s gedankt. Wie freilich die Wähler über diese Art Berühmtheit denken, das weiß nur das Meer. "Wir haben Wal-Geschichte geschrieben", verkündete Herr Backhaus vorgestern Mittag. Da hat er natürlich irgendwie recht.

Lamberts Bay, 220 Kilometer nördlich von Kapstadt, Atlantikküste. Am 19. August 2018 wurde, auf dem Rücken liegend, am Strand ein toter Wal-Mann angespült. Zwei Jahre lang hatten der israelische Künstler Gil Shachar und sein Team auf diesen Moment gewartet. "Ich habe von einem gestrandeten toten Wal geträumt", erzählte er dem Berliner Tagesspiegel. Der Wal sollte zur Skulptur werden, zu einem lebensgroßen Denkmal. Die Vorarbeiten für das "Cast Whale Project" waren längst abgeschlossen – Skizzen, Planungen, Versuche, wie man von einem solch gewaltigen Wesen einen Abguss fertigen konnte. Zuerst gezeigt wurde die Skulptur in Südafrika. "Ein Wal berührt die Menschen", sagte Greifswalds Oberbürgermeister Stefan Fassbinder im August 2021, als der "gestrandete Wal" im dortigen Nikolai-Dom ausgestellt wurde. Kaum fertiggestellt, sagte der Künstler, wirkte die Skulptur bereits im Atelier wie ein Ozean-Riese, der in einer Lagerhalle strandete und "dem man ins Wasser helfen möchte".

"Aus dem Herzen der Hölle steche ich nach dir; aus Hass spucke ich meinen letzten Atemzug gegen dich, du verdammter Wal!" Der Ausbruch des berüchtigten Kapitän Ahab zeigt, wie’s in ihm ausgesehen hat. Der besessene Wal-Hasser aus Herman Melvilles "Moby Dick" ist den meisten von uns natürlich schon begegnet. Ahabs bitterer Kampf gegen seinen tierischen Todfeind hat sich der Theologe Eugen Drewermann psychoanalytisch vorgeknöpft: "Moby Dick oder Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein." Der Wal ist Ahabs Schicksal, Ausgeburt alles Bösen. Und was ist dann unser Wal? Der Freund aller Gutmenschen?

In der Inselkirche von Poel beten sie für ihn und schreiben ähnlich aufgerührt wie ihr Umwelt-Minister Sinnsprüche ins Gedenkbuch: "Ich denke an dich mein Bruder." – "Du schaffst es, dicker Junge." – "Timmy muss leben." Die New York Times hat einen Reporter an die Ostsee geschickt, um zu schauen, was da los ist rund um "Deutschlands Lieblings-Wal". Ein Berliner hat dem Amerikaner anvertraut, die Bürger fühlten sich machtlos angesichts des Nahost-Krieges und der explodierenden Spritpreise. "Aber vielleicht – vielleicht! – können wir diesen Wal retten." Ja, das wär’s. Aber werden wir’s jemals so genau wissen? "Gluck, gluck, weg war er" lautet die sarkastische Super-Kurz-Version von Friedrich Schillers Gedicht "Der Taucher". Das kann "Timmy" angeblich nicht passieren; er hat neuerdings einen amerikanischen Peilsender am Leib, der auch unter Wasser funktionieren soll.

Am Montag noch mahnte das Deutsche Meeresmuseum, die "Wal-Retter" sollten dem Tier angesichts seines schlechten Gesundheitszustandes "weitere Manipulationen" ersparen und "es ausschließlich palliativ versorgen". Am Mittwoch legten die Biologen nach und warnten davor, das kranke Tier in der Nordsee abzuladen: Es könnte ertrinken. Aber da war "Timmy" längst unterwegs in seinem schwimmenden Transport-Pool. Wann und wo der Koloss freigelassen wird, soll noch geprüft werden. Aber geht es in diesem Schauspiel überhaupt um den Wal? In Wahrheit brauchen WIR doch diese Explosion von menschlichen Gefühlen; in der realen Welt ist derzeit wenig Platz dafür. Oh, Obacht, jetzt fische ich echt im Trüben. Machen Sie’s gut, Herr Wal. Sie haben uns berührt.

Wie singt der Wal, was will er hören? Ein Paar Vorschläge:

Konzert der Buckelwale: https://www.youtube.com/watch?v=Qseb4IVnOv8

Lou Reed, Last American Whale: https://www.youtube.com/watch?v=Oua4ysqIFlY

Bruce Springsteen, Swallowed Up (In The Belly Of The Whale): https://www.youtube.com/watch?v=LboAVgvL_jc&list=PL0msuI7SJDFcDalFi1N7upTAXzFPeB9zp&index=19

A HA, We’re Looking For The Whales, live in Oslo: https://www.youtube.com/watch?v=8PdPS0YxO8Q&list=PL0msuI7SJDFcDalFi1N7upTAXzFPeB9zp&index=13

Kirk Douglas, A Whale Of A Tale: https://www.youtube.com/watch?v=AkjTGCrLvAU&list=PL0msuI7SJDFcDalFi1N7upTAXzFPeB9zp&index=14

Pearl Jam, Whale Song: https://www.youtube.com/watch?v=ItaJ73abaOI

Yes, Don’t Kill The Whale: https://www.youtube.com/watch?v=RNfYtjQZcv0&t

Country Joe McDonald, Save The Whales: https://www.youtube.com/watch?v=V3pg8Espqk4

Crosby, Stills & Nash, To The Last Whale: https://www.youtube.com/watch?v=R9AxqXBrSug

Louis Armstrong, Jonah And The Whale: https://www.youtube.com/watch?v=-ddY5dcNlmA&list=PL0msuI7SJDFcDalFi1N7upTAXzFPeB9zp&index=17 (Rainer M. Gefeller)+++

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