Echt jetzt! (121)

Der unheimliche Sommer - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Die Sonne brennt.
Foto: Andrej Grinkevich für Unsplash

07.08.2026 / REGION - Guckt Euch das mal an: Da draußen wackeln die Bäume, das grelle Licht ist weg. Schnell, reißt die Fenster auf, der gute Sommer ist zu Besuch: Sanfter Wind, milde Temperaturen, friedliche Sonnenstrahlen. So lieben wir das! So lebst du doch auch in unseren Träumen, Sommer – aber übermorgen schon wirst du wahrscheinlich wieder deine hässliche Fratze zeigen. Ein Brenneisen am Himmel, das uns Hirn und Herz verkohlt oder mindestens austrocknet. Höchste Zeit, dass wir der Jahreszeit unsere Abrechnung präsentieren. Gerade jetzt, da der "Große Hund" über uns herrscht. Der Kamerad macht alles nur noch schlimmer!



"Sommerzeit, und das Leben ist leicht"... Das ist der Anfang der berühmten Hymne auf die "warme Jahreszeit". George Gershwin hat das Lied komponiert, über 2.500 Künstler haben sein "Summertime" gesungen – und wir haben viele Male mitgesummt. Heute mag uns die Melodie im Halse stecken bleiben. Nichts ist mehr leicht in diesen überhitzten Sommern. Die Menschen sind verbrannt und erschöpft wie das gesamte Land; auf manchen Straßen schmilzt sogar der Asphalt. Die Nachrichten voller Waldbrand-Alarm, verdorrten Landschaften, verkümmerten Feldern und schrecklichen Wasserstands-Meldungen. Menschen sterben durch die Hitze! Soll das tatsächlich unsere neue Normalität sein? Im Juni bereits hat über die Hälfe der Deutschen, die Jungen genauso wie die Alten, in einer YouGov-Umfrage beklagt, dass sie die Hitze nur schwer ertragen können. Der Sommer ist uns unheimlich. Früher war alles besser. Oder etwa nicht?

Rue Toullier 11 in Paris, ein paar Blocks vom Boulevard Saint Michel entfernt. Im Herbst 1902, am 21. September soll es gewesen sein, saß Rainer Maria Rilke, vor einem Monat erst hierhin geflüchtet, in seiner winzigen Studentenbude. Seine letzten Monate in Berlin waren, wie man’s von deutschen Sommern gewöhnt war: heiter, wolkig, bisschen Regen, warm. Welche Bilder sah er also vor sich, als er die erste Zeile seines berühmten Gedichtes in schönen, sorgfältig geschwungenen Buchstaben aufs Papier kritzelte? "Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß." Könnte einem Dichter heute noch so etwas aus der Feder fließen? Rilkes Gedicht heißt Herbsttag, aber er beschreibt zunächst die Zeit davor, ein Traumbild von einem Sommer:

"Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein."

Sind Lieder und Gedichte auf den Sommer nur noch Stoff von gestern, wehmütige Erinnerungen an die "schönsten Wochen des Jahres"? An die Leichtigkeit, die Unbeschwertheit. Sommer: das war draußen leben, Ferien, Urlaub, Abenteuer. Über die runden Strandkiesel in die Flüsse staksen, in Waldseen abtauchen, in Freibädern den dicken Maxe machen (oder die schlanke Maxine). Schon kitzelt einem der Geruch vom feuchten Holz der Umkleidekabinen, Sonnenmilch und irgendwas Geheimnisvollem in der Nase. Die Abendstunden so weich und friedlich. Mancher entdeckte im Sommer seine erste Liebe, andere heckten mit Freunden was herrlich Verbotenes aus. Alles schien so heiter und mühelos. "Lebe in der Sonne. Schwimme im Meer. Trinke die wilde Luft", hat der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson (1803 bis 1882) befohlen. Jaaa! Aber was ist, wenn unsere Erinnerung uns trügt? Wenn in Wahrheit gar nicht alles schön war? Der Schweizer Satiriker Carl Böckli hat uns dazu einen erhellenden Vierzeiler geschenkt. Reimt sich nur im "Schwizerdütsch":

"Kurzbericht vom Badestrand:
Überfluss an Fleisch auf Sand,
Großer Mangel an Verpackig,
Lang nicht alles schön, was nackig."

1900 wurde in Berlin das Lied über den "Ehemannszug" geschmettert, und das ging so:

"Fängt ach, der heiße Juli an,
Schickt der Berliner Ehemann
Gleich fort sein Weib, wenn’s irgend geht,
Nach Heringsdorf, wo’s kühler weht."

Das muss ja wohl auch schon brandheiß gewesen sein, denkt man – aber im Juli und August lagen die Höchsttemperaturen damals an den meisten Tagen zwischen 18 und 24 Grad. Fünfmal immerhin wurden in der Wetterstation von Dahlem über 30 Grad gemessen.

Heute hat der Sommer seine Unschuld verloren. Hitze-Rekorde wie 1900 gibt es jetzt schon im Frühjahr. Rund ums Mittelmeer brennt es, Wälder, Dörfer und Postkarten-Idyllen unserer vergangenen Urlaube sind nur noch Asche. Unser Kontinent wird durch den Klimawandel am stärksten aufgeheizt. Das Mittelmeer ist eine Badewanne. Vor drei Tagen gemessen: 29 Grad Wassertemperatur vor Mallorca, Ibiza und Menorca. Hierzulande hat die FAZ vor allem ein ästhetisches Problem und fragt besorgt: "Muss das Stadtbild vor Menschen in Badekleidung geschützt werden?" Die US-Autorin Kellie Elmore dagegen ist überzeugt: "Einige der besten Erinnerungen werden in Flip Flops gemacht." Vielleicht sollten wir uns zunächst mal um unser Innenleben kümmern. Werden wir alle aggressiver? Wenn’s heiß wird, explodiert in den Sozialen Medien der Hass. Am wenigsten fiese Ergüsse haben Forscher bei Temperaturen zwischen zwölf und 21 Grad festgestellt – aber vor allem wenn es heißer wird, werden Rassisten, Nationalisten, Frauenhasser und andere Hasskappen immer hemmungsloser. Übrigens wird plötzlich auch ein Krankheitsbild modern, von dem ich noch nie zuvor gehört habe: Thermophobie – die Angst vor Hitze...

Hundepfoten verbrennen auf heißem Pflaster. Wenn Autos nur eine Stunde in der Sonne parken, ist es drinnen bereits 60 Grad heiß. Rehe flüchten in den Schatten der Wälder, Rothirsche und Wildschweine suchen nach Schlammbädern –häufig vergebens. Denn das Land ist trocken und krümelig. Bäche haben kein Wasser mehr, im Fuldaer Schlossgarten plumpsen die viel zu jungen Kastanien von den Bäumen. Selbst Vater Rhein sitzt auf dem Trockenen. Ab 40 Grad sind Insekten so erschöpft, dass sie nicht mehr fliegen können. In den Mittagsstunden entleeren sich die Städte; wer raus muss, schleicht durch den Schatten, immer an der Wand lang. Im eng bebauten, aufgeheizten Wien hat die Stadtverwaltung tausende von Edelstahlrohren aufgestellt, aus denen vernebeltes Wasser auf die Passanten sprüht. "Sommerspritzer" nennen die Wiener die Dauer-Erfrischung, die sich aus 8 Grad kühlem Quellwasser speist. So gut geht es uns nicht. In Deutschland haben viel zu viele Krankenhäuser und Seniorenheime noch nicht einmal eine Klimaanlage.

Wer hat uns dieses Hitze-Theater eingebrockt? Wir selbst, aber natürlich hat auch der "Große Hund" (Canis Major) seine Pfoten im Spiel. Vom 23. Juli bis 23. August bildet das Sternbild die Kulisse für die "Hundstage", die heißeste Zeit des Jahres. Sein bekanntester und hellster Stern ist der Sirius, der bereits in der Morgendämmerung glitzert. Schon griechische Astrologen wussten, was von den Hundstagen zu erwarten war: Hitze, Trockenheit, plötzliche Gewitterstürme, Lethargie, Fieber, Tollwut, Unheil. Die Finnen nennen die Sommerglut "mätäkuu", verrotteter Monat. Im alten Rom warnten Naturforscher vor tollwütigen Hunden, die in der heißesten Zeit verstärkt angreifen; als Gegenmittel empfahlen sie die Fütterung von Hühnerkot. Britische Mediziner wussten 1729: "Die Sonnenhitze ist derart gewalttätig, dass Männer um Mitternacht schwitzen wie sonst nur am Mittag. Wenn sie verletzt werden, werden sie stärker leiden als irgendwann sonst, vielleicht sogar dem Tode nahe sein." Männer sollten sich in diesen Wochen "von Frauen fernhalten". 1813 warnte der "Clavis Calendria", während der Hundstage würde "das Meer kochen, der Wein versauern, Hunde verrückt werden, alle Lebewesen ermatten". Viele Männer würden mit Krankheiten aller Art geschlagen. "Feuerfieber, hysterische Anfälle, Wahnsinn".

Guck an. Wenn das schon immer da war – weshalb regen wir uns dann auf? Tatsächlich, heiße Tage gab’s sogar im Mittelalter – 40 Grad freilich nicht. Und es gab nicht diese erdumspannende Klima-Maschine, diesen Wechsel von erbarmungsloser Hitze und exzessiven Unwettern, von Dürre und biblisch anmutenden Fluten überall auf dem Globus. Der von der Ausbeutung unseres Heimat-Planeten erzeugte Klimawandel hat eine unheimliche Wucht und Konsequenz. Bislang haben wir Inkonsequenten dem noch nichts entgegenzusetzen außer tonnenweise guter Ratschläge. Können die Sommer von einst nur noch in unseren Erinnerungen überleben? Bevor wir uns jetzt ein nasses Tuch über den Kopf ziehen und unsere Sommer-Depression pflegen, muss uns für den Moment Friedrich Nietzsche zu Hilfe eilen. Lachen Sie ruhig mal kurz über seine Eingebung in einem Brief: "Lieber Freund, was für ein Sommer! Ich denke Sie mir im Zimmer sitzend, mehr Omelette als Mensch." Passen Sie auf sich auf!

Hier geht der Sommer auf Sendung, und er spielt immer dasselbe Lied: "Summertime", die berühmteste Hymne auf die schönsten Wochen des Jahres. George Gershwin hat diesen jazzigen Song 1934 für seine Oper "Porgy and Bess" komponiert, damals waren die Sommer noch wie in unseren Träumen. Vor wenigen Wochen hat der US-Sender CBS das Stück in seine Liste der "bedeutsamsten amerikanischen Lieder" aufgenommen. Experten verzweifeln daran, sich darauf festzulegen, wie viele Sänger "Summertime" gesungen haben. Waren es über 2.500? Über 30.000? Oder sogar über 70.000? Bei unserer kleinen Session sind es nur 13. Dreizehnmal derselbe Song – und jeder ist anders!

Ella Fitzgerald & Louis Armstrong, 1958: https://www.youtube.com/watch?v=h3kQt14_5OQ&list=RDh3kQt14_5OQ&start_radio=1
Willie Nelson, 2016: https://www.youtube.com/watch?v=L5xafQXg1yI&list=RDL5xafQXg1yI&start_radio=1
Nina Simone, 2008: https://www.youtube.com/watch?v=jM_Nb6dpnys&list=RDjM_Nb6dpnys&start_radio=1
Annie Lennox, 2014: https://www.youtube.com/watch?v=UkKo-jXl2CQ&list=RDUkKo-jXl2CQ&start_radio=1
Abbie Mitchell, 1935 (erste Aufnahme): https://www.youtube.com/watch?v=zAsWSFF_55o&list=RDzAsWSFF_55o&start_radio=1
Janis Joplin, 1969: https://www.youtube.com/watch?v=sPB-uMNS0to&list=RDsPB-uMNS0to&start_radio=1
Billie Holiday, 1936: https://www.youtube.com/watch?v=ysow1wXWyvE&list=RDysow1wXWyvE&start_radio=1
Norah Jones, 2003: https://www.youtube.com/watch?v=xJOtaWyEzaI&list=RDxJOtaWyEzaI&start_radio=1
The Zombies, 1969: https://www.youtube.com/watch?v=f1OB3kPuREI&list=RDf1OB3kPuREI&start_radio=1
Joanne Shaw Taylor & Joe Bonamassa, 2022: https://www.youtube.com/watch?v=nVdnzD1wCAY&list=RDnVdnzD1wCAY&start_radio=1
BB Seaton, 2012: https://www.youtube.com/watch?v=mh8Fch2Kj3o&list=RDmh8Fch2Kj3o&start_radio=1
Lana Del Ray, 2020: https://www.youtube.com/watch?v=5HMBniu9Evg&list=RD5HMBniu9Evg&start_radio=1
Tom Waits, 1978: https://www.youtube.com/watch?v=HTLeRCQwXx4&list=RDHTLeRCQwXx4&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller)+++

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