Echt jetzt! (109)

Die Feinde unserer Eichen - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Herbst-Wald der Uralt-Eichen – bei Ivenack (Mecklenburgische Seenplatte).
Foto: Frank Liebig für Wikimedia

15.05.2026 / REGION - Was juckt es die deutsche Eiche, wenn sich die Sau an ihr wetzt? Ist klar, vor Borstenviechern hat der deutscheste aller Bäume keine Bange. Nicht mal der Klimawandel kann ihn erschüttern, eher schon seine sprichwörtliche Stärke. Fast tausend Arten von Insekten fühlen sich in seiner Laubkrone geborgen. Leider sind nicht alle Untermieter nett zum Eichbaum: Seine Feinde fressen sich in ihn rein und höhlen ihn aus oder geben einem geschwächten Baumriesen den Rest. Die vier übelsten Zerstörer werden auch noch nach ihm benannt: Der Eichenprachtkäfer. Der Eichenwickler. Der große Eichenbock. Der Eichen-Prozessionsspinner Wartet nur, ihr Bürschchen: Mit euch werden wir auch noch fertig!



Nehmen wir mal einen Moment Haltung an. "Fürst der Wälder", nannten die Germanen unsere Eiche. "Königin aller Bäume" (Gebrüder Grimm). "Der Deutschen urheiligster Baum" (Joseph Victor von Scheffel). "Symbol für deutschen Freiheitsgeist" (Friedrich Gottlieb Klopstock). Klingt doch alles super. Blöd nur, dass auch die Nazis sich unserer Eiche bedient haben (so stark, so treu!) Der Parteiadler der NSDAP hielt einen Eichenkranz in seinen Klauen. Möge der Vogel sich in ein Huhn verwandeln! Schauen wir doch lieber kurz zurück, was unsere Vorfahren im Mittelalter wussten: "Auf den Eichen wachsen die besten Schinken!" Weil die Bauern ihre Schweine in die Wälder trieben. Lieblingsfutter: Eicheln.

Eichen können bis zu 50 Meter hoch und über 1.000 Jahre alt werden. In vielen Phasen ihrer jahrtausendealten Geschichte haben die mächtigen Bäume die Wälder beherrscht. Bei der letzten "Bundeswaldinventur" vor vier Jahren regierten Eichen auf 1,3 Millionen Hektar, das sind zwölf Prozent der Waldfläche. Allein in Fulda stehen rund 3.300 dieser grünen Riesen – ohne jene, die zum Beispiel im Niesiger Wald gepflegt werden. Derzeit ist die Rotbuche noch die Nummer 1 unter Deutschlands Laubbäumen. Aber sie verdorrt unter der neuen Klima-Diktatur fast so schnell wie die Fichten. Die knorrigen Eichen hingegen halten viel aus, wahrscheinlich stehen sie vor einem großen Comeback. Ihre tiefen Wurzeln saugen selbst aus dem trockensten Boden noch Reste von Feuchtigkeit, und Hitze macht ihnen wenig aus. Im brutheißen Sommer 2023 maß ein Schweizer Forschungsteam die Hitzeverträglichkeit der Eichen in verschiedenen Ländern Europas. "Die obersten Blätter der Kronen erreichten im August bis zu 50 Grad, was ziemlich unglaublich ist", sagt die Waldökologin Charlotte Grossiord.

Deutschland hat ewigen Bestand,

Es ist ein kerngesundes Land,

Mit seinen Eichen, seinen Linden,

Werd' ich es immer wiederfinden.

Das hat sich Heinrich Heine in seinem berühmtesten Gedicht (Nachtgedanken, 1844) ja schön ausgereimt. Aber reden wir jetzt doch mal über jene Unholde, die unserem Baum den Garaus bereiten wollen. Zum Beispiel über den zweipunktigen Eichenprachtkäfer (Agrilus biguttatus). Dieser gefährlich schöne Baumfresser sieht aus wie ein Werkstück aus einer Kunstschmiede, sein schlanker Leib schimmert wie Metall in goldgrün, blau und Kupfer. Seine Larven greifen am liebsten Eichen an, die bereits durch einen "Sekundärschädling" geschwächt wurden. Dann richten sie sich zwischen Baum und Borke ein und fressen, was der kranke Baum noch hergibt. Vielleicht ist vor den Eichenprachtkäfer schon der Eichenwickler (Tortrix viridana) da gewesen. Die blassgrüne Mottenfrau mit dem grauen Hinterteil legt bis zu 60 Eier. Die Larven warten, unter Staub und Algen verborgen, bis zum nächsten Mai; dann schlüpfen sie und das Verderben nimmt seinen Lauf: Junge Knospen, junge Blätter, alte Blätter werden vertilgt. Immer wieder werden komplette Baumbestände kahlgefressen.

Im Jahre 723 ist Bonifatius, "Apostel der Deutschen", unterwegs in Nordhessen. Dort lebt ein als störrisch angesehener Germanenstamm, die Chatten. Die weigern sich hartnäckig, sich taufen zu lassen. In diesem Jahr geht Bonifatius zum Generalangriff über. In der Nähe des heutigen Fritzlar steht die Donareiche, so benannt nach dem "Gewittergott" Donar. Nach der Vorstellung der Germanen rattert ihr Gott mit einem Ziegenkarren über den Himmel, wodurch der Donner entsteht. Und wenn ihm danach ist, schleudert er noch ein paar Blitze von oben nach unten.

Bonifatius wollte dem Heidenvolk beweisen, dass ihre Gottheiten kraftlose Kreaturen waren und ließ deshalb die Eiche fällen. Eigentlich hätte den Frevler sogleich der Blitz erschlagen müssen – aber passiert ist bekanntlich nichts. Da werden die Germanen recht nachdenklich geworden sein, jedenfalls ließen sie sich scharenweise "bekehren". Tacitus, der römische Chronist, beschrieb die Chatten recht wohlwollend: beinahe seien sie wie Römer, "fester Körper", "sehnige Glieder", "regsamer Geist". Die Männer des Kämpfervolks ließen Kopf- und Barthaare ihr Leben lang wild wuchern. Und soll niemand mehr sagen, die Germanen hätten keine Körperpflege gekannt: Die Haare jedenfalls wurden mit "Spuma Chattica" eingecremt, einem roten Schaum, der dem "teutonischen Haar Feuerfarbe" gab.

Ist Ihnen schon mal eine Horde Eichenprozessionsspinner in den Kragen gerieselt? Ist echt eklig. Sommer 2024, auf der Insel Elba. Die Sonne gab sich alle Mühe, den letzten textilfreien Stellen ein paar Brandflecken zu verpassen. Da, ein Wanderpfad, echt verlockend: Dichter Eichenwald, kühlender Schatten. Hurtig marschieren wir los – und wetzen nach nicht mal hundert Metern noch rascher wieder retour: Wie aneinander gekettete borstige Würmer haben sich Schlangen von Widerlingen aus den Eichen zu uns abgeseilt, wuseln unterm Hemd und in die locker sitzende Hose. Beim Striptease auf dem Parkplatz haben wir das Getier in Blitzeseile abgepflückt und die nächste Dusche aufgesucht. Hätte schlimmer ausgehen können. Die Eichenspinner sind gespickt mit "Brennhaaren", die uns allerlei unliebsame Geschenke verpassen können: von rötlichen, juckenden Hautentzündungen über Allergie-Schocks bis hin zu schwerwiegenden Augenerkrankungen ist allerlei möglich. Richtig schlimm kann’s die Eichen erwischen, wenn die Angreifer, die sich im Frühsommer zu einer Art Polonäse zusammenrotten, mehrere Jahre in Folge deren Blätter einverleiben. Das kann den härtesten Baum umhauen. Nicht in Fulda! Da ist, wie seit 2019 in jedem Jahr, auch jetzt wieder das Giftraupen-Räum-Kommando unterwegs, bevorzugt nachts. Aus einem "Weitraumsprühgerät" rieselt ein biologischer Kampfstoff zur Vernichtung der Eichen-Killer-Bande auf die Bäume.

Bleibt noch der letzte aus der Reihe der Garstigen Vier. Eigentlich sollten wir den Großen Eichenbock (Cerambyx cerdo) bedauern, er ist vom Aussterben bedroht. Weshalb nur? Findet er keine kranken Eichen mehr, denen er endgültig den Exitus bereiten kann? Sein Lieblingsrevier sind "sonnenexponierte, kränkelnde oder absterbende alte Stieleichen". Der Insektenkundler Walter Weckwerth nannte ihn 1954 den "größten Holzzerstörer". Der "Bock" säuft verletzten Eichen den letzten Lebenssaft raus. Bis zu 450 Eiern legt das Weibchen. Wenn die Larven hervorgekrochen sind, leben sie bis zu vier Jahre im Innern des Baumes. "Diese lange Zeit der Einsamkeit", schreibt Jean-Henri Fabre, 1823 bis 1915, einer der bedeutendsten Naturforscher seiner Zeit, "verbringen sie damit, dass sie im Holze Gänge herstellen, deren Abraum ihnen als Nahrung dienen." "Mit dem doppelten Hohlmeißel ihrer Kinnbacken" beißen sie sich durch. Keine Augen, keine Ohren, kein Geruchssinn, kein Geschmack. Wozu auch? Es ist dunkel mitten in der Eiche, dumpf, es riecht nach... Holz. "Das frische Eichenholz schmeckt nach Gerbsäure", schreibt Fabre, das dürre nach nichts. Die Larve des Eichenbocks sei nichts als ein kauendes, verdauendes Stück Darm. Aber mit einem herrlich langen Leben, verglichen mit den Eltern: Herr Bock wird maximal 46, Frau Bock maximal 59 Tage alt...

"Mit Ehrfurcht betrachteten wir eine mitten im Dorfe stehende Eiche von ungeheurem Umfange. In der Höhlung des Stammes konnten 10-20 Menschen nebeneinanderstehen." Das schrieb vor gut 150 Jahren der "Altertumsforscher" Gustav Parthey. Damals schätzten Botaniker das Alter der "Thümmeleiche" auf 2.000 Jahre, laut "Guiness-Buch" die älteste Eiche in Europa. Heute steht das immer noch ehrfurchtgebietende verkrüppelte Geschöpf, von schweren Metallstützen aufrecht gehalten, mitten in dem Dörfchen Nöbdenitz (Thüringen). In zweieinhalb Stunden ist man dort, immer die A4 entlang. Das Alter des Baum-Seniors haben moderne Forscher inzwischen runtergestuft, auf "höchstens" 800 Jahre. Jedenfalls genügend Zeit, um mehr zu erleben als wir uns merken können. Als "hohlen Eichenbaum aus heidnischer Zeit" beschrieb die örtliche Pfarrei den Stamm 1595; bereits damals hatte sich der Schwefelporling, ein zerstörerischer Parasit, an der Eiche ausgetobt. 1815 schlug der Blitz ein, 1820 riss ein Sturm oberhalb von zehn Metern die Baumkrone ab. 1937 diagnostizierte ein Bauamtmann, das Bauminnere sei "fast völlig ausgefault und hohl" – aber der zähe Alte hatte immer noch genug Leben in sich, um jedes Jahr aufs Neue Blätter zu treiben und Eicheln zu gebären. Heute immer noch. 2014 sollten Motorsägen dem alten Herrn den Garaus bereiten, "wegen Gefährdung der Verkehrssicherheit". Proteste im gesamten Land verhinderten die Untat.

Es wäre auch ein Akt der Grabschändung gewesen. "Grabeiche", so lautet der eigentliche Name des Baum-Knorzes. Das liegt daran, dass der Rittergutsbesitzer Hans Wilhelm von Thümmel eine noch reichere Ritterguts-Erbin namens Charlotte von Rothkirch-Trach heiratete. Herr Thümmel (1744 bis 1824) war ein emsiger Schriftsteller, Landschaftsplaner, Page und Kammerjunker bei Hofe, Minister und Kumpel des Landesfürsten Herzog Ernst II. Mit Geld kannte er sich nicht so gut aus. Ließ Gärten und Parks anlegen, bis er pleite war. Sehr zum Ärger seiner Gemahlin, die ihn irgendwann angebrüllt haben soll: "Ohne Heirat hättest du nicht einmal genug Land für dein Grab." Das erzürnte unseren Mann so sehr, dass er dem Pfarrer die Eiche abkaufte, die sich im Pfarrgarten aufbäumte. Am 1. März 1824 wurde Thümmel in einer Gruft beigesetzt, die mitten in die Höhlung des Baumes gemauert wurde. "Wider alle Besorgnis einer gefährlichen Ausdünstung des toten Körpers", wie die Pfarrei verschnupft ins Totenregister schreiben ließ. Über hundert Jahre später schaute ein Dorflehrer mal nach und fand in der Baumhöhle ein Skelett. Über diese Geschichte hätten sich sogar die germanischen Heiden gefreut: Siehste, unsere Eichen haben doch Magie in den Knochen! Wer wollte das bezweifeln.

Bäume sind die Freunde des Menschen. Das hat schon die viel zu früh gestorbene, legendäre Alexandra gewusst. Viele Musikerkollegen ließen sich gleichfalls vom Rauschen der Wälder in Stimmung bringen. Eine kleine Auswahl:

Jonathan Byrd, I Was An Oak Tree: https://www.youtube.com/watch?v=5V_yiwpIVME&t

Puhdys, Alt wie ein Baum: https://www.youtube.com/watch?v=mYRc5x1lRrs

Alexandra, Mein Freund der Baum: https://www.youtube.com/watch?v=fiI-NniztIc

Peter Maffay, Der Baum des Lebens: https://www.youtube.com/watch?v=1mh3d3Guqqk

Bruce Cockburn, If A Tree Falls: https://www.youtube.com/watch?v=ErS9HCh8GfE

Peter Gabriel, Shaking The Tree: https://www.youtube.com/watch?v=3_Q79lls1f0&t

Calexico, Two Silver Trees: https://www.youtube.com/watch?v=sCA0_bNXAao

Gordon Lightfoot, A Tree Too Weak To Stand: https://www.youtube.com/watch?v=zMAMPSsvrZA&t

Carly Simon, Boys In The Trees: https://www.youtube.com/watch?v=IE0lq9IV_aA

Jethro Tull, Songs from the Wood: https://www.youtube.com/watch?v=z4UYX2qpUK0&list=RDz4UYX2qpUK0&start_radio=1

José González & The String Theory, The Forest: https://www.youtube.com/watch?v=YH8fbWOJdgU&list=RDYH8fbWOJdgU&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller) +++

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