Echt jetzt! (118)

Lasst doch den Sonntag in Ruhe - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Sonntagsfrieden. Ölgemälde von Hans Thoma, 1876.
Bild: Hamburger Kunsthalle bei Wikipedia

17.07.2026 / REGION - Sonntagsmorgens, wenn allenfalls ein paar Vögel die Stille verschönern, klingen die Kirchenglocken in Fulda besonders energisch. "Nicht zu fassen", sagte neulich ein Besucher, "so wird hier also die Sonntagsruhe begangen." Solch ein Großstädter vermisst natürlich seine Dauerbeschallung, wenn er sich mal in unsere Ruhezone verirrt. Plötzlich klingt selbst das Summen einer Biene, als würde dir jemand mit einer Bohrmaschine im Ohr herumstochern. Derartigen Lärm-Geschädigten macht’s wahrscheinlich nichts, wenn auch der "siebte Tag" endgültig aus seiner Komfort-Zone gerissen wird.



"Weg mit der deutschen Sonntagsruhe", forderte gerade die "Welt", motzt gegen "Überregulierung" und verlangt flexible Arbeitszeiten, "um nicht in der Dauerdepression zu verarmen." Jetzt mal langsam! Gönnen wir uns einen entspannten Sonntags-Spaziergang. Dabei soll man ja besonders gut nachdenken können.

Was gibt es am Sonntag Besonderes? Die Menschen krabbeln später aus ihren Betten. Einige, immerhin, stapfen noch tapfer in die Kirchen, zum "Gottesdienst". Mittags um zwölf kommt vielerorts der Sonntagsbraten auf den Tisch, pünktlich! Kurze Zeit später folgen Kaffee und Kuchen. In den meisten Branchen ist Arbeiten verboten. Die Autobahnen sind lastwagenfrei. Der Nachbar darf heute kein Holz zersägen! Rasenmäher und Bohrmaschine dürfen wir auch nicht anwerfen. Sonntags wird gewählt. Abends läuft im Ersten der Tatort. Die meisten Geschäfte sind geschlossen.

In den Fünfziger und sechziger Jahren war der Samstag schon eine Art Vorbereitung auf den Sonntag. Ab Mittags waren die Geschäfte dicht. Der Vater putzte das Auto, die Mutter die Wohnung. Nachmittags wurde der Badeofen angeheizt, dann schrubbte sich die Familie sauber. "Das Schönste am Sonntag ist der Samstagabend", hatte Kurt Tucholsky gewitzelt. Das konnte der Scherzkeks Heinz Erhardt noch besser: "Das Schönste am Sonntag ist der Freitagabend!"

Der Spaziergang gehört zum Sonntag wie der Senf zur Bratwurst. Durch Wälder, Parks und Garten-Anlagen schlendert der Sonntags-Mensch bei seiner strapazen-freien Fitness-Übung. In den Einkaufsstraßen wird aus dem Spaziergang ein "Schaufensterbummel". Die Franzosen nennen das verräterisch "lèche-vitrine", Vitrinen-Schlecken. Den alten Spazier-Meister Johann Wolfgang von Goethe hätte das sicher gegraust, er hielt es eher mit dem zweckfreien Flanieren:

"Ich ging im Walde so vor mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn."

Für manche Geschäftsleute hingegen ist die sonntägliche Sinnsuche klar definiert. "Wer in Deutschland sonntags ein Hemd verkauft, macht sich strafbar. Das ist im Online-Zeitalter von vorgestern", wütete soeben in der BILD-Zeitung ein Nils Busch-Peters, Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Der Mann ist ein echter Schelm: Er hält die flächendeckende Ladenöffnung an Sonntagen für eine Hilfs-Maßnahme gegen den Klimawandel: "An den superheißen Tagen" könne sich die Kundschaft wenigstens in die klimatisierten Einkaufszentren flüchten, um "ein bisschen Kühle und Schatten" zu genießen. Aber die Fronten sind und bleiben unverrückbar.

Während Handelsverbände das sonntägliche Verkaufsverbot schleifen wollen, sind Kirchen und Gewerkschaften in schöner Eintracht dagegen. Vorbild der Ladenöffner ist vielleicht das 19. Jahrhundert: da war in Deutschland der Ruhetag zu einem normalen Arbeitstag erklärt worden. Geschäfte waren von 5 bis 23 Uhr geöffnet, abzüglich einer zweistündigen Mittagspause.

Erst am 1. Juli 1892 wurde das früher übliche "grundsätzliche Verbot" der Sonntagsarbeit durch Kaiser Wilhelm II. wieder in Kraft gesetzt. Ausnahmen, zum Beispiel für den Verkauf frischer Lebensmittel, gab es freilich damals schon.

Der Grundgesetz-Artikel 140 definiert Rechte, Pflichten und Schutz der Religion in Deutschland. Die einzelnen Festlegungen wurden praktischerweise aus der Weimarer Verfassung übernommen. In Artikel 139 heißt es: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt." "Seelische Erhebung", das ist doch nicht mehr zeitgemäß, erklärt uns der DIHK-Präsident Peter Adrian und fordert eine Grundgesetz-Änderung. Schaffen wir das überhaupt noch, unsere Seelen über den Alltag zu erheben? Vielleicht müssen wir das erst wieder lernen.

Der Neurologe Viktor Frankl wird häufig mit seinem berühmtesten Satz zitiert: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie." Am Sonntag, so die Diagnose des Seelen-Fachmanns, stürzt der heutige Stressmensch in eine existenzielle Krise: da hat er nichts zu tun, an die Stelle der "wochentäglichen Betriebsamkeit" tritt ein Vakuum. Schon werden die Ärmsten von einer "Sonntagsneurose" heimgesucht. Weil ihnen "die Inhaltsleere ihres Lebens bewusst wird." Dieser Schock, mahnt die Apotheken-Umschau, kann Kopfschmerz, Schlafstörungen und sogar Herzrasen auslösen. Eine Umfrage in Großbritannien förderte zutage, dass zwei Drittel der Erwachsenen von "Sonntags-Angst" ergriffen werden. Wann gibt’s dagegen endlich eine Impfung?

Sowas gab’s früher natürlich nicht, da waren die Menschen ja noch gläubig. Kaiser Konstantin der Große verfügte am 3. März 321: "Alle Richter und die städtische Bevölkerung und die Ausübung jedweder Gewerbe sollen am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen." Wenn jemand dagegen verstieß, wurde nicht lange gefackelt: Das "Lex Baiuvariorum", im Frühmittelalter entstandenes ältestes Gesetzeswerk im Land der Bayern, listet gleich im ersten Kapitel (Paragraph 14) drakonische Strafen auf. Wenn zum Beispiel "ein freier Mann" sonntags "Ochsen einspannt und mit dem Wagen ausfährt, soll er den rechts gehenden Ochsen verlieren."

Wenn er beim Heu-Mähen oder Korn-Schneiden ertappt wird, wird er zweimal abgemahnt – danach gibt es "50 Rutenstreiche". Sollte der Übeltäter sich auch davon nicht abhalten lassen, wird ihm "ein Drittel seines Besitzes genommen". Am Ende droht die Höchststrafe: Der Mann verliert seine Freiheit und wird zum Knecht degradiert. Dann ist er besonders übel dran. Denn bei Knechten wurde schon beim ersten Verstoß gegen das Sonntagsverbot losgeprügelt. Gibt der Mann immer noch keine Ruhe, wird ihm die rechte Hand abgehackt.

Woran erkennt man eigentlich den Sonntag? Vor 70 Jahren war das noch einfach: die Frauen streiften sich "Kostüme" mit Rüschenblusen über und hängten sich eine Henkeltasche mit rätselhaftem Inhalt über den Arm. Die Männer zwängten sich in einen dunklen Anzug sowie in ungewohnt enge frisch gewichste Lederschuhe. Die Kinder wurden in unbequeme Festtags-Garderobe gezwängt. Wehe, da kam ein Fleck dran! Und dann ging’s los, immer im gleichen feiertäglichen Schlendergang.

Und wie war das noch früher, in einer Zeit vor unserer Zeit? Übertriebener Aufwand für Kleidung, so schrieb es der Hilderser Landgerichtsarzt Ferdinand Rheinisch 1860, war dem Rhöner Volk verboten und eigentlich sowieso fremd. Die "Untertanen" sollten ihr Geld nicht für "ausländische Mode" verplempern, und außerdem sollte man jederzeit erkennen können, ob sie arm oder reich waren. 1741 und 1766 erließ der Fuldaer Fürstbischof "Kleiderordnungen", in denen vor allem definiert war, was sich schickte und was nicht. Auf keinen Fall durften Nichtadlige ähnlich prächtig gewandet sein wie die Adligen. In der Rhön kam das sowieso nicht in die Tüte. Der "Rhöntroubadour" Pfarrer Leopold Höhl notierte 1892 in seinem Rhönspiegel: "Wie in der übrigen Lebensweise, so ist der Rhöner auch in der Kleidung einfach und bescheiden; die Noth lehrt’s ihn."

Sonntags holte aber auch der Rhön-Bauer für den Kirchgang seine feinsten Klamotten hervor: Kniebundhosen aus hellem Leder, dunkle Woll-Strümpfe, Tuchweste, "schwarzseidenes Halstuch", Tuchrock. Auf dem Kopf ein runder Filzhut mit breiter Krempe. Unter der Woche mussten die vom Großvater geerbte Lederhose und eine blaue Tuchjacke reichen. Die Fuldaer Sonntagstracht war zu Beginn des 19. Jahrhunderts selbstverständlich eleganter. Der osthessische Heimatforscher Johannes Hack: Niedrige Schuhe mit silbernen Schnallen, grünseidene Strümpfe, schwarze Tuchkniehose, rote Weste mit bunten Glasknöpfen, stahlbauer Rock, schneeweißer Hemdkragen, schwarzer Filzhut. Über das Outfit seiner Großmutter schrieb Hack: "Auf ihrem Reifrock trug sie ein schwarzes Tuchkleid; die hübschen bauschigen Ärmel waren am Armgelenk mit einem Band zusammengehalten und am Handgelenk zusammengehakt." Dazu ein buntes "blumenreiches" Halstuch, über der Brust gekreuzt, sowie eine bunte Seiden-Schürze – fertig war das Sonntagskleid.

Heute hat die Sonntags-Kluft ihre Feierlichkeit verloren: T-Shirt, Freizeit-Hose, Sneaker. Am freien Tag wollen wir’s schließlich bequem haben. Am Werktag freilich sieht’s für viele auch nicht anders aus: T-Shirt, Freizeit-Hose, Sneaker. Ausnahmen genehmigt sich der Freizeit-Mensch nur noch, wenn’s ernst wird: bei Beerdigungen, Bällen und Vorstellungsgesprächen zum Beispiel. Und sonntagsmorgens beim Kirchgang.

Fulda wird von Besuchern oft wegen der Vielfalt seiner Geschäfte gepriesen. Die hätten mal vor fünfzig Jahren herkommen sollen. "Nicht weniger als 36 Bäckereien unterschiedlicher Besitzer verzeichnet das Adressbuch des Jahres 1970", schrieb Thomas Heiler, Fuldas früherer Kulturamtsleiter. Außerdem zählte er auf: 26 Metzgereien, 51 Friseure, 42 Lebensmittelgeschäfte... Die Zahl der Friseur-Betriebe und Barber-Shops hat sich eher noch vergrößert – aber ansonsten ist vieles aufgegangen in Supermärkten und Einkaufszentren. Und natürlich abgewandert in die körperlose Warenbeschaffung, ins Internet. Die Bundesregierung betreibt die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten für Bäckereien und Konditoreien an Sonntagen. Da hat sie aber ein Fass geöffnet. Flugs wurde gefordert, alle Geschäfte sonntags zu öffnen.

Shopping-Rausch am "Tag des Herrn"? Die Sonntags-Öffnung könnte aussterbende Innenstädte beleben und dem Internet in die Parade fahren, behaupten Handels-Aktivisten. Schließlich, schreibt das "Institut für Handelsforschung", sei der Sonntag in den meisten Onlineshops "der stärkste Tag der Woche". Und was denken die Deutschen selbst? Die Hälfte will dem Sonntag seine Ruhe lassen, der Rest will shoppen. Die nächste Folge des Wettstreits ist also garantiert.

Jetzt haben wir so viele Sonntagsfragen abgehandelt, nur die eine nicht: Was wollen wir wählen? Die "Sonntagsfrage" der Meinungsforscher unterhält uns jede Woche, obwohl sich dort seit Monaten nicht viel tut: Kanzler Merz und die Seinen können sich abstrampeln wie sie wollen, die Deutschen haben sie einfach in den Umfrage-Keller gesperrt. Manchem wird schon braun vor Augen vor lauter Zorn. Ich persönlich vertraue auf unseren Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Der hat uns neulich mal aufgeklärt: "Die Sonntagsfrage sagt nicht viel aus, weil alle Befragten, die da beim Kartoffelschälen angerufen werden, ganz genau wissen: Nächsten Sonntag ist gar keine Wahl." Also: bleiben wir gelassen!

Im Sonntag steckt sogar jede Menge Musik. Hören Sie mal.

Karl Valentin, Das Lied vom Sonntag:

Kris Kristofferson, Sunday Coming Down:

Bill Withers, Lovely Day:


The Commodores, Easy (Like Sunday Morning):

Etta James, A Sunday Kind of Love:

U2, Sunday Bloody Sunday:


The Doobie Brothers, Another Park, Another Sunday:

Foo Fighters, Sunday Rain:


Johnny Cash, Sunday Morning Coming:

The Strokes, Why Are Sundays So Depressing:

Small Faces, Lazy Sunday:


Cindy & Bert, Immer wieder sonntags:

Die Toten Hosen, Wort zum Sonntag:

Johannes Oerding, Sonntag:

(Rainer M. Gefeller)+++

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