Echt jetzt! (118)
Lasst doch den Sonntag in Ruhe - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller
Bild: Hamburger Kunsthalle bei Wikipedia
17.07.2026 / REGION -
Sonntagsmorgens, wenn allenfalls ein paar Vögel die Stille verschönern, klingen die Kirchenglocken in Fulda besonders energisch. "Nicht zu fassen", sagte neulich ein Besucher, "so wird hier also die Sonntagsruhe begangen." Solch ein Großstädter vermisst natürlich seine Dauerbeschallung, wenn er sich mal in unsere Ruhezone verirrt. Plötzlich klingt selbst das Summen einer Biene, als würde dir jemand mit einer Bohrmaschine im Ohr herumstochern. Derartigen Lärm-Geschädigten macht’s wahrscheinlich nichts, wenn auch der "siebte Tag" endgültig aus seiner Komfort-Zone gerissen wird.
Was gibt es am Sonntag Besonderes? Die Menschen krabbeln später aus ihren Betten. Einige, immerhin, stapfen noch tapfer in die Kirchen, zum "Gottesdienst". Mittags um zwölf kommt vielerorts der Sonntagsbraten auf den Tisch, pünktlich! Kurze Zeit später folgen Kaffee und Kuchen. In den meisten Branchen ist Arbeiten verboten. Die Autobahnen sind lastwagenfrei. Der Nachbar darf heute kein Holz zersägen! Rasenmäher und Bohrmaschine dürfen wir auch nicht anwerfen. Sonntags wird gewählt. Abends läuft im Ersten der Tatort. Die meisten Geschäfte sind geschlossen.
Der Spaziergang gehört zum Sonntag wie der Senf zur Bratwurst. Durch Wälder, Parks und Garten-Anlagen schlendert der Sonntags-Mensch bei seiner strapazen-freien Fitness-Übung. In den Einkaufsstraßen wird aus dem Spaziergang ein "Schaufensterbummel". Die Franzosen nennen das verräterisch "lèche-vitrine", Vitrinen-Schlecken. Den alten Spazier-Meister Johann Wolfgang von Goethe hätte das sicher gegraust, er hielt es eher mit dem zweckfreien Flanieren:
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn."
Erst am 1. Juli 1892 wurde das früher übliche "grundsätzliche Verbot" der Sonntagsarbeit durch Kaiser Wilhelm II. wieder in Kraft gesetzt. Ausnahmen, zum Beispiel für den Verkauf frischer Lebensmittel, gab es freilich damals schon.
Der Grundgesetz-Artikel 140 definiert Rechte, Pflichten und Schutz der Religion in Deutschland. Die einzelnen Festlegungen wurden praktischerweise aus der Weimarer Verfassung übernommen. In Artikel 139 heißt es: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt." "Seelische Erhebung", das ist doch nicht mehr zeitgemäß, erklärt uns der DIHK-Präsident Peter Adrian und fordert eine Grundgesetz-Änderung. Schaffen wir das überhaupt noch, unsere Seelen über den Alltag zu erheben? Vielleicht müssen wir das erst wieder lernen.
Der Neurologe Viktor Frankl wird häufig mit seinem berühmtesten Satz zitiert: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie." Am Sonntag, so die Diagnose des Seelen-Fachmanns, stürzt der heutige Stressmensch in eine existenzielle Krise: da hat er nichts zu tun, an die Stelle der "wochentäglichen Betriebsamkeit" tritt ein Vakuum. Schon werden die Ärmsten von einer "Sonntagsneurose" heimgesucht. Weil ihnen "die Inhaltsleere ihres Lebens bewusst wird." Dieser Schock, mahnt die Apotheken-Umschau, kann Kopfschmerz, Schlafstörungen und sogar Herzrasen auslösen. Eine Umfrage in Großbritannien förderte zutage, dass zwei Drittel der Erwachsenen von "Sonntags-Angst" ergriffen werden. Wann gibt’s dagegen endlich eine Impfung?
Wenn er beim Heu-Mähen oder Korn-Schneiden ertappt wird, wird er zweimal abgemahnt – danach gibt es "50 Rutenstreiche". Sollte der Übeltäter sich auch davon nicht abhalten lassen, wird ihm "ein Drittel seines Besitzes genommen". Am Ende droht die Höchststrafe: Der Mann verliert seine Freiheit und wird zum Knecht degradiert. Dann ist er besonders übel dran. Denn bei Knechten wurde schon beim ersten Verstoß gegen das Sonntagsverbot losgeprügelt. Gibt der Mann immer noch keine Ruhe, wird ihm die rechte Hand abgehackt.
Woran erkennt man eigentlich den Sonntag? Vor 70 Jahren war das noch einfach: die Frauen streiften sich "Kostüme" mit Rüschenblusen über und hängten sich eine Henkeltasche mit rätselhaftem Inhalt über den Arm. Die Männer zwängten sich in einen dunklen Anzug sowie in ungewohnt enge frisch gewichste Lederschuhe. Die Kinder wurden in unbequeme Festtags-Garderobe gezwängt. Wehe, da kam ein Fleck dran! Und dann ging’s los, immer im gleichen feiertäglichen Schlendergang.
Und wie war das noch früher, in einer Zeit vor unserer Zeit? Übertriebener Aufwand für Kleidung, so schrieb es der Hilderser Landgerichtsarzt Ferdinand Rheinisch 1860, war dem Rhöner Volk verboten und eigentlich sowieso fremd. Die "Untertanen" sollten ihr Geld nicht für "ausländische Mode" verplempern, und außerdem sollte man jederzeit erkennen können, ob sie arm oder reich waren. 1741 und 1766 erließ der Fuldaer Fürstbischof "Kleiderordnungen", in denen vor allem definiert war, was sich schickte und was nicht. Auf keinen Fall durften Nichtadlige ähnlich prächtig gewandet sein wie die Adligen. In der Rhön kam das sowieso nicht in die Tüte. Der "Rhöntroubadour" Pfarrer Leopold Höhl notierte 1892 in seinem Rhönspiegel: "Wie in der übrigen Lebensweise, so ist der Rhöner auch in der Kleidung einfach und bescheiden; die Noth lehrt’s ihn."
Heute hat die Sonntags-Kluft ihre Feierlichkeit verloren: T-Shirt, Freizeit-Hose, Sneaker. Am freien Tag wollen wir’s schließlich bequem haben. Am Werktag freilich sieht’s für viele auch nicht anders aus: T-Shirt, Freizeit-Hose, Sneaker. Ausnahmen genehmigt sich der Freizeit-Mensch nur noch, wenn’s ernst wird: bei Beerdigungen, Bällen und Vorstellungsgesprächen zum Beispiel. Und sonntagsmorgens beim Kirchgang.
Shopping-Rausch am "Tag des Herrn"? Die Sonntags-Öffnung könnte aussterbende Innenstädte beleben und dem Internet in die Parade fahren, behaupten Handels-Aktivisten. Schließlich, schreibt das "Institut für Handelsforschung", sei der Sonntag in den meisten Onlineshops "der stärkste Tag der Woche". Und was denken die Deutschen selbst? Die Hälfte will dem Sonntag seine Ruhe lassen, der Rest will shoppen. Die nächste Folge des Wettstreits ist also garantiert.
Im Sonntag steckt sogar jede Menge Musik. Hören Sie mal.
Karl Valentin, Das Lied vom Sonntag:
Kris Kristofferson, Sunday Coming Down:
Bill Withers, Lovely Day:
The Commodores, Easy (Like Sunday Morning):
Etta James, A Sunday Kind of Love:
U2, Sunday Bloody Sunday:
The Doobie Brothers, Another Park, Another Sunday:
Foo Fighters, Sunday Rain:
Johnny Cash, Sunday Morning Coming:
The Strokes, Why Are Sundays So Depressing:
Small Faces, Lazy Sunday:
Cindy & Bert, Immer wieder sonntags:
Die Toten Hosen, Wort zum Sonntag:
Johannes Oerding, Sonntag:
(Rainer M. Gefeller)+++
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