Echt jetzt! (110)

Ein Haufen Hass - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Misthaufen in der Johannisau, als Sperre gegen Hundehalter.
Foto: Annemaria Gefeller

22.05.2026 / REGION - Schauen Sie sich diese Mist-Fotos ruhig mal an. Da steigt einem doch ruckartig ein Geruch in die Nase, der dort nicht willkommen ist. Der Geruch von Fäkalien und Urin – und von ungezügelter Wut. Ein Landwirt hat in der Fuldaer Johannisau seinen persönlichen West-Wall gebaut, zur Abwehr von Hundehaltern. Hier ist der Hass, der unsere Gesellschaft heimsucht, geradezu... greifbar (pardon). Aber lauert der Wutbürger nicht inzwischen überall? Zerreißt der Hass unsere Gesellschaft? Woher kommt er? Was macht uns wütend? Und was können wir dagegen tun? Damen und Herren, wehrlos sind wir Friedfertigen jedenfalls nicht!



Wer im Internet unterwegs ist, läuft immerzu Gefahr, mit Kübeln voller Bösartigkeit überschüttet zu werden. Mit jedem Klick können wir in eine Falle geraten: Hass, Verachtung, Beleidigungen, Mobbing... Jeder dritte Internet-Kunde zwischen 16 und 74 ist bereits mit "Hatespeech" (Hassrede) konfrontiert worden, hat das Statistische Bundesamt Ende vergangenen Jahres mitgeteilt. Das sind 19,6 Millionen Opfer von zumeist anonymen Giftspritzern. Solche mit Gemeinheit überfüllten Menschen gab es natürlich auch schon vor der Digitalisierung. Manchmal offenbarten sie an Kneipen-Stammtischen ihre Gedankenwelt. Aber die Stammtische waren auch Erziehungs-Instanzen: Wer zu viel Hass ins Bier spuckte, durfte nicht mehr mitspielen.

Das Internet dagegen schützt die Identität der Schurken, und immer finden sich ein paar Gleichgesinnte, die ihnen applaudieren. "Je mehr wir geneigt sind, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen, desto leichter wird es zu hassen," sagt der Philosoph Konrad Liessmann. Barbara Zehnpfennig, Politikwissenschaftlerin, findet besonders problematisch "die Selbstgerechtigkeit". Man glaubt zu wissen, was böse ist. Wer hasst, denkt, er habe die Moral und damit alles Recht auf seiner Seite. Der wunderbare und tatsächlich ziemlich moralfeste Schriftsteller Ferdinand von Schirach schreibt in seinem Buch "Kaffee und Zigaretten", dass wir’s gefälligst nicht bei unserer Empörung über die "Hater" belassen sollen: "Auch wenn wir die größte Abneigung haben, uns mit den heutigen Rohheiten zu befassen, es bleibt uns nichts anderes übrig. Nur wir selbst können uns der Barbarei, dem Speien und Wüten, entgegenstellen."

"Is dein Job 'n Hexenkessel,

Macht dein Hund dir hinnern Sessel

Is dein IQ bei minus zehn

Musst du net gleich ins Wasser gehn

Ich sage dir, es gibt ein Mittel

Da brauchste keinen Doktortittel

Denn jeder braucht in dieser Zeit

E kleines bissche Witzischkeit."

"Witzischkeit kennt keine Grenzen", haben Hape Kerkeling und Heinz Schenk schon vor über zwanzig Jahren gesungen. Lachen sei gesund, wird von allerlei Forschungs-Fraktionen behauptet: Die Abwehrkräfte werden gestärkt, der Stresspegel sinkt und die Hormone tanzen Samba. Lachen ist ein Hochleistungs-Schub für den Körper: Luft wird in die Lungen gepumpt, der Sauerstoff rauscht durch die Blutbahnen und bringt sogar unser gutes altes Herz in Fahrt. Wenn wir losprusten, knallt der Atem mit einem Tempo von hundert Kilometern pro Stunde ins Freie. Gott, sind wir herrlich aufgeregt! Nach durchlachter Nacht hat mancher sogar einen Muskelkater im Bauch. Der Nörgel-Ami Mark Twain hat zwar erzählt: "Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen." Na, der Mann hätte uns mal erleben sollen. Unsere Lach-Macht tut nicht nur dem Körper gut. Stell dir vor, wir werden beleidigt, bis aufs Blut gereizt, aufs Bösartigste beschimpft – und prusten einfach los. Ist es nicht ein köstlicher Anblick, wie sich die Hass-Kappen davonschleichen, auf ihrer miesen Laune ausrutschen, ins Abseits verkrümeln?

Im "Namen der Rose" ließ Umberto Eco den blinden Mönch Jorge von Burgos sagen: "Christus hat nie gelacht. Das Lachen schüttelt den Körper, entstellt die Menschen und macht sie den Affen gleich." Gläubige mit heiterem Gemüt hatten es in den ersten Jahrhunderten der immer strengen Kirche nicht leicht. Die "Lachkultur" galt als "heidnisch". Heiterkeit sei des Teufels, Jesus habe in der Bibel schließlich auch nicht gelacht. In den Klöstern wurde das Lachen verboten. Diese sinnliche Ekstase sei mit wahrer Frömmigkeit nicht vereinbar. Ewig hat diese Haltung nicht gehalten. Im späteren Mittelalter durfte dann sogar in der Kirche gelacht werden. Sogar (und vor allem) in den Klöstern...

Wollen wir nochmal in der Fuldaer Johannisau vorbeischauen? Guck, da hinten hat sich ein Frauchen einen Weg gebahnt, vorbei an der stinkenden Sperre. Ihrem Hund scheint es hier zu gefallen. Da steht zwar ein Schild ("Private Futterwiese. Durchgang verboten.") – aber wie soll man denn sonst an die Fulda gelangen, die da hinten vor sich hinplätschert? Die Posse, hinter der man die Wut geradezu riechen kann, zieht sich schon seit langem hin. Die Verbots-Schilder des Landwirts werden gern ignoriert oder sogar abgeschraubt. Der Bauer wehrt sich alle Jahre wieder, indem er sein beträchtliches Stück Land derart üppig mit Gülle tränkt, dass die Sneaker mancher Hundebesitzer gar nicht mehr hübsch anzuschauen sind. Jetzt also die aufgetürmten Misthaufen. Der Landwirt ist natürlich im Recht; die Hunde-Liebhaber würden es vermutlich auch nicht gern sehen, wenn da jemand in nicht ganz stubenreinen Gummistiefeln durch ihre Wohnzimmer marschieren würde. Aber: wie soll man für ein derart winziges Problem eine Lösung finden, wenn sich die Gesellschaft auch bei grundsätzlichen Fragen ständig an den Haaren zerrt?

In den 70er Jahren machte im deutschen Fernsehen Alfred Tetzlaff Furore, in der Serie mit dem irreführenden Titel "Ein Herz und eine Seele". "Ekel Alfred", wie der reaktionäre Spießer getauft wurde, war anziehend und abstoßend zugleich. Der satirisch bis ins Groteske überzeichnete Kerl, brillant gespielt von Heinz Schubert, nannte seine Gemahlin zärtlich "dusselige Kuh" und lieferte Sprüche, die uns schaudern ließen. "Der Sozi ist nicht grundsätzlich dumm, er hat nur sehr viel Pech beim Nachdenken", zum Beispiel. Ausländische Esswaren kamen ihm nicht auf den Teller. Pizza? Schmeckt "wie toter Friseur". Um nur mal ein paar harmlose Beispiele zu zitieren. Heute wirkt die über fünfzig Jahre alte Satire geradezu human. Bei Demonstrationen von Rechtsradikalen ab 2014 wurde zunehmend hemmungslos gegen "Gutmenscheritis", demokratische Politiker als "Hochverräter" und "ausländisches Dreckspack" gehetzt. Gerne wurden auch Galgen mitgeschleppt, an denen zum Beispiel Angela Merkel und Sigmar Gabriel baumelten. Die Verrohung kennt keine Skrupel mehr.

Wutbürger – was sind das eigentlich für welche? Unzufrieden sind sie, eindeutig älter als die "Fridays for Future"-Bewegung, "kleinbürgerlich", "gebildet", mosern gern rum: gegen Windräder, gegen Hochspannungsleitungen, gegen Baulärm, gegen Stau auf den Straßen. Angetrieben von "nackter Wut" seien sie, schrieb der Spiegel, "sie brüllen und hassen". Wen? Andere Volksgruppen. Andere Meinungen. Andere Religionen. Andere Menschen. Der Hass kann sich gegen alle und alles wenden. Gegen Kassiererinnen im Supermarkt. Die Sprechstundenhilfe beim Arzt. "Gegnerische" Autofahrer. Den Zugschaffner. Benzinpreise. Lehrer, Politiker, Journalisten, Pfarrer, Polizisten, Feuerwehrleute, Helfer im Bürgerbüro, Busfahrer. Gegen Sie. Gegen mich. Ist doch klar, wir kriegen auch unser Fett ab. Das Vorbild unserer heimischen Hass-Gemeinde ist jeden Tag in den Nachrichten zu bewundern: Donald J. Trump, ein Schrecken für die Welt, kann aus dem Stegreif Gift und Galle auf uns spucken. Wenn ihm danach ist, droht er ganzen Völkern mit Vernichtung. Der Mann hat zu viel Macht, und scheint es zu genießen.

Übrigens: Weshalb lesen oder schauen so viele von uns eigentlich gern Krimis? Die Psychotherapeutin Philippa Perry, neuerdings auch Krimi-Autorin, hat eine einleuchtende Begründung: "Unser ganzes Leben ist ein einziges Chaos. Wir können nie vorhersehen, wie die Dinge ausgehen. Wir wissen nicht einmal, ob unsere Kinder zu guten Menschen werden. Deshalb ist es ein Trost, wenn ein Rätsel gelöst und ein Mordfall geknackt werden. Das ergibt ein vollständiges Ganzes, eine stimmige Sache, man könnte sagen: ein Zuhause." Auch das noch: Bleibt uns am Ende nur noch der Thriller als Trostspender?

Wir können natürlich nicht den ganzen Tag vor der Glotze hocken und Tatort oder Wallander schauen. Und der Bär Balou aus dem Dschungelbuch taugt auch nicht als Vorbild für Jedermann. Das ist der, der mit dem Hintern wackelt und singt: "Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg." Ich vermute, echte Hasskappen haben es nicht gern gemütlich. Und wie war’s mit der Humor-Attacke? Wollen wir die Wut-Wölfe mit Lachsalven niederstrecken? Aber wenn wir doch einfach sauer sind? Wenn die Hasskappen zu blöd oder zu widerlich sind? Wissen Sie was: dann wird einfach zurückgekeift. Ich habe da ein paar Beleidigungen gefunden, im "Wörterbuch" des Rhön-Komikers Franz Habersack. Zur Übung sprechen Sie’s laut. Beleidigungen auf Rhöner Art sind irgendwie putzig und einfühlsam. Also genau richtig für uns. Meine persönliche Top Ten:
Viel Spaß beim Ausprobieren!

Jetzt noch eine Fuhre Musik. Den ersten Song sollte man immer in sich tragen. Hilft gegen jede Hass-Attacke! Der Rest ist Begleit-Musik für schlechte Gefühle.

The Beatles, All You Need Is Love: https://www.youtube.com/watch?v=_7xMfIp-irg

Deutsch-österreichischess Feingefühl (DÖF), Codo (...düse im Sauseschritt): https://www.youtube.com/watch?v=WZkpCjUhX5I

Alanis Morissette, You Oughta Know: https://www.youtube.com/watch?v=NPcyTyilmYY

Michael Jackson, Leave Me Alone: https://www.youtube.com/watch?v=pUFjkggXucc

Prince, Fury: https://www.youtube.com/watch?v=0_l4vY5Sh9c

Eminem, Lose Yourself: https://www.youtube.com/watch?v=_Yhyp-_hX2s

Taylor Swift, Better Than Revenge: https://www.youtube.com/watch?v=EH70M5OeS4o (Rainer M. Gefeller) +++

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