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Happy Aua - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Wo Fulda ganz schön englisch ist.
Fotos(19): Annemaria Gefeller

31.07.2026 / REGION - Der beste Ort für bedeutsame Kulturkämpfe ist bekanntlich der Biergarten. Neulich lag da unversehens ein Erregungsstoff der besonderen Sorte zwischen den Gläsern: Die deutsche Sprache klingt so, als wären wir hier in Amerika. Tatsächlich: Wir schwimmen in einem Ozean von Wörtern. Vielen von ihnen sind wir noch nie im Leben begegnet, aber plötzlich wimmelt es nur so von Eindringlingen aus dem Englischen. Brauchen wir einen Migrations-Beauftragten zum Schutz unseres Wortschatzes? Welche Vokabeln dürfen rein, welche müssen leider draußen bleiben? Wir müssen mal Klartext reden – "Tacheles", wie der Bildungsbürger sagt. Das Wort ist übrigens auch importiert, aus dem Jiddischen.



"Spaghetti mit Meeresfrüchten sind absolut essbar, und auch Tiramisu ist eine feine Sache. Rührt man aber beides zusammen, erhält man eine unappetitliche Pampe. Und so ist auch Denglisch, diese Mixtur aus Englisch und Deutsch, die von Leuten ohne Sprachgefühl für cool gehalten wird, eine ziemlich ungenießbare Sache." So wetterte der Buchautor Hannes Stein schon vor zwanzig Jahren. "Das Englische fräst sich ins Deutsche", wehklagte der Deutschlandfunk Kultur 2021. 2006 rief der "Spiegel" angesichts des "modischen Pseudo-Englisch" den Notstand der Deutschen Sprache aus. Der konservative FDP-Matador Helmut Schäfer, in den Kohl-Jahren Staatsminister im Auswärtigen Amt, polterte: "Sie müssen sich doch nur ansehen, wer dieses Geschwafel in unserem Land eigentlich verzapft. Das sind Leute, die glauben, ihre Halbbildung könnten sie dadurch steigern, dass sie sich plötzlich nicht mehr auf Deutsch ausdrücken."

Wie viele Wörter hat eigentlich die deutsche Sprache? Vorsicht, Sie betreten einen Dschungel. Der Duden zählt aktuell 148.000 Wörter. 3,5 Prozent davon sind Anglizismen. Jedes Jahr kommen neue hinzu und sterben welche weg, das ist wie im Leben. Sprachwissenschaftler schätzen, dass das Deutsche über einen Wortschatz von bis zu 500.000 verfügt. Die elektronische Datenbank "Dudenkorpus" listet sogar 18 Millionen deutschsprachige Einträge auf – darin enthalten sind freilich auch "selten benutzte und veraltete" Wörter, Fachbegriffe, Umgangssprache, Dialekte ... So viel kann sich sowieso kein Mensch merken. Wir kommen mit 12.000 bis 16.000 Vokabeln aus. Reicht doch vollkommen!

Erinnern Sie sich noch an Peter Steiner, den kauzigen Schweizer mit Wollmütze und Rauschebart? Der Mann wurde zu einer Kult-Figur der 90er Jahre, als er für die Schokolade seiner Heimat warb, sich schließlich eine Sonnenbrille auf die Nase schob und plötzlich Englisch sprach: "It’s cool Man." Da war es, dieses Wort: "cool". Sollte lässig, abgeklärt, ungezwungen bedeuten. In englischsprachigen Ländern wählte man Cool, wenn man kein Warmduscher war. Cool Jazz war schon in den 40er Jahren angesagt. Die bekanntesten Vertreter der "unterkühlten Musik" waren Miles Davis, Dave Brubeck und Chet Baker. Erst im Lauf der 80er Jahre machte sich das Wort in deutschen Wörterbüchern für Umgangssprache breit. Laut dem Trendforscher Matthias Horx war cool in den 90ern das meistbenutzte Adjektiv des Jahrzehnts und eines der meistverwendeten Komplimente.

Die Werbung ist eines der Haupteinfallstore für Anglizismen. "Come in and find out" von Douglas – das Parfum-Imperium wird immer noch gern mit diesem Spruch veräppelt. Da "verstand der Durchschnittsdeutsche nur Railwaystation", juxte 2004 der "Spiegel". Wenn wir nur Bahnhof verstehen, was nutzt dann die Werbung? Den seltsamen Satz von Douglas übersetzten die Kunden ungefähr so: Komm rein und sieh zu, wie du wieder rauskommst. Nach Angaben der Beratungsfirma Endmark mochte nur die Hälfte der Deutschen viele englische Werbebotschaften übersetzen. "Be inspired" von Siemens ("Lass dich inspirieren") ließ 85 Prozent der Befragten ratlos zurück. "Drive alive" von Mitsubishi wurde mit "Fahre lebend" übersetzt, und das SAT-1-Motto "Powered by Emotion" klang für viele Kunden irgendwie nach der Nazi-Freizeit "Kraft durch Freude".

Schlendern Sie mal durch unsere Geschäftsstraßen, da hagelt alleweil englisch klingende Reklame auf uns nieder: "Sale" und "Final Sale", "Candys and Toys", "Move Control", "Forever Summer" und "Pop Up", "Quick Lunch" und "Smash", "Together we can", "Beautiful Things for Beautiful People". Danke, das reicht; die Friseurläden wollen schließlich auch noch gewürdigt werden: "City Style" zum Beispiel, "Endless Hair", "Young Hair", "New Hair" in Fulda. "Cutting Crew", "Hair Flair" und "Signature Coiffure" in Hünfeld. "Hair Angels" in Bad Hersfeld, "Vip Cut" in Lauterbach, "Coming Out Hairstyle" in Alsfeld. Blicken Sie noch durch? Wer’s richtig altmodisch bevorzugt, findet in Lauterbach übrigens noch einen "Frisör" ... Bereits vor zehn Jahren hat das Institut YouGov ermittelt: 71 Prozent der Deutschen beklagten, dass in Deutschland zu viele Anglizismen benutzt werden. All jene Werbetreibende, die der Auffassung sind, dass sie die Begriffsstutzigen sowieso nicht als Kundschaft benötigen, sollten ihre arrogante Haltung vielleicht überdenken: 60 Prozent der Anglizismus-Gegner "verstehen Englisch ohne Probleme".

"Meine philologischen Studien haben mich davon überzeugt, dass ein begabter Mann Englisch in dreißig Stunden lernen kann, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren. Es liegt also auf der Hand, dass die letztgenannte Sprache gestutzt und ausgebessert werden muss. Wenn sie so bleiben sollte, wie sie ist, müsste man sie sanft und ehrerbietig bei den toten Sprachen absetzen, denn nur die Toten haben Zeit, sie zu lernen." 1880 hat sich der großartige Mark Twain in einem satirischen Rundumschlag über die "schreckliche deutsche Sprache" hergemacht. Ein Monstrum voller umständlicher Bandwurmsätze und ellenlanger Wort-Schöpfungen sei das, eingesperrt in komplizierte Regeln, die nicht nur unverständlich, sondern unlogisch seien. Weg mit dem Dativ, rät er zum Beispiel – "da man nie genau weiß, wann man sich im Dativ befindet und wie man jemals wieder herauskommt." Außerdem sollten kräftige Vokabeln aus dem Englischen ins Deutsche importiert werden. Statt des sanften "Ach, Gott" zum Beispiel "Goddamn". Ach, Mister Twain, das wissen wir doch längst: Deutsche Sprache, schwere Sprache. Aber schön ist sie, und sie gehört zu uns. Eure groben Flüche kommen uns jedenfalls nicht in die gute Stube.

Seien wir zufrieden, dass wir den Amis auch ein paar unserer Lieblingswörter untergejubelt haben: Angst, Autobahn und Baumkuchen zum Beispiel, aber auch Blitzkrieg, Eisbein, Kapellmeister, Kindergarten, Kitsch und Knackwurst. Außerdem: Kursaal, Mensch, Pumpernickel, Rollmops, Wanderlust und das wichtigste, auch von unseren amerikanischen Freunden nur mit Ehrfurcht geflüsterte Wort der Wörter: Gemutlichkeit (ohne Strichelchen über dem u). Für 105 Millionen Menschen ist Deutsch die Muttersprache, weitere 80 Millionen nutzen sie als Zweit- oder Fremdsprache. Aber was ist das überhaupt: deutsch? Im Laufe der Jahrhunderte wird eine Sprache ganz schön durch die Mangel gedreht. Vier Prozent unserer Wörter sind griechisch, sechs Prozent lateinisch. Etliche Forscher sind der Auffassung, dass sich sogar drei Viertel unserer Sprache letztlich auf die alten Römer zurückführen lassen. Gegen die Invasion ausländischer "Schmutzvokabeln" haben sich deutsche Sprach-Puristen schon im 17. Jahrhundert gewehrt. Kampf-Klubs wie die "Fruchtbringende Gesellschaft" zogen gegen "Sprachverketzerung" vor allem durchs Lateinische ins Gefecht. Sie übersetzten eisern ins Deutsche, was lateinisch verbogen schien – Mehrzahl statt Plural, Mundart statt Dialekt, Verfasser statt Autor, Jahrhundert statt Säkulum, Anschrift statt Adresse. Manches hat sich bis heute gehalten, anderes wurde einfach weggelacht. Vor allem Schauglas statt Spiegel, Meuchelpuffer statt Pistole und Dörrleiche statt Mumie.

Die alljährliche Veranstaltung "Jugendwort des Jahres" ist inzwischen ein Friedhof unserer Sprache geworden. Ein paar Siegvokabeln mit Übersetzung: 2020 "Lost" (ahnungslos, verpeilt). 2021 "Cringe" (peinlich). 2022 "Smash" (jemanden attraktiv finden). 2023 "Goofy" (tollpatschige Person). 2025 "Das Crazy" (Aha). 2008, zum Start der Jugendwort-Kür, waren die Sieg-Vokabeln noch echt verständlich. Platz 1: "Gammelfleischparty" (Party für über 30-Jährige). Platz 2: "Bildschirmbräune" (der blasse Teint von Computer-Süchtigen). Platz 3: "Unterhopft sein" (Bierdurst).

Verehrte Anhänger des Angelsächsischen: Immer schön Obacht geben, dass ihr nicht auf euren Lieblingswörtern ausglitscht. Oldtimer sind im Englischen nicht alte Autos, sondern alte Menschen. Mit Handys kann man in England nicht telefonieren. Ein Dressman ist ein Transvestit und Public Viewing ist eine öffentliche Leichenschau. Na gut, manche Auftritte unserer Fußball-Giganten bei der WM kamen dem schon ein wenig nahe. Machen wir uns nichts draus. In ein paar Stunden ist wieder Happy Aua. Zum Wohlsein!

Jetzt bitte abtanzen – nach der Milka-Werbung folgt ein musikalisches Durcheinander in deutscher Sprache. Sogar die Beatles machen mit! Und Mark Knopfler singt immerhin über Wanderlust.

Der "Cool Man" Peter Steiner in der Milka-Werbung von 1994: https://www.youtube.com/watch?v=g9z3G-duHdQ

The Beatles, Sie liebt Dich: https://www.youtube.com/watch?v=YmjnK4zTBhM&list=RDYmjnK4zTBhM&start_radio=1

Wir sind Helden, Nur ein Wort: https://www.youtube.com/watch?v=X5kmM98iklo&list=RDX5kmM98iklo&start_radio=1

Cro, Traum: https://www.youtube.com/watch?v=8WQMBv2deYQ&list=RD8WQMBv2deYQ&start_radio=1

Peter Gabriel, Spiel ohne Grenzen: https://www.youtube.com/watch?v=49mdn20QsbM

Herbert Grönemeyer, Mensch: https://www.youtube.com/watch?v=1SG5A3PYaUs&list=RD1SG5A3PYaUs&start_radio=1

Peter Fox, Alles neu: https://www.youtube.com/watch?v=qdtLCfEcPL4&list=RDqdtLCfEcPL4&start_radio=1

Elvis, Muss I denn zum Städtele hinaus: https://www.youtube.com/watch?v=E9W6m_PhXq4

Die fantastischen Vier, Mit freundlichen Grüßen: https://www.youtube.com/watch?v=uUV3KvnvT-w

Rainald Grebe, Brandenburg: https://www.youtube.com/watch?v=mdGwsUXUapQ&list=RDmdGwsUXUapQ&start_radio=1

Helge Schneider, Grönemeyer, Lindenberg, Maffay: https://www.youtube.com/watch?v=fGlHUrIZQg8

Max Giesinger, Wenn sie tanzt: https://www.youtube.com/watch?v=5PST7Ld4wWU&list=RD5PST7Ld4wWU&start_radio=1

Mark Knopfler, Wanderlust: https://www.youtube.com/watch?v=Jor6xhQqHtU
(Rainer M. Gefeller)+++

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