Echt jetzt! (112)

Ach du dickes Ei - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Einer muss auf unsere Hühner aufpassen: Ziege mit Federvieh im Hof Ehrenstruth, Hainzell.
Foto: Annemaria Gefeller

05.06.2026 / REGION - Sind Sie bereit für einen kurzen Persönlichkeits-Test? Ich sage Ei – woran denken Sie? Verpoorten? Eier-Brötchen? Kolumbus? Eierlaufen? Fabergé? Prärie-Auster? Das Gelbe? Am schlauesten wär’s, Sie denken gleich an alles. Dann müssen wir uns nicht weiter sorgen, dass Sie zum Alkohol-Konsum neigen, für unsere Gesprächsform einfach zu gebildet sind oder zu kindlich. Oder zu gierig, weil sie sich immer nur das Gelbe vom Ei rauslöffeln. Laut der "Wort-Suchmaschine Buchstaben.com" gibt es 1.759 deutsche Wörter, in denen sich Eier versteckt haben. Da haben Sie mal was zu grübeln. Aber nicht rumeiern!



Vor vielen Jahrzehnten, als ich noch Kind war, gab’s bei uns daheim an manchen Sonntagen Fünf-Minuten-Eier. Wenn unsere Mutter einen Augenblick unaufmerksam war, knallte mir der älteste Bruder das Ei gegen die Stirn und lachte sich scheckig. Er war der Einzige, der sich freute über seine dämliche Art, die Schale zu knacken. "Was wollt ihr", wehrte sich Bruderherz, "mit dem Messer aufschlagen dürfen wir nicht und mit dem Löffel aufklopfen ist doch echt was für Mädchen." Unsere Mutter hielt das Köpfen der Eier für Barbarei – vor allem, weil sich beim ungeübten Messerhieb das flüssige Eigelb über das Tischtuch ergießen konnte. Mit dem Perlmutt-Löffelchen klopfte die etwas feinere Society dem Ei so lange aufs Haupt, bis jemand "Herein" rief. Der Teelöffel aus Metall schlug zwar härter zu, soll am Ei aber einen blechernen Beigeschmack hinterlassen haben. Was tun?

"Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Messerverbot aufrechterhalten", notiert nüchtern der Kulturanthropologe Thomas Schürmann, die "allgemeine Freigabe des Messers" sei erst in den siebziger Jahren erfolgt. "Heute darf geköpft werden", jubelte die Anstands-Dame Rosemarie von Zitzewitz Mitte der Achtzigerjahre in der "Brigitte". Für die Kollegin Petra Schmidt-Decker kam der Messer-Angriff aufs Ei freilich weiterhin einer Hinrichtung gleich, sie fühlte sich noch 1985 an die französische Enthauptungsmaschine, eine Guillotine, erinnert...

"Was wir brauchen, ist ein Schwein,

Das Merinowolle trägt,

Und dazu noch Eier legt.

Das soll Ihre Züchtung sein."

Dieses Reimwerk wurde 1956 von einem nicht mehr ermittelbaren Künstler geschaffen. So erblickte die eierlegende Wollmilchsau das Licht. Eine großartige Idee für die Landwirtschaft, aber bald auch Bezeichnung für den idealen Mitarbeiter: ein Alleskönner, berstend vor Fleiß und bescheiden in Gehalts-Angelegenheiten. Mit anderen Worten: Einer wie wir.

"Rührei konnte ich schon mit elf, das mach ich mit abgehackten Beinen und Armen, das kann jeder Penner." Da hat sich der eigentlich sympathische Berliner "Sternekoch" Tim Raue mal eine unschöne Grobheit gegönnt. Alexandre Balthazar Laurent Grimod de la Reyniére (1758 bis 1837), Pionier der französischen Gourmet-Küche, hätte ihn dafür sicher zum Duell aufgefordert. Grimods Mutter, Nichte eines Bischofs, soll geschrien haben, als sie ihr Baby zum ersten Mal sah: der Säugling wurde ohne Hände geboren. Der Vater schaffte den kleinen Kerl zu einem Schweizer Uhrmacher, der ihm zwei Metallhände fertigte. "Wunder der Feinmechanik", wie der aus Gießen stammende Meisterkoch Vincent Klink schrieb.

Vier Jahre vor seiner Geburt, am 10. Februar 1754, hatte Grimods schwerreicher Großvater das Zeitliche gesegnet, indem er sich an einer Gänseleberpastete verschluckte.Ob sein exzentrischer Enkel Grimod deswegen sein Leben der Kulinarik widmete? Seine Gelage waren legendär, er wird als Erfinder der Gastro-Kritik angesehen und täuschte 1818 schon mal seinen eigenen Tod vor, um beim Leichenschmaus dabei sein zu können. Er brachte Kartoffeln und Tomaten auf den Tisch, die damals als exotisches Gemüse galten – und er pflegte einen besonderen Spleen, seine Liebe zu den Eiern. Die Franzosen, hat er damals vorgerechnet, würden 543 Arten der Eier-Zubereitung kennen. Er bevorzugte sie mit Wild gefüllt, gratiniert oder mit Trüffeln bestreut.

Grimod erklärte das Ei zur "unendlichen Notwendigkeit" für die Küche. 1803 schrieb er: "Würde man aus irgendeinem Grunde die Verwendung des Eies, dieses liebenswürdigen Vermittlers, der sich überall ins Mittel legt, um die Parteien miteinander zu verschmelzen, verbieten, so müsste der geschickteste Koch seine Kunst an den Nagel hängen." Alfred Hasterlik, prominenter Ernährungs-Autor, sah im Kriegsjahr 1916, "da der Mangel und die Teuerung der Eier ihre uneingeschränkte Verwendung von selbst verbieten", die deutsche Hausfrau im Elend versinken. "Sie hat sich bisher keine Gedanken darüber gemacht, woher das Ei, "dieser Freund, der immer bereit ist, sich für uns zu opfern, stammt. Sie hat seine Vielseitigkeit hingenommen wie etwas Selbstverständliches." Dabei hatte sich das Ei schon damals überall breitgemacht. Ein natürlicher Klebstoff für Nudeln, Kuchen, Klöße, Frikadellen, Plätzchen, Mayonnaise, Süßspeisen. Zwischendurch war das "Hühnerprodukt mit zwei Buchstaben" als Cholesterinbombe verrufen, heute wird es als Lieferant von Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen gefeiert. 255 Eier futtert der Durchschnitts-Deutsche pro Jahr.

Ei oder Huhn – wer war schneller? Fragen wir mal die Geistesleuchten und ergötzen uns an der intellektuellen Balgerei. "Wer dieses Rätsel erlöst, schlichtet den Streit um Gott", erläuterte Johann Wolfgang von Goethe, drückte sich aber um eine Entscheidung. John Brookfield, britischer Evolutionsgenetiker, 2006: "Das erste lebende Ding, das man unzweifelhaft zur Spezies der Hühner zählen konnte, ist das erste Ei." David Papineau, Wissenschaftsphilosoph: "Der Schluss ist zwingend, dass das Hühnerei zuerst kam und die Henne danach." Britische und chinesische Forscher hingegen zeigten sich im vergangenen Jahr überzeugt, dass das Mutterhuhn schon vor den Eiern da war: Die allerersten Hühner hätten, wie die Ur-Reptilien, lebendige Babys zur Welt gebracht. Eier seien von der Tierwelt erst später erfunden worden. Warten wir mal ab, in zwanzig Jahren fällt den "Eierköpfen", wie Intellektuelle gern genannt werden, sicher noch eine neue Lösung ein. Am besten gefällt mir der Einfall von Günter Grass in der ersten Strophe seines Eier-Gedichts:

Wir leben im Ei.

Die Innenseite der Schale

haben wir mit unanständigen Zeichnungen

und den Vornamen unserer Feinde bekritzelt.

Wir werden gebrütet.

An sich ist das tüchtige amerikanische Leghorn eine Italienerin: 1835 wurde die Haushuhn-Rasse "Weißer Italiener" in die USA entführt und kam 35 Jahre später unter neuem Namen zurück: Leghorn, immerhin benannt nach der toskanischen Hafenstadt Livorno (englisch: Leghorn). Die weißen Amis legen 200 Eier im Jahr. Gewicht: bis 60 Gramm. Normalerweise. Einmal jedoch, am 25. Februar 1956, drückte ein Huhn in dem Städtchen Vineland, New Jersey, ein 454 Gramm schweres Eier-Monstrum, das größte der Welt, ins Nest, mit doppelwandiger Schale und zwei Eigelb. Das Guiness-Buch verschweigt, wer das Monster-Ei verdrückt hat. Was ist das überhaupt, ein Ei? Die eigene Verpackung, bis zu 0,4 Millimeter dick, besteht hauptsächlich aus Kalk. Zehntausend Poren durchlöchern diese Schale, so dass Luft hinein- und herauswandern kann. Der Dotter ist mal hellgelb, mal leuchtend orange – angeblich schmeckt beides gleich. Ehrlich: ich mag die dunklen lieber.

Beim Eierlaufen legen übervorsichtige Eltern ihren Kindern hartgekochte Ware auf die Löffel – manchmal sogar Tischbälle. Eine echte Prüfung braucht natürlich rohe Eier! Die sensiblen Germanen hätten sich an solchem Sport eher nicht beteiligt: Wenn ein Ei versehentlich zerbrach, stand Unglück ins Haus. Wenn man im Mecklenburgischen "das erstgelegte Ei einer jungen Henne" mit in den Gottesdienst nahm, konnte man erkennen, wer noch in diesem Jahr sterben würde. In der Oberpfalz konnte man gelegentlich eine befremdliche Fortbewegung beim Gang zur Christmette beobachten: rückwärts, ein Ei unter jede Achsel geklemmt. Wer sich so vor den Altar begab, sah angeblich den Frauen an, ob sie Hexen waren. Wer’s glaubte, wurde ganz bestimmt nicht selig.

Wir blicken ja durch, deshalb futtern wir ausschließlich Heimat-Eier. Die gibt es auch in Supermärkten und natürlich auf Wochenmärkten – aber wenn man sie direkt beim Bauern kauft, hat man die Illusion, man würde die Legehennen persönlich kennen. Mobile Hühnerställe, die heute hierhin, morgen dorthin über die Weiden wandern, sind besonders angesagt und verhindern, dass unsere Frühstücks-Lieferanten die letzten Körner aus der staubigen Erde picken müssen. Manche Landwirte quartieren bei ihren Hühnern Ziegen ein. Die sind enorm wachsam. Wenn Bussard oder Habicht den Hühnern an den Hals wollen, werden sie schon durch das Meckern der Zicklein vertrieben. Und ein Hieb mit den Hörnern macht auch keinen Spaß. Solche Hühner-Wächter haben zum Beispiel der Bauernhof Ehrenstruth in Hainzell und "LandEi" in Trätzhof.

Ansonsten gibt es frische Eier fast in jedem Dorf. Zum Beispiel im Biohof Christof Gensler, Poppenhausen. Bei Claus Hillenbrand, Fulda Leipziger Straße. Hofladen Zintl, Eiterfeld. Geflügelhof Bleuel, Hofbieber. Arche-Hof Kerzell, hat einen rund um die Uhr geöffneten Warenautomat. Bauernladen Richter, Hettenhausen. Hofladen Familie Schmidt, Schlitz. Hofladen Hansbalse, Kämmerzell. Sauer’s Hofladen, Böckels. Hof Wiegand, Flieden. Eier gibt es im Hofladen und im Verkaufs-Automaten. Antonius-Hofladen in Fulda-Haimbach. Hofladen Wernergut, Mittelkalbach. Milchhof Hügel, am Geisküppel in Fulda. Rhönhof Wingenfeld, Hofbieber-Wiesen. Stadtbauer, Niederrode Reinhards. Bauernhof Andreas Hahner, Künzell. Hofgut Bockmühl, Bronnzell. Der präsentiert seine Hühner auf Facebook. Sind ja schließlich die Stars des Eier-Geschäfts.

Wie lange kochen Sie Ihr Lieblings-Ei? Sind Sie der eher naturverbundene Drei-Minuten-Typ (Angegart, aber auf dem Brötchen glibbert es uns davon)? Oder der Fünf-Minuten-Feinschmecker (weiße feste Masse, Eigelb cremig)? Oder der knochenharte 7-Minuten-Beißer (alles schnittfest wie Käse)? Tut mir leid, aber vom Eieressen haben Sie alle keinen Schimmer. Ich schwöre auf die Forschungs-Ergebnisse italienischer Wissenschaftler an der Universität von Neapel. So wird was aus dem Ei: Man nehme zwei Töpfe, einen mit kochendem, einen mit 30 Grad warmem Wasser. Man lege das Ei für zwei Minuten ins kochende, danach für weitere zwei Minuten ins lauwarme Wasser. Achtmal wiederholen. Warum? Weil Eigelb und Eiweiß bei unterschiedlichen Temperaturen perfekt garen sollen. Das dauert eine lähmende Viertelstunde, aber "gut Ding braucht Weile".

"Das Ei ist hart", sagt der Mann in Loriots berühmtem Sketch "Das Frühstücksei". Ein viereinhalb-Minuten-Ei hat er erwartet, und jetzt das hier. Die Kochzeit, entgegnet die Frau, habe sie im Gefühl; dann stimme halt was mit ihren Gefühlen nicht, sagt er. Und so weiter... Schließlich nennt sie sämtliche Männer primitiv, und er erwägt das Äußerste: "Morgen bringe ich sie um." Lassen Sie’s nicht so weit kommen! Ein Marmeladen-Brötchen ist auch lecker.

Auch unsere guten Allerwelts-Eier haben es verdient, dass sie ordentlich besungen werden. Hier geht’s los:

Gebrüder Blattschuss, Frühstück: https://www.youtube.com/watch?v=RW2n4yVJC8g&t

Beastie Boys, Egg Man: https://www.youtube.com/watch?v=5x5NCDYB1Lc

Dean Martin & Helen O’Connell: How D’Ya Like Your Eggs In The Morning: https://www.youtube.com/watch?v=zJsYgqQ0zEk&t

Tom Waits, Eggs And Sausage: https://www.youtube.com/watch?v=l2GfMu0JJs8&t

Em Beihold, Egg in the Backseat: https://www.youtube.com/watch?v=JxHH-qH2ve8

J. Geco, Chicken Dance: https://www.youtube.com/watch?v=Tc2F7yhP_wQ&t

Little Feat, Dixie Chicken: https://www.youtube.com/watch?v=yaHEfJApEVM&t

Comedian Harmonists, Ich wollt" ich wär ein Huhn: https://www.youtube.com/watch?v=HOVIuyETtF4&t

Bürger Lars Dietrich, Das Rap-Huhn: https://www.youtube.com/watch?v=wPaGpPPD9Bs&t


(Rainer M. Gefeller) +++

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