Echt jetzt! (103)

Das glaube ich jetzt nicht! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Bildstock in Almendorf, nahe am Bürgerhaus, 1815.
Fotos: GerritR bei Wikimedia

03.04.2026 / REGION - Los, wir fliegen mal übers Fuldaer Land. Kommen Sie doch einfach mit. Wir segeln die Fulda entlang bis rüber zur Wasserkuppe, über Gersfeld, Oberweißenbrunn, die Hochrhön und dann noch rüber Richtung Vogelsberg. Schauen Sie nur runter: Alles da unten ist Katholiken-Land. Überall Kapellen, Wegkreuze, Mariengrotten, Bildstöcke – und natürlich Dorf- und Stadtkirchen. Ich denke, mit der Kirche geht’s ständig bergab. Die Landschaft hat eine andere Botschaft: die Religion gehört zur Rhön wie die Kuppen, die Bergwiesen und die Täler, die sich zwischen die Berge gefräst haben. Es ist Osterzeit, da können wir dem Glauben mal den Puls fühlen.



"Es ist das Osterfest alljährlich

Für den Hasen recht beschwerlich."

Sowas dichtete der alte Spötter Wilhelm Busch. Vielleicht hat er vor über hundert Jahren schon geahnt, dass der höchste christliche Feiertag irgendwann nicht mehr als Fest der Auferstehung, sondern vor allem wegen seiner Ostereier gefeiert wird. Den Osterkuchen nicht zu vergessen, und den Eierlikör! Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti hielt dem Zeitgeist 1995 trotzig entgegen: "Christus lebt, die Hasen sterben aus."

Der Heimatdichter Albert Handwerker, Ehrenbürger von Oberelsbach, kannte seine Rhönbauern. "Knochenhart wie die Rhönbuchen" seien sie, "und doch mit einem kindlich frommen Gemüt." Dabei hat ihnen die Kirchengeschichte so viel Durcheinander zugemutet, dass man manchmal gar nicht mehr wusste, was man glauben sollte (oder durfte). Einer der bedeutendsten Unruhestifter war zweifellos Eberhard von der Tann, der 1534 den ersten evangelischen Pastor in Tann einsetzte und damit in seinem Herrschaftsbereich die Reformation einführte. Es folgte ein hundertjähriges verbissenes Gerangel mit den Fuldaer Äbten um die Seelen der Gläubigen. Der Heimatforscher Franz Anton Jäger hat’s beschrieben: "Indessen war das Loos der Unterthanen bey diesen neuen Religionsanstalten nicht immer das beste." Am Beispiel von Frankenheim und Birx, beide auf Beschluss ihrer Herrschaften protestantisch geworden, schildert Jäger, dass die Dörfler "einer irrenden Herde glichen, die nicht wusste, wo sie einen Hirten aufsuchen sollte." Erst mussten die Zwangs-Protestanten nach Fladungen zum Gottesdienst, aber nicht lange: Bischof Julius in Würzburg holte Fladungen zurück zu den Katholiken. Dann halt Wüstensachsen, aber nur bis 1675: dann endete auch dort die Protestanten-Herrschaft. Schließlich landeten sie in Oberweid. Von Birx fast zwei Stunden zum Gottesdienst und zwei Stunden zurück, quer durch den Rhönwald. Wer seinen Glauben leben wollte, musste leiden!

Gott war immer dabei, und er musste für vieles herhalten. Sogar fürs Fluchen, Himmel Herrgott nochmal. "Ich sag nichts, aber Gott hört mein Knurren", sagten die Vornehmeren. Die anderen: "Ach Gott, Agathe, die Puppe kotzt." Der Spruch stammt aus dem Mecklenburgischen und wurde auch hierzulande gern verwendet, wenn man beim Kartenspielen verloren hatte. Gewinner sagten gern: "Gott sei’s getrommelt und gepfiffen." Man konnte sich natürlich auch ereifern, ohne dem Allerhöchsten zu nahe zu treten. Wie wäre es mit "Heiliger Strohsack!" Oder: "Heiliges Kanonenrohr!"

Zum Ende des 18. Jahrhunderts waren auch die Kirchen nicht mehr sicher vor der Aufklärung. "Alles Gefühlsbetonte war verpönt", schreibt Gottfried Rehm: "In der Bewertung von Volkskunst und Volksfrömmigkeit war diese Zeit rigoros." Nicht nur die weltlichen Herren, sondern auch die Kirchenoberen hätten sich beinahe darin überschlagen, ihr "Verdammungsurteil" über die Volksfrömmigkeit zu fällen. "Übertriebene, abergläubische Andächteleien", zitiert Rehm, kamen plötzlich in Verruf. Andachts-Gottesdienste und aufwendige Weihnachtskrippen wurden verboten.

Der "kindliche Glaube" ließ sich allerdings nicht unterkriegen. Bereits seit dem Spätmittelalter stellten die katholischen Gläubigen im Frankenland an Feldrändern, an Wegkreuzungen und in Ortschaften "Bildstöcke" auf – selbst gebaute oder gesponserte Andachts-Objekte. Bildstöcke waren in Stein gehauene, häufig künstlerisch gestaltete Demonstrationen für die enge Beziehung zur Kirche und zum Glauben. Die Fuldaer entdeckten diese Mini-Denkmäler erst rechtschaffen spät: im 18. Jahrhundert tauchten die ersten Exemplare auf, aber ab 1810 gab’s einen echten Bildstock-Hype. Zwischen 1817 und 1828 wuchsen sie überall in der Rhön plötzlich in den Himmel. Es war eine Zeit der "Sedisvakanz", der Bischofsstuhl in Fulda blieb jahrelang unbesetzt. Viele Gläubige in der Rhön beeilten sich, Bildstöcke zu errichten, um ihre Solidarität mit der Kirche zu demonstrieren. Allein auf dem Gemeindegebiet von Poppenhausen finden sich immer noch 50 Bildstöcke, zu ihnen führen eigene Wanderwege. Von 1848 bis 1873 war Christoph Florentius Kött Bischof in Fulda. "Er gehörte zu den milderen und friedliebenderen Bischöfen," schrieb ein Zeitgenosse. Kött war der Bildstock-Bischof – ein absoluter Fan dieser steinernen Zeugen der Volksfrömmigkeit. Entsprechend förderte er die gläubige Bautätigkeit. Die Zahl der Bildstöcke im Fuldaer Land und der hessischen Rhön wird heute auf bis zu tausend geschätzt. "Das gibt es weltweit in kaum einer anderen Region", schwärmte der Fuldaer Weihbischof Karlheinz Diez.

Karl Julius Weber dagegen, Schriftsteller und Philosoph (1767 bis 1832), belustigte sich über unsere Bildstock-Landschaft: "Man stößt auf so viele Cruzifixe oder Herrgotts. Häufig hängen die Herrgotts in Franken zwischen zwei Linden". Der Mann war ein im ganzen Land berühmter Scherzkeks. Eigentlich hatte er sich als Grabinschrift gewünscht: "Hier liegen meine Gebeine, ich wollte, es wären deine." Das war seiner Schwester zu unfromm; sie hat’s verhindert. Gegen einen anderen Wunsch ihres Bruders konnte sie nicht mehr einschreiten: An jedem 19. Juli, seinem Todestag, versammeln sich auf dem Friedhof in Kupferzell (Hohenlohe) Webers Bewunderer und erfüllen sein Vermächtnis: sie paffen Zigarren und schlagen Purzelbäume auf seinem Grab. Raucherlieder werden bei der Gelegenheit auch gern gesungen, zum Beispiel "Das Atmen ist des Rauchers Frust."

Warum investiert man in einen Bilderstock? Zum Beispiel, weil man sich kurz vorm Lebensende noch einen guten Himmelsplatz sichern möchte. Weil man einer schweren Krankheit, dem Krieg, dem wirtschaftlichen Niedergang entkommen ist. Viele Bildstöcke sind den "14 Nothelfern" gewidmet, einer Gruppe von Volks-Heiligen, die jedem Hilfsbedürftigen Erlösung in Aussicht stellen. Achatius zum Beispiel steht uns bei, wenn uns Todesangst heimsucht. Barbara, die Schutzpatronin vieler Berufsgruppen (Architekten, Schmiede, Maurer, Dachdecker, Feuerwehrleute, Helfer des Technischen Hilfswerkes) ist auch zuständig für Totengräber, Hutmacher, Jungfrauen und Gefangene. Blasius verspricht den Gläubigen Hilfe bei Halsweh und Geschwüren, Katharina schützt Mädchen, Jungfrauen und Ehefrauen. Erasmus hilft bei Leibschmerzen, ist aber auch kranken Haustieren zu Diensten. Mein Lieblings-Heiliger ist Dionysius. In der Basilika Vierzehnheiligen bei Staffelstein steht er zwischen seinen Kolleginnen und Kollegen und hält den Kopf in seinen Händen. Er verspricht Beistand bei Kopfschmerzen und Gewissensbissen. Vierzehnheiligen zieht jedes Jahr rund 800.000 Besucher und Pilger an. Am 10. Mai startet wieder die fünftägige Vierzehnheiligen-Wallfahrt von Simmershausen. Nichts wie hin! Gleich neben dieser einzigartigen Wald-Kathedrale wartet ein Biergarten mit einem verheißungsvollen Schoppen: "Nothelfer-Trunk".

Vor 75 Jahren, in den 50ern, war die Kirchenwelt noch heil, trotz Reformation und Aufklärung. Eugen Mühlbauer beschrieb das religiöse Leben in der Rhön: "In meiner Kindheit hing noch in jedem Haushalt beim Lichtschalter neben der Stubentür eine kleine porzellanene Weihwasserschale. Jedesmal, wenn man aus dieser Tür hinausging – ins Dorf, zur Bahn, ins Gasthaus – nahm man daraus ein paar Tropfen, schlug das Kreuz und ging einen behüteten und gesegneten Weg." Der Glaube war allgegenwärtig. Zog ein Sommergewitter auf, wurde zum Schutz die geweihte "Wetterkerze" entzündet. Im Mai standen in jedem Haus Marien-Altäre. Überhaupt, die Mai-Andacht! Mühlbauer: "wunderschön gesungene Marienlieder". Die ersten kleinen Techtelmechtel mit den Mädchen. "Aber das eine oder andere Marienlied kann ich noch heute singen, die Namen der Mädchen, die ich umschwärmte, habe ich (leider) vergessen..."

Gottfried Rehm zitiert einen Bericht von Gisela Simon aus Lahrbach: "Als meine Großeltern nicht mehr zur Kirche gehen konnten kam der Pfarrer jeden Freitag zu ihnen." Der Tisch war festlich mit weißem Tuch eingedeckt, darauf Kerzen und Blumen. Davor ein "gepolstertes Kniebänkchen" für den Pfarrer. "Wenn Oma und Opa beichteten, blieb ich draußen vor der Tür stehen." Gebete zur Kommunion, die Hostie, das Dankgebet... Heute senden viele Kirchen, so auch die Fuldaer Stadtpfarrkirche, ihre Gottesdienste live übers Internet. Die Nähe von damals aber ist natürlich futsch.

Das alles und noch viel mehr kann einem in den Sinn kommen, wenn man über das katholische Land fliegt. Was von oben noch irgendwie heilig wirkt, scheint unten dem Verfall preisgegeben zu sein. Die Gläubigen verabschieden sich. Selbst treueste Christen liebäugeln mit dem Kirchenaustritt. Wer drin bleibt, soll sich fortwährend rechtfertigen: was willst du denn noch da? Der Missbrauch an gläubigen Kindern, den Kirchenvertreter viel zu lange verdrängt, geduldet, vertuscht oder betrieben haben, ist wie ein Gift, das sogar ins Fundament gesickert ist. Gibt es da keine ermutigende Osterbotschaft, nirgends? Doch, vielleicht diese hier: Ausgerechnet in den USA, im Amerika des Donald Trump, wundern sich die katholischen Bischöfe über die größte Eintrittswelle seit Jahrzehnten. Die meisten Neu-Katholiken sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. Die New York Times hat in zwei Dutzend Diözesen die Zahlen abgefragt: überall im Land, auch in den beiden größten Bistümern Los Angeles und Phoenix, steigt die Zahl der Jungen rasant, die sich taufen lassen. Woran liegt es? Am "Papst-Effekt" – weil Leo XIV ein Ami ist? Das glauben die US-Bischöfe nicht. Der Washingtoner Kardinal Robert McElroy ist überzeugt, "der Heilige Geist" habe eingegriffen. Sein Kollege Mitchell Thomas Rozanski aus St. Louis analysiert etwas nüchterner, dass "im Zeitalter der Unsicherheit und der großen Ängste" die Menschen wieder Sicherheit und Vertrauen in der Religion suchen. Heiliger Bimbam! Oder, wie der Gläubige sagt: Himmel Herrgott nochmal! Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für die Christenmenschen.

Zu einer guten Andacht gehört auch seelenvolle Musik. Bitteschön, ein paar Hörproben:

Leonard Cohen, Hallelujah, Live in London 2008: https://www.youtube.com/watch?v=YrLk4vdY28Q

Georg Friedrich Händel, "Halleluja"-Chor aus dem "Messias"-Oratorium, Wiener Johann Strauss Orchester: https://www.youtube.com/watch?v=wIIH5Bva738&t

Justin Bieber, Pray: https://www.youtube.com/watch?v=o9tJW9MDs2M

Coldplay, We Pray: https://www.youtube.com/watch?v=VlSEIa1zubs

Johnny Cash, God’s Gonna Cut You Down: https://www.youtube.com/watch?v=eJlN9jdQFSc&t (Rainer M. Gefeller) +++

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