OsthessenNews

Echt jetzt! (50)

Wenn der Postmann keinmal klingelt - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Postkutsche für Kurzstrecken um 1914. 
Postkutsche für Kurzstrecken um 1914.
Bild: Gerhard51 via Wikimedia Commons

28.03.2025 / REGION - Die Vorfreude ist doch immer die schönste Freude. Das behaupten die, die uns lange Wartezeiten schön reden wollen. Pustekuchen! Vier Tage sollte die Zustellung meines Päckchens dauern – jetzt, nach über zwei Wochen, hat bei mir immer noch kein Postmann geklingelt. Eine Postfrau übrigens auch nicht. Das ist ja wie im Mittelalter! 1495 hat die Pferdepost für die 710 Kilometer von Mailand nach Worms, über diverse Alpenpässe, keine sieben Tage gebraucht. Vor zehn Tagen, morgens kurz nach zehn Uhr, hat der für mich zuständige Paketdienstleister frohlockt: "Die Sendung befindet sich in Zustellung". Ja, wo bleibt sie denn?



Am 10. März habe ich bei einer Internet-Firma Waren bestellt. Vier Tage später der Jubelschrei des Versenders: "Gute Nachrichten – dein Paket ist unterwegs." Aha. Seit wann duzen wir uns eigentlich? Am 18. März der Rückzieher: "Deine Sendung kann verzögert sein." Soso. Seit dem 17. März befindet sich das Paket angeblich "in Zustellung". Damals befand es sich in einem "Verteilzentrum" in Friedewald; das liegt laut ADAC-Routenplaner 52 Kilometer entfernt von Fulda. Muss ich mir Sorgen machen? Ist der Lieferwagen samt Fahrer verschleppt worden, nach Russland zum Beispiel? Man hält ja gerade vieles für möglich. Oder wurde dem Lieferanten der Führerschein abgenommen? Oder wurde die Ladung gestohlen (wie im Dezember in Bielefeld, wo 200 Pakete immer noch unauffindbar sind?). Täglich erkundige ich mich bei "Bo, dein Service-Bot", der sich in Zeiten der künstlichen Intelligenz als ziemlich strunzdummer Antwort-Roboter erweist. Täglich gibt er die identische Antwort: "Wir kommen voraussichtlich heute zwischen 8 und 20 Uhr." Das schreibt er auch sonntags, wenn die Boten gar nicht im Einsatz sind. Dieser Bo duzt mich ebenfalls. Kann mich nicht erinnern, mit diesem Knilch Brüderschaft getrunken zu haben.

Postwagen-Fahrten waren hart

Ach, was hatten wir mal romantische Vorstellungen von jenen Rittern der Landstraße, die uns Rechnungen, Liebesbriefe, Hassgesänge, Kontoauszüge, Weihnachtspäckchen, Hiobsbotschaften und Einberufungsbescheide ins Haus brachten. Gepriesen war das Heer der 20.000 Landbriefträger, die 1885 über 156 Millionen Kilometer kreuz und quer durch Deutschland marschierten, "auf den krummen Stab sich stützend, rüstig und pflichtbewusst". Natürlich wären wir lieber Postreiter gewesen. Reichte schon, dass die wilden Sattelkünstler "hoiho" brüllten, schon sind alle an den Wegrand oder in den Graben ausgewichen. Und dann erst die Postkutscher! Andererseits: Postwagen-Fahrten waren hart. Bauernwagen ohne Federung, grobe Wege, ungehobelte und nicht selten betrunkene Postillions... Die bis zu 70 Zentner schweren Bollerwagen schafften häufig nur eine Meile in drei Stunden – und das, obgleich die Postler immer Vorfahrt hatten. Andere Kutschen mussten anhalten, Stadttore und Schlagbäume mussten "unverzüglich" geöffnet werden, sobald das Posthornsignal ertönte. Ein Reisebericht 1807 offenbart die matschige Seite der idyllischen Kutschfahrt: "Schon zehn Minuten nach dem Tore stiegen wir ab und keuchten mühsam im Morast neben dem Wagen her. Der Weg ein alles bedeckender Sumpf. Bald versanken die beiden vorderen Pferde bis an die Brust im Morast..."

Manche der damaligen Post-Transporteure tickten natürlich nicht ganz sauber. Öffneten die Briefe ihrer Kundschaft über Wasserdampf, um einfach mal Bescheid zu wissen. Plünderten Wertsachen oder ließen gleich komplette Sendungen verschwinden. Apropos: Wo bleibt mein Paket? Man mag sich nicht zu laut beschweren, weil es den heutigen Post-Lieferanten häufig gar nicht gut geht. Chronisch unterbezahlt, immer unter Zeitstress. Druck von den Chefs, nörgelnde Kunden, Treppenhäuser ohne Aufzüge, beißlustige Hunde. Die Deutsche Post will bis zum Ende des Jahres 6.000 Zusteller entlassen. Das kann ja heiter werden. Laut Bundesnetzagentur beschwerten sich 2024 mehr als 44.000 Kunden über verlorene Briefe, beschädigte Pakete und verspätete Sendungen.

Wertpakete, die lässig vor der Haustür abgeworfen werden.

Social-Media, die Lebenshilfe-Abteilung des Internets, fließt über von einer Brühe aus Wut, Verzweiflung, Häme und Besserwisserei über die Leistungen der Zustelldienste. Ein angelsächsisch geprägter Zustelldienst konnte eine Adresse nicht finden, weil’s den Buchstaben ß im Englischen halt nicht gibt – bei uns aber schon: in jeder Straße. Ein gewisser Peter fragte die Netz-Gemeinde: "Findet ihr, dass 36 Monate Zeit, um ein Paket von Deutschland nach Polen zu bringen, zu wenig ist?" Wertpakete, die lässig vor der Haustür abgeworfen werden. Päckchen, die als "ausgeliefert" bezeichnet werden, aber nirgends ankamen...

Gern flüchten wir erneut ins Gestern, da ging ganz schön die Post ab! In welche Welten man da gerät – "Traritrara" und "Hoch auf dem gelben Wagen". Die Peitsche knallt, das Posthorn blökt. Während Grafen und Fürsten und auch Kaiser sich Ihre Schlösser und Bauern untertan machten, herrschten die Post-Könige über die ganze Welt. Franz von Taxis, ein Mann von niederem Adel und großem Ehrgeiz, hat am 12. November 1516 dem Karl I. – damals noch einfacher König von Spanien, später als Karl V. römisch-deutscher Kaiser – einen Vertrag über den Aufbau des Postwesens abgeluchst. Darin war alles geregelt, Preise, Strecken, Zustellzeiten. Ein Brief von Brüssel nach Rom durfte nicht länger als zwölf Tage unterwegs sein. Der Vertrag war der vielleicht wichtigste Schritt zum größten, grenzüberschreitenden Post-Clan Europas. Ab 1615 wurde der Titel des Generalpostmeisters des Reichs sogar von einem Familien-Oberhaupt zum nächsten vererbt. Die Taxis wurden immer reicher und wichtiger; als sie 1650 auch noch in den Hochadel aufstiegen, nannten sie sich "Thurn und Taxis". Sie bestimmten sogar, wer ihre Musik spielte: Nur Postler durften ins Posthorn blasen. Wer nicht blasen konnte, hatte im Postdienst nichts verloren – wer besonders schön losblies, wurde mit dem Ehrenposthorn belohnt. Und Mode-Designer waren sie ebenfalls: Ihre Postboten trugen schwarz-gelbe Uniformen, auch heute noch die Postfarben. Die eingeheiratete Chef-Erbin Gloria hat zwar bei der Post nichts mehr zu trompeten, kommt aber immer noch in den Genuss des aufgehäuften Reichtums. Die T&Ts sind zum Beispiel immer noch die größten privaten Waldbesitzer Deutschlands.

Wir armen Empfänger-Würstchen

Genug davon. Wir armen Empfänger-Würstchen schreiben einfach mal an den Paketdienst; eine aufmunternde Beschwerde kann ja nichts schaden. Sapperlot! Nach nur 18 Minuten eine Antwort: "Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um Ihr Anliegen so schnell wie möglich zu beantworten." Schau an, jetzt siezen sie mich wieder – natürlich nicht ohne mir noch eine reinzuwürgen: "Eine weitere E-Mail verlängert die Bearbeitungszeit. Bitte verzichten Sie deshalb auf weitere Anfragen zum selben Anliegen." Bei diesem Paketdienst ist der Kunde echt ein Kümmerling.

Ein Trost: Dem eleganten Landgrafen "Der Großmütige" Philipp (1504 bis 1567) ging die Schneckenhaftigkeit des Postverkehrs auch schon auf den Zünder. Häufig legte er sich mit den Postdiensten an, 1546 etwa drängte er auf Verdopplung der Botenzahl. 1553 wandte sich Bischof Melchior von Würzburg an Philipp "mit der Bitte, seine Briefe nach Sachsen mit der hessischen Post befördern zu dürfen". Philipp sagte zu. Damit’s schneller ging, sollte die Post künftig über Fulda transportiert werden, wo zwei Briefboten angestellt waren. Auch später stellten sich die Hessen den Quasi-Monopolisten Thurn und Taxis störrisch in den Weg. 1716 richtete Landgraf Karl eine Postlinie von Kassel über Hersfeld nach Fulda ein – T&T protestierte beim Kaiser gegen die "verwerfliche und anmaßliche" Eigenmächtigkeit. Auch der Fuldaer Abt wurde vom Kaiser angeranzt, sich gefälligst an das "Kaiserliche Postregal" zu halten. Die Hessen pfiffen den Vorfahren der Regensburger Gräfin Gloria was...

Dann kamen die Preußen, und mit ihnen der "Generalpostdirektor" Heinrich von Stephan (1831 bis 1897). Der "Post-Bismarck" brachte preußische Ordnung in den Brief- und Paketversand, entwand den Thurn- und Taxis ihre Macht und strickte an einem welt-umspannenden Post-System. Nebenher hatte er auch noch Zeit, das Amts-Kauderwelsch ins Deutsche zu übersetzen: Briefumschlag statt Couvert, Einschreiben statt recommandé, Postkarte statt Correspondenzkarte, Nachnahme statt remboursement... Aber müssen wir uns das überhaupt noch merken? Briefträger gibt’s wohl bald nicht mehr. Weil die Menschen sich das Briefschreiben abgewöhnt haben und lieber WhatsApp-Meldungen "posten". Da würde sich die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797 bis 1848) ganz schön grämen. Mehrere tausend Briefe soll sie in ihrem Leben verfasst haben. Zweimal pro Woche, mittwochs und samstags, konnte sie ihre Werke per Schnellpost auf den Weg bringen. Ein Brief aus dem Münsterland zu ihrer Schwester am Bodensee brauchte vier Tage. 100 Jahre später spottete ihre Kollegin Virgina Woolf: "Das Briefeschreiben ist für mich wie das Hochwerfen von Omeletts. Wenn sie zerbrechen und in sich zusammenfallen, kann ich’s nicht ändern."

Ach, lassen wir lieber den alten Romantiker Theodor Fontane zu Wort kommen, in diesem Reimwerk an seine Frau Emilie:

Briefträger setzen sich in Trab,
Sie reissen fast die Klingel ab,
Sogar Pakete treffen ein –
Mög es das ganze Jahr so sein.

Zurück in die Wirklichkeit. "Sie haben lange nichts von uns gehört. Bitte entschuldigen Sie". Schau an, was für vorbildliche Umgangsformen. Seit zehn Tagen soll das Päckchen bei mir sein, da meldet sich doch tatsächlich der "Kundenservice" des Paketdienstes mit "herzlichen Grüßen" und der Versicherung: "Wir kümmern uns." Das Päckchen ist futsch, davon bin ich überzeugt. Zwar verkündet der Paketdienstleister auf seiner Webseite immer noch, es werde "voraussichtlich heute" zugestellt – aber auch der Absender scheint das Vertrauen verloren zu haben. Jedenfalls ist der bereits gezahlte Rechnungsbetrag wieder auf meinem Konto. (Rainer M. Gefeller) +++





Echt Jetzt! - weitere Artikel

↓↓ alle 53 Artikel anzeigen ↓↓