Echt jetzt! (105)

Hol’s der Kuckuck - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Teichrohrsänger füttert fettes Kuckucks-Baby.
Foto: wikimedia/ Sonja Braue

17.04.2026 / REGION - Stellen wir uns vor, wir wären eine niedliche kleine Bachstelze. Oder ein Rotkehlchen. Oder ein harmloser Zaunkönig. Arglos flattern wir heimwärts, die Bäckchen vollgestopft mit winzigen Larven und anderen Leckerbissen. Da ist ja schon das Nest – aber was ist da los? Wo sind denn die lieben Kinderchen? Was ist das für ein Ungetüm in unserem Bett; nackt, mit einem riesigen, wackelnden Kopf? Erschrocken fliegen wir näher, und da reißt DAS DING seinen gewaltigen Schnabel auf. Wir starren in einen "schrillroten Rachen", und schon sind wir dem Schmarotzer verfallen. Wie kann das sein? Wie können erwachsene Wesen diesem fiesen Kuckuck derart hörig werden?



"Eine höchst problematische Natur", rümpfte Meister Goethe die Nase über den Kuckuck. "Ein Betrüger", rügte Plinius. "Ein Feigling", schimpfte Aristoteles – weil der Kuckuck zu ängstlich sei, seine Brut gegen Feinde zu verteidigen, lässt er sie einfach in fremde Nester plumpsen. Mit dem Ornithologen Eugen Ferdinand von Homeyer (1809 bis 1889) dagegen gehen die romantischen Gefühle durch: "Welches Menschenherz, wenn es nicht in schmählichster Selbstsucht verschrumpft ist, fühlt sich nicht erhoben, wenn der Ruf des Kuckucks im Frühlinge ertönt." Alfred Brehm erklärt es zur "Pflicht jedes vernünftigen Menschen, dem Walde seinen Hüter, uns den Herold des Frühlings zu lassen, ihn zu schützen und zu pflegen..." "Das Leben eines Brutparasiten ist nicht einfach", äußert lakonisch der Kuckucks-Erforscher Nick Davies von der Uni Cambridge. Na, das immerhin steht fest.

Kommen wir zum Steckbrief von Cuculus Canorus, dem wir so schöne Lieder singen: "Kuckuck, Kuckuck, schallt’s aus dem Wald." Weiches, "düsterfarbiges" Gefieder. Das Männchen ist auf der Oberseite "aschgraublau oder dunkelaschgrau". Gelbe Augen, schwarzer Schnabel, gelbe Füße. Das "alte Weibchen" ist häufig rostfarben. Bis zu 34 Zentimeter Körperlänge (wie ein Turmfalke). Lebt eigentlich in Wäldern, aber nicht nur: Auf Sylt wurden auch schon welche gesichtet. Der Kuckuck futtert Käfer, Regenwürmer, Heuschrecken, Libellen – am allerliebsten aber Schmetterlingsraupen, an die kein anderer Vogel sich rantraut. Nicht einmal vor den gefährlichen Eichenprozessionsspinnern zuckt er zurück. Vorm Verzehr schlägt er das sich windende Gewürm schonmal gegen Äste, um ihnen das Gift aus den Härchen zu prügeln. Ja, der Kuckuck ist ein echter Gourmet. Unser Vogel ist ein unruhiger Geselle. Immer in Bewegung, immer "schreilustig" – sogar in der Nacht. Ein gewandter Flieger, aber "im Klettern vermag er nichts zu leisten, im Gehen ist er ein Stümper ohnegleichen" (Brehm). Als Zugvogel ist der Kuckuck hingegen fast unschlagbar: aus Nordeuropa und Deutschland geht’s über Griechenland oder Italien und die Sahara bis weit südlich des Äquators. Im April kehrt er zurück, im August geht’s wieder auf nach Afrika. Im Lauf seines zehnjährigen Lebens schafft er eine Strecke von über 150.000 Kilometern.

Für Anhänger der monogamen Lebensform ist Frau Kuckuck ein liederliches Wesen, "gibt sich allen hin, die ihr genehm sind." Hat sie Befriedigung gefunden, "kümmert sie sich nicht mehr um den Liebhaber, den sie eben noch begünstigt hatte." Auf die Art kriegen alle Interessenten irgendwann ihren Spaß, obwohl im Reiche Kuckuck dramatischer Männerüberschuss herrscht. "Abends spät, wenn das Rot im Westen schon beinahe verglommen", sitzt Herr Kuckuck auf einem Baum und ruft seinen "Abendgruß". Das gefällt irgendeinem Weibchen immer, sie flattert herbei und lässt ihn "verheißend aufschreiend ein erfreuliches Morgen erhoffen." Was Herr Brehm wohl gefühlt haben mag, als er diese romantischen Zeilen aufschrieb.

Der Kuckuck ist ein Teufel. Doch, doch, davon waren unsere Urur-Ahnen noch im Mittelalter überzeugt. Wie kann man nur die eigene Brut in fremde Hände geben? Nur weil diesen Satansbraten elterliche Fürsorge fremd ist – und weil sie zu faul sind, ein Nest zu bauen: Unkraut jäten und herbeischaffen. Äste und Zweige kunstvoll zusammenfügen. Bei Bedarf mit Blättern gemütlich herrichten. Und hinterher: Futter herbeischleppen. Nee, nicht mit uns!

Schmarotzer! Sprechen Sie das Wort mal laut aus; das klingt doch schon vollständig widerlich. Haben Sie auch so einen in Ihrem Bekanntenkreis? Das sind diese charakterlich auffälligen Typen, bei denen es nicht ganz zum Zechpreller gereicht hat – aber wenn’s ans Bezahlen geht, haben sie nie Geld dabei. Aber hüten Sie sich, dieses Sch-Wort auf einen Mitbürger oder eine Mitbürgerin anzuwenden: Das ist ehrverletzend, herabwürdigend und kann gemäß Paragraph 185 des Strafgesetzbuches "den Tatbestand der Beleidigung" erfüllen. Oha! Aber den Kuckuck, den können wir doch so nennen, oder?

Der Kuckuck ruft gar nicht Kuckuck, behauptet Alfred Brehm. "Wer wie ich jeden schreienden Kuckuck durch Nachahmung seiner Stimme herbeirufen kann", wisse schließlich Bescheid. Keine Geige, kein Klavier und erst recht keine Kuckucksuhr können dessen Töne nachahmen. Eher, bestätigt die "Süddeutsche", klinge sein Ruf "wie aus einer kaputten Blockflöte". Wenn der Liebesrausch ihn übermannt, legt der Flötenheini richtig los. Die Flügel ausgebreitet, den Schwanz angehoben, die Kehle aufgeblasen: "Guh-guh", und dann gleich nochmal, bis zu 60 Rufe am Stück. Ist ein Nebenbuhler. "der hassenswerteste aller Gegner", in der Nähe, wird’s stimmlich hektischer: "guhguhguh". Irgendwann, sobald ein Weibchen sich nähert, wird er heiser vor Aufregung "quawawa" und "haghaghaghag", mitunter auch "quorr" oder "quorrg", wie das "Knarren eines Teichfrosches". Und dann wieder Guhguh, viermal in fünf Sekunden. "So brutfaul er ist, so verliebt ist er." Und was sagt Fräulein Kuckuck zu alldem? Sie kichert. "Jickikikick" hat Brehm da herausgehört, ein schrilles hartes Ablachen. Das versetzt die Männchen sonderbarerweise noch mehr in "Liebesraserei".

Soweit die Piep-Show. Schweigen wir davon, wie die Kuckucks zur Tat schreiten. Kommen wir stattdessen zum Eierlegen. Erstmal muss die Luft rein sein: Die ahnungslosen "Adoptiveltern" dürfen keinesfalls daheim sein. Notfalls wird nachgeholfen: Herr Kuckuck umflattert das Ziel-Nest mit aufreizenden Bewegungen; Gipfel seines schauspielerischen Talents ist ein Zitter-Anfall. Irgendwann hält es die kleinen Elterntiere nicht mehr im Nest. Neugierig oder zornig oder aufgeregt schauen sie nach – und schwupp ist Frau Kuckuck im Nest, legt sekundenschnell ihr Ei zu den übrigen. Falls die Stiefeltern zählen können, wird sicherheitshalber ein Ei mitgenommen (und eventuell verputzt).

Das Kuckucks-Ei ist im Mutterleib bereits vorgebrütet. Der Parasit muss ja schauen, dass er hurtig ans Licht kommt – und dann wird er ruckartig zum Killer. Die anderen Eier schiebt Kucki-Baby mit dem Rücken über den Nestrand in den Abgrund. Sind die Original-Kinder seiner Wirtsleute bereits geschlüpft, verfährt er mit ihnen genauso. Der Naturforscher Johann Friedrich Naumann ekelte sich vor dem "unförmlichen Kopfe mit den großen Augäpfeln", das Kuckucks-Kind sei "in der That hässlich". Mancher hätte gedacht, da säße eine Kröte im Nest. "Zis-Zisis" schreit das gefräßige Scheusal ohne Pause. "Mit rührendem Eifer" schleppen die kleinen Ersatz-Eltern den ganzen Tag über Nahrung herbei; es ist niemals genug. Aber das dicke Ding hat sie mit seinem roten Schlund hypnotisiert, ihre elterlichen Gefühle machen sie willenlos.

Sitzt das Mast-Baby erst im Nest, ist es um die meisten Wunsch-Eltern geschehen. Aber manche Birdies haben die Nest-Diebe durchschaut. Teichrohrsänger, haben Ornithologen ermittelt, greifen Kuckucke sofort an, wenn sie sich in der Nähe ihres Heims blicken lassen. Wenn sie sich nicht schleichen, reißen ihnen die wutbebenden Winzlinge sogar Federn aus. Die fleischfressende Sperlingsart der Würger, von denen manche fast so groß werden wie der Kuckuck, schlagen dem Nest-Trickser gern schon mal ihre dunklen Hakenschnäbel in den Leib. Der Drosselrohrsänger kann nicht nur "Schimpfen wie ein Rohrspatz", sondern auch schnabel-greiflich werden: Es wurde schon beobachtet, wie der Ufer-Vogel die feindlichen Eierleger in Bächen oder Teichen ertränkt.

Lösen Sie gern Kreuzworträtsel? Dann hätte ich da eine einfache Aufgabe: Wolkenkuckucksheim mit acht Buchstaben. Jawohl, richtig, da gibt’s drei Lösungsmöglichkeiten. Mir passt folgende am besten: Illusion. Schon weil ich dann mal kurz und völlig sinnfrei Charles Bukowski zitieren kann: "Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel." Das echte Wolkenkuckucksheim hat uns der altgriechische Komödiendichter Aristophanes gebaut. In seinem Stück "Die Vögel", irgendwann im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt entstanden, lebt man im Kuckucksheim "völlig losgelöst von der Erde" und auch von aller Wirklichkeit hoch oben in den Wolken, in einem utopischen Luftschloss. Hat nicht lange gedauert, da wurde das Wolkenkuckucksheim auch auf uns Menschen übertragen – auf Tagträumer und Stoffel und all jene, die "nicht alle Latten am Zaun" haben und unfähig sind, ihren Alltag zu meistern. Auf deutsch: Künstler, Musiker, Philosophen, Tänzer, Lehrer, Schreiberlinge... Die Aufzählung sollte jeder seinem eigenen Geschmack anpassen.

Einen Augenblick, gleich gibt’s hier wieder Krach in der Bude. 12 Uhr mittags. Klappe auf, "Kuckuck", Klappe zu. Klappe auf, "Kuckuck", Klappe zu. Zwölfmal hüpft dieser drömmelige Plastik-Vogel aus der Kuckucksuhr, kaum auszuhalten. Aber die Menschen lieben den altmodischen Zeitmesser aus dem Schwarzwald. 150.000 davon sollen pro Jahr produziert werden; vor allem Amerikaner und Chinesen sind davon ganz hin und weg. Wie kam der Kuckuck in die Uhr? Während die musikalisch hochbegabten Singvögel die Tonleiter rauf und runtertirillieren, reichen dem Kuckuck zwei Töne. Ein Blasebalg drückt seine Luft in zwei Pfeifen, das war’s. Soviel zum lieblichsten Klang des Waldes. Ach, wissen Sie was: Hol’s der Kuckuck!

Hier wird’s wieder musikalisch: Auftritt für den Kuckuck.

Erstmal singt der Kuckuck selbst – HMR-Video für Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=h-bZTJzDp90&t

Cosmo Sheldrake, Cuckoo Song: https://www.youtube.com/watch?v=cbQyFZmuA58&t

Stephen Wilson Jr., Cuckoo: https://www.youtube.com/watch?v=ImKGfDntLhg

Rising Appalachia, Cuckoo: https://www.youtube.com/watch?v=h6ow2Z5Jh9Y&list=RDh6ow2Z5Jh9Y&start_radio=1

Benjamin Britten, Cuckoo (aus den Friday Afternoons Op. 7), mit dem Kinder-Chor der Turchini Academia, Neapel: https://www.youtube.com/watch?v=mYbl9RysfOQ&list=RDFTMLWuY36KQ&index=2

Everly Brothers, Cuckoo Bird: https://www.youtube.com/watch?v=rgUCXNc8GCM

Bob Dylan, The Cuckoo is a pretty Bird: https://www.youtube.com/watch?v=wNmVxKE_3To&list=RDwNmVxKE_3To&start_radio=1

YouTube Kinderlieder, Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald: https://www.youtube.com/watch?v=LhY8fkLGGIg

Hannes Wader, Auf einem Baum ein Kuckuck saß: https://www.youtube.com/watch?v=BEsntgiTOss&tOt (Rainer M. Gefeller) +++

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