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Invasion der E-Scooter - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Typisch Generation Z, schreibt der Fotograf: Er steuert den E-Scooter, sie dattelt mit dem Smartphone.
Foto: Kristoffer Trolle bei Wikimedia. Kristoffer Trolle from Copenhagen, Denmark, Generation Z kids on Electric Scooter (48263543577), CC BY 2.0

21.08.2026 / REGION - Guck mal an, wie nett: die junge Mutter da drüben holt ihr Kind aus der Kita. Mit dem Elektro-Roller. Greift dem Mädel resolut unter die Arme, stellt es vor sich auf das Fahr-Brett – und los geht’s. Hat die Frau noch niemand aufgeklärt, dass dieses Fahrzeug nur für eine Person erlaubt ist? Ach schau: da drüben schlängelt sich ein Pärchen durch geparkte Autos, auch die beiden teilen sich ein Brett. Zwei Frauen rauschen nebeneinander über den Gehsteig und halten ein Schwätzchen. In der Tempo-30-Zone wird ein vorschriftsmäßig gedrosselter Pkw von einem E-Scooter überholt... Hilfe! Auf einmal rasen diese Renn-Geräte nicht nur in Frankfurt oder Berlin auf uns los, sondern auch hier bei uns. Wo sind nur die gemütlichen alten Tretroller geblieben?



Im Oktober 1916 war der "New York Herald" vollkommen außer sich: "Einmann-Teufelsgefährt könnte das städtische Leben mit neuem Terror überziehen", entrüstete sich die Zeitung in einem Schmäh-Aufsatz gegen den "Autoped", den Uropa des heutigen E-Scooters. Der wurde von einem 1,5 PS starken Benzinmotor angetrieben. Mit einem Stückpreis von 100 Dollar war das Knatter-Ding viel zu teuer für Normalos. "Lächerlich", "gefährlich" und "lästig" befanden Zeitgenossen das Gerät. Der "Herald" bescheinigte dem Steh-Rad das "Gemüt eines ungezähmten Pferds und die Arglist eines Aals". Die Frauenrechtlerin Lady Florence Priscilla Norman fuhr das Autoped, ein Geburtstagsgeschenk ihres Mannes, während des Ersten Weltkriegs in London spazieren. Es gab auch noch andere Enthusiasten für dieses futuristische Mobil, zum Beispiel die amerikanische Flugpionierin Amelia Earhart: "In Zukunft muss niemand mehr laufen." Pustekuchen: Die Produktion für das rumpelige Gerät wurde 1921 wieder eingestellt – es war den meisten zu schwer, zu klobig und zu unbequem. Manche New Yorker Straßengangster sollen das Ende des flinken Zweirads bedauert haben: Man konnte damit nach Raubzügen so wunderbar der Polizei entkommen. Allzu große Beute konnte freilich nicht transportiert werden.

Manche nennen sie "Summ-Summ". Weil sie derart leise und schnell von hinten heranrollen, dass sie schon wieder weg sind, wenn wir uns gerade zu erschrecken beginnen. In Fußgängerzonen und auf Gehwegen regiert nicht mehr das spazierende Volk, sondern das fatale Rennbrett. Innerhalb weniger Jahre hat es der E-Scooter geschafft, vom gefeierten Helden der "Verkehrswende" zum Rabauken der Innenstädte zu werden. FAZ-Herausgeber Berthold Kohler spottete kürzlich, das Schöne an E-Rollern sei, dass man sich nicht an Verkehrsregeln halten müsse: "Das scheinen jedenfalls viele der eher jüngeren Benutzer zu glauben, die auf ihren Untersätzen rote Ampeln überfahren, Fußgänger als Slalomstangen betrachten und am Ziel ihr Vehikel hinschmeißen, als wollten sie eine Straßensperre errichten." "E-Scooter braucht kein Mensch", notierte erbost die Stern-Reporterin Kerstin Herrnkind: "Wer sich auf ihnen fortbewegt, kann das Wort Rücksicht oft nicht buchstabieren."

Woher kommt all diese Wut? E-Scooter werden zunehmend gefährlich. 2025 registrierte die Polizei in Deutschland 16.496 Scooter-Unfälle, "bei denen Menschen zu Schaden kamen". 38 Prozent mehr als im Vorjahr, 38 Tote. Im vergangenen Jahr gab es auch in Osthessen, wie in der gesamten Republik, weniger Unfälle als im Vorjahr. Wenn da nur diese "Elektrokleinstfahrzeuge" nicht wären – deren Unfallzahl hat sich verdoppelt, auf 92. Unverletzt kommt kaum ein Fahrer davon, wenn sein Scooter in einen Unfall verwickelt wird. Die Bilanz in der osthessischen Polizeistatistik: 73 Verletzte, die meisten waren männlich (52). 13 Schwerverletzte (2024: 6), 60 Leichtverletzte (2024: 30). Die Technische Universität München hat im vergangenen Jahr gewarnt, dass E-Scooter-Fahrer gefährlich leben: Bei Unfällen erleiden sie häufig Kopf-Verletzungen (Hirnblutungen, Schädelfrakturen), 80 Prozent der Schwerverletzten mussten auf die Intensivstation. In einer Forsa-Umfrage verlangten 78 Prozent der Befragten einen "E-Scooter-Führerschein". Der TÜV-Verband fordert eine "Mobilitäts-Erziehung" für Kinder und Jugendliche.

E-Scooter darf man ab 14 fahren. Ohne Führerschein. Keine Helmpflicht. E-Scooter müssen den Radweg nutzen. Ist keiner da, gehören die Scooter auf die Straße. Haha, guter Witz! Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit sind 20 km/h. Viermal so schnell wie ein zügig ausschreitender Fußgänger. Das ist das Ende des gemütlichen Einkaufsbummels in der Stadt. Der E-Scooter muss über eine Identifizierungsnummer und eine E-Zulassung verfügen. Jeder E-Scooter benötigt eine Haftpflichtversicherung. Offenkundig reicht das nicht, um die Geschwindigkeits-Lust der Fahrer zu zügeln, und die Bürgersteige ziehen sie an wie der Speck die Maus. Eine Neufassung der Straßenverkehrsordnung soll E-Scooter ab 2027 den Fahrrädern gleichstellen. Das bedeutet: nur noch Schrittgeschwindigkeit in Fußgängerzonen und auf Gehwegen (falls diese für Radfahrer freigegeben sind). Verleih-Firmen sollen künftig für Schäden aufkommen.

Der Verkehrssicherheitsrat empfiehlt überdies die Anhebung des Mindestalters, einen "Befähigungsnachweis" sowie größere Räder. Die Fahrgeräte mit dem winzigen Gummi-Rädern sind für bestimmte Alltags-Tücken nicht gerüstet: Straßenbahnschienen, Kanaldeckel, Bordsteine, Schlaglöcher. Da plumpst man rasch mal vom Brett – zumal dann, wenn man schneller unterwegs ist als die Polizei erlaubt. Im Internet wird ungezähltes Zubehör angeboten, mit dem man E-Scooter in kleine Raketen verwandeln kann. Aber auch bei gesetzestreuer Fahrt kann’s wacklig werden. Armin Laschet, ehemaliger Kanzlerkandidat der Union, steht mit konzentriertem Gesichtsausdruck auf einem türkisfarbenen E-Scooter. Vor ihm eine braune Aktentasche, wie sich’s für einen Bundestagsabgeordneten gehört. Im April hat es Laschet, der häufig in Berlin rumscootert, plötzlich vom Brett gehauen. Der Christdemokrat brach sich eine Schulter: "Ich war da etwas leichtfertig." Ja, ja, auch in manchen Älteren schlummert noch der Draufgänger von einst...

Andreas Franz Scheuer zählt doch garantiert auch für Sie zu den Lieblings-Ministern der vergangenen zehn Jahre. Köstlich, was dieser Mann alles verzapft hat. Ist doch egal! Wenn das Ansehen erstmal im Keller ist, sieht man ohnehin nicht, wenn da noch weitere Kratzer hinzukommen. "Ja, der Andi!" Offenbar waren die Erwartungen unter Eingeweihten nie wirklich hoch. Verkehrspolitik war sein ganz großes Thema, schließlich war er dafür verantwortlich. Schweigen wir über die Pkw-Maut, seinen größten Murks. Aber niemand kann sagen, er habe nicht die Zeichen der Zeit erkannt. Irgendwann jedenfalls verliebte er sich in das schöne Wort Verkehrswende. Als "Baustein einer nachhaltigen Verkehrswende" feierte der Deutsche Städte- und Gemeindebund 2019 die gerade frisch zugelassenen E-Scooter, DER Klima-Knüller der Verkehrspolitik: "Alternative zum Auto", "Attraktives Fortbewegungsmittel", "Entlastung der Straßen", "Saubere Luft"! Minister Scheuer war also keinesfalls allein mit seiner Begeisterung, ganz im Gegenteil.

Tempolimit auf Autobahnen kam für ihn nicht in die Tüte, weil "gegen jeden Menschenverstand". Er selbst liebt angeblich seinen BMW 325ix, die 1987 gebaute Karosse hat schon Franz Josef Strauß gehört. Aber modern wollte er natürlich dennoch sein, da kamen "dem Andi" die E-Scooter gerade recht. Die Dinger hatten doch einen Motor, konnten so schlecht also nicht sein. Also: freie Fahrt für freie Bürgersteig-Ferraris. So ähnlich stand es in seinem Gesetzentwurf 2019; auch auf Gehwegen sollten sie fahren dürfen. "Wo sollen denn die Roller hin", soll Scheuer Kritiker gefragt haben. Der "Fachverband Fußverkehr (FUSS)" schäumte: "Der Schutz von Kneipentischen auf dem Gehweg ist Andreas Scheuer wichtiger als der Schutz der Hüftknochen alter Menschen." Eine Bürgerwacht aus zahllosen Experten konnte Scheuers Freifahrtschein verhindern. Immerhin! In Madrid waren die "Flitza-Blitza" anfangs auf Gehwegen zugelassen. Das änderte sich ruckartig, als eine junge E-Roller-Fahrerin eine 90-Jährige angefahren und getötet hatte. Die junge Frau war während der Fahrt in ihr Handy vertieft.

Städte wie Fulda sind von den übelsten Begleiterscheinungen der E-Scooter-Schwemme bislang verschont geblieben: In Großstädten, vor allem in Frankfurt und Berlin, haben Verleih-Firmen das Stadtbild erobert. In Berlin hat sich ein Bündnis aus zahlreichen Organisationen gegen "unreguliertes Wildparken" auf den Gehwegen formiert. Roland Stimpel, Vorstand im Fußgängerlobbyverein FUSS: "Menschen mit Sehbehinderungen sind am stärksten betroffen. Auch für Mütter mit Kinderwagen ist oft kein Durchkommen." Bedia Kunz, stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins und selbst blind: "Ich habe schon zwei Stürze hinter mir. Da packt einen nur noch die Wut." Frau Kunz kritisiert, dass der Berliner Senat dem Problem mit Langzeitplänen zu Leibe rückt: "Ich stolpere und stürze heute und nicht erst in zehn Jahren." In einer Umfrage im Auftrag des VdK forderten 57 Prozent der Befragten strengere Regeln – und deren Kontrolle. In Städten wie Paris, Madrid, Prag und Melbourne ist der Verleih von E-Scootern bereits verboten, Brüssel folgt im nächsten Jahr.

Andererseits: Sollten wir nicht alle froh sein, wenn junge Menschen draußen "in der frischen Luft" unterwegs sind? Ist doch gesünder, als wenn sie daheim auf dem Sofa rumhängen und die Chipstüten leeren. Also hören wir auf zu nörgeln. Schauen Sie mal, wie glücklich unser Nachwuchs durch die Stadt kurvt, von einem Verkehrsverstoß zum nächsten. Bei manchen spielt vielleicht auch der Leistungsgedanke eine Rolle. Der US-Komiker George Carlin fragte einst: "Hast du schon bemerkt, dass jeder, der langsamer ist als du, ein Idiot ist?" Wir Fußschlurfer wollen doch auch nicht andauernd im Weg rumstehen. Ab sofort gehen wir nur noch im Schutzanzug ins Freie. Dann sehen wir zwar alle aus wie das Michelin-Männchen – aber die E-Scooter lassen wir einfach an uns abprallen. Viel Spaß da draußen!

Musikalisch haben es die E-Scooter nicht so drauf, obwohl viele Mädels und Jungs am Lenker meistens die verdächtigen Stöpsel im Ohr tragen. Was mögen sie hören? Wahrscheinlich "Hyper, Hyper", danach kann man schön Kurven drehen, und die Band heißt auch noch Scooter. Ach, hören Sie selbst!

Phoebe Bridgers, Motion Sickness: https://www.youtube.com/watch?v=9sfYpolGCu8&list=RD9sfYpolGCu8&start_radio=1

Wiebke Worm, e-Scooter überall: https://www.youtube.com/watch?v=GCRoK2hQCF4&list=RDGCRoK2hQCF4&start_radio=1

Bruce Springsteen, Soul Driver: https://www.youtube.com/watch?v=5jM3VmsUl7I&list=RD5jM3VmsUl7I&start_radio=1

Scooter, Hyper Hyper: https://www.youtube.com/watch?v=FFJIEK17b9M&list=RDFFJIEK17b9M&start_radio=1

The Cars, Drive: https://www.youtube.com/watch?v=gnOCy8l9YlE&list=RDgnOCy8l9YlE&start_radio=1https://www.youtube.com/watch?v=xuZA6qiJVfU&list=RDxuZA6qiJVfU&start_radio=1

Johnny Cash, Drive On: https://www.youtube.com/watch?v=gnOCy8l9YlE&list=RDgnOCy8l9YlE&start_radio=1

HBz, kramsen, Asterio, E-Scooter Anthem: https://www.youtube.com/watch?v=GLt3MR5UEQM&list=RDGLt3MR5UEQM&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller) +++

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