Echt jetzt! (97)

Tränen, Sex & Nutella - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Gefährliche Naturschönheit: die Haselkätzchen
Symbolbild: Pixabay

20.02.2026 / REGION - Eine mitfühlende Nachfrage: Haben Sie auch die Nase voll? Kann ich verstehen. Der Winter ist noch längst nicht vorbei, da fallen schon die juckenden, tränentreibenden, unausstehlichen Pollen über uns her. Die infame Juck-Schleuder, die sich regelmäßig in der Jahreszeit vertut, hat’s noch nicht mal zum Baum gebracht: ein gerade mal bis fünf Meter hoher Busch mit dem verräterischen Namen Gemeine Hasel.



Das Buschwerk hat’s in sich. Bevor wir ihm mit Flammenwerfer oder Glyphosat den Garaus bereiten (wäre, nebenbei bemerkt, sowieso verboten), wollen wir das Grünzeug auch mal loben: Ohne die Hasel gäb’s kein Nutella, und viele Babys auch nicht. Glauben Sie nicht? Dann folgen Sie mir auf eine Safari zu den Geheimnissen der Coryllus Avellana. Erstmal setzen wir uns eine Atemschutzmaske auf. Sischer ist sischer, weiß der Hesse!

Ist nicht lange her, da stapften wir hierzulande noch durch den Schnee. Es knirschte so schön, und alles war so blendend weiß, dass man sich die Sonnenbrille vor die Augen schieben musste. Unterwegs im Wald hinter der Eichenzeller Warte. Ganz in Weiß, weißer als die Zähne von Jürgen Klopp. Und plötzlich sind da diese verräterischen gelben Spuren. Nein, diese Hunde! Können sich selbst in dieser unschuldigen Landschaft das Pieseln nicht verkneifen. Aber dann kommen wir näher. Da sind gar keine Pfotenabdrücke. Die gelben Spuren sammeln sich auf der Schneekrone, und schon zuckt der begriffsstutzige Allergiker zurück: Sogar aufs Winterland spuckt die Hasel ihre Pollenfracht. Dabei ist ihr doch die Kälte in die Rinde gefahren, und die "Kätzchen" baumeln eher grau als gelb an den blattlosen Zweigen. Zwei Millionen Pollen sollen in jeder dieser kleinen Sex-Raketen stecken (wer die bloß alle gezählt hat), und alle müssen raus. Eigentlich hat der Blütenstaub nur einen Job: er soll sich vom Wind auf die klebrigen weiblichen Blüten wehen lassen. Aber wenn das Zeug schon mal unterwegs ist, kann’s ja auch über uns herfallen. Daran hat der langjährige Chef des berühmten Satire-Blatts Kladderadatsch, Johannes Trojan (1837 bis 1915) wohl nicht gedacht, als er der Hasel seinen rührseligen Zweizeiler dichtete:

"Vorbei ist bald des Winters Weh,
streut die Hasel Goldstaub in den Schnee."

Vor 8.000 Jahren war ganz Mitteleuropa von Haseln überwuchert. Dann hat ihr unsere Eiche gezeigt, wer hier Baum ist und wer Busch; das Buschwerk ging vorm Mischwald in die Knie. Der Steinzeitmensch und auch die späteren Germanen waren kerniger als wir, da war die Immunabwehr noch intakt. Und die Haselnuss war des Menschen Freund. Vielleicht haben viele Vorfahren die kargen Jahrtausende nur dank der Nuss überlebt. 100 Gramm brachten schon bis zu 650 Kilokalorien in den Körper, so viel wie ein 350 Gramm schweres halbes Grillhähnchen. Die Germanen nannten sie höflich "Frau Haselin", in manchen Gegenden war es bei Todesstrafe verboten, sie zu fällen. Fremde durften nicht mehr als eine Handvoll Nüsse ernten. Ihr wurden Wunderkräfte zugesprochen: Haselstangen vertrieben Feinde, Hexen, Krankheiten, Schlangen, böse Geister. Knochenbrüche wurden geheilt, Warzen und Fieber in die Flucht geschlagen, krankes Vieh kuriert – und mit der haseligen Wünschelrute konnte man unterirdische Schätze aufspüren. In den Gesundheitsregeln Tacuinum Sanitatis des Irakers Ibn Butlan aus dem 11. Jahrhundert stand über Haselnüsse: "Vorzuziehen sind große und saftreiche. Nutzen: sie fördern die geschlechtliche Potenz und die Gehirntätigkeit. Schaden: sie schaden dem Magen. Verhütung des Schadens: mit Gerstenzucker. Besonders zuträglich für Geschwächte und Greise, im Winter, in nördlicher Gegend." Auch Plinius der Ältere warnte bereits im ersten Jahrhundert vor Kopfschmerz durch Haseln, "Aufblähung des Magens" und "Fettwerden des Körpers". Andererseits: "Mit der Schale der Nuss brennt man hohle Zähne aus." Mit in Wein zerriebener Schale fördert man den Haarwuchs, sogar bei Glatzköpfen. Bandwürmer werden ausgemerzt, Quetschungen gelindert. Sie helfen zuverlässig "gegen den Biss eines wütenden Hundes", gegen Schnupfen und "alten Husten". Das glauben Sie alles nicht? Dann binden Sie sich wenigstens mal einen Zweig um die Stirn. Sieht vielleicht bescheuert aus, soll aber Glück bringen.

"Der Haselbaum ist ein Sinnbild der Wollust"

Über unseren in den Himmel hoch gepriesenen Haselstrauch fällte Hildegard von Bingen ein vernichtendes Urteil: "Der Haselbaum ist ein Sinnbild der Wollust, zu Heilzwecken taugt er kaum." Dennoch hat sich die heilige Frau recht umfassend damit befasst, wie wir ihrem folgenden Rezept entnehmen können: "Ein Mann, dessen Samen zerfließt, sodass er kein Kind zeugt, ess die Früchte des Haselbaumes, dazu den dritten Teil von Erdpfeffer und den vierten Teil von des Erdpfeffers Traube und etwas gebräuchlichen Pfeffer, koche das mit der Leber eines jungen Hirsches, der geschlechtsreif ist, und dazu rohes und fettes Schweinefleisch. Er werfe jene Kräuter fort und esse dieses Fleisch, tauche auch Brot in das Wasser, in dem dieses Fleisch gekocht ist, und kaue es. Wenn er dies oft macht, wird ihm ein Kind erblühen, wenn nicht das gerechte Urteil Gottes dies verhindert." Aufgeschrieben hat sie das in den 50er Jahren des 12. Jahrhunderts, in dem neunbändigen Naturkunde-Werk "Physica". Aber wie hat die Frau Hildegard die Wirksamkeit eines solche Rezeptes erforscht? Da kann man schon mal ins Grübeln geraten. Ausprobieren ist übrigens nicht ratsam: die Leber vom geschlechtsreifen Junghirschen ist heutzutage nicht übermäßig häufig im Angebot.

Wie kam unsere Natur-Heilige von Bingen nur darauf, Frau Haselin sei irgendwie sexbesessen? Die Frau hatte halt eine gute Beobachtungsgabe. Auch damals soll es schon vorgekommen sein, dass Frauen und Männer außerehelich zueinander fanden – dann gingen sie "in die Haseln". Folgte daraus Nachwuchs, wurde er verspottet: "Der ist aus der Haselstaude entsprungen." "Viel Hasel, viele Kinder", sprach der Volksmund. "Leichten Mädchen" wurde in der Nacht zum 1. Mai ein Haselstrauch vors Fenster drapiert. In vielen Kulturen wurden den Brautpaaren Haselnüsse geschenkt, das sollte für baldigen Kindersegen sorgen. Der Bräutigam warf Nüsse über die Hochzeitsgäste, auf dass sie sich ebenfalls vermehrten. Sollte man angesichts unserer kümmerlichen Geburtenrate heute auch mal probieren, oder? Wenn das alles nicht half, wurden Haselzweige übers Ehebett gehängt. Oder die Eheleute mischten zu Pulver zerriebene Nüsse unters Essen oder salbten sich gleich mit stimulierendem Haselöl.

Es juckt in den Augen, es brennt im Mund, die Zunge schwillt, im Kopf tobt ein Schmerz

Hoffen wir, dass all diese Liebestollen nicht unter einer Haselnuss-Allergie litten, einer der schlimmsten Heimsuchungen, die die Natur für uns bereithält. Es juckt in den Augen, es brennt im Mund, die Zunge schwillt, im Kopf tobt ein Schmerz. Die Pollen und die Nüsse selbst können uns plagen – schlimmstenfalls drohen Atemnot, Kollaps und Bewusstlosigkeit. "Wer Haselnuss-Pesto zu sich nimmt, obwohl er allergisch auf Frühblüher reagiert, kann daran sterben." Warnte die FAZ vor vier Jahren. Sogar die geliebte Nutella kann Allergikern gefährlich werden. Was, wie – diese herrlich süße Frühstückspampe, Traum aller Kinder und jung gebliebenen Erwachsenen, soll uns madig gemacht werden? Kommt doch bei uns schon seit über 60 Jahren auf den Tisch, obwohl die Ernährungswissenschaft die Nase rümpft: 60 Prozent Zucker und Fett enthalte der klebrige Brotaufstrich. Ja, ja – aber auch 13 Prozent geröstete Haselnüsse!

Im nordfranzösischen Valenciennes zerstörte ein Richter im Januar 2015 das Frühstücks-Paradies einer Kleinfamilie. Die "geistig umnachteten Eltern" (FAZ) hatten ein paar Monate zuvor ihrem Baby den Namen Nutella gegeben. Das Melde-Amt widersprach, Vater und Mutter blieben stur. Der Richter schrieb sein Befremden wie folgt ins Urteil: "Es ist nicht im Sinne des Kindeswohls, einen Namen zu tragen, der nur zu Sticheleien und Herabsetzungen einlädt." Die Eltern traten gar nicht erst zur Verhandlung an, deshalb verfügte das Gericht die Änderung des Vornamens – die junge Lady heißt jetzt Ella (ohne Nut). Im September wird sie 12 Jahre alt.

Aggressions-Therapie

Vielleicht hätte irgendjemand die uneinsichtigen Nutella-Freaks ein wenig mit der Hasel bedrohen sollen. "Mit Haselsaft erquicken" nannten das die feinsinnigen Menschen des Mittelalters. Auf hochdeutsch: Eins mit der Hasel überziehen. Natürlich nur den Eltern – es war strengstens untersagt, Kinder mit Haselruten zu schlagen. Das sollte zu Missbildungen führen. Ganz fiese Menschen mögen sich an einen längst vergessenen Zauberbrauch erinnern. Man nehme ein Hemd oder eine Hose, die die Zielperson unseres Zorns bereits getragen hat. Und dann, klatsch, prügelt man auf die Garderobe ein – der Besitzer soll’s spüren, egal wie weit er weg ist. Glauben Sie nicht? Macht nichts. Jedenfalls hat man seine Wut mal abgearbeitet. Eine sinnvollere Aggressions-Therapie ist doch kaum vorstellbar, oder?

Was fällt den Musikern zur Haselnuss ein? Zum Beispiel das hier:

Bob Dylan singt so schmachtend, wie er kann, für eine Frau, die so heißt wie unsere Hasel: "Hazel". https://www.youtube.com/watch?v=5Lac3Uz5Tj0

Short Tailed Snails, Die Hasel: https://www.youtube.com/watch?v=Msr5f8L6rSU

The Hazelnuts singen uns einen weiteren Schmachtfetzen: "Tempted". https://www.youtube.com/watch?v=Zam4pczQMmQ

Jaques Raupé x Felix Harrer machen Dampf mit "3 Haselnüsse". https://www.youtube.com/watch?v=oQeGLvEIfLM

Die Band 90 Grad albert schonmal sommerlich rum, mit "Schokolade Vanille und Haselnuss". https://www.youtube.com/watch?v=6VILRVj2vyw (Rainer M. Gefeller) +++

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