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Weise und weiße alte Männer - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Den lieben Trump gibt’s dank Künstlicher Intelligenz.
Bild: Wikimedia

19.06.2026 / REGION - An einem runden Geburtstag kann man’s ruhig mal krachen lassen; erst recht, wenn man 80 wird. Aber wie soll man feiern, wenn die Feinschmeckerei, der Alkohol und gute Laune einem nichts bedeuten? Na, da fällt einem Donald Trump schon was ein: Endlich Kaiser sein, wie diese Typen im alten Rom, und ein paar Gladiatoren im Käfig aufeinander einprügeln lassen. Das ist natürlich erst der Beginn einer wochenlangen Ego-Show. Programmpunkt 2: der Welt erzählen, wie siegreich der Krieg gegen den Iran vollendet wurde. Mannomann! Stellen wir uns mal vor, alle Alten wären so wie dieser eine. Die Journalistin Gail Collins ist entrüstet: "Trump bringt alle älteren Menschen in Verruf!" Keine Sorge: wer will schon sein wie er? Wir schließen uns den Geburtstagswünschen der US-Sängerin Dionne Warwick (Jahrgang 1940) an: "Er soll sich endlich wie ein 80-Jähriger benehmen!"



Wie benimmt sich ein 80-Jähriger? "Gesittet." "Vorbildlich." "Zurückhaltend." "Bescheiden." Haha, das war einmal. Für die modernen Oldies gilt: Viel Zeit, wenig Stress. Jede Menge Neugier. Wenig Verpflichtungen, ab spätestens 67 den ganzen Tag "after Work". Eine fidele Risikogruppe hat Lust aufs Leben. "Alter schützt vor Torheit nicht". Wer hat das erfunden? Vermutlich William Shakespeare, um 1606 in "Antonius und Cleopatra". Dort lässt er Cleopatra sinnieren: "Wenn mich das Alter auch nicht vor Torheit schützt, dann doch wohl vor Kindischsein." Was ist das bloß, Torheit? Unvernunft, Dummheit, Unbesonnenheit, sagt das Lexikon. Alles, was "dem gesunden Menschenverstand" widerspricht. "There’s no fool like an old fool", sagen die Engländer. Ein alter Narr ist besonders närrisch. Obwohl er doch Zeit genug hatte, Vernunft anzunehmen. Wir wissen natürlich: Wenn Ältere (nicht nur die Männer, übrigens) sich nicht so normgerecht benehmen, wie’s die Gesellschaft erwartet, dann sind sie "übergeschnappt" oder "gaga". Sollen die zurückgebliebenen Normalos doch denken, was sie wollen: Einige "Torheiten" verschönern das Leben. "Manche Leute glauben, dass ältere Menschen nicht wissen, wie man das Internet benutzt," amüsiert sich der amerikanische Informatiker Vint Cerf, Jahrgang 1943. "Ich habe eine Neuigkeit für euch: Wir haben es erfunden." Cerf ist tatsächlich einer der "Väter des Internets".

Donald Trump erhebt seinen Präsidenten-Körper morgens erst spät aus dem Bett. Der Mann hat viel zu tun in der Nacht: die dunkle Zeit gibt ihm seine Eingebungen für all die hasserfüllten, irrlichternden, maßlosen Kurztexte, in denen er die halbe Welt mit Kommentaren, Ankündigungen, Lobpreisungen und Drohungen überzieht. Meistens auf dem eigenen Internet-Kanal "Truth Social", mitunter 150mal pro Nacht. Für den Schlaf bleiben ihm angeblich nur vier bis fünf Stunden. Länger schlief auch Napoleon Bonaparte nach eigenen Angaben nicht. Der Mann starb aber auch schon mit 51. Zum Achtzigsten hatte Trump einen Herzenswunsch: eine Keilerei vorm Weißen Haus. "Mixed Martial Arts" heißt das Spektakel, die "gemischten Kampfkünste". Das kann eher raffiniert und eher brutal inszeniert werden. Trump mag die brutale Sorte, "Käfigkampf", bei dem auch Blut fließen darf. Darin ist er sich mit seinen Kollegen, dem Kriegsherrn Wladimir Putin und dem sowieso als blutrünstig verrufenen tschetschenischen Despoten Ramsan Kadyrow einig. "Es gibt keine härteren Menschen in der Welt des Sports" schwärmt Trump, "wahre Krieger" seien sie. "Blutboxen" hat BILD diese Keilerei getauft.

Muss man ein gewisses Alter erreicht haben, um ein gefährlicher mächtiger Mann zu sein? Putin, Xi Jinping, Erdogan und Netanyahu zum Beispiel haben längst die 70 überschritten. Der Russe und der Chinese machen sich schon Gedanken über lebensverlängernde Maßnahmen. Aber Trump ist bereits seit einer Woche im Universum der 80-Jährigen angekommen. Bob Dylan ist fünf Jahre älter als Trump, im Unterschied zu seinem Präsidenten macht er sich Gedanken über das Altwerden: "Das Beste daran, 80 zu sein, ist, dass man sämtliche Uhren überlebt hat, die uns gejagt haben. Freiheit von der Lüge, man habe immer alles unter Kontrolle. Du bist ein alter König eines verschwundenen Landes." Und was ist besonders schlimm, wenn man die 80 erreicht hat? Das hat die New York Times Dylan gefragt. Seine Antwort: "Du verlierst deine Illusionen. Du siehst, wie sich das Leben wiederholt. Wenn du jung bist, denkst du, die Welt bewege sich ständig vorwärts. Mit 80 weißt du, das tut sie nicht. Sie steht still." Okay, der Mann war noch nie als besonders heiterer Sänger bekannt. Aber welchen Schlechte-Laune-Saft mag man ihm im Alter einflößen?

Heinrich Lübke war der zweite Bundespräsident Deutschlands, 1959 bis 1969. Er rückte die Entwicklungshilfe ins Zentrum seiner Arbeit. In den letzten Jahren wurde er daheim zunehmend zum Gespött, erfundene und tatsächliche Versprecher wurden verbreitet, Schüler und andere Halb-Intellektuelle redeten albernes "Lübke-Englisch". Aber in vielen afrikanischen Ländern ist er "bis zum heutigen Tag der beliebteste deutsche Bundespräsident". Sagt Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Er lebt seit den 70er Jahren in Deutschland und erzählt: "Lübke war der erste deutsche Bundespräsident, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Afrika gekommen ist. Die Afrikaner haben einen hochgewachsenen Mann erwartet, mit blauen Augen und militärischem Schritt. Und dann kam ein kleiner Mann mit schlohweißen Haaren. Die weißen Haare waren das Signal dafür, dass man diesem Mann Respekt entgegenzubringen hatte. Dieser Respekt gegenüber Alten ist den Deutschen abhandengekommen."

"Wir sind Papst" titelte die Bild-Zeitung, als Joseph Kardinal Ratzinger zu Benedikt XVI. wurde. Er war fast 78, als er ins Amt kam. Mit 85 trat er zurück; er wurde 95 Jahre alt. Jorge Mario Bergoglio war 76, als er zu Papst Franziskus wurde. Er starb im Alter von 88. Robert Francis Prevost war jünger als seine beiden Vorgänger, als er vor gut einem Jahr Papst wurde: 74. Leo XIV. hat sich als Gegenmodell zu dem weißen alten Mann im Weißen Haus erwiesen: ein weitaus weiserer älterer Herr, den die Katastrophen dieser Welt umtreiben. Kriege. Armut. Migration. Vor wenigen Tagen rief er dazu auf, die Senioren nicht im Stich zu lassen. "Besucht eure Großeltern!" titelte Vatican-News. Papst Leo mahnte: In manchen Einrichtungen, "in denen Einsamkeit herrscht", bestehe die Gefahr, "dass die Einzigartigkeit des Menschen sich auf die Nummer seines Bettes oder sein Krankheitsbild reduziert." Diese Erkenntnis möge auch zu unserer Gesundheitsministerin vordringen: Muss es nicht bei der Pflegereform zuallererst um die Menschen gehen – und dann erst ums Geld?

Gerade haben 60 Prozent der US-Bürger in Umfragen erklärt, dass sie ihren Präsidenten nicht mehr verstehen. Unberechenbar finden sie ihn, unkontrollierbar, launisch. Immer wieder wird diskutiert, ob ein Mann seines Alters dem Amt noch gewachsen sei. Manchmal verwechselt er Länder und Staatsoberhäupter. Manchmal verirren sich seine Reden im Niemandsland. Manchmal schläft er unversehens ein und wird als "Dozy Don" verspottet. Jede Schramme, jeder Schrittfehler, jeder Bluterguss wird durch den Fleischwolf gedreht. Menschen in solchen Turbo-Jobs altern schneller als wir. Aber wie viel von seinen seltsamen Auftritten haben mit seinem Alter zu tun – und wie viel ist original Trump? Stellen Sie sich vor, Trump wäre einfach immer noch der Star irgendeiner Fernseh-Show. Er würde sicher einen prima Kult-Opa abgeben.

"Trump feiert während Amerika kapituliert", hat das angesehene US-Magazin "The Atlantic" über das ruhmreiche Ende des Iran-Kriegs geurteilt. Aber weiß einer wie Trump überhaupt, wie das geht: Feiern? Kennen die Herren eine ausgelassene Party ohne ein Spalier von Bodyguards oder isolierte Logen-Plätze? Als der US-Herrscher jetzt in Frankreich aus seiner "Air-Force-One" kraxelte, erlebten die Staatenlenker der G-7 einen eigentümlich entspannten älteren Herrn. Statt der befürchteten Trouble-Gruppe eine Art Krabbelgruppe für Top-Politiker. Trump saß da als milder Stubenältester, irgendwie wirkte das beinahe familiär. Etliche seiner jüngeren Kollegen haben es ja auch nicht leicht mit ihren Völkern, unser Kanzler kann da ein Wörtchen mitreden. Vor 250 Jahren, am 4. Juli 1776, wurde die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten unterzeichnet. Darin werden US-Regierungen dazu verpflichtet, die "unveräußerlichen Rechte aller Menschen" zu schützen. Dazu gehört auch "das Streben nach Glück". Hey, wer kümmert sich denn noch um sowas? Donald Trump hätte ruhig mal kurz auf dem Hessentag vorbeischauen sollen. Da könnte er ein Glücks-Erlebnis mit echtem Volk einatmen. Fulda liegt gerade unter einer Glocke positiver Energie, der können sich Junge wie Alte schwerlich entziehen. Nicht nur wir Normalos, sondern auch der Meister selbst könnte mal für ein paar Stunden verdrängen, wie sehr er die Welt und uns alle in Bedrängnis bringt mit seiner Achterbahn-Politik. Das "Streben nach Glück", nach Zusammengehörigkeit und positivem Gemeinschaftserlebnis ist beim Hessentag Programm. Manche werden sich am Sonntagabend die Augen reiben. Was, schon vorbei? Schade!

Trump mag Musik, also wollen wir mal nicht so sein und ihm einen schmettern. Die größten Hits der 80er. Nein, nein, das ist nicht das Programm von Radio Harmony. Sondern: hier darf nur auf die Bühne, wer mindestens so alt ist wie Donald Trump.

Steve Miller, 1943: "Abracadabra" – https://www.youtube.com/watch?v=tY8B0uQpwZs

Bob Dylan, 1941: "Forever Young" – https://www.youtube.com/watch?v=Frj2CLGldC4

Udo Lindenberg, 1946: "Mein Ding" – https://www.youtube.com/watch?v=ZFwSjgC8Cr4

Mick Jagger, 1943, mit den Rolling Stones: "Dear Doctor" – https://www.youtube.com/watch?v=1aU9Yg5BStg

Rod Stewart, 1945: "Have You Ever Seen The Rain?" – https://www.youtube.com/watch?v=HsRqATfI17I

Neil Young, 1945 (mit Crosby, Stills & Nash): "Our House" – https://www.youtube.com/watch?v=aunVlekXjkE

Paul McCartney, 1942: "Days We Left Behind" – https://www.youtube.com/watch?v=2n1IhyF6R0U

Cliff Richard, 1940: "Congratulations" – https://www.youtube.com/watch?v=_xJcE9tnY6E

Ringo Starr, 1940: Long Long Road – https://www.youtube.com/watch?v=33Ql4L4G0Jw

Tom Jones, 1940: "She’s a Lady" – https://www.youtube.com/watch?v=EC6ZVvshpuw

Adamo, 1943: "Inch Allah" – https://www.youtube.com/watch?v=UPksrwbFCf0

Heino, 1938, mit Wolfgang Petry: "Ich atme" – https://www.youtube.com/watch?v=28PgL1M8Q44

Roberto Blanco, 1937: "Ein bisschen Spaß muss sein" – https://www.youtube.com/watch?v=hQ8tY0c-s04

Howard Carpendale, 1946: "Ti Amo" – https://www.youtube.com/watch?v=sqMxoL2nimA
(Rainer M. Gefeller) +++

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