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Das Lamm schreit Hurz! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Neugierige Rhönschafe.
Foto: Bbb-Commons bei Wikimedia

13.03.2026 / REGION - Sind Sie bereit? Dann kann die Party ja losgehen. Sie werden sehen, die Spezial-Gäste sind etwas sonderbar. Lädtst du einen ein, kommt gleich eine komplette Horde. Da sind sie ja schon. Guck, das Osterlamm schaut etwas belämmert aus der Wolle. Da müssen wir Verständnis haben, an den bevorstehenden Feiertagen gibt’s für manchen leider nichts zu feiern. Wie heißt doch die Volksweisheit: "Jedes Schaf hofft ungeschoren davon zu kommen." Aber das Dappschaf ist auch da, und sein Geistes-Verwandter, die Schafsnase. Man sagt, die seien begriffsstutzig. Und da kommt Frau Schwarzkopf, die Schönste, edelste und wohlschmeckendste unter den Schafs-Schwestern: unser aller Rhönschaf. Auf der Zuschauer-Tribüne: der etwas pummelige Monsieur Napoleon. Schiebt er die Hand unter die Weste, um seinen Bauch zu verstecken? Und Hape Kerkeling ist auch schon da. Ob der der versammelten Schafsbande nachher noch ein Ständchen darbietet?



Hallo, alte Schafsnase. Bist du wirklich so einfältig, wie der Volksmund und allerlei Experten uns einreden wollen? Hier bei uns, im Reich der Rhönschafe, ist ein Dappschaf ein Trottel, im Schwäbischen nennen sie einen blöden Menschen "Schofseggl". Woher kommt bloß der schlechte Ruf? Zum Beispiel von dem Schweizer Naturforscher Conrad Gessner, der 1560 in seinem "Allgemeinen Thier-Buch" schonmal die Grundmelodie anstimmte: "Ein Schaf ist ein mildes, einfältiges, demütiges und närrisches Tier. Ohne Hirten verlaufen sich Schafe bald und sind ganz irrig." Unser Universalgelehrter Johann Wolfgang von Goethe juxte 250 Jahre später: "Freilich ist’s auch kein Vorteil für die Herde, wenn der Schäfer ein Schaf ist." Die ultimative Rufschädigung blieb allerdings dem unvermeidlichen Alfred Brehm vorbehalten. Ein paar Kostproben seines verbalen Schlachtfestes, 1927: "Das Hausschaf ist ein ruhiges, knechtisches, willenloses, furchtsames und feiges, mit einem Wort ein höchst langweiliges Geschöpf." – "Einen Charakter hat es nicht." – "Es begreift und lernt nichts, weiß sich deshalb auch allein nicht zu helfen." – "Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Jedes unbekannte Geräusch macht die ganze Herde stutzig, Blitz und Donner, Sturm und Unwetter bringen sie gänzlich außer Fassung." – Der Zoologe Heinrich Lenz hatte auch eine Beobachtung beizusteuern: "Beim Gewitter drängen sie sich dicht zusammen. Schlägt der Blitz in den Klumpen, so werden gleich viele getötet." – Brehm ermahnt uns: "Gerade deshalb ist das Lamm nicht eben ein glücklich gewähltes Sinnbild für tugendreiche Menschen."

Sind die Schafe also echt blöd, oder sind die forschenden Herren etwa Opfer ihrer eigenen Vorurteile? Ein kleiner Fakten-Check lehrt uns: Schafe sind intelligent; manche sagen: schlau wie Affen. Schafe sind Heilkundler: Wenn sich die leisesten Mäh-Maschinen der Welt durch Gräser und Kräuter futtern, lernen sie, welcher vegane Stoff ihnen gut tut und welcher ihnen Magendrücken bereitet. Kleinere Wehwechen kurieren sie sogar selbst, ebenfalls mit Hilfe von Kräutern. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hat durchgezählt, dass Schafe "von den gewöhnlichen mitteleuropäischen Pflanzen 327 Arten fressen, während 141 verschmäht werden." Das ist schlau: Hahnenfuß, Wolfsmilch, Zeitlose, Schachtelhalme, Fettkraut und Binsen zum Beispiel sind Gift für unser Paarhufer.

"Jeder, der sich mit Schafen beschäftigt, wird feststellen, dass sie intelligente, individuelle Tiere sind", schwärmt die Professorin Jenny Morton, Tierforscherin an der Universität Cambridge. Sie seien "echt smart" und keineswegs dumme Herdenviecher, sondern "jedes hat seine eigene Persönlichkeit". Bei Versuchen entdeckte ihre Abteilung, dass Schafe Menschen auf Fotos erkennen können. Das Gehirn eines Schafes ist so groß wie das eines Rhesusaffen und so komplex wie die Gehirne anderer Primaten. Schafe können bewusste Entscheidungen treffen, sich koordiniert bewegen und "Gewohnheiten entwickeln". Das Schafshirn, sagt Frau Morton, sei sogar mit dem vergleichbar, was zwischen unseren Ohren denkt und lenkt. Die Cambridger setzen ihre Hoffnung auf Schafe, um bislang unheilbar erscheinenden menschlichen Hirn-Krankheiten wie dem Batten-Syndrom und dem Huntington-Syndrom auf die Spur zu kommen. Der Deutschlandfunk pries das Schaf denn auch als "schärfsten Verstand auf dem Bauernhof". Also wollen wir mal aufhören, sie beständig als strunzblöd zu beleidigen.

25. April 1813, 11 Uhr. Der erste Sonntag nach Ostern, Buttlar war von der Frühlingssonne beschienen. In hohem Tempo raste das kaiserliche Gefolge auf die Poststation zu. Pferdewechsel. Napoleon saß allein in seinem durch Eisenblech gegen Beschuss gesicherten Wagen. Der Fuldaer Landgerichtsrat Joseph Gößmann war dabei, und schrieb seine Beobachtungen auf: "Fleischiger" sei Napoleon geworden, "blaßgelbes Angesicht", "hellblitzende Augen", um die Stirn ein "ostindisches Seidentuch". Hin und wieder schnupfte er eine Prise Tabak, trank auf die Schnelle eine Tasse schwarzen Kaffee. Der Franzose hatte es eilig. In Erfurt wartete ein Heer von 120.000, um von ihm ins Gefecht geführt zu werden. Und ins Verderben.

26. Oktober 1813 schlurften die überlebenden Soldaten gruppenweise längs der Frankfurter Straße in Buttlar ein, "der Kaiser wirkte niedergeschlagen". Napoleon übernachtete im Schloss der von Buttlars und futterte im "Schwarzen Adler" eine Spezialität des Hauses – Rhönhammel. "Napoleon war ein echter Feinschmecker und begeistert", "schwärmte von dem leckeren zarten Rhönschaffleisch", steht auf Werbeseiten für das Rhönschaf. Herr Schaf wird zum Hammel, wenn er kastriert wurde und älter ist als ein Jahr. Dann schmeckt sein Fleisch auch anders als das seiner Sippschaft – "würziger", "wilder", manche sagen: "ranziger". Wird meistens langsam in Eintöpfen gegart. Das passt ja! Der mächtige Franzose war nämlich keinesfalls "ein echter Feinschmecker", sondern eher ein ungeduldig herunterschlingender Imbiss-Typ. Der Kaiser mochte es gern deftig, wie er’s aus seiner Kindheit auf Korsika gewohnt war.

Am Abend des 14. Juni 1800 wurde Napoleon von einer Hunger-Attacke geplagt. Die Schlacht bei Marengo hatte morgens gegen 9 Uhr begonnen, bis zum Abend wurde gekämpft. Bis zum Sieg. 7000 Franzosen waren allerdings tot oder verwundet, das Dorf verwüstet; der Feldherr wollte speisen. Sein Koch, er hieß Dunant, klaubte zusammen, was zu finden war – ein Huhn, Flusskrebse, Eier, Tomaten und Pilze. Alles in den Topf und so lange geschmort, wie’s der Magen Napoleons zuließ – fertig war "Poulet Marengo", von da an die Leibspeise des Despoten. Klingt das nicht ähnlich wie ein hiesiger Hammeltopf?

27. Oktober 1813. Buttlar musste Napoleon etwas hastig verlassen; Preußen und Russen waren dem gescheiterten Kriegsherrn auf den Fersen. Bei der "Völkerschlacht" in Leipzig waren allein 45.000 Franzosen getötet oder verwundet worden. Die davonpreschenden Franzosen ließen das Hammel-Dorf in Flammen aufgehen, um die Verfolger auszubremsen. Das Schloss blieb vom Feuer verschont, aber am Parkausgang wurde in der Hektik von Napoleons Kutsche ein Türgriff abgerissen...

"Das gewöhnliche Schaf des Rhönlandwirts ist ein gemeines teutsches Schaf in einer eigenthümlichen Art, welches selbst im Ausland unter dem Namen "Rhönschaf" gekannt wird." So steht es in den Akten des Fuldaer Hochstiftes. "Gelbweiß mit einem schwarzen Kopf ohne Hörner" sei diese Krönung der Schafs-Schöpfung, trage allerdings "eine grobe, wenig gekräuselte Wolle". Napoleon wollte sich von seiner verheerenden Niederlage vielleicht noch eine Köstlichkeit sichern und ließ riesige Schafherden nach Frankreich treiben. "Mouton de la Reine" nannten es die Pariser, "Schaf der Königin". Französisch wurde damals kaum in den hiesigen Schulen gelehrt, deswegen übersetzten es unsere Landsleute, wie sie’s verstanden: "Rhönschaf". Der Begriff soll 1844 zum ersten Mal gewissermaßen amtlich geworden sein. Damals gab es im gesamten Deutschen Reich Hunderttausende von ihnen. Aber dann setzte es Viehseuchen, Einfuhrbeschränkungen; 1960, steht im "Rhön-Lexikon", lebten nur noch 300 Rhönschafe – dort, wo sie hingehörten: in der Rhön. Heute sollen es wieder 20.000 sein.

Warum machen wir eigentlich solch ein Gewese um die Rhönschafe? Weil sie so köstlich sind! Ihr Fleisch ist von feinem Wildgeschmack, zart, feinfasrig, purinarm. Mit zunehmendem Alter "werden die Geschmacksnuancen herzhafter", steht in einer Rezeptsammlung. Das Fleisch vom Rhönschaf könne man getrost sogar kalt verzehren – "es hammelt nicht". Ob’s dem Monsieur Bonaparte dann überhaupt munden würde? Schafe sind entfernte Verwandte der Ziegen, meckern aber nicht rum. Und die Männer haben keinen Ziegenbart. Die engere Familie könnte jederzeit einen Vielvölker-Staat gründen, bunt und unübersichtlich. Es gibt braune, beige, weiße, gesprenkelte, gestreifte. Manche tragen winzige oder angeberisch große Hörner, die meisten gar keine. Sie leben in Asien, am Mittelmeer, in Wüsten und im Hochgebirge; viele von ihnen sind Wildtiere. Mit ihren 32 Zähnen kauen sie das Grünfutter wieder und wieder durch, werden bis zu zwölf, manchmal sogar zwanzig Jahre alt. Der Hochadel der Schafswelt, unser Rhönschaf, betreibt nebenher noch Landschaftspflege und hält sogar die immer begehrteren Streuobstwiesen in Schuss. Aus rätselhaften Augen (braun oder grün oder bernsteinfarben) schauen sie uns stoisch an. Sehen Sie’s auch: Schafe haben echten Scharfblick.

Kleines Lamm, wer hat dich geschaffen?

Weißt du, wer dich geschaffen hat?

So beginnt eines der "Lieder der Unschuld" des englischen Dichters William Blake. Schafe zählen nicht nur zu den ältesten Nutztieren der Welt, sie sind angefüllt mit Mythen und Magie. Der Widder war den Ägyptern heilig, den Christen gilt das Lamm als Opfertier sowie als Symbol für Reinheit und Unschuld. So häufig wie Lämmer werden in der Bibel nur noch Tauben genannt, ein Ritterschlag für die sanftesten unter den Tieren.

"Mary hatte ein kleines Lamm,

kleines Lamm, kleines Lamm,

Mary hatte ein kleines Lamm,

Sein Fell war weiß wie Schnee."

Das ist die erste Strophe des Kinderliedes "Mary had a little Lamb". Das Lied, 1830 aufgeschrieben und in zahllosen Versionen vertont, erzählt die Geschichte der kleinen Mary Sawyer aus dem Ort Sterling in Massachusetts. Das Lamm soll von seiner Mutter abgewiesen worden sein; die kleine Mary hat es aufgezogen. Das Lamm folgte dem Kind überall hin, sogar in die Schule...

"Wolf und Lamm, das hat ja eine lange Geschichte", sagte ein Mann. Er war einer von denen, die ernst nahmen, was sich an einem Juli-Abend 1991 im Ratssaal von Stuhr, einem Städtchen südlich von Bremen, abspielte. Auf der Bühne führte ein falsches polnisches Künstler-Paar eine ebenso falsche "moderne Oper" auf. Der Sänger tarnte sich mit einem dunklen Rauschebart – der Komiker Hape Kerkeling. In einem kratzigen Sprechgesang gab er Folgendes zum Besten:

Der Wolf...

Das Lamm...

Auf der grünen Wiese...

Das Lamm schreit:

Hurz!

Etliche Konzertbesucher brüllten vor Lachen, einige stiegen in eine ernsthafte Diskussion über die Botschaft der Nonsens-Darbietung ein. Da hätten unsere schlauen Schafe vor Begeisterung gemäht. Oder gemeht? Oder gebäht? So genau kann man das gar nicht raushören!

Der Hurz als Song. https://www.youtube.com/watch?v=Xf0oCXTgDzg&t

Paul McCartney, Mary had a little Lamb: https://www.youtube.com/watch?v=Iuq0_5I2cec&t

Kate Bush, And Dream of Sheep: https://www.youtube.com/watch?v=_256xd9N27o

Ben Fuller, Black Sheep: https://www.youtube.com/watch?v=4NsQLeKIJyM

Nick Cave & The Bad Seeds, Sheep May Safely Graze: https://www.youtube.com/watch?v=Fh_Dw3EPqa4

Pink Floyd, Sheep: https://www.youtube.com/watch?v=B2MxUCENw2s

Und so singt das Schaf selbst: https://www.youtube.com/watch?v=ZwFgFPR2eB4 (Rainer M. Gefeller)+++

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