Echt jetzt! (91)

Der Kaffee ist fertig - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Ein typisches Cafe, da fühlt man sich wohl! Impressionen aus dem neuen Reinholz-Cafe.
Fotos: Annemaria Gefeller

09.01.2026 / REGION - Die Maschine pfeift und faucht. Gerade habe ich die aktuellen Todesanzeigen gelesen und die frischen Nachrichten über Herrn Trump. Das muss jetzt erstmal warten: Der Kaffee ist fertig. Jawohl, das klingt tatsächlich ziemlich zärtlich. Auch ohne dass sich dieser Frühstücks-Schlager von Peter Cornelius in unsere Ohren schleicht. Da steht er schon und dampft vor sich hin. Beim Blick in die Tasse verliert man sich in einem schwarzen, bodenlosen Ozean (außer das Gebräu ist zu dünn geraten). Dieser Duft! Dieser Geschmack, der die gesamte Mundhöhle ausfüllt. Diese Wärme, die in den Körper kriecht. Spüren Sie’s auch, wie die Hirnzellen geflutet werden? Sind Sie jetzt wach? Gut, brechen wir auf in das mystische Kaffee-Universum.



Am 2. Mai 1697 hockte sich der "Beutetürke" Mehmet Sadullah Pascha auf einen Teppich in der Würzburger Domstraße und servierte den Honoratioren, die soeben vom Gottesdienst kamen, eine kulinarische Sensation. Beutetürken wurden osmanische Kriegsgefangene genannt, die während der "Türkenkriege" im 17. und 18. Jahrhundert nach Deutschland verschleppt wurden. Die Würzburger schüttelten sich: der Kaffee war ihnen viel zu bitter. Bis Mehmet Sadullah ein paar Tropfen süßen Sirup hinein goss; da sollen vor allem die Frauen hin und weg gewesen sein.

Aber erstmal wehrte sich Europa dagegen, von dem muselmanischen Gebräu überflutet zu werden. Über Jahrhunderte tobte ein Kulturkampf. Die Hardliner im Vatikan wollten das gotteslästerliche Getränk in den Gully schütten. Schön, dass Papst Clement VIII (Spitzname: Der Strenge) ein Machtwort sprach. Um 1600 nahm er an einer Verkostung teil – und war entzückt. "Dieses Teufels-Getränk ist so köstlich, dass es eine Schande wäre, wenn das nur die Ungläubigen trinken würden."

"C-A-F-F-E-E,

trink nicht zuviel Kaffee,

nicht für Kinder ist der Türkentrank,

schwächt die Nerven,

macht dich blaß und krank.

Sei doch kein Muselman,

der das nicht lassen kann."

So schnell gaben die Coffein-Gegner nicht auf, wie man diesem über 200 Jahre nach dem päpstlichen Erlass gedichteten Kinderlied des sächsischen Oberlehrers Carl Gottlieb Hering entnehmen konnte. Macht Kaffee tatsächlich krank, wie einige Saft-Trinker immer noch glauben? Ist er ein Gift, das Kopfschmerz, Herzrasen, Schwindel, Krebs, Lebererkrankungen und Hämorrhoiden verursacht? Gern würden wir dem Weltgeist Johann Wolfgang von Goethe alles abkaufen. Auch seine Kaffee-Aversion? "Der Kaffee paralysierte meine Eingeweide und schien ihre Funktionen völlig aufzuheben, so dass ich deshalb große Beängstigungen empfand, ohne jedoch den Entschluss zu einer vernünftigeren Lebensart fassen zu können."

Herr Goethe vergaß zu erwähnen, dass bei ihm bereits beim Frühstück die Weinflaschen kreisten. War das etwa gesund? Sein französischer Kollege Honoré de Balzac (1799 bis 1850) war stärker im Nehmen. Die Autorin Bettina Licht aus Niederbieber beschrieb in einer Balzac-Biographie: Der Franzose ging frühabends zu Bett, stand gegen Mitternacht wieder auf und streifte sich seine Arbeitskleidung über, eine weiße Karmeliter-Mönchskutte mit Kapuze. Dann bereitete er sich "einen finsterschwarzen, sehr starken Kaffee" und trank von dem Gebräu zwei Tassen. Jetzt war er arbeitsfähig. Nach sechs Stunden musste er nachtanken von seinem "Herzraserei-Kaffee", insgesamt kam er auf mindestens zehn, manchmal 24 Stunden Schreibarbeit am Stück.

Der in Darmstadt geborene hanseatische Kaffee-König Albert "Addi" Darboven ist überzeugt: "Kaffee ist nur schädlich, wenn Ihnen ein ganzer Sack aus dem fünften Stock auf den Kopf fällt." Bei einer Langzeit-Studie in den USA, an der über 50.000 Frauen teilnahmen, wiesen die Wissenschaftler nach, dass Kaffee Depressionen vorbeugt. Leber und Nieren soll er wohltun, auf Parkinson und Alzheimer bremsend wirken, den Blutdruck keineswegs in die Höhe treiben und auch keinesfalls dem Körper das Wasser entziehen. "Kaffee dehydriert den Körper nicht", nörgelte Franz Kafka: "Ich wäre sonst Staub." Drei Tassen am Tag halten die meisten Studien für unbedenklich. Wenn das der Schwedenkönig Gustav III (1746 bis 1792) schon geahnt hätte! Der Mann war derart besessen von der Volksschädlichkeit des Kaffees, dass er sich ein "Experiment" ausgedacht hatte. Die Todesstrafe für zwei Zwillingsbrüder wurde in lebenslange Haft umgewandelt, weil sie sich auf einen Deal einließen: Bis zum Exitus musste der eine täglich drei Kannen Kaffee, der andere drei Kannen Tee trinken. Das Experiment haben zwei zur Überwachung angeheuerte Ärzte nicht überlebt. Als der König 1792 bei einem Maskenball erschossen wurde, lebten die Brüder immer noch. Der Teetrinker starb mit 83, der Kaffeetrinker hielt noch länger durch (das Todesjahr wurde nicht mehr notiert).

Und wer hat’s erfunden? Das weiß man nicht so genau. Vielleicht war’s eine Ziegenherde im Südwesten Äthiopiens. Einige der Meckertiere futterten gern von Sträuchern mit weißen Blüten und roten Früchten. Danach hüpften sie atemlos durch die Nacht. Der Ziegenhirte soll auch von den Kaffeepflanzen genascht haben und war begeistert von dem Muntermacher-Stoff. In muslimischen Ländern jedenfalls war der Kaffee schon im 15. Jahrhundert Volksgetränk.

Der sizilianische Koch Francesco Procopio Cutò öffnete das erste Kaffeehaus in Paris, 1686. Bis dahin gab’s das bittere schwarze Heißgetränk nur bei armenischen Straßenhändlern, als Coffee to Go. Im 18. Jahrhundert wurde das "Procope" Treffpunkt der intellektuellen Avantgarde Frankreichs. Literaten, Theaterleute, Musiker – Diderot, Beaumarchais, Rousseau. Und natürlich die politischen Aktivisten der neuen Zeit. Männer wie Danton, Marat, Robespierre. Napoleon Bonaparte, damals noch ein armer Artillerie-Offizier, schlürfte dort den rabenschwarzen Kaffee und spielte Schach. Sogar der Amerikaner Benjamin Franklin saß öfter mal herum in dieser dunklen und bombastisch möblierten Kaffeestube; er galt vielen Europäern als Vordenker der Revolution. Als er 1790 starb, wurden die Wände des Procope in schwarzes Fahnentuch gehüllt.

Das Cafe Prinzess in Regensburg wurde, ebenfalls 1686, als Deutschlands ältestes Kaffeehaus gegründet. Es existiert immer noch. Ebenso wie "Zum Arabischen Coffe Baum" in Leipzig, Jahrgang 1711 – ein Komponisten-Paradies. Robert Schuhmann war zwischen 1833 und 1840 Stammgast, außerdem traf man hier Richard Wagner, Edvard Grieg, Franz Lehar. Im ersten Stock ist heute ein Museum. Dort kann man auch lernen, wie die sächsische Sprachkunst dem Kaffee zusetzt. Finger weg vom "Bliemchengaffee", einer dünnen Plöre, bei der sieben Bohnen für 14 Tassen reichen müssen.

Im Museum kann man nachempfinden, wie die DDR Ende der 70er Jahre bereits von einem Aufstand geplagt wurde. Da Kaffee auf den Weltmärkten immer teurer wurde, reichten die knappen Devisen nicht mehr für den Import. Erich Honecker ließ den Seinen stattdessen "Kaffee-Mix" andrehen, das zur Hälfte aus Getreide bestand. "Erichs Krönung" schmeckte den Ossis nicht, Wut schäumte hoch. In ihrer Not ließen die Genossen in Vietnam Kaffee anbauen. Als 1991 die erste Ernte eingefahren wurde, gab’s die DDR nicht mehr.

Müssten unsere Hitparaden ohne Kaffee umgeschrieben werden? Kämen unsere Pop-Stars überhaupt klar ohne die schwarze Brühe? Der Kaffee-Vermarkter "RoasterGang" hat auf seiner Webseite ein paar Bekenntnisse zusammengefegt. Taylor Swift über Kaffee am Morgen: "Es gibt nichts Besseres!" Madonna: "Mein Treibstoff!" Beyoncé: "Der Schlüssel zu meinem Erfolg." Katy Perry: "Gibt mir den nötigen Kick." Justin Timberlake: "Bester Begleiter für lange Nächte." Miley Cyrus: "Wie eine Umarmung in einer Tasse." Bruno Mars: "Mein Geheimmittel". Rihanna: "Kann meinen ganzen Tag retten." Britney Spears: "Ohne meinen Kaffee wäre ich nicht ich selbst." Shakira: "Wie ein kleiner Urlaub in einer Tasse." Mick Jagger: "Mein Morgengeheimnis."

Da siehste’s! Kaffee ist Kultur. Und wer durchblickt bei der Vielfalt der Bohnen und deren Röstung, Siebträgermaschinen und Milchaufschäumung, den Mahlgrad nicht vergessen – der hat das Zeug zum "Barista". Im Internet wird dieser recht neue Berufstand gelegentlich als "Kaffeekünstler" übersetzt. Das bin ich auch, denken viele Besitzer von sündhaft teuren blinkenden Kaffeemaschinen. Ja, heute würde sich der Autor Werner von Schulenburg wohlfühlen in seiner Heimat. 1925 war der Anhänger brasilianischer Kaffeekunst noch tief entsetzt: "Es ist die größte Tragödie zu erleben, wenn so ein paar arme, vom Schicksal gepeitschte Kaffeebohnen noch im Sterben misshandelt werden. Und so sitzt derjenige, der das Kaffeeschicksal kennt, zuweilen vor einer Tasse in der Heimat und sagt sich: "Schade, wozu die Umstände? Dieses Gebräu hier hätte man doch aus der Frucht der deutschen Eiche erzielen können."

Früher war halt doch nicht alles besser. Gehen wir mal durch unsere Stadt. An jeder Ecke dampft es und duftet zum Himmel. Sind die Fuldaer etwa alle süchtig nach dem dunklen Stoff? Ein kleiner Rundgang muss sein, aber es gibt noch viel mehr Kaffeestationen als diese bescheidene Auswahl.

Blooms heißt die neue "Frühstücks-Oase" in der Heinrichstraße. Morgens ab 8:30 lockt ein Buffet zum Kaffee. Im Moment gerade nicht: Januar-Pause bis nächsten Mittwoch.

Siblings Coffee, Sturmiusstraße. Kleine raffinierte Kaffee-Bude im Schatten der Christuskirche.


Cafe Ideal, Rabanusstraße. Seit 20 Jahren eine großstädtisch anmutende Institution. Hohe Räume, Säulen-gestützte Decken in der einstigen Landeszentralbank.

Kaffee zum Gebäck gibt es auch bei den Bäckern dieser Stadt, zum Beispiel bei Storch, Gerg, Pappert und Happ. Happ serviert sogar selbst Gerösteten "aus unserer Röststube in Neuhof".

Etwas versteckt im "Handwerkerviertel": Das liebenswerte Antonius Ladencafé am Severiberg.

Das Petit Paris in der Kanalstraße will einen Hauch von Frankreich nach Osthessen bringen. Beim Kaffee setzen sie auf die Region: frisch geröstete Bohnen aus der Kaffeekultur in der Löherstraße.

Cafe Glück, Friedrichstraße. Eine häufig überlaufene Glücks-Tankstelle, nicht nur zum Frühstück. Gerade geschlossen, wegen eines Wasserschadens.

Fuldas ältestes Café, 1892 eröffnet, liegt in Trümmern: Das Thiele ist nicht mehr – alles wird neu. Die Fuldaer Kaffee-Gemeinde ist in gespannter Erwartung.

Im großzügigen Café Herzlich in der Kanalstraße kann man außer Kaffee plus Torten auch noch manche Einrichtungsgegenstände erwerben: Antiquitäten, Trödelwaren...

Café am Buttermarkt, das neue Flaggschiff des osthessischen Kaffee-Kings Reinholz. Die vom "Feinschmecker" als "Hessens beste Rösterei" ausgezeichnete Edel-Manufaktur hat mit ihrem legeren, urbanen Kaffee-Tempel den ganz großen Geschmack nach Fulda gebracht.

Das Herz der kleinen Kaffee-Werkstatt Gecko schlägt mitten im Geschäft am Gemüsemarkt: Eine schwarz-glänzende Trommelröst-Maschine des rheinischen Herstellers Probat. Riechen Sie mal vorbei: Der ganze Laden duftet nach Kaffee.

Zum Abschluss noch Aufputschmittel für die Ohren. Bittesehr!

Frank Sinatra, "Coffee-Song": https://www.youtube.com/watch?v=zTbJBnkRkFo

Katy Perry, "A Cup of Coffee": https://www.youtube.com/watch?v=HLNENWkNDhA

Bob Dylan, "One More Cup of Coffee": https://www.youtube.com/watch?v=95cufW4h-gA

Ricardo Montaner, "Moliendo Café": https://www.youtube.com/watch?v=tokWPJ-OMPQ

Cranberries, "Wake Up and Smell the Coffee": https://www.youtube.com/watch?v=hIFz1tO-yD8

Peter Cornelius, "Der Kaffee ist fertig": https://www.youtube.com/watch?v=ngmUG_uR0n8

Erik Silvester, "Zucker im Kaffee": https://www.youtube.com/watch v=WU8Tt__LRnY&list=RDWU8Tt__LRnY&start_radio=1

Johann Sebastian Bach, Arie "Ei wie schmeckt der Coffee süße" (aus der "Kaffeekantate") vom Ensemble Échos: https://www.youtube.com/watch?v=w8xcRYMa5V8&list=RDw8xcRYMa5V8&start_radio=1
(Rainer M. Gefeller)+++

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