Echt jetzt! (108)

Frühling der Dilettanten - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

So blüht der Mai hinterm Fuldaer Schlosstheater.
Foto: Annemaria Gefeller

08.05.2026 / REGION - Der Mai ist gekommen. Draußen hinterm Fenster tobt er sich aus, der Höhepunkt des Frühlings. Monat der Lebensfreude, der meisten Feiertage, der Liebe undsoweiter. Vielleicht regnet es gerade, dann werden uns die schlechten Gedanken weggespült. Oder scheint etwa die Sonne? Dann lassen wir die warme Luft rein. Das da draußen ist stärker als alles, was uns in Angst und Schrecken oder jedenfalls üble Laune versetzt. Der Kriegs-Spieler Trump, der der Welt jeden Tag eine andere Schraube ins Fleisch dreht. Unsere deutschen Regierungskünstler mit ihrem Reform-Schlamassel. Und wo ist denn eigentlich der weltberühmte Wal abgeblieben? Jo Mai, jetzt geht’s los, hat der vielleicht gedacht. "Wenn du denkst du denkst dann denkst du nur du denkst", hat die singende Philosophin Juliane Werding uns aufgeklärt. Recht hat sie. Wir lassen doch unsere blühenden Gefühle nicht in dieser Flut von schlechten Nachrichten ertränken. Nichtmal vom irrlichternden Trainer der Frankfurter Eintracht.



"Wenn der Frühling kommt mit dem Sonnenschein,

Dann knospen und blühen die Blümlein auf."

Wie nett, was Heinrich Heine sich für die ersten beiden Zeilen seines Gedichts "Wahrhaftig" hat einfallen lassen. Die letzten zwei Zeilen lesen sich etwas nüchterner:

"Wie sehr das Zeug auch gefällt,

So macht's doch noch lang keine Welt."

Das Zeug! Das ist doch wirklich sehr grob von einem unserer bedeutendsten Dichter. Lässt der Mann sich denn wirklich nicht überwältigen von diesem Maien-Rausch? Mohnblumen, Pfingstrosen, Maiglöckchen, Flieder. Blühende Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume. Wiesen strahlen in sämtlichen Grün-Tönen. Rapsfelder leuchten in blendendem Gelb; da bringen selbst minder begabte Smartphone-Knipser ansehnliche Bilder zustande. Plötzlich ist das Land da draußen sogar für großstädtische Instagram-Girls ein begehrter Ausflugsort, sowas gibt’s ja im staubigen Frankfurt nicht. Ein Selfie mit dem neuen rosafarbenen Fummel mitten im Rapsfeld, das muss doch einfach sein. Was guckt der Bauer da drüben so mürrisch, nur weil ein paar Stängel umknicken. Sind doch noch genug da.

Alles blüht, nicht nur Blumen und Bäume. Der Philosoph Klaus Goergen hat mal aus den Gedichten des an sich häufig düsteren Barock-Poeten Andreas Gryphius (1616 bis 1664) hervorgekramt: "Was blüht da nicht alles metaphorisch: blühender Ruhm, blühende Freude, blühender Friede. Das Glück, das Alter, Häuser, Städte, Kirchen blühen, ja, auch blühende Landschaften gab es schon bei Gryphius." Herrschaftszeiten. Da wird doch wohl Helmut Kohl nicht von diesem Uralt-Dichter abgeschrieben haben, als er dem deutschen Osten eine blühende Zukunft verheißen hat. Blühende Phantasie gibt es ja auch noch, und natürlich blühenden Unsinn.

Womit wir etwas unelegant bei Donald Trump gelandet sind. Der Mann wird nächsten Monat 80. Hin und wieder sollen ihm bei Konferenzen schon mal die Augenlider nach unten klappen, aber Frühjahrsmüdigkeit scheint ihn nicht zu plagen. Ganz im Gegenteil, man kann ja zwischendurch mal einen Krieg anfangen, ungehorsame Verbündete bedrohen und das Lieblings-Spielzeug auf den Tisch packen: Zoll-Ankündigungen. Sowas hält frisch und ärgert die Welt. Geboren ist er am 14. Juni 1946, begleitet von einer totalen Mondfinsternis: der "Blutmond" war aufgegangen. Das glühend rote Gestirn galt früheren Astronomen als Sendbote der Verdammnis und als böses Omen. Heute sind wir alle natürlich weitaus aufgeklärter und denken uns erstmal nichts dabei. Zwei Stunden und 12 Minuten lang war die Himmels-Erscheinung damals auch über Fulda sichtbar. Ach so: Der Revoluzzer Che Guevara wurde an diesem Tag 18 Jahre alt. Aber das hat vermutlich auch nichts zu bedeuten.

Trumps Sternzeichen sind die Zwillinge. Was sagen die hiesigen Horoskop-Deuter über Zwilling-Männer? "Treten gern laut, aggressiv und fordernd auf, lieben den Wettkampf und scheuen nicht das Risiko. Dabei verhalten sie sich rüde und wenig diplomatisch." – "Der Zwillinge-Mann fischt gerne an der Oberfläche. Zwillinge-Männer können von allem etwas und nichts in Perfektion." – "Das Sternzeichen möchte immer auf dem neuesten Stand sein, was die vielen Push-Mitteilungen auf seinem Handy erklärt." Guck an, ab sofort lese ich täglich mein Horoskop.

Den "Blumenmond" haben wir schon verpasst: Einer von zwei Vollmonden in diesem Monat, glotzte auf uns runter am 1. Mai. Noch bis Mitte des Monats regnet es Sternschnuppen. In der "Erdscheinnacht" des 16. Mai lohnt sich in jedem Fall der Blick nach oben: ein besonders attraktiver Sichelmond wird uns versprochen. Wenn die Wolken gnädig sind. Am 27. Mai ist der "Blue Moon" zum ersten Mal zu sehen, in der letzten Mai-Nacht gleich nochmal, dafür aber noch prachtvoller. Unser Monat hat doch echt was zu bieten. Monat der Jungfrau Maria. Monat der Mittelmeer-Diät. Hautkrebs-Monat. Monat des Welthandels. Wie, was? Wer hat sich sowas bloß ausgedacht. Die Feiern dürften heuer etwas mager ausfallen. Nächste Woche wollen übrigens die berüchtigten Eisheiligen vorbeischauen, Spielverderber des Monats. Aber deren Glanzzeiten sind vorbei. Sophia von Rom und ihre frostigen Kollegen haben ausgedient. Die einzige Frau in der Kälte-Bande wird gegen Spätfrost angerufen. "Die Kalte Sophie macht alles hie", warnt der "Volksmund". Aber wenn die saukalten Fünf ab Montag unseren Balkonpflanzen und der Saat der Landwirte einen vernichtenden Hieb verpassen wollen, dann wird daraus nix: Es ist einfach zu warm. Danke, Klimawandel.

Die Natur brodelt, unsere Stimmung ist im Keller. "Avanti Dilettanti!" So nennt die Kabarettistin Lisa Fitz ihr aktuelles Programm. Sie ereifert sich über Politiker, "die so viel absurden Blödsinn absondern (und machen), dass man mit dem Kopfschütteln aufhören muss, um nicht sein Hirn zu schädigen". Dilettanten sind Menschen, die vieles wollen und wenig können. "Ahnungslos, aber durchdrungen von der Rolle, die sie verkörpern," schrieb 2012 der Journalist Thomas Rietzschel. Fast zweihundert Jahre früher hatte der Schriftsteller Ludwig Kalisch seine Pappenheimer bereits durchschaut: "Der Dilettant fällt gleich als Meister vom Himmel; er stürzt gleichsam in den Tempel der Unsterblichkeit. Er wendet viel mehr Sorgfalt auf die Anerkennung seiner selbst, als auf seine Schöpfungen und gibt dem Weihrauchfass, mit dem er sich selbst beräuchert, viel mehr Schwung als seinen Werken, deren einziger Bewunderer er selbst ist."

Das klingt aktuell, aber solche Typen gab’s offenkundig schon immer. "Psychopath", "verschwendungssüchtig", "grausam", "wahnsinnig" – so wird von kundigen Menschen ein sehr mächtiger Mann beschrieben. Nein, es geht dieses Mal wirklich nicht um Präsident D.T., sondern um einen gewissen Nero (37 bis 68). Der römische Tyrann genießt noch heute den schlechtesten Ruf unter all den sonderbaren antiken Herrschern. Manche Kampfhund-Besitzer nennen ihre rauflustigen Hunde immer noch nach ihm. Geltungssüchtig war der Mann auch, irgendwann ließ er den Monat Mai in Claudius umbenennen, einen seiner zahlreichen Vornamen. Hat sich nicht durchgesetzt. Ist das nicht ein wenig beruhigend?

Donald Trump, Friedrich Merz, Lars Klingbeil, Till Backhaus und Albert Riera haben eines gemeinsam: Keiner versteht sie. Trump ist das wahrscheinlich egal, den anderen nicht. Wären Merz und Klingbeil Schulkinder, brauchten sie sich mit ihrem Jahres-Zeugnis gar nicht nach Hause trauen. Backhaus pfeift auf die Wissenschaftler und frohlockt, sein großes Meerestier habe "Symbolkraft für ganz Deutschland, nein, für Europa und die ganze Welt." Erbarmen! "Am 30. Mai ist der Weltuntergang", hat 1954 eine Kapelle namens Lustige Jungs geschmettert. Da kann Herr Backhaus doch mitschunkeln. Und nehmt den Eintracht-Trainer Riera gleich mit dazu. Den Herrn hat schon aufgrund seines spanisch gefärbten Stakkato-Englisch kaum jemand verstanden, von inhaltlicher Wirrnis mal ganz abgesehen.

Unser Wonnemonat hat in den Jahrhunderten seiner Existenz schon weitaus Schlimmeres überstanden als das aktuelle Durcheinander. Mai bleibt Mai und Wal bleibt Wal. "Endlich ist das Mistvieh weg", soll ein Mann auf dem Rettungsdampfer gesagt haben. Das Meer wogt auf und ab, der Peilsender peilt nichts und das "Rettungsteam" ist etwas wortkarger geworden. Aber Obacht: Dilettanten sind nicht nur im Frühling aktiv. Mark Twain hatte da eine Idee: "Oktober. Einer der besonders gefährlichen Monate für Börsenspekulanten. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Februar."

Mal hart und hungrig, mal zart und bunt wie eine Blumenwiese: So tönt der Mai:

James Taylor, One Morning in May: https://www.youtube.com/watch?v=-Qmbg3sQ4hE

AC/DC, Stormy May Day: https://www.youtube.com/watch?v=AQDzUHsjDWM

Michael Bublé, End of May: https://www.youtube.com/watch?v=NVMvKPQi9XI

Marika Rökk, Eine Nacht im Mai: https://www.youtube.com/watch?v=XwJdHDOZ8_4&t

Enya, May It Be: https://www.youtube.com/watch?v=nt3Ggo1CE3g&t

Bee Gees, First Of May: https://www.youtube.com/watch?v=yGxDx8ftX1I

Die Lustigen Jungs, Am 30. Mai ist der Weltuntergang (1954): https://www.youtube.com/watch?v=ADTgRuUcv3Y&t (Rainer M. Gefeller) +++

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