Echt jetzt! (95)

Ein Prosit auf den Bausparer-Rausch - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Drahtseilakt mit Bier, im Englischen Garten, München.
Fotos (7): Gefeller

06.02.2026 / REGION - Wie schmeckt denn die aktuelle Karneval-Session? Bisschen dünn, oder? Wir halten uns schließlich an die neue Trinkordnung, verfügt von der Weltgesundheits-Organisation: Jeder Tropfen Alkohol ist des Teufels.



Unser neuer Getränke-Hit: Wasser statt Wein. Stumpf die Gläser klingen. Prima, ruft der Hausmann: Nie mehr Rotweinflecken. Und was ist, wenn unsere Geschmacksnerven und unsere Gefühlswelt rebellieren? Ach, regt euch nicht auf. Schauen wir doch mal, wie’s den Amerikanern erging, als ihnen jeder Schluck Alk verboten wurde. 13 Jahre lang! Oder was wir von den alten Germanen, den Briten, den Ärzten und den Geistesgrößen lernen können. All das macht natürlich durstig. Föllsch Foll hinein damit!

Drink doch ene met, stell dich nit esu aan! Du steis he de janze Zick eröm.

1971, als die Kölner Karnevals-Kapelle "Bläck Fööss" dieses sentimentale Schunkel-Lied herausbrachte, traten die Herren meistens noch barfuß auf, wodurch sie ihren Bandnamen rechtfertigten: Schwarze Füße. Ein alter Mann hat Durst und kramt vergeblich in seinem Klimpergeld – es reicht nicht für einen Schoppen. Bis ein Kneipengänger die Not erkennt und ihm ein Kölsch andient. Die Botschaft des Liedes: So muss das sein in der Welt der Trinker, niemand darf durstig zurückgelassen werden.

Obacht, jetzt wird uns Wasser in den Wein gekippt. Im Januar 2023 vertrat die WHO-Abgesandte Dr. Carina Ferreira-Borges die neue Trink-Linie: "Alkohol ist eine toxische, psychoaktive und süchtig machende Substanz." Das Internationale Krebsforschungszentrum habe dieses "Zellgift" als Krebsauslöser der höchsten Stufe identifiziert – genauso schlimm wie Asbest, Strahlung und Tabak. "Egal, wie viel man trinkt – das Risiko für die Gesundheit beginnt schon beim ersten Tropfen." Je mehr Wein oder Bier, desto schädlicher die Wirkung. In Europa gebe es den höchsten Anteil an Trinkern in der Bevölkerung, über 200 Millionen Menschen seien in Gefahr, "an einem alkoholbedingten Krebs zu erkranken". Im Januar 2026 hat der Rüdesheimer Internist Johannes Scholl in der FAZ energisch dagegengehalten: In Wahrheit sei der gesundheitliche Nutzen bei mäßigem Alkohol-Genuss größer als der mögliche Schaden. Scholl: "Das Sterblichkeitsrisiko ist bei einem Konsum von 20 Gramm Alkohol am Tag im Vergleich zur Abstinenz geringer." In Zahlen: Beim Herzinfarkt gebe es mehr als ein Fünftel weniger Todesfälle, die Ablagerungen in den Arterien (Arteriosklerose) würden verlangsamt "Es gibt sicher schädliche Effekte von Alkohol, die sich auf die Krebsentstehung beziehen. Statistisch signifikant ist dabei vor allem der Brustkrebs bei Frauen." Dagegen stünde der "klare Nutzen von Alkohol". 20 Gramm Alkohol am Tag – das entspricht einem Viertel Wein. Ein Freibrief fürs Saufen sei das freilich nicht, warnt auch Scholl: "Bei einem Konsum von zwei Vierteln ist dieser Benefit schon wieder dahin."

I weiß ned was des is i trink so gern a Flascherl Wein
Da muaß goar ka bsondrer Anlass oda Sunntog sein
I sitzt oft stundnlang allein auf einem Fleckerl
In einem Weinlokal in einem stillen Eckerl
Am anderen Menschen wäre das vielleicht zu dumm
Nur ich bin selig dort und ich weiß warum.

Das Reblaus-Lied hat der Wiener "Volkssänger" Hans Moser seinem Publikum das erste Mal 1940 vorgenuschelt. Ist das nicht eine schöne Liebeserklärung ans Trinken? Da hätten die alten Germanen bestimmt mitgesummt. Und die Mittelaltler. Und die Engländer.

Bei den Germanen, die Bier und Met (Honigwein) becherten und auch ihre Götter für Trinker hielten, gehörte der Rausch zum täglichen Leben. Mancher Historiker ermittelte sogar einen kollektiven Trinkzwang. Im Mittelalter kam bereits zum Frühstück die nahrhafte Biersuppe für die ganze Familie auf den Tisch. Unter Männern war Trink-Verweigerung eine Beleidigung. Wer zu langsam süffelte, war ein Schwächling. Als "große Trinklande" galten vor allem Sachsen, Mark Brandenburg, Pommern und Mecklenburg. Guck an, unsere Ossis!

Bereits seit dem frühen Mittelalter gab es Bestrebungen, den Dauersuff zu bremsen. Die Deutschen standen unter Generalverdacht. Unseren Kaisern wurde bei ihrer Krönung in Rom die Frage gestellt: "Willst du mit Gottes Hülfe dich nüchtern halten?" Landgraf Moritz von Hessen entpuppte sich als echte Spaßbremse: 1600 gründete er den "Temperenzorden", der seine Mitglieder darauf verpflichtete, sich zwei Jahre lang nicht "voll zu saufen". Zu den Mahlzeiten sollten fortan nicht mehr als sieben Becher Wein gekippt werden. Die protestantischen Potentaten gingen noch energischer gegen Alkohol vor, getreu den Vorgaben ihres Lehrmeisters Martin Luther: "Es muß ein jeglich Land seinen eigenen Teufel haben... Unser Deutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch seyn, und muß Sauff heißen."

Auch die Engländer hatten natürlich früh die Hand am Glas. Pubs gab’s noch nicht, der Englishman trank, wo er ging und stand. Daheim, bei der Arbeit, in der Kirche; Frau und Kinder zechten auch. Ja, der Altarraum war eine echte Festhalle. Der Spaß war vorbei, als um 1366 der Erzbischof von Canterbury allen mit Exkommunikation drohte, die sich weiter an "diesen gängigen und irreführenderweise Wohltätigkeits-Umtrunk genannten Zechereien" beteiligten. Ein reines Vergnügen war diese Ale genannte Ursuppe des heutigen Bieres ohnehin nicht. Das Gebräu aus Gerste und Wasser war "eine Art schlammiger Brei mit Stückchen drin", schrieb Mark Forsyth in seiner "kurzen Geschichte der Trunkenheit": "Damit es zumindest einigermaßen schmeckte, musste man Kräuter und Gewürze beifügen – mit am beliebtesten war Meerrettichgeschmack."

Zurück in die vertrocknende Gegenwart. Die WHO drängt die Europäer zu entschiedenem Eingreifen: "Alkoholbesteuerung", "eingeschränkte Verfügbarkeit", "strenge Vermarktungsverbote", "staatliche Alkohol-Monopole". Stehen wir vor einer Finnlandisierung Europas? Das Nordland hat sich freilich im vergangenen Sommer ein wenig locker gemacht: jetzt darf man Bier und Wein bis zu einem Alkoholgehalt von 8 Volumenprozent im Supermarkt kaufen – zuvor waren es nur 5,5. Für den Rest muss man weiterhin in einem der gestrengen Läden des staatlichen Monopols "Alko" vorsprechen. Die erste Botschaft auf deren Webseite: "Versuchen Sie unsere großartigen alkoholfreien Drinks!". Die Finnen wollen ihre Landsleute schützen, die am Wochenende selbst beim Saunieren ihren Rachenbrand löschen. Auch den Rapper Käärijä, der mit seinem Sauf-Song Cha Cha Cha 2023 auf den zweiten Platz der ESC-Parade kam: "Ein paar Pina Colada habe ich schon geschafft, aber mein Gesichtsausdruck ist immer noch ernst. Ja, ja, ja, ja, ja. Ist noch Zeit für ein paar mehr, die Nacht ist ja noch jung."

Oder sollen wir gleich zurückkehren ins vergangene Jahrhundert, 1920 in Amerika? Damals begann das 13 Jahre dauernde Zeitalter der "Speakeasys" (Flüsterkneipen) und "Blind Pigs" (Blinden Schweine). Gangster wie Al Capone oder der "Bierbaron" Dutch Schultz kontrollierten das Alkoholgeschäft, in New York mischte neben der Cosa Nostra sogar eine jüdische "Kosher Nostra" mit. Die Zahl der illegalen Ausschank-Kneipen explodierte. Allein in der Ostküsten-Metropole sollen es 30.000, vielleicht sogar 100.000 gewesen sein. In den Flüsterstuben gab es Bier und Wein, vor allem aber Whisky. Alles von miserabler Qualität. Oder "Badewannen-Gin", der aus reinem Alkohol zurechtgepantscht wurde. In der Prohibition soll der Absatz von Hochprozentigem sich verdoppelt haben. Vor 1920, in den legalen Saloons, bestand die Kundschaft fast überall ausschließlich aus weißhäutigen Männern. Schwarze wurden mancherorts geduldet, Ureinwohner und Chinesen hatten keinen Zutritt. "Anständige Frauen" gingen freiwillig nicht dorthin. Aber im New York der Prohibition gab es keine Restriktionen mehr; die durstigen Weißen (inklusive Frauen) trieb es sogar in die zuvor verpönten Viertel der Schwarzen. Ein Journalist schrieb verblüfft, die neuen Trink-Anstalten hätten "in zehn Jahren mehr für die Verbesserung der Beziehung zwischen den Rassen getan, als das den Kirchen in einem Jahrhundert gelungen ist."

Haben wir demnächst unsere eigene Prohibition? Ein Leben mit Total-Verzicht – das kommt manchen vor wie ein vertrocknetes Dasein ohne Partner, Hund und Tagesschau. Denken Sie mal, was die Menschheit sich früher "zwischen Leber und Milz" geschüttet hat. Heute sind Bier und Wein längst Botenstoff unserer Zivilisation, deutsche Weinkultur wurde im März 2021 als "Immaterielles Kulturerbe" anerkannt. In dem Verein sind wir alle Ehrenmitglieder. Erst geadelt und dann in den Ausguss damit? Von Zeit zu Zeit kramt unsere Erinnerung uralte Textzeilen aus der Begleitmusik unseres Lebens hervor. Zum Beispiel: "Trink, trink, Brüderlein trink, lass doch die Sorgen zu Haus". Gus Backus hat das gesungen, 1962. Das Klagelied "Es gibt kein Bier auf Hawaii" von Paul Kuhn, 1963. "Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort." Selbst zu dieser traurigen Endzeit-Musik konnten unsere Eltern ausgelassen sein wie ein Pudel, wenn die Futterdose geöffnet wird. War ja auch von Willy Millowitsch (1960). Den "Griechischen Wein" von Udo Jürgens (1974) werde ich aber keinesfalls mitschmettern. Da kommt mir gleich der harzige Geschmack von Retsina auf die Zunge. Danke, nein.

In unseren Gläsern leuchtet das Getränk – was nun? Fragen wir doch die echten Experten und Lebensberater, unsere dichtenden durstigen Schriftsteller. Charles Bukowski, der drollige deutschstämmige Anarcho-Schreiber, klärt vorab die Grundlagen: "Die Leute sind nicht gebaut, um dauernd 100prozentig zu funktionieren." Bravo, ganz meine Meinung. "Intelligenz säuft", sagt der Volksmund. Der Nobelpreis-Träger William Faulkner ist auch dieser Auffassung, sagt es aber raffinierter: "Die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration ergibt neunundneunzig Prozent Whisky und ein Prozent Schweiß." John Steinbeck musste, heißt es, seiner Frau versprechen, seinen Literatur-Nobelpreis nicht betrunken entgegenzunehmen. Er hat’s geschafft! F. Scott Fitzgerald ("Der große Gatsby") wurde nur 44 Jahre alt; seine Kumpels nannten ihn "F. Scotch Fitzgerald". "Er war ein großer Künstler, der vom Schnaps in ein Studienobjekt für Pathologen verwandelt wurde", schrieb Upton Sinclair. Mancher hat sich einfach zu arg reingehängt bei seiner Schriftstellerei. Ich trinke jetzt mal auf die Opfer der Geistesarbeit. Und dann gleich noch einen, weil die wichtigsten Tage der Foaset uns bevorstehen. In zwölf Tagen wird gefastet. Bis dahin steuert der wunderbare "Pop-Literat" Benjamin Stuckrad-Barre für einige unter uns das passende Leitmotiv bei: "Was ‚leicht angeheitert‘ genannt wird, nenne ich Bausparerrausch, fast so absurd wie alkoholfreies Bier." Trinken wir doch einfach, was wir mögen. Das gilt auch für unsere Wasser-Amigos.

Musiker haben auch mitunter Durst und können dann ganz schön sentimental werden. Hören Sie selbst!

Bläck Fööss, Drink doch ene met: https://www.youtube.com/watch?v=CWIvUOkFong

Rodgau Monotones: Erbarme, die Hesse komme: https://www.youtube.com/watch?v=F3uAGhWdrxo

Udo Lindenberg, Unterm Säufermond: https://www.youtube.com/watch?v=vpOpXlhfPGQ

Nancy Sinatra & Lee Hazlewood, Summer Wine: https://www.youtube.com/watch?v=Ib_eW9VSUwM

Melanie, Leftover Wine: https://www.youtube.com/watch?v=y7rIVhyFhts

Nina Simone, Lilac Wine: https://www.youtube.com/watch?v=o7TuGz5H7kE

Van Halen, Take Your Whiskey Home: https://www.youtube.com/watch?v=RlYO-lVrSCg

The Kinks, Alcohol: https://www.youtube.com/watch?v=LJ4KMBA_ewU

Zucchero, I Won’t Be Lonely Tonight: https://www.youtube.com/watch?v=jV_vQ18IXLU

Verdis Traviata im Glyndebourne Opera House, "Brindisi" (The Drinking Song): https://www.youtube.com/watch?v=UZvgmpiQCcI . (Rainer M. Gefeller) +++

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