Echt jetzt! (113)

Wie die Amis Weltmeister werden - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

2014: die deutschen Weltmeister mit WM-Pokal im Maracana-Stadion.
Foto: Marcello Casal Jr/Agencia Brasil bei Wikimedia

12.06.2026 / REGION - Fußball-WM? Echt jetzt? Wir haben doch Hessentag! Da gibt’s doch genug zu gucken und zu staunen, und es wird sogar gekickt. Aber wir wollen uns den bedeutenden Welt-Ereignissen natürlich nicht verschließen. Klären wir also die letzten Geheimnisse dieser vermaledeiten Sportart. Ist Fußball in Wahrheit hässlich? Sind die Italiener noch zu retten? Lohnt es sich, die Deutschland-Fahnen ans Auto zu klemmen? War Shakespeare ein Fußball-Fan? Können die Amis überhaupt Fußball spielen? Na klar, irgendwie schon – das steht doch in der Überschrift. Für den WM-Titel wird der oberste Spielführer der USA sorgen. Manche nennen den alten Trickser schon "Donaldinho"...



"Wo ist Victoria?

Sie möge Italien ihr Haupt zuneigen."

Wir sehen sie noch vor uns, die Superhelden des italienischen Fußballs, wie sie in ihrer Nationalhymne die Siegesgöttin um Beistand anflehten: Roberto Baggio, "Der göttliche Zopf". Gianni Rivera, "Das Hirn". Francesco Totti, "Il Gladiatore". Paolo Maldini, "Il Capitano". Andrea Pirlo, "Der König". Luigi Riva, "Donnerschlag". Gianluigi Buffon, "Gigi". Und jetzt? "Apokalypse Italien!" schreibt Corriere della Sera. "Eine nationale Schande." (La Repubblica). "Italien in der Hölle." (Il Messaggero). "Zwölfjähriger Fluch." (The Sun, England). "Ciao Italia." (L’Equipe, Frankreich). Die Zeitungen feiern ein Schlachtfest. Die "Azzurri", viermalige Weltmeister wie die Deutschen, haben zum dritten Mal in Folge dabei versagt, an einer WM teilzunehmen. Wo war sie denn, die Siegesgöttin Victoria? Was nun mit der schönen Hymne? Beim Boccia-Turnier in Rimini kann man sie ja schlecht singen. Trauern wir mit den Italienern, wir brauchen sie doch; sie waren die Brüder unserer Sommermärchen. 1990, WM in Italien. "Wir" wurden Weltmeister, mit "Kaiser" Franz Beckenbauer als Nationaltrainer. Italien: dritter Platz. 16 Jahre später, das zweite Sommermärchen, WM in Deutschland. Italien siegt im Halbfinale gegen "uns" und wird im Elfmeter-Schießen Weltmeister gegen Frankreich. Deutschland: dritter Platz. Sowas schweißt doch zusammen. In Italien nehmen sie’s inzwischen mit Galgenhumor. Katar, Kongo und Kap Verde dürfen mitspielen. Wer soll denn jetzt Weltmeister werden? "Bleibt doch nur noch Amerika", sagt einer und lacht.

Weltmeisterschaft? Na klar, da sind wir dabei – 13 Prozent der Amerikaner interessieren sich total dafür (laut YouGov-Befragung). Mehr als die Hälfte (54%) lehnen Fußball allerdings vollkommen ab. Den übrigen ist die WM nicht so wichtig. Aber wenn dieser seltsame Sport sich dort breitmacht, dann sollen die USA gefälligst auch Weltmeister werden, sagen 37 Prozent der Einheimischen. Jeweils 9 Prozent würden sich eher über einen Sieg von Brasilien oder England freuen. 8 Prozent sind für Mexiko, 7 Prozent für Argentinien und, Obacht: 6 Prozent für Deutschland. Favorit bei den Sportwetten ist Spanien vor Frankreich, England und Brasilien. Wir landen auf Platz 7. Dafür kann man schon mal ein wenig rumhupen und Autokorsos veranstalten.

Wie konnte sich die Fußball-WM überhaupt in die USA verlaufen? Das Gesicht dieser Verirrung gehört Herrn Infantino, Boss der Bosse in der Fußballwelt. Sein Nachname entstammt dem italienischen Wort infante und bedeutet unter anderem "Söhnchen". Der Fifa-Chef ist uns aufgefallen, weil er beim Peinlichkeits-Wettbewerb um die Gunst des US-Präsidenten Trump sogar dem Nato-Generalsekretär Mark Rutte den Rang abgelaufen hat. Ob Söhnchen sich wenigstens geniert? Das wissen wir nicht. Ein Glatzkopf kann sich schließlich nicht vor Scham die Haare raufen.

Nach dem Urteil der OECD sind 73 Prozent der erwachsenen Amerikaner übergewichtig, 42,5 Prozent gelten sogar als fettleibig. Die übrigen sollen einigermaßen sportlich sein. Für 84,7 Millionen Amis ist die beliebteste Fitness-Übung das Spazierengehen, gefolgt von Zelten, Schwimmen, Bowling, Süßwasserangeln, Pool-Billard... Erst auf Platz 21 rangiert Fußballspielen. 37 Prozent der Amerikaner nennen laut einer Umfrage des Gallup-Instituts als Lieblings-Sportart American Football. 11 Prozent mögen am liebsten Basketball, 9 Prozent Baseball. Fußball wird von 7 Prozent der Amis genannt – damit haben die Kicker immerhin Eishockey überholt (4 Prozent). American Football ist King, und die Krönungsfeier ist jedes Jahr der Super-Bowl. 2026 haben 125 Millionen das Spiel der Spiele im Fernsehen verfolgt. Der Supersonntag ist auch ein Fest für die Verdauungsorgane: 1,25 Milliarden Chicken-Wings vertilgen die Amis an diesem Tag, und acht Millionen Pfund Guacamole-Paste noch dazu. Aber ehrlich: gemessen am Fußball ist das höchstens Kreisklasse. Das letzte WM-Finale 2022 in Katar haben laut FIFA 1,42 Milliarden Menschen live gesehen.

Fußball hat zu wenig Pausen, meckern die Amis. Anders als American Football, Baseball und Basketball. Da gibt’s "alle Naslang" Unterbrechungen für Werbung – und damit Zeit, sich frisches Bier, Hamburger oder Hot Dogs zu besorgen. Eine Fußball-Übertragung im Fernsehen dauert durchschnittlich 105 Minuten, bei 90 Minuten echter Spielzeit. American Football hält die Zuschauer 180 Minuten am Bildschirm (60 Minuten Spielzeit). Fußball mit seiner taktischen Ballschieberei finden die meisten Amis "langweilig", "schwul", "sozialistisch", "europäisch", "un-amerikanisch". Zuwenig Tore, zu wenig Action – und warum dürfen die Spieler ihre Hände nicht benutzen? Fußball-Spiele enden zu häufig unentschieden. Das ist Murks, denn Amis wollen Sieger und Verlierer, nichts dazwischen. Die einzigen, die sich in den Vereinigten Staaten echt für Soccer interessieren, sind die Latinos. Immerhin fast 20 Prozent der Bevölkerung.

1899 hat der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck eine Kampfschrift gegen den Fußball veröffentlicht. Titel: "Fußlümmelei – Über Stauchballspiel und englische Krankheit". Oh, was haben sich Deutschlands Pädagogen darüber in die Wolle gekriegt. Das Fußballspiel "als solches" habe etwas "Lümmelhaftes" und "Gemeines" an sich. "Das Stauchen, der Fußtritt, der ganz gemeine "Hundstritt" ist es, der hier den Ausschlag gibt... Was aber bedeutet der Fußtritt in aller Welt? Doch wohl, dass der Gegenstand, die Person, nicht wert sei, dass man die Hand um ihretwillen rührte. Er ist ein Zeichen der Wegwerfung, der Geringschätzung, der Verachtung, des Ekels, des Abscheus..." Die Volksstämme müssten erst noch geboren werden, die "den Tritt ans Schienbein für eine Schmeichelei und einen Tritt unters Gesäß für eine Ehrenbezeugung" hielten. Vorwurfsvoll verweist Schulmeister Planck auf den eleganten Felgaufschwung am Reck, erst Anfang des Jahrhunderts von "Turnvater" Jahn erfunden. Die grobe Fußballwelt indes walze allen sportlichen Anstand nieder, das "Affentum" mache sich breit. Auch der Handball sei "längst aus der Mode" gekommen. "Knirpse, kaum ihre drei Käselaibe hoch, kicken schon an allen Ecken und Enden. Fehlte nur, dass auch die Mädchen die liebliche Gewohnheit annähmen. Fußballcancan!"

Wer hat’s erfunden? Nein, nicht die Engländer. Wohl eher die Chinesen, die schon im 3. Jahrhundert damit losgelegt haben sollen, eine aus Lederlappen zusammengenähte, mit Tierhaaren gefüllte Beule hin und her zu kicken. Im sechsten und siebten Jahrhundert war das Ballspiel sogar Nationalsport – aber dann haben sie’s einfach wieder vergessen. Spielen können sie jedenfalls nicht mehr. Bei einer einzigen WM, 2002, haben sie immerhin die Vorrunde erreicht. In diesem Jahr ist’s wieder nichts.

Für William Shakespeare war "Fußballspieler" eine Beleidigung. Guckst du im "König Lear", 1606 verfasst, 1. Aufzug, vierte Szene:

Der König stellt den ungehorsamen Haushofmeister Oswald zur Rede. Statt zu winseln und zu kuschen, guckt der Mann auch noch aufsässig; King Lear schlägt ihn.

Der Haushofmeister: "Ich lasse mich nicht schlagen, Herr."

Da greift ein gewisser Graf von Kent ein: "Auch kein Bein stellen, du niederträchtiger Fußballspieler?"

Und dann lässt er ihn über sein Bein stürzen – wie’s damals, in den groben Urzeiten des englischen Fußballs, durchaus üblich war.

Damals, wenn ganze Dorfgemeinschaften von Fußball-Raufbolden im Inselreich gegeneinander antraten, sollen mehr Todesopfer zu beklagen gewesen sein als bei den gleichfalls sehr beliebten kriegerischen Schwertkämpfen. Als Tore dienten übrigens die Stadttore. Die konnten wenigstens nicht umfallen – wie am 1. April 1998 in Madrid, beim Halbfinale der Champions-League. Was haben wir uns köstlich amüsiert!

Sommer 1959, New York City. Der Immobilienunternehmer Frederick Trump hat keinen Nerv mehr, sich mit seinem aufsässigen zweitjüngsten Sohn Donald herumzuschlagen. Er lässt ihn zur Military Academy verfrachten, einer Schleifer-Schule. Hier wird Pädagogik im Befehlston serviert, die Schüler tragen Uniformen. Über fünf Jahre lang war Trump hier. Über seine schulischen Leistungen wird nichts berichtet, außer von ihm selbst: "Mein IQ ist einer der größten." Im Sport beglückte er die schulische Anstalt mit seinem robusten Auftreten. Der 1,84 Meter hohe Kerl wurde gern eingesetzt beim American Football, beim Basketball – und sogar beim Fußball. Anfang der 60er Jahre war das. War er Mittelfeldspieler? Verteidiger? Flügelläufer? Ist egal, nach wenigen Wochen war das Fußball-Abenteuer für ihn bereits beendet. "Ich verliere nicht gern", sagt Trump bei jeder Gelegenheit. Bei einem Kongress in Miami plauderte er: "Ich hänge eigentlich immer gerne mit Verlierern ab, weil ich mich dann besser fühle... Ich mag Leute, die gerne von meinem Erfolg hören." Für ein Porträtfoto für das Jahrbuch seiner Academy soll er sich schulische Medaillen von einem Klassenkameraden gepumpt haben.

Mit dem größten Fußball-Turnier aller Zeiten (Gröfaz) sind die Amis ja ohnehin Weltmeister. Rein fußballerisch hätten unsere Nagelsmänner sicher größere Chancen auf den WM-Titel als die amerikanischen Gastgeber. Aber was ist, wenn Donald "Donaldinho" Trump seine berühmte Magie mitspielen lässt? Wie zum Beispiel beim Golfen. Da verschwinden schon mal Bälle platschend im Teich – und tauchen dann, zum Einlochen bereit, auf dem Rasen wieder auf. Beim Fußball-Endspiel (19. Juli, 21 Uhr) lässt sich ein Sieg doch viel einfacher herbeizaubern. "Der Ball ist rund", hat Sepp Herberger gesagt, aber das ist lange her. Den Spielball im American Football nennen die Amis "Pigskin" (Schweinehaut), weil diese Pille in Urzeiten aus aufgepumpten Schweineblasen gefertigt wurde. Wäre doch ein schönes Zeichen der Völkerverständigung, wenn beim Finale dieses zugespitzte Wurf-Ei auf den Rasen gezaubert würde. Mag sein, dass die spanischen oder brasilianischen Edel-Kicker dabei ein wenig ins Straucheln gerieten. Aber die Amis, die würden das Ding schon über die Torlinie schaukeln. Zur Not mit den Händen!

Ein wenig Begleitmusik zu den Fußball-Weltmeisterschaften. Hymnen von echten Musikern und einigen, die besser geschwiegen hätten:

Shakira, Dai Dai, 2026: https://www.youtube.com/watch?v=fcnDmrtj6Sk

Tears for Fears & Lil Baby, The World is Yours to Take, 2022: https://www.youtube.com/watch?v=CNKS0h4i_VQ

Andreas Bourani, Auf uns, 2014: https://www.youtube.com/watch?v=k9EYjn5f_nE

K’NAAN, Wavin’ Flag, 2010: https://www.youtube.com/watch?v=WTJSt4wP2ME

Shakira, Waka Waka, 2010: https://www.youtube.com/watch?v=pRpeEdMmmQ0

Herbert Grönemeyer, Celebrate the Day, 2006: https://www.youtube.com/watch?v=9ffV4YmmFt8

Il Divo und Toni Braxton, The Time of Our Lives, 2006: https://www.youtube.com/watch?v=4aOxDHqWyK0

Anastacia, Boom, 2002: https://www.youtube.com/watch?v=LoB9tWdNdSo

Baddiel & Skinner & Lightning Seeds, Three Lions, 1998: https://www.youtube.com/watch?v=RJqimlFcJsM

Ricky Martin, The Cup of Life 1998: https://www.youtube.com/watch?v=dZDj2CnG5dE

Gianna Nannini & Edoardo Bennato, Un Estate Italiana, 1990: https://www.youtube.com/watch?v=N2ANAqO1TLs

Udo Jürgens mit der deutschen Fußballnationalmannschaft: Buenos Dias Argentina, 1978: https://www.youtube.com/watch?v=ozV52NNg6uM

Deutsche Nationalelf, Fußball ist unser Leben, 1974: https://www.youtube.com/watch?v=HYDN6yq8nm4

(Rainer M. Gefeller) +++

Echt Jetzt! - weitere Artikel

↓↓ alle 115 Artikel anzeigen ↓↓

X