Echt jetzt! (94)

Om! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Entspannungs-Übung vor der Kulisse der „Yoga-Hauptstadt“ Rishikesh.
Foto: Yogasadhanaguru auf Wikimedia

30.01.2026 / REGION - Tiiief einatmen. Luft anhalten. Liegen Sie bequem auf Ihrer Yoga-Matte? Na dann mal los: Fliegen wir davon – in eine Zeit vor unserer heutigen Zeit. Waren wir nicht alle ein bisschen indisch, damals? Überall roch’s nach Tee und Curry und Räucherstäbchen. Und natürlich nach Patschuli, dessen Duft von manchen als "kraftvoll, berauschend und zart", von anderen als penetrant empfunden wurde. Diese Magie! Diese Ekstase! Diese völlig entrückten Beatles! Unsere Garderobe in verwaschenen indischen Farben: Safran, Weiß, Grün, und natürlich das sinnliche Rot. Das skandal-umwitterte Poona. Die jaulende Musik! Und heute? Gibt’s Yoga in jeder Gymnastikbude und sogar in der Kirche. Damals war doch alles viel indischer. Aber war’s auch besser? Wühlen wir in unseren Erinnerungen. Ach so, bevor wir damit anfangen: Das Ausatmen nicht vergessen!



Am Anfang war dieser fremdartige Ton. Ein metallisches Jammern, ein auf- und abschwellender blecherner Klang. Der Beatle George Harrison hat in einem indischen Restaurant zum ersten Mal gehört, welche Geräusche eine Sitar erzeugen kann. "Es war wie eine Glocke, die in seinem Kopf ertönte", erinnert sich seine Witwe Olivia. Es muss auch noch was anderes geklingelt haben in Meister Harrison, er wurde sowas wie der erste Ehren-Inder des Planeten. Fortan hockte er häufig auf einer Yoga-Matte. Es war der Anfang vom großen Durchbruch der indischen Lebensart in der westlichen Pop-Kultur. Im Sommer 1967 spielte der Sitar-Virtuose Ravi Shankar, Harrisons Lehrmeister, auf dem berühmten Monterey-Festival. Auch Jimi Hendrix schunkelte zu den fremden Klängen. Kurz darauf verbrannte er auf der Bühne seine Gitarre. Den sanften Indien-Trend der Saison hatte er offenkundig nicht wirklich verinnerlicht.

1968 pilgerten die Beatles nach Rishikesh, ins Hauptquartier des Gurus Maharishi Mahesh Yogi (1918 bis 2008). Alles an ihnen wurde irgendwie indisch. Mal trugen sie weiße, mal bunte Landestracht. Geblümte Halsketten. Während die Herren Paul, John, Ringo und George Kichererbsen mit Kreuzkümmel futterten, wurden sie von aggressiven Languren-Affen attackiert. Aber dagegen halfen ja Transzendentale Meditation, Klingklang-Musik und Yoga. Der "Beatles-Guru" predigte über "kosmisches Bewusstsein" und verkündete den Westlern das Heil durch Verzicht auf "Wissenschaftsgläubigkeit". Anfang der 60er Jahre hatten vor allem Studenten, von denen sich viele für den Trip in Schulden gestürzt hatten, ergriffen vor ihm gehockt. Mitte des Jahrzehnts folgten die Show-Größen: Donovan, die Beach Boys, Clint Eastwood, Mia Farrow... Wieso erhofften sich die in Scharen anreisenden Anbeter von diesem seltsamen Mann Seelenfrieden und Hinweise auf den Sinn des Lebens? Der rauschebärtige Inder gluckste während seiner täglichen Vorträge beständig vor sich hin, US-Medien tauften ihn "Kichernder Guru"; vielleicht hielt er die gigantische Heiler-Show für einen Witz. Gern versorgte er die Fans mit Weisheiten, die man jederzeit aufs Kopfkissen sticken konnte: "Die Antwort auf jedes Problem ist, dass es kein Problem gibt."

Erinnern Sie sich noch an Pfarrer Werner Vogel, "Yoga-Vogel"? Ein umtriebiger Kirchenmann, geboren 1935 in Eckweisbach und im Juni 2017, zwei Tage nach seinem 82. Geburtstag, gestorben. Ein Mann, der viele Welten miteinander zusammenbrachte. Yoga, Kirche und Karneval, zum Beispiel. In einer Friedensmesse der Karnevalisten in der Stadtpfarrkirche predigte er (wie heute Stadtpfarrer Buß) gern in Reimform. Er endete häufig so: "Föllsch Foll hinein – und dann kräftig Amen." Vor allem aber war er Fuldas bekanntester Yoga-Pionier. Die Kirchenoberen, ist zu lesen, waren nicht erbaut davon, dass der populäre Geistliche sich schon in den 70er Jahren dieser fremdartigen Leibesübung verschrieben hatte – denn für viele Christen war Yoga eine Art Turnsport des Aberglaubens. Schon die portugiesischen Jesuiten-Mönche, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts in Indien einmarschierten, verdammten Yoga als heidnisch. Noch 1989 warnte die katholische "Kongregation für die Glaubenslehre" vor einer Verharmlosung "östlicher Meditationsformen".

Yoga könne zu einer "verderblichen" Vermischung der christlichen Religion mit Hinduismus und Buddhismus führen. Pater Gabriele Amorth (1925 bis 2016), "Exorzist" der Diözese Rom, entfesselte einen Kreuzzug: "Yoga zu betreiben ist teuflisch. Man denkt, es führt zur Entspannung, doch es führt zum Hinduismus." Der kampfwütige Katholik bezeichnete einen indischen Guru als "erstgeborenen Sohn Satans" und hielt selbst die Lektüre von Harry-Potter-Romanen für "satanisch". Pfarrer Vogel ließ sich nicht beirren. Ausgerechnet in Fulda, dieser katholischen Hochburg, verkündete er sein Credo: "Yoga ist eine religiöse Disziplin. Auch der Körper betet. Der Körper ist uns näher als das Denken." Yoga sei "ein Weg des Menschen zu seinem wahren innersten Wesen", "ein Weg zu Gott". Vielleicht würde der Fuldaer Pfarrer sich darüber amüsieren, wie weit Yoga heute in die Kirchen vorgedrungen ist. Im vergangenen Sommer startete die evangelische Pfarrerin Maral Zahed aus Augsburg den YouTube-Kanal "Himmlisches Yoga". Im "Spirituellen Zentrum" der Katholiken in Stuttgart wird Yoga in der Kirche praktiziert.

Mensch, das westliche Leben war doch so laaangweilig. Alles "ging seinen Gang". "Von der Wiege bis zur Bahre Formulare, Formulare", hatte schon Wilhelm Busch geklagt. Wohlgeordnet war alles im Reich der Sieben Zwerge. Sie fanden’s gar nicht so schlimm? Ich auch nicht. Aber plötzlich standen da diese indischen Struwwelbärte und spülten uns das Gehirn durch mit nie gehörten Verheißungen. Die zweite Leuchte der indischen Erwecker-Gilde nannte sich Bhagwan (1931 bis 1990), später mutierte er zu "Osho". Er predigte die fernöstliche Lebensart und lebte den westlichen Lifestyle, zum Beispiel indem er mit seinen Luxuskarossen (darunter 93 Rolls Royce) protzte. Der charismatische Mann brach mit gesellschaftlichen und kirchlichen Konventionen und Institutionen. In den Medien wurde er "Sex-Guru" getauft. Fotos von Massen-Orgien machten die Runde. Er forderte "den Sprung ins Unbekannte, Ungewisse, Geheimnisvolle". Anfang der 70er scharten sich die ersten verzückten Jüngerinnen und Jünger aus den Industrienationen um ihn, im indischen Poona, später auch in den USA und dann erneut in Indien. Ein "Heiliger" war er freilich nicht. Berichte über Kindesmissbrauch im "Aschram" mehrten sich. Und dann waren da scheußliche Bekenntnisse des "Heilsbringers": nur geistig und körperlich gesunde Kinder sollten leben. Homosexuelle seien keine Menschen. In seinen salbungsvollen Reden spuckte er auch allerlei Unrat auf sein Volk.

Über 35 Jahre nach seinem Tod lebt "Osho" für viele noch weiter. 2018 wurde er in der Netflix-Doku "Wild Wild Country" abgefeiert. Allein in Deutschland soll es immer noch bis zu 40.000 praktizierende Anhänger geben. Im vergangenen Oktober pries die FAZ, Yoga sei "mehr als Körperübungen" – nämlich eine Macht von "kosmopolitischer geopolitischer Bedeutung". Der einstige Aschram in Poona ist heute eher ein exklusives Wellness-Center, berichtet eine treue Anhängerin: "Die Betreiber wollen keine Rucksackreisenden. Das Osho-Zentrum ist fast zu einer geriatrischen Einrichtung geworden. Vor allem die betuchten Älteren aus Bhagwan-Zeiten kommen hierher." Das würde Herrn Osho sicher freuen: der spirituelle Abkassierer nannte sich selbst "Guru der Reichen".

Bis zu elf Millionen Deutsche praktizieren Yoga. Das Motiv: geistige und körperliche Gesundheit, Stressabbau. 74 Prozent machen’s daheim, 19 Prozent in Fitnessstudios. Tendenz steigend. Bis zu 300 Millionen Menschen yogieren weltweit. Ein Wirtschaftsfaktor: 88 Milliarden Dollar. Die spirituellen Wurzeln haben die meisten Yoga-Treibenden längst abgehackt. Das Murmeln und Summen von "Mantras" (Om!), all diese fernöstlichen Gerüche und Geräusche, die spirituelle Suche nach "Selbstvervollkommnung" sind futsch. Der "Sonnengruß" galt einst als "ehrfurchtsvolle Verbeugung vor dem göttlichen Gestirn". Jetzt ist die Abfolge von Verrenkungen und Dehnungen meistens ihres geistlichen Tiefgangs entkleidet und gilt als "ideale Aufwärmübung" vor der Yoga-Turnstunde. Hatha ist fast schon ein Trendsport, ein bewährter Teil der Physiotherapie. Manche Krankenkassen erstatten die Kosten.

Als die Fuldaerin Ursula Bernhardt Anfang der 80er Jahre ihr "Gymnastik Gesundheitsstudio" eröffnete, hatte sie dem Yoga seine Religiosität zuvor ausgetrieben. "Ich habe von Anfang an mein eigenes Hatha-Yoga betrieben", sagt sie – in einer Mischung aus der Entspannungsmethode der Eutonie, Yoga und Autogenem Training. Die in Schwarzerden ausgebildete Gymnastiklehrerin kam auch ohne die fernöstlichen Guru-Welten aus, "ich bin von der Gesundheit dorthin gekommen. Den eigenen Körper erkennen. In dich hineinhorchen. Die bewusste Bauchatmung. Die Dehn-Lagerung, bei der du spürst, wohin die Atmung sich verbreitet..." "Ich habe, anders als bei den üblichen Hatha-Yoga-Kursen, nicht sämtliche Übungen immer und immer wiederholt, sondern für mich war die gesamte Stunde eine einzige harmonische Bewegung." Klingt das nicht so, als hätte die heutige Galeristin ihre Yoga-Kurse bereits wie ein Kunst-Event angelegt? Hören wir mal rein.

"Ich habe immer langsam angefangen. Im Stand. Mal den Kopf ein wenig hängenlassen. Sich selbst fühlen. Keine Hauruck-Bewegungen. Keine Dehnungen, wie das früher üblich war, zum Beispiel beim Stretching." Damals waren die stampfenden Fitness-Übungen der Aerobic-Turnerin Jane Fonda noch angesagt – Standard-Kommando: "Hintern bewegen!" Verglichen damit war Yoga Zeitlupen-Turnerei. Manchmal zündete Bernhardt Kerzen an, ihre Turngruppe (meistens Frauen) hatte es gern gemütlich. Am Ende gab es immer die "Tiefenentspannung": "Das ist wie Meditieren. Man liegt zum Beispiel auf dem Rücken und ich sage: Lasst euch sinken. Stellt euch vor, ihr liegt im Sand. Fühlt eure Fersen, spürt eure Oberschenkel. Last eure Lendenwirbel locker liegen, hebt den Rücken mit der Atmung."

Ist schon dreißig Jahre her, dass die heutige Kultur-Instanz als Fuldas angesagte Yoga-Prinzessin galt. Für eine Saison exportierte sie ihren Kurs sogar an einen Strand auf Kreta, in einen Aldiana-Club, mit gewaltigem Zulauf. Heute gönnt sie nur noch selten eine der guten alten Entspannungsübungen. In Fulda wird die verbliebene Yoga-Welt längst unter vielen aufgeteilt. Ein paar Beispiele: Die Volkshochschule taucht tief ein ins Yoga-Geschehen. Was es alles gibt: After Work Yoga. Yoga-Meditation. Power Yoga. Anfänger-Kurse. Vormittags-Yoga. "Klangentspannung". Am besten gefällt mir "Nordic Walking und Yoga". Einfluss Yoga in Kalbach. Ein Frauen-Team bietet allerlei Kurse aus der Yoga-Welt, darunter auch "Kinder-Yoga". Blaue Stunde in der früheren Eika-Fabrik. Yoga und Pilates. Großer Trainerstab. Bei Sabine Atkinson in Pilgerzell gibt es sogar Mal-Kurse plus Yoga im Kloster Hünfeld sowie Online-Yoga. Dana Gericke hat in ihrer "Diya"-Yogaschule in Horas 90-minütige Hatha-Kurse im Angebot, aber auch südindische "Kampf- und Heilkunst" sowie "Animales Yoga" – da tönen während der Übungen Tierstimmen aus aller Welt. Yogakurse-Fulda nennt Jürgen Kirchner sein Angebot. Zum recht vielfältigen Programm zählt "Men’s Only". Yoga für Männer sei für ihn "ein echtes Herzensanliegen". Im Black Rabbit in Fulda serviert Verena Helfrich "Yoga für alle", "ganz ohne Räucherstäbchen und OM, aber dafür mit dem einen oder anderen Schweißtropfen." Im Fuldaer Zentrum für Yoga bietet Hinrika Spielmann seit 1999 allerlei, natürlich Yoga, aber auch Shiatsu, "Sacrale-Therapie" und Meditation. In Gabriele Mihms Namasté Yoga in Petersberg gibt’s von "Business-Yoga" bis zu Workshops, Online-Kursen und Yoga-Reisen einen bunten Leistungs-Katalog.

"Wachse über dich hinaus." "Erkenne deine Stärke." "Sanfte Impulse." So werben Veranstalter um jene, die ganz hin und weg sein wollen. An der Algarve, im Chiemgau, auf Sylt, Mallorca oder Sansibar, in Südtirol, Goa oder auf Sri Lanka kann man seine Matte ausrollen. Gern in exklusivem Ambiente. Für die anstrengendem Übungen wird man mit vedischer Kost aufgepäppelt – meistens fleischfrei, viel Getreide, indische Gewürze.

Erholen wir uns mal. Schaut euch nur diese dauer-gechillten drolligen Wesen da drüben an. Sehen aus, als würden sie den halben Tag mit Yoga-Übungen verbringen. Aber schaffen es die Alpakas aus Peru oder sonstwo in Südamerika überhaupt in den Schneidersitz? Mampfen Kräuter, Gräser und Blätter mit Hilfe ihrer Kauplatte reif für die Verdauung. Ihre feine Wolle hatte es schon den Inkas angetan. Freundlich und neugierig sind diese zu groß geratenen Kuscheltiere, spucken nur selten wie Kollege Lama. Das Ehepaar Kunznickel verspricht eine "wollig weiche Atempause" beim Alpaka-Yoga. Nein, nein, die Tiere müssen sich dafür nicht verbiegen – aber man hockt, grätscht oder liegt yogierend zwischen den Tieren. Hinterher darf man sie sogar füttern. In Oberrode bei Langenselbold. Bei dem Alpaka-Enthusiasten Frederik Häger im Westfälischen wird den Kunden verheißen, dass "unsere Alpaka-Jungs euch bei euren Verrenkungen beobachten". Das muss ein verstörender Anblick sein: Auf einem Foto können wir sehen, dass vier Yoga-Turner, die Arme hoch, auf einem Bein balancieren. Auf dem Kopf steht eine Bierflasche. "Köstliche Getränke", ist da zu lesen, würden "harmonisch in die Übungen integriert". Ist Yoga jetzt etwa das neue Trink-Ritual?

Wenn die Musik leise plätschert – hier kommen Songs, die auf Yoga-Playlists gepflückt wurden. Bleiben Sie entspannt!

Celtic Spirit, Cello Suite for Yoga Class: https://www.youtube.com/watch?v=Uf3zQf4a02M

Enya, Orinoco Flow: https://www.youtube.com/watch?v=LTrk4X9ACtw

Led Zeppelin, Going to California: https://www.youtube.com/watch?v=nhVfuacsLDw

Jimi Hendrix, Little Wing: https://www.youtube.com/watch?v=ZUrPZmWBbPQ

The Beatles, Within You Without You: https://www.youtube.com/watch?v=HsffxGyY4ck

Yoga Pop Ups, Stairway To Heaven: https://www.youtube.com/watch?v=_YXIHyUYfxM (Rainer M. Gefeller)+++

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