Echt jetzt! (90)

2026 wird ein gutes Jahr. Basta! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Ein Paraglider lauert auf frischen Wind
Alle Fotos: Michael Otto, Künzell

02.01.2026 / REGION - Tschüs, 2025. Danke für nix! Du hast uns so hartnäckig mit üblen Nachrichten überschüttet, dass wir’s echt nicht abwarten konnten, dich loszuwerden. Das Jahreshoroskop für 2026 verspricht uns "Harmonie" und "frischen Wind" und "Türen, die sich öffnen". Das klingt zwar wie eine Anleitung aus dem Esoteriker-Handbuch, wird aber gern mal gelesen. Stell dir vor, Donald Trump steht hinterm Klettergerüst und will die Kinder erschrecken – und keiner fürchtet sich. Stell dir vor, Wladimir Putin schickt seine Soldaten zum Sterben in den Krieg – und keiner geht hin. Stell dir vor, all unsere Sorgen um Lebensmittelpreise, Klima-Katastrophe, Mieten, Renten und eine überforderte Politik würden sich in Wohlgefallen auflösen. Sowas wünschen wir uns: ein Glücksjahr für die Guten.



Vor ungefähr hundert Jahren hat der Poet Rubén Dario (1867 bis 1916) aus Nicaragua ein Gedicht verfasst. Man könnte fast meinen, sein "Grußwort eines Optimisten" sei unmittelbar nach einer Konferenz mit Männern wie Trump, Putin und anderen Leucht-Körpern der Macht entstanden:


"Verflucht den Mund, der stets schlimmes Unheil vorhersagt,

verflucht die Augen, die nur tödliche Tierkreise schauen,

verflucht die Hände, die Steine auf erlesene Ruinen werfen,

zur Kienspanfackel greifen oder zum tödlichen Dolch.

Im Innenleben der Welt regt sich ein dunkler Drang,

ein drohendes Verhängnis bewegt heute die Erde."

Jetzt mal echt: ist auf der Welt 1925 endgültig die "Kakistokratie" ausgebrochen, die "Herrschaft der Schlechtesten"? Im vergangenen Jahr hat das britische Wirtschafts-Magazin "Economist" den Begriff weithin unbemerkt zum Wort des Jahres ernannt. Uns würden aus dem Stand ein paar Machtmenschen einfallen, die uns wie Kakistokraten erscheinen, oder? Außer dem weiter oben schon genannten Duo Infernale zum Beispiel der rätselhaft lächelnde Herr Xi, Netanjahu, Musk nebst seinen Milliardärs-Kumpeln, Erdogan, Orban... Schreiben Sie einfach noch Ihre Lieblings-Kakistos dazu. Es sind einfach zu viele für diese kleine Kolumne.

Wir Deutschen stehen in dem Ruf, ein heiteres Gemüt sei uns so fremd wie der Genuss von Madenkäse. Na und? Wir lassen uns doch unsere schlechte Laune nicht von jedem verderben! Vielleicht haben wir einfach zu lange den Untergangs-Propheten zugehört. Manche Journalisten geben echt ihr Schlechtestes. Rudi Carrell hat bereits vor Jahren über die Tagesschau gelästert: "Nachrichtensprecher fangen stets mit ‚Guten Abend‘ an und brauchen dann 15 Minuten, um zu erklären, dass es kein guter Abend ist." Kein Fernseh-Sender lässt sich Interviews mit Experten entgehen, die eine unheilvolle Brühe von Schreckens-Szenarien über uns kippen. So wurden wir bereits zu verängstigten Corona-Sachverständigen erzogen; derzeit sind wir alle Kriegs-Profis, Wirtschafts-Koryphäen und Ratgeber in Sachen Regierungs-Koalitionen. Kann es sein, dass wir irgendwann die Überfütterung mit negativen Nachrichten nicht mehr verdauen können?

Die Publizistin Marina Weisband, für zwei Jahre Geschäftsführerin der inzwischen kaum noch wahrnehmbaren Piratenpartei, urteilt: "Es ist für keinen Menschen psychologisch möglich, all das Leid der Welt tatsächlich nachzufühlen und dabei geistig gesund zu bleiben." Sie rät, wie viele Psychologen, wir sollten uns dem ständigen Hagelschlag von Schreckensmeldungen nicht länger aussetzen. Über ein Drittel der Deutschen (37 Prozent) verzichten laut Reuters Institute bereits auf Nachrichten, die ihr Gemüt verdüstern. Das sind 13 Prozent mehr als vor acht Jahren. In anderen Ländern, in denen das Tohuwabohu ungleich größer ist als bei uns, knipsen noch mehr Menschen die Hiobsbotschaften weg: in den USA 42, in Großbritannien 46 und in der Türkei 61 Prozent.

Sitzt den Deutschen die Angst im Nacken, wie so gern behauptet wird? Nicht so wirklich, ergab eine seit 34 Jahren durchgeführte Studie der R+V-Versicherung über "Die Ängste der Deutschen". Der "Angstindex" – die Summe aller Werte aus einer langen Schreckensliste – ist gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent gesunken auf jetzt 37 Prozent. Dennoch sind manche Sorgen übergroß und hartnäckig: Die steigenden Lebenshaltungskosten (52 Prozent), die Furcht vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen (49 Prozent), die hohen Mieten (48 Prozent). Donald Trumps Schreckens-Wirkung dagegen schrumpft, auf derzeit 45 Prozent. Die Hessen quält stärker als die übrigen Bundesbürger Angst vor Pflegebedürftigkeit (51 Prozent) und Altersarmut (50 Prozent). Schade, dass weder unseren Parteien noch den Politikern allzu viele Menschen zutrauen, die Probleme unseres Landes lösen zu können.

Aber so kann’s doch im neuen Jahr nicht weiterlaufen! Unser optimistischer Dichter Dario hat irgendwann in seinem "Grußwort" noch die Kurve gekriegt, und zwar so:

"Verbündet Euch, seid hilfreich, glänzt, ihr verstreuten Kräfte;

Bildet alle zusammen eine weltumgreifende Bewegung.

Die alte Begeisterung kehre wieder, auch der glühende Geist.

Gemeinsam die alten Köpfe... und auch die jungen Häupter...

Sie alle erfühlen den Hauch der frühlingshaften Rückkehr."

Das sozialdemokratische Schlachtross Peer Steinbrück reibt uns in einem Gespräch mit der "Süddeutschen" unter die Nase: "Wir brauchen weniger Genöle, weniger Verzagtheit, weniger Empörungsreflexe. Sondern mehr Mut, Tatkraft und Gelassenheit." Die Abgesänge auf unser Land "gehen mir auf den Keks". Mir auch. Unternehmens-Bosse, Politiker, Verbandschefs und andere Eliten feiern täglich Untergangs-Orgien über kaputte Infrastruktur, rückschrittliche Digitalisierung, Bürokratie-Exzesse, das Drama der hohen Kosten. Kaputtes Deutschland halt ... Steinbrück malt ein Gegenbild: Deutschland ist immer noch die drittstärkste Volkswirtschaft der Welt. Hohe Kompetenz, starke Bildungs-Strukturen, noch stärkerer Mittelstand, exzellente Forschung. Wann haben wir darüber zuletzt mal was gehört? Versuchen wir doch mal, was uns im Büro schon mit der Chauvi-Kasse gelungen ist: Für jede Schlecht-Schwätzerei zahlen unsere Funktionsträger einen Tausender in die Hass-Kasse. Das gilt auch für Friedrich Merz! Kann der in Umfragen nur mäßig bewertete Regierungschef das Ruder rumreißen? Auch da weiß Meister Steinbrück was Schlaues: "Einen anderen Kanzler können wir uns nicht backen. Für mich steht fest: Wir haben unabhängig von Parteisympathien ein massives Interesse daran, dass diese Koalition aus Union und SPD der Erosion des Vertrauens in die staatliche Handlungs- und Funktionsfähigkeit rasch entgegenwirkt."

Clint Eastwood war es gewohnt, seine Angelegenheiten in Western und Dirty-Harry-Filmen mit Fäusten und Revolvern zu regeln. So klingt auch sein Ratschlag für die Politik: "Dir, mir, uns allen gehört dieses Land. Die Politiker sind unsere Angestellten. Und wenn jemand seinen Job nicht macht, müssen wir ihn entlassen." Ach ja. Die nächste Bundestagswahl ist 2029. Bis dahin haben Schwarze und Rote Zeit genug, das Beste aus sich rauszuholen. Und aus unserem Land!

1785 hat Friedrich Schiller seinem Verehrer und späteren Mäzen Christian Gottfried Körner ein Gedicht überreicht, die "Ode an die Freude". Da hatte er den vielfach veränderten Text bereits abgeschliffen, jetzt war es eindeutig kein Sauflied mehr. "Brüder fliegt von euren Sitzen, wenn der volle Römer kreist. Lasst den Schaum zum Himmel spritzen." Im Herbst saß Schiller mit den Körners am Frühstückstisch "unter dem Nussbaum", da floss bereits der Alkohol. Minna Körner: "Schiller stieß in seiner enthusiastischen Stimmung so heftig mit mir an, dass mein Glas in Stücke sprang." Der Rotwein ergoss sich über die neue Damast-Tischdecke, das versetzte den Dichter erst recht in einen Gefühlsrausch: "Gießen wir die Gläser aus", rief er. Noch mehr Wein auf die gute Decke, die Gläser wurden aufs Steinpflaster geworfen, Schiller war ganz außer sich vor Freude: "Keine Trennung! Keiner soll allein sein!"

Schillers Gedicht "schlug ein wie eine Bombe. Wie ein toller Rap der damaligen Zeit", schreibt der Literaturwissenschaftler Dieter Hildebrandt. Als Beethoven die Zeilen für seine "Neunte" vertonte, sangen Deutsche wie Franzosen dasselbe Lied. Leipzig entdeckte das Werk als Silvester-Hymne. Nazis, DDR-Machthaber und die westdeutsche Republik wollten "das Lied der Deutschen" für sich. Seit 1972 ist der "Song of Joy" ein offizielles Symbol Europas. Los jetzt, tänzeln wir doch durch das neue Jahr mit diesem alten Mutmacher-Hit. Beim Frühstück geht’s los: "Freude, schöner Götterfunken." Das summen wir vor uns hin, wenn wir unser Brötchen aufschneiden und der Apfelgelee über die Butter gleitet. "Alle Menschen werden Brüder!" Klar doch. Schmettern wir das den Kriegstreibern und Machtgeilen auf die Ohren. Ist die Welt etwa zu schwach für den Frieden? Da würden Schiller und Beethoven verständnislos die Häupter schütteln. Legen wir einfach los. Nach dem großen Nazi-Krieg haben die Germanen noch viel mehr Trümmer beiseiteschaffen müssen.

"Freude heißt die starke Feder

in der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder

in der großen Weltenuhr."

Oha! An solch einem Gedankengang kann sich die globale Verschwörung der Übellaunigen gern die Zähne ausbeißen. Vor zwei Wintern ließ ein Zeit-Autor seiner Miesepetrigkeit freien Lauf. "2023 war so schlimm, dass es kaum gelingt, sich ein besseres nächstes Jahr vorzustellen." Dir vielleicht nicht, uns schon. 2026 wird ein gutes Jahr. Basta!

Kleines Freuden-Konzert:

Herbert Grönemeyer: Zeit, dass sich was dreht: https://www.youtube.com/watch?v=Lj4wq6IQIeI

Beatles, Here Comes The Sun: https://www.youtube.com/watch?v=xUNqsfFUwhY

Clueso, Neuanfang: https://www.youtube.com/watch?v=dp5p8gMpBTg

Roy Black, Schön ist es auf der Welt zu sein: https://www.youtube.com/watch?v=k0cXrif6OQQ

Beach Boys, Good Vibrations: https://www.youtube.com/watch?v=apBWI6xrbLY

Neil Diamond, I’m a Believer: https://www.youtube.com/watch?v=0ZLdcSKXz5k

Ludwig van Beethoven, Ode an die Freude: https://www.youtube.com/watch?v=-kcOpyM9cBg
(Rainer M. Gefeller)+++

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