✕

Echt jetzt! (133)

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller: Das Kaufhaus muss tanzen

Aus Karstadt wird Galeria.
Archivfoto: O|N

30.10.2026 / REGION - Haben Sie’s bemerkt, vergangenen Sonntag? Wochenlang sah man beim Blick durch die alten Kerber-Schaufenster: nichts. Eine traurige Art von Nichts. Plastik-Stellwände. Leere Gänge, die nirgends hinzuführen schienen. Und jetzt plötzlich war Leben in der Bude, Hochzeitsmesse. Brautkleider, die gegen das miese Wetter anleuchteten. Anzüge für den heiratswilligen Mann. Tisch-Dekos, Schmuck, Hochzeitsreisen.



Wer uns alle durch "den schönsten Tag" begleiten will: Fotografen, Zeltverleiher, Musiker, Trauredner, Veranstaltungs-Profis, Restaurants, Floristen, die Kirchen... Auf einem Plakat stand: "Wir feiern die Liebe." Bei manchen weckte das Erinnerungen an das, was mal war und nicht mehr ist. An die Glanzzeit der großen Warenhäuser. Sind Sie bereit für einen Ausflug in unsere Vergangenheit, Shopping 1970? Das wird eine sentimentale Reise.

Am 5. September 1958 öffnete "Kerbersch Karl" sein Warenhaus in der Rabanusstraße. Der vorherige Laden, seit 1936 in der Marktstraße, platzte aus allen Nähten. Eigentlich fanden die Alten es dort kuscheliger: "Quietschende Dielen und Treppen, der Duft von Parfüm, Waschmitteln und Süßwaren." Aber zur Neu-Eröffnung standen 25.000 draußen Schlange und sahen, wie Deutschlands berühmtester Stuntman Arnim Dahl (Lebensmotto: "Lieber zehn Minuten Angst als einen Monat arbeiten") die Außenfassade hochkletterte bis aufs Dach.

Im Haus erwartete die meisten Fuldaer und Rhöner "die erste Rolltreppenfahrt ihres Lebens", schrieb Bernd Weber 2020 in einem "Nachruf" auf das Haus. Attraktionen für die Jungen: die Milchbar im 60er-Jahre-Stil (Barhocker, Erdbeer- und Bananen-Shakes). Die "Affengalerie", von der aus man das ganze Haus im Blick hatte. Und die Plattenabteilung. Da konnte man "probehören", indem man sich eine Art Telefonhörer ans Ohr presste.

Überall in Deutschland brach die große Zeit der Kauf-Paläste an. 17. März 1964, Eröffnung von Karstadt, Universitätsplatz 2. Alfred Dregger, von 1956 bis 1970 Oberbürgermeister von Fulda, war dabei – ebenso wie Irmgard Karstadt, die Witwe des Firmengründers. Fulda hatte in den Sechzigern nicht einmal 45.000 Einwohner. Zwei große Warenhäuser in Spuck-Nähe – konnte das gutgehen? Ja, und wie! Kerber und Karstadt überboten sich mit ständig neuen Überraschungen fürs Publikum.

Das Wort Event hat erst 1996 Eingang in den Duden gefunden – aber in Fulda wurde das lange vorher vorgelebt. Vor allem in den 70er Jahren. Im Advent war Fuldas Weihnachtsmarkt auf dem Karstadt-Dach, Karussell und Ponys inklusive. Nachmittags seilte sich ein "Weihnachtsmann" von der Dachkante ab auf den Uniplatz. Er wurde von unzähligen aufgeregten Kindern erwartet.

Das Karstadt wurde von den Jüngeren gekapert. Alles war irgendwie moderner. Die Rolltreppen breiter, der "E-Raum" (Erfrischungsraum) im ersten Stock wurde zu einer Art Jugendtreff. Dem Fuldaer Karstadt wurde die damals gebräuchliche Waschbeton-Fassade erspart. Stattdessen entwarf der namhafte Architekt Sep Ruf ein Bauwerk, das noch heute von der Fachwelt gepriesen wird. Die großen Glasflächen zum Uniplatz (mit freiem Blick auf die Konkurrenz) und die hellen Seitenmauern aus Naturstein geben dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude eine geradezu südländische Leichtigkeit.

"Ihre Hoheit Malika, Orangenkönigin aus Marokko" gastierte im Karstadt, Rex Gildo bei einer Modenschau im Kerber. Billy Mo sang der "Hausfrau des Tages" was vom Tirolerhut. In der Spielwarenabteilung turnten Schimpansen. Modenschauen, Frankreich-Wochen, Autogramm-Stunden, Konzerte, Fastnachts-Shows. Zwischendrin machten sich auch noch andere Akteure bemerkbar. Das feinere Modehaus Erna Schneider. Das "Sieling" in der Mittelstraße. 1977 eröffnete im Schatten vom Karstadt das "C&A", im Volksmund "Charme & Anmut" genannt. Und daneben, dahinter und dazwischen all die kleinen Boutiquen, Läden und Spezialgeschäfte.

1971 bestieg Egon Freiwald, der legendäre Chef der Feinkost-Abteilung im Kerber, die größte Bühne der Stadt: er wurde Fastnachtsprinz, mit dem schönen Titel "Egon aus dem Schlemmerland". Freiwald war der spektakulärste Vertreter der Warenhaus-Kultur: immer unter Strom, immer platzend vor Einfallsreichtum. In ganz Osthessen kannte man seine Leute aus den Verkaufspalästen. Von den Chefs bis zu den Fahrstuhlführern und den Verkäuferinnen und Verkäufern. 1970 soll allein Kerber 700 Angestellte beschäftigt haben. Fachverkäuferinnen und -verkäufer für Lebensmittel, Kosmetik, Mode, Einrichtungen, Haushalt, Spielzeug, Papierwaren. Kaufleute, Techniker, Lageristen, Dekorateure. Fünfzig Jahre später, 2020, wurde der Kaufhof, Nachfolge-Unternehmen des Kerber, geschlossenn. Damals sollen hier noch 64 Menschen beschäftigt gewesen sein. Im Karstadt noch 80.

Kürzlich war ein Ehepaar aus Lübeck für ein paar Tage zu Besuch. Sie erkundeten Fulda und die Rhön – und sie fanden nichts, was ihre Begeisterung gebremst hätte. "Dass eine Stadt noch so schön sein kann", jubelten sie – und produzierten dann einen Prospekt-fähigen Slogan nach dem anderen: "so sauber", "so gepflegt", "diese vielen Blumen", "die überwältigende Altstadt", "so ein gewaltiges Angebot an Restaurants", "freundliche, hilfsbereite Menschen", "diese Vielfalt an Geschäften!" Er resümierte irgendwann: "Diese Stadt muss sehr reich sein. Wir leben ja inzwischen in einem Armenhaus." Sie hatte noch eine ganz spezielles Erlebnis: "Ihr habt noch einen Karstadt." Lange sei sie durch das Haus am Universitätsplatz gestreift, "ich bin vollkommen begeistert..."

Manches fehlt einem erst, wenn’s nicht mehr da ist. "Der 17. Januar 2024 ist der erste Tag ohne Karstadt in Lübeck", klagten die Lübecker Nachrichten, als es mit dem Warenhaus im Zentrum der Hansestadt vorbei war. 1884 hatte Rudolph Karstadt in Lübeck sein zweites Warenhaus eröffnet und erzeugte in der Stadt einen "orkanartigen Ansturm"; Thomas Mann soll einer der ersten Kunden gewesen sein. Für viele der fast 220.000 Lübecker markiert die Schließung einen weiteren Schritt Richtung Abgrund. Lübeck, einstmals eine der mächtigsten Städte im Norden Europas, "Königin der Hanse", eigener Ostsee-Hafen (mit angeschlossenem Badeort). Die UNESCO zählt über tausend Lübecker Kulturdenkmäler zum Welterbe, eines davon haben wir zu D-Mark-Zeiten noch ständig in der Hand gehabt: Den 50-Mark-Schein mit der Abbildung des Holsten-Tors. Und jetzt? Der Bürgermeister beklagt "Mangelwirtschaft". Wer von den Touristenpfaden abbiegt, sieht viel Niedergang. Karstadt hat für die Einwohner einen inzwischen traurigen Symbolwert.

Zum vierten Mal in sechs Jahren ist "Galeria", wie Karstadt auch in Fulda heute heißt, in die Insolvenz gerutscht. 83 Häuser von einstmals über 300 sind noch übrig, 12.000 von über 160.000 Mitarbeitern. "Lohnt es sich überhaupt noch, für die Jobs dort zu kämpfen?" fragt die "Zeit". Galeria hat 33 Filialen auf eine Streichliste gesetzt, zwei davon in Hessen: in Limburg und in Bad Homburg. Auch für die übrigen, sagen Handelsexperten, gebe es nur mit sehr viel mehr Geld eine Zukunft – für neue Konzepte, klares Profil, lokale Orientierung. "Ohne Investitionen", so der Handelsexperte Johannes Berentzen, werde "weiteres Geld nur das Sterben verlängern". Bis Ende des Jahres, hat der Insolvenzverwalter versichert, seien die Gehaltszahlungen gesichert. Kann das jemanden beruhigen?

Das einstige Kerber gehört jetzt der Stadt, heißt Karl und ist ein "Konzepthaus". Auf deutsch: es wird noch allerlei ausprobiert, bis das Gebäude seine endgültige Bestimmung ausgetüftelt hat. Im Keller wird noch was verkauft, in einem großen, wilden "Pop-Up-Store" mit wechselnden Händlern. Auf dem Dach wird gefeiert: ein Ort für Familien und Partygänger. Im dritten Stock: die Familien-Erlebnis-Welt "KAF". Das Bildungsunternehmen Dr. Jordan nutzt Flächen für Sprachkurse und Sportunterricht. Und sogar der hiesige Chaos-Computer-Club hat sich eingemietet.

Das Karstadt-Haus gehört der Fuldaer "Imero-Gruppe", Chef ist Dr. Carsten Schäfer. Jahrelang haben die Schäfers ohne viel Aufhebens das Schicksal dieses Hauses mitbestimmt. "Es war uns wichtig, einen Beitrag für die Stadt Fulda und die Region zu leisten", sagte Schäfer 2024. Damals prüfte er, in der letzten Galeria-Krise, bereits den Verkauf. Wie wird es weitergehen? Soll etwa wieder die Stadt den Weißen Ritter geben, wie bei Kerber? So wurde im Sommer 2024 spekuliert. Die Stadtverwaltung räusperte sich eher abwartend: "Entscheidend ist für die Stadt Fulda und die Innenstadtentwicklung, dass die Immobilie auch weiterhin als Kaufhaus genutzt wird." Was soll denn auch sonst daraus werden? Ein "Musical-Dome", wie neulich mal jemand getuschelt hat?

Was können wir von früher lernen, damit wir unser letztes großes Warenhaus wieder schätzen lernen? "Ich geh jetzt in die Stadt und kauf mir was gegen Halsschmerzen. Ein paar Schuhe." Habe ich auf Pinterest gefunden. Genauso soll es laufen: Egal, ob wir Halsschmerzen, gute Laune, Liebeskummer oder einen Anfall von Shopping-Lust haben: wir gehen zum Einkaufen in die Stadt. Das Warenhaus ist sowas wie Amazon ohne Internet. Dort riechen wir das Parfüm, das wir haben wollen. Wir fühlen den Stoff. Gucken, ob die Schuhe passen und ob der Mixer wirklich mixt. "Die ganze Welt unter einem Dach", so haben die Kaufhäuser früher geworben.

Wer sich von den Kauf-Palästen in die Innenstädte locken ließ, ging auch weiter in die Laden-Welt drumherum. Stell dir vor: da trifft man sogar echte Menschen. Aber natürlich, das Warenhaus muss auch in die Puschen kommen. Zeigt, dass ihr hierhin gehört! Lasst wieder die Musik spielen, macht Remmidemmi. Das Kaufhaus muss tanzen! So was nennt man Willkommenskultur für die Kundschaft. Oder, wie Henry Ford uns aufgeklärt hat: "Wenn eine Ente ein Ei legt, dann tut sie das still in einem Busch. Wenn jedoch ein Huhn ein Ei legt, gackert es laut und flattert herum. Und was passiert? Die ganze Welt isst Hühnereier!"

Bevor Sie den hiesigen Geschäften einen Besuch abstatten: Vielleicht wollen Sie sich noch in Stimmung swingen? Hier spielt die Musik:

Pet Shop Boys, Shopping: https://www.youtube.com/watch?v=689tQVIKcBE&list=RD689tQVIKcBE&start_radio=1

The Beatles, Can’t Buy Me Love: https://www.youtube.com/watch?v=srwxJUXPHvE&list=RDsrwxJUXPHvE&start_radio=1

Smokey Robinson, Shop Around: https://www.youtube.com/watch?v=eE36-7_pwI0&list=RDeE36-7_pwI0&start_radio=1

The Kinks, Dedicated Follower of Fashion: https://www.youtube.com/watch?v=stMf0S3xth0&list=RDstMf0S3xth0&start_radio=1

Patti LaBelle, I Don’t Go Shopping: https://www.youtube.com/watch?v=1VERl7epxJ8&list=RD1VERl7epxJ8&start_radio=1

De La Soul, Shopping Bags: https://www.youtube.com/watch?v=TKDHqAMa7T8&list=RDTKDHqAMa7T8&start_radio=1

David Bowie, Shopping for Girls: https://www.youtube.com/watch?v=yFzOdGzUiN4&list=RDyFzOdGzUiN4&start_radio=1

The Guess Who, Shopping Bag Lady: https://www.youtube.com/watch?v=RCp0djNI6Go&list=RDRCp0djNI6Go&start_radio=1

Lisa Loeb, Window Shopping: https://www.youtube.com/watch?v=Ia7J9HqsU08&list=RDIa7J9HqsU08&start_radio=1

Madonna, Material Girl: https://www.youtube.com/watch?v=6p-lDYPR2P8

Blind Lemon Jefferson, Baker Shop Blues: https://www.youtube.com/watch?v=14qfAquhxQs&list=RD14qfAquhxQs&start_radio=1
(Rainer M. Gefeller)+++

Echt Jetzt! - weitere Artikel

↓↓ alle 135 Artikel anzeigen ↓↓

X