Echt jetzt! (102)

Seid doch mal leichtsinnig - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Der Frühling macht sich breit.
Foto: Michael Otto, Künzell

27.03.2026 / REGION - Frühmorgens im Schlossgarten. Ein Kaninchen wetzt mutterseelenallein um die Büsche. Ja, weiß denn der Hoppelmann nicht, dass Frühling ist? Oder hat seine Frau einfach keine Lust, sich schon wieder seinen Trieben hinzugeben? Ist ja auch noch ziemlich frisch, und der Tag ist noch lang. Vielleicht genießt sie lieber ein Gedicht? Es hat sich bekanntlich kaum ein Berufsstand derart von dieser Jahreszeit in Hochstimmung versetzen lassen wie die Poeten. Aber hat der Frühling denn überhaupt noch was zu melden, wenn aus allen Richtungen das Unheil auf uns zukriecht? Ich schätze, da ist mal ein Kontrollgang fällig.



"April ist der grausamste Monat", schreibt der amerikanische Dramatiker und Lyriker T.S. Eliot in einem seiner berühmtesten Gedichte, "Das Wüste Land". Denn: "Der Winter hat uns warm gehalten." Es gibt nun mal eine Sorte Männer, die fühlt sich ohne ihre dicken ausgeleierten Pullover heimatlos. Welch ein Schrecken, von nun an monatelang hemdsärmelig herumlaufen zu müssen. Zumal der große Dichter weiß, was uns jetzt erstmal droht: "Frühlingsregen." Manchem kann man’s wirklich niemals recht machen. Wir sind da komplett anders drauf. Sobald die Frühlings-Sonne auf uns runterglotzt, beginnt es im Körper zu brodeln. Das "Schlafhormon" Melatonin wird eingeschläfert. Stattdessen macht sich das "Glückshormon" Serotonin an die Arbeit. Nichts ist vor seinem Zugriff sicher, selbst wenn wir noch so gerne unsere biestige Laune austoben wollen. Keine Chance: Zentralnervensystem, Herz-Kreislauf, das Blut – überall pumpt das Serotonin uns voll mit guter Laune und Gelassenheit. Schon sind sie da, die Frühlingsgefühle. Und Östrogen und Testosteron, die berühmten Geschlechtshormone, können sich gleichfalls ans Werk machen.

Sind Sie ein echter Fulder? Wir hätten da ein Test-Gedicht:

April

Jätzder hoat sich där April

Bei ons ie’gefonge.

Em d’r Weenter wird’s jätzt still,

Gelobt sei’s on gesonge.

Dee Friehlingsdichter wache uff,

Im Goarte kiemt scho" Kresse,

On bei d’m erschte Amselroff

D’r Wenter es vergässe.

Wilhelm Hauck hat das 1953 veröffentlicht, in seinem köstlichen Büchlein "Huizelfeuerfunken". Hauck war ein fuldischer Sprach-Patriot, "die Mundart", schrieb er, sei "die Sprache des Herzens": "In der größten Not, aber auch im höchsten Zorn, bricht immer die Mundart durch." Für den großen "Doppel-Fuldaer" und Sprach-Zauberer Günther Elm war Hauck einer der ersten prägenden Helden. Sonntagnachmittags "nach 17 Uhr" begleitete er seinen Opa gelegentlich in die Neuenberger Wirtschaft "vom Henning". "Schon als kleiner Junge, so mit zehn, hab ich dort die Gedichte vom Wilhelm Hauck vorgetragen. Der war manchmal sogar selbst dabei."

Aufmarsch der Poeten. "Lenz! Dich hätten wir beinah vergessen!" jubelt sogar der Skeptiker Kurt Tucholsky. Seit fast 200 Jahren, 1829, lassen wir Eduard Mörikes einzigartige Frühlings-Reime immer und immer wieder auf uns niederrieseln: "Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte..." Das ist so ein Werk, bei dem wir alle reagieren wie Gedichte-Automaten. Haben Sie’s auch mitgesprochen, und den Rest vom Fest gleich mit? Dann los, gleich noch Goethes Osterspaziergang hinterdrein: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick, im Tale grünet Hoffnungs-Glück..." Den Rest kennen Sie ja sowieso. Beim Anarcho-Poeten Erich Mühsam, der 1934 von Nazis ermordet wurde, klingt sowas gleich viel schmissiger:

In den Bäumen quillt’s und den Gemüsen.

Tief im Kern der Erde hat’s gekracht.

Ja, der Früh-, der Frühling ist erwacht.

In Fulda ist der Frühling schneller als in der Rhön oder im Vogelsberg; sogar zwischen Kämmerzell und Lüdermünd schleppt er sich noch dahin, während in der Stadt den Bäumen schon die wilde Lust am Leben zu Kopfe steigt. Sie blühen knackiggelb, knallweiß, zartrosa. Die jüngeren Ladies streifen sich ihre etwas zu kurz geratenen T-Shirts über; auch der Bauchnabel hat Bock auf Sonnenlicht. Die E-Scooter schwärmen aus. Am liebsten übern Bürgersteig (verboten!), am liebsten zu zweit auf einem Brett (auch verboten!) Die Cafés und Restaurants beginnen wieder direkt am Straßenrand, auch bei 12 Grad sitzen wir alle draußen. Und die Pollen? Die sollen uns jetzt mal eine Weile nicht jucken.

Schauen wir uns lieber mal dieses Bild an, von Pierre-Auguste Cot mit Öl auf Leinwand gemalt, mit "bemerkenswerter Finesse", wie das New Yorker Museum of Modern Art schreibt. Monsieur Cot war bereits ein Star der französischen Kunstszene, als er 1873 "Le Printemps" auf dem Pariser Salon präsentierte. Das Bild wurde als Sensation gefeiert und rasch zu einer Ikone für den Geschmack und die Gefühlswelt des 19. Jahrhunderts. Das schöne Paar auf einer Schaukel, innig, unschuldig und versunken, sieht der Kunstsammler Fred Ross als ergreifendes Sinnbild frühlinghafter romantischer Liebe. Millionenfach kopiert – auf Plakate, Sammeltassen, Wandteller, Kopfkissen, T-Shirts. So ähnlich wie die beiden auf der Schaukel, hat die Psychologin Marlies Pinnow der "Welt" erläutert, fühlen wir uns auch, wenn das "Gute-Laune-Wetter" uns auf Trab bringt. Frau Pinnow: "Wir sind früher wach, und wenn wir wach sind, sind wir aktiver." Und sinnlicher!

Aueweiher, kurz nach 6. Ein seltener Gast steht am Rande der Holztribünen im Wasser, ein Silberreiher. Den Kopf arrogant zur Seite gekippt, vornehm wie Graf Koks. Der Hobby-Fotograf hebt sein kanonengroßes Teleobjektiv; als er endlich durch die Linse schaut, sieht er nichts als aufspritzendes Wasser. FlapFlapFlap, hat sich der große weiße Vogel davongemacht; schwerfällig, als würde ein Mops fliegen lernen. Jenseits der Frankfurter Straße hat sich die Sonne hochgearbeitet, da sieht man den Salat im Seenland: Braune Erdhaufen überall. Die Unterwelt-Armee der Maulwürfe hat zu Ehren des Frühlings noch mal ein paar Schippen draufgelegt. Oberirdisch haben sich die Biber entlang des Flusses eine Art Abenteuer-Spielplatz angelegt. Nur wenigen Bäumen haben die Stadtgärtner einen Schutzmantel aus Draht gegönnt; in die übrigen schlagen die Biber ihre gelben Zähne, bis die Stämme krachen. Ein Entenmann führt seine Holde über den Fußgängerweg. Im Wasser balgen sich kreischend die Kollegen, die noch kein Mädel überzeugen konnten. Ein Schwan steht auf dem Weg und faucht einen Jogger an.

Haben Sie was gemerkt: Für ein paar Momente kann man doch glatt das Überangebot von schlechten Nachrichten einfach beiseiteschieben. "Im Frühling kehrt die Wärme in die Knochen zurück." Sagte der römische Dichter Vergil. Nicht nur in die Knochen, verehrter Meister. Manche denken beim Frühling als erstes an Frühjahrsputz. Endlich wieder durch die verschmierten Fenster schauen können! Ehrlich: solchen Menschen ist nicht zu helfen. "Der Frühling ist die Jahreszeit des Leichtsinns", hat die Autorin Daniele Muscionico geschrieben. Und: "Ja, die Welt wird jeden Tag schöner." Und wilder wird sie auch. Bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts verirrten sich ein paar hundert feierwütige Studenten an den Stränden von Fort Lauderdale, Florida, um mal richtig die Sau rauszulassen. "Saufen bis zum Umfallen, fallende Hüllen und Hemmungen", so schrieb die "Welt" über "Springbreak", die amerikanischen Frühlingsferien. 1960 spielte Conny Francis in dem Kino-Hit "Where the Boys Are" – ein Film über vier Freundinnen, die es zur Strandparty in den Süden zog. Im Jahr drauf feierten sich 50.000 entfesselte Girls und Boys in Fort Lauderdale die Badeklamotten vom Leib, 1985 waren es 350.000. Und das im prüden Amerika! Wir sind da natürlich viiiel zivilisierter. Außer vielleicht Wolf Biermann; der hat ziemlich offenherzig "von mir und meiner Dicken in den Fichten" gesungen. Na, soll er doch; der Lenz ist da...

"Frühlingen" nennen es die Brüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch, wenn man sein Kind vor der Trauung zeugt. Das käme "vor allem bei den Handwerkern vor". Aha. Honig, steht auch in ihrer Vokabel-Sammlung, sei "weißer, lieblicher und köstlicher", wenn er "im Frühling gemacht" worden sei. "Ich werde nie zum Frühling sagen: verzeihen Sie, Sie haben da ein welkes Blatt." Das hat der offenkundig hintersinnige Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel gesagt. Das gilt natürlich auch für den köstlichen Salat, der den Frühling im Namen trägt: Primavera. Knackiges Gemüse, am liebsten Gurken, Tomaten, Radieschen, Erbsen, Spargel. Thunfisch darf für manche auch nicht fehlen, obendrauf ein Dressing aus Zitronensaft, Olivenöl und frischen Kräutern. "Aufessen, dann scheint morgen die Sonne", haben uns unsere Eltern eingeredet. Wird gemacht, Mutti!

Musik

Comedian Harmonists, Veronika, der Lenz ist da: https://www.youtube.com/watch?v=hEMvkPzqkAQ

Simon and Garfunkel, April Come She Will: https://www.youtube.com/watch?v=PYD-DIggB2k&t

The Zombies, Time Of The Season: https://www.youtube.com/watch?v=T8ecsAI3FhY

John Paul Young, Love Is In The Air: https://www.youtube.com/watch?v=TInrBuCcuFY&t

The Beach Boys, Spring Vacation: https://www.youtube.com/watch?v=E-8KS9-_CHc

Lou Rawls, Spring Again: https://www.youtube.com/watch?v=1unbUi9W-hI

Connie Francis, Where the Boys Are: https://www.youtube.com/watch?v=bItmUyZxODg

Ludovico Einaudi, Primavera: https://www.youtube.com/watch?v=8AGz9hujYukb

Antonio Vivaldi, La Primavera in Die vier Jahreszeiten. Dargeboten vom Mozart Chamber Orchestra, mit Eva León an der Violine: https://www.youtube.com/watch?v=YgHbQ94To7I (Rainer M. Gefeller)+++

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