Echt jetzt! (98)

Wähler beißen nicht - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Wahlkampf-Szenen in Osthessen (16 Bilder).
Fotos: Michael Otto

27.02.2026 / REGION - Einen Augenblick bitte. Ruhe im Karton, wie irgendein Lehrer uns früher gern ermahnt hat. Da läuft gerade mein Lied, UNSER Lied: mmmh, "muss nur noch kurz die Welt retten..." Tim Bendzko, 2011, aktuell wie nix: "Zu warten wäre eine Schande für die ganze Weltbevölkerung. Ich muss jetzt los, sonst gibt’s die große Katastrophe... Ich muss jetzt echt die Welt retten."


Überall brennt es, überall schütten Kerle Benzin ins Feuer. Scheint immer mehr von denen zu geben; da muss man doch was tun, irgendwie. Stattdessen klappert unten der Briefkasten. Wieder ein Faltblatt, es ist ja Kom-mu-nal-wahl. Schon am 15. März. Das braucht doch jetzt kein Mensch, oder? Oder vielleicht jetzt erst recht?

"Eine gute Regierung ist wie eine geregelte Verdauung; solange sie funktioniert, merkt man von ihr kaum etwas." Wenn der US-Schriftsteller Erskine Caldwell Recht hatte, dann stinkt’s derzeit weltweit zum Himmel. Trump, Putin, Orban, die Ajatollahs, Netanjahu. Die paar Namen reichen schon als Belege für ein verstörtes Verdauungs-System. Das müffelt bis in unsere Wohnstuben. Unsere Regierungskünstler im Bund haben’s leider auch noch nicht geschafft, uns zu überzeugen. Das Misstrauen sitzt halt tief. Da freut man sich doch, dass es bei uns daheim weitgehend krawallfrei zugeht. Noch zwei Wochen bis zur Kommunalwahl. Wird danach in Fulda noch alles so sein, wie man’s hier kennt? Über allem das Bollwerk CDU? Mittendrin die CWE, die FDP und die Grünen? Und in der ewigen Schmollecke die SPD? Ist ja tatsächlich nicht leicht für eine Partei, die in der Diaspora zur Erfolglosigkeit verdammt scheint. Da hilft es auch nichts, trotzig einen Lieblingsspruch von Franz-Josef Strauß zu zitieren: "Recht haben heißt nicht recht bekommen."

Anfang Februar hat das Meinungsforschungsinstitut infratest-dimap einen "Stimmungstrend" für die hessischen Kommunalwahlen ermittelt. Demzufolge haben 33 Prozent der Wählerinnen und Wähler die Absicht, der CDU ihre Stimme zu geben, viereinhalb Prozentpunkte mehr als 2021. SPD 16 Prozent, minus acht. Grüne 14 Prozent, minus vier. AfD 18 Prozent, plus elf. Die Rechtsradikalen schleichen wie eine hungrige Bestie durch die Wahl-Arena. Derzeit wahlkämpfen sie auffällig leise. Vielleicht wollen sie nicht auffallen. Ist ja auch zu blöd, dass die Sauberfrauen und Saubermänner gerade immer mehr Belege dafür liefern, dass sie ein reichlich dreister Familien-Selbsthilfe-Club sind. Aber da ja in diesem Jahr in allen Landesecken gewählt wird, surrt in der demokratischen Mehrheit die Sorge, wir könnten uns demnächst knöcheltief im braunen Sumpf wiederfinden. Aber Herrschaften: das ist doch kein unabwendbares Schicksal! Wählen gehen ist die beste Medizin gegen solche Krankheitsfälle der Demokratie. Zeigt euch, Kandidatinnen und Kandidaten. Keine Bange: Wähler beißen nicht!

In Rasdorf, 319 Meter über dem Meeresspiegel inmitten der "Kuppenrhön" gelegen, ist die alte Fuldaer Weltordnung noch intakt. Bei der letzten Kommunalwahl 2021 haben 72,4 Prozent der dortigen Wahlberechtigten die CDU gewählt; der Rest ging an die SPD. Fünf Jahre zuvor waren es sogar 100 Prozent, damals waren "die Sozis" gar nicht erst angetreten. Das Point-Alpha-Dorf hält damit den Spitzenplatz der CDU-Traumorte in Hessen. "Schwarz – schwärzer – Fulda." Das war mal die Steigerungsform der dunkelsten aller Farben, die im linken Südhessen über die Osthessen im Umlauf war.

1946, bei der ersten Kommunalwahl nach Ende des Weltkrieges, ist die CDU in Fulda mit 63,8 Prozent die stärkste Partei geworden. Daran hat sich in einem dreiviertel Jahrhundert nichts geändert. Die Zeiten der richtig fetten Wahlergebnisse sind freilich vorbei. 1956 wurde Alfred Dregger – "der Mann der deutlichen Hauptsätze", wie die Welt ihn taufte – zum Oberbürgermeister gewählt. In dem Jahr durchlitt seine CDU einen Ausreißer nach unten: 45,4 Prozent. Die Bilanz verhagelte der CDU ein Polit-Club mit dem schönen Namen "Wähler-Selbsthilfe" (WSH). Klingt heute ein wenig nach medizinischem Notstand. Die kurzzeitig aufblühende Bewegung kam auf unerhörte 17 Prozent. Ihr prominentester Vertreter war der Hammerwerfer Karl Storch, der vier Jahr zuvor bei Olympia die Silbermedaille gewonnen hatte. Aber dann begann das Schwarze Zeitalter. 1960: 54,5, 1964: 54,4, 1968: 56,1 Prozent. Auf Dregger folgte Wolfgang Hamberger, dreimal in Folge kam die CDU auf über 60 Prozent. 2021 waren von dieser politischen Übermacht immerhin noch 42,4 Prozent übrig. Bei solch einem Ergebnis würde unser Kanzler drei Purzelbäume schlagen.

Über den Bürgersteig raschelt eine zu Klump getretene Pappe. Ein fönartiger Wind schabt das geschundene Wahlplakat der Jusos hin und her. "VON NEBENAN STATT VON OBEN HERAB", ist da zu lesen. Auf der Rückseite eine Nachwuchs-Kandidatin mit dem Slogan: "Jung. Sozial. Vor Ort." Aha. Betreibt die Konkurrenz etwa ihre Kommunalpolitik aus dem Home-Office in Hofgeismar? Oder aus einer Strandbar in Südeuropa? Noch ein Plakat-Spruch gefällig? "Blau ist nur ein Zustand. Schwarz ist nur die Nacht." Was soll uns das sagen? Das eine geht schon wieder weg, das andere ist und bleibt ein Schreckgespenst? Deutschlands älteste Partei, Zweigstelle Fulda, klammert sich an ein Weltbild von gestern. Hat denn keiner mitbekommen, dass die Christdemokraten ihr knackiges altes Schwarz längst gegen ein sanftes "Cadenabbia-Blau" getauscht haben? Gibt’s nichts Wichtigeres in Fulda als die Richtungskämpfe von damals?

Die älteste Waffe der Wahlkämpfer ist das Plakat, und sie hat laut Wahlforscher Prof. Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim immer noch die stärkste Wirkung. 62 Prozent der Bürgerinnen und Bürger lassen sich davon beeinflussen. In Fulda sehen wir: Ganz viel Gelb (mal für die FDP, mal für die CWE), und viele rätselhafte Sprüche. "Gerechtigkeit erhöht ein Volk. Sünde ist der Leute Verderben." "Innenstadt beleben!" "Zukunft beginnt hier." "Fahrpreise runter. Laune rauf." "Foll Richtung Zukunft!" "Stillstand ist keine Option." "Mehr Leben vor Ort!" Danke, das reicht. Mit der CDU sind wir "gut versorgt in Fulda" und haben "Heimat im Herzen und Zukunft im Blick." Sämtliche CDU-Plakate tragen einen angeblich von der hessischen Parteizentrale aufgedrückten rätselhaften Stempel: "24/7". Klingt wie Werbung für einen Waschsalon. Oder ein Fitness-Studio. Wird das Wahl-Volk durch solche Plakate schlauer?

Haben Sie bereits den nagelneuen "Wahl-o-Mat" ausprobiert? Mit Hilfe von 30 Prüffragen wollen die Erfinder dieser Ausforschung ermitteln, welcher Partei wir am ehesten zuneigen. Soll die Friedrichstraße Fußgängerzone werden? Oder hätten wir lieber Vorfahrt für die Autos? Mehr Parkplätze? In der gesamten Innenstadt Tempo 30? Wie wär’s mit einer Seilbahn auf den Frauenberg? Mit höheren Gewerbesteuern? Mit billigerem Kita-Essen und freiem Eintritt für Kinder und Jugendliche in den Schwimmbädern? Eine Regenbogenflagge vorm Stadtschloß? Oder doch lieber mehr Geld zur Bekämpfung des Rechtsextremismus? Die Themen wurden aus den Programmen der Parteien und Wahllisten gepflückt. Ganz schön bunt, dieser Fuldaer Themen-Katalog.

Wer wählen will, muss sich erstmal durch einen Papierstapel arbeiten – "mit Stimmzetteln so groß wie Tischtücher", beklagte gerade erst die FAZ über die Wahl-Zustände in Frankfurt. Ist es nicht schön, dass uns irgendwann ein Irrgarten der Wahlmöglichkeiten angerichtet wurde? Ein Kreuz, wie in grauer Vorzeit, reicht zwar immer noch. Aber eigentlich sollen wir "panaschieren" und "kumulieren", bis die Bleistiftspitze bricht. Wer’s nicht begreift, kann im Internet üben. In Fulda hat jede und jeder bei der Stadtverordnetenwahl 59 Stimmen, für die Wahl des Kreistags 81. Nicht vergessen: die Ortsbeiräte! Die Frankfurter dürfen sogar mit 93 Stimmen jonglieren. Der Meinungsforscher Prof. Manfred Güllner sieht darin einen Grund für die niedrige Wahlbeteiligung: "Kein Wähler kann 93 Kandidaten kennen und darüber auf einem Wahlzettel sein Urteil abgeben. Aber niemand ändert diesen Unfug." Unsere Rhöner lassen sich freilich nicht beirren: 2021 haben 71,6 Prozent der Wahlberechtigten in Poppenhausen gewählt – das war die höchste Wahlbeteiligung in Hessen. Platz 3: Ehrenberg (69,5%), Platz 4: Hofbieber (69,4%). Man muss allerdings zugeben: Je größer die Kommunen, desto komplizierter wird unser Wahl-Job. Letzter Platz in Hessen: Offenbach (35,5%). Der Landkreis Fulda erreichte, gleichauf mit dem Vogelsbergkreis, die dritthöchste Wahlbeteiligung mit 56,2 Prozent. Immerhin!

2021 haben die hiesigen Christdemokraten ihren Ruf bewahrt: als stärkste CDU in Hessens Landkreisen, mit 44,1 Prozent. Die CDU der Stadt Fulda hat’s nicht in die Top Ten der hessischen Gemeinden geschafft, dafür (neben Rasdorf) Nüsttal (71,2%), Hofbieber (64,3%), Hünfeld (58,8%) und Ebersburg (55,5%). Und die AfD? Hat leider auch bei uns schon die gute Rhöner Luft verpestet, aber nur ein wenig. Neuhof war natürlich wieder die Nummer 1 auf der hessischen AfD-Bestenliste, mit 9,8 Prozent. Im Landkreis erreichte die AfD glatte zehn Prozent – so viel wie sonst nirgends im Land. Aber sonst sind die Zahlen nicht gerade furchteinflößend. Bei dieser Wahl treten die Rechtsdraußen in den meisten Gemeinden des Landkreises Fulda gar nicht an. In Künzell übrigens gab"s vor fünf Jahren nur 1,8 Prozent, das war Platz 4 der AfD-Schlechtesten-Liste. So kann’s also auch laufen.

Die Kommunal-Wahlkämpfer kämpfen allein. Die kraftlosen, hilflos wirkenden Traditions-Parteien hängen ihnen häufig eher wie ein Klotz am Bein; immer mehr parteilose Kandidaten drängen in die Bürgermeisterämter. Darüber darf sich niemand wundern, wenn wir mal schauen, wem die Deutschen vertrauen: Ganz weit oben stehen laut forsa Ärzte (81%) und Polizei (79%). Der Bundesregierung trauen nur 21 Prozent, den Parteien sogar nur 15 Prozent. Den Bürgermeistern und Oberbürgermeistern unseres Landes allerdings schenken über 40 Prozent ihr Vertrauen, genauso wie den Gemeinde-Verwaltungen. "Die Menschen wollen in erster Linie sympathische Kandidatinnen und Kandidaten, die idealerweise schon etwas für die Gemeinde geleistet haben", sagt der CDU-Haudegen Wolfgang Dippel. Meinungsforscher Güllner setzt sogar auf die Kommunalpolitik als Ausweg für Deutschland: "Wenn ich ein Problem habe, ist der Kommunalpolitiker mein erster Ansprechpartner. Diese Politiker haben es gelernt, auf die Wünsche der Menschen einzugehen. Kommunalpolitiker könnten auch eine gute Personalreserve für die Landes- und Bundesebene sein." Jawohl, genauso ist es! Kommunalwahlen sind wichtig. Gehen wir hin, gehen wir die Welt retten!

Damit überhaupt jemand zu den Wahlkampf-Shows kommt, wird gern Musik aufgelegt. Ein paar Hörproben aus den Wahlkämpfen dieser Welt:

Franklin D. Roosevelt, 1932, Happy Days Are Here Again von Ben Selvin and the Crooners - https://www.youtube.com/watch?v=gqsT4xnKZPg

John F. Kennedy, 1960, Frank Sinatra mit High Hopes - https://www.youtube.com/watch?v=7VGUxSgvD2A

Ronald Reagan, 1984, Born in The USA. Wurde ihm von Bruce Springsteen untersagt – https://www.youtube.com/watch?v=EPhWR4d3FJQ

Angela Merkel, 2005, Angie. Leider hatte sie die Rolling Stones nicht um Erlaubnis gefragt – https://www.youtube.com/watch?v=oWRr03VcA-0&t

Obama, 2008 und 2012: U2, City of Blinding Lights – https://www.youtube.com/watch?v=ziOZCSBy4YE

Joe Biden, 2024, The Change von JoJo – https://www.youtube.com/watch?v=jPm7upLFUWQ

Friedrich Merz bewies beim Wahlkampf 2024 einen eigenwilligen Musik-Geschmack: Beim Gang auf die Bühne tönte der Fußball-Hit "Zeit, dass sich was dreht". Aber nicht sehr lange – Herbert Grönemeyer hat’s verboten. https://www.youtube.com/watch?v=LKi4BlO_ls8

Donald Trump, 2024. Die meisten seiner Lieblings-Songs wurden ihm von Künstlern wie Adele, Leonard Cohen und Village People weggeklagt. Da benutzte er einfach "Nessun Dorma", gesungen von Christopher Macchio. Komponist Giacomo Puccini war ja schon lange tot... https://www.youtube.com/watch?v=ukcS-sP6rkU

Kamala Harris setzte 2024 auf Work That von Mary J. Blige – https://www.youtube.com/watch?v=AXAK9nVBI3M (Rainer M. Gefeller)+++

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