Echt jetzt! (96)

Die Katholischen sind lustiger - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Beim längsten Fastnachtsumzug Hessens, dem RoMo in Fulda, regieren die Narren
Foto: ON Archiv

13.02.2026 / REGION - Stellen Sie sich mal vor, ein Völkerkundler aus einer fernen Weltgegend würde sich derzeit zu uns verirren. Dem würde doch bestimmt ein heilloser Schrecken in die Glieder fahren. Was ist hier los? Dieses Volk der Deutschen, wird gesagt, soll doch humorlos sein wie eine Schwarze Witwe, immer ernst, ernst, ernst. Und was muss er jetzt sehen, unser fremder Gast?



Überall lachende, kichernde, von Heiterkeitsausbrüchen geschüttelte Menschen. Bis zur Unkenntlichkeit in groteske Verkleidungen gehüllt. Sie wackeln mit dem Hintern im Takt einer von unverständlichen Texten begleiteten Musik. "Zwiebel auf dem Kopf", "aus dem Käse fliegen Löcher", "tätärä". Die Diagnose unseres Forschers ist unumstößlich: "Virus Carnevale." In Deutschland sei eine Art Kinderwahn ausgebrochen. Auch für Erwachsene scheint diese Volkskrankheit ansteckend zu sein. Oder sind die Alten der wahre Infektionsherd? Der Ethnologe muss sich erstmal sammeln. Dann macht er sich an die Arbeit.

Warum verkleiden wir uns? Bei der Beantwortung dieser Frage laufen die Kollegen der Psychologie zur Höchstform auf. Mal kurz dem Alltag entfliehen. Jemand anderer sein wollen. Die Phantasie austoben. Der Schüchterne wird zum Superhelden oder zum Gorilla oder zum King. Unerkannt ein wenig hemmungslos sein und fremde Frauen oder Männer küssen. Manche zu kurz Gekommene wollen Angst und Schrecken verbreiten und setzen sich ´ne Maske auf, von Putin oder Trump. Aber was wollen uns jene mitteilen, die sich als Klo oder Telefonzelle kostümieren? Der Pirat "repräsentiert unsere anarchische, wilde, freiheitsliebende Seite", erklärt uns die Psychologin Katja Mierke von der Hochschule Fresenius. Ob Teufel oder Engel oder Lady Gaga oder Taylor Swift – schön wollen wir sein oder aufregend oder gefährlich oder rätselhaft. Das "innere Kind" wollen wir in uns zum Leben erwecken. Ja, ja, der Kinderwahn!

Bei seinen ersten Deutschland-Exkursionen, ist schon mindestens 50 Jahre her, fühlte sich unser Karnevals-Forscher auf den Straßen von Köln kurzzeitig in seine Heimat zurückversetzt. Dieses ständige Stakkato von Tausenden von Trommeln, hin und wieder von Trompetenstößen unterbrochen – als würde eine gewaltige Elefantenherde die Luft durch ihre Rüssel blasen. Wie hat die Narren-Band Räuber gedichtet:

Wenn et Trömmelche jeit
Dann stonn mer all parat:
Kölle Alaaf, Alaaf.

Unser Mann stammt aus dem Afrikanischen. In den 70ern waren sich unsere heimischen Jecken oft nicht ganz sicher, ob er echt war oder kostümiert. "Damals", hat er beobachtet, "traten viele Frauen in Baströckchen auf, dem Kleidungsstück unserer Urgroßmütter." In jenen Jahren lieferten andere Völker sowieso noch regelmäßig die Inspiration fürs närrische Outfit. Wir gingen als Türken und Indianer, Chinesen, Franzosen und Italiener. Ruckzuck war man, mittels eines zurechtgezupften Bettlakens, ein Araber. Und mit ein wenig schwarzer Gesichtsfarbe wurde man zum Afrikaner. "Das gibt es heute kaum noch", hat unser Völkerkundler trocken festgestellt. Der deutsche Karnevalist will ja schließlich nicht mehr kultur-anmaßend erscheinen. Oder andere Völker beleidigen. Da hört der Spaß auf...

Haben Sie’s gemerkt, jetzt ist Straßenkarneval. Das erkennt man schon an den Bierständen auf dem Gemüsemarkt, dem Buttermarkt und dem Uniplatz sowie an den Dixi-Klos. Gestern haben traditionsbewusste Frauen den Männern wieder ihre Schlipse abgeschnitten. Für dieses Entmannungs-Ritual sammeln die Herren eigens ihre Krawatten, mit denen selbst im Büro kaum noch jemand seine Halsschlagader abwürgt. Was sein muss, muss sein.

Wie kommt es, dass in Köln, Düsseldorf, Aachen, Mainz und Fulda, um mal ein paar Hochburgen aufzuzählen, das Virus Carnevale die Menschen befällt, während andere Landstriche vollends verschont bleiben? Der Ethnologe spürte auch der Verweigerung nach, zum Beispiel in Schleswig-Holstein. "Kaanewal?" Der norddeutsche Landwirt, irgendwo in der Tief-Ebene der guten Laune, puhlt sich in den Ohren und sagt erstmal nichts dazu. Dann stapft er davon in seinen Gummistiefeln, an denen noch der Stallmist des vergangenen Jahrhunderts klebt. "Kaanewal?" Will er nicht, braucht er nicht. Schlechte Laune ist doch auch was Feines. Möge er in seinen Stinkstiefeln glücklich sein. Warum explodiert in manchen Regionen die Lebenslust und in anderen nicht? Norddeutsche Spaß-Verächter sind überzeugt, dass wir in den südlicheren Bergwelten einfach zu nahe an der Sonne sind – da werde unser Hirn weichgekocht. Da besteht im nördlichsten Bundesland keine Gefahr. Die höchste Erhebung ragt kaum höher als eine Sanddüne: 167,4 Meter; Bungsberg heißt der Erdpickel. Oder ist der Karnevalismus eine genetische Verirrung? Quatsch, doziert unser Forscher: "Die Katholischen sind einfach lustiger." Das Virus grassiert vor allem in Gegenden, die von Katholiken geprägt sind. Sie wollen das Leben genießen. Wer weiß schon so genau, ob’s im Jenseits auch was zu schunkeln gibt. Außerdem: Wenn man mal ein wenig übertreibt, gibt’s zur Buße das Aschenkreuz.

Unser Forscher weilt verdächtigerweise jedes Jahr aufs Neue just zur Karnevalszeit unter uns. Er registriert einen ständigen Hang zur Albernheit. Das Tanzfieber grassiert, selbst glasige Augen fahnden unablässig nach Flirt-Möglichkeiten. Der Flüssigkeitsbedarf steigt. Mit Begeisterung beißt der Karnevalist in gezuckerte Teig-Kugeln und lacht sich die Schminke aus dem Gesicht, wenn drinnen statt Marmelade Löwensenf auf seine Geschmacksnerven lauert. Das Temperaturempfinden der Infizierten ist außer Kraft gesetzt. Jedenfalls hat jede zweite Frau ihre Beine entblößt. Wir haben doch Winter! "Bei genauerer Untersuchung", korrigiert der Ethnologe, "musste ich feststellen, dass die Damen Strumpfhosen tragen. Das sieht nackig aus, ist es aber nicht." Gut, dass unser Mann mal nachgeschaut hat.

Der karnevalistische Menschenschlag rottet sich gern in Schlangen zusammen. Viele von ihnen stehen mit einer ständigen Seitwärtsbewegung nebeneinander und haken sich unter. Hin und her, hin und her. Das nennt man Schunkeln. Oder in einer stampfenden Vorwärtsbewegung, die Hände immer auf den Schultern des Menschen vor dir. Das nennt man Polonäse. Oder in geradezu britischer Gelassenheit in einer endlos scheinenden Reihe stehend. Wenn’s Männer sind, warten sie auf den Zugang zu Bier, Schnaps, Bratwurst oder Erbsensuppe. Wenn’s Frauen sind, warten sie auf den Zugang zur Toilette. Toi Toi Toi sagt man im Norden. Im Hochdeutschen bedeutet das: Möge es gelingen. Ob viele Dixi-Klos deshalb heute immer noch Toi Toi heißen? Der US-Soldat Fred Edwards hat’s erfunden, 1973, bei einem Manöver in Deutschland. Die behördlich-korrekt "Freifalltoilette" genannte mobile Entsorgungs-Kiste kommt überall dort zum Einsatz, wo durstige Menschen auf viele Getränke-Angebote treffen.

Könnten Sie sich den Rosenmontagszug als Schweigemarsch vorstellen? Oder eine Kneipen-Feier als Stummfilm? Was wäre die Foaset ohne Musik? 1979 haben die Fuldaer Fastnachtssänger zum Kampagnenstart im Schloßtheater zum ersten Mal einen vom legendären Walter Hampel getexteten Song aufgeführt, der noch immer als inoffizielle Stadthymne gilt: "Ich bin in Fulda verliebt, genau wie du. Ich bin in Fulda verliebt, ich könnt‘ geschrei." Es geht natürlich auch schmissiger, gern mit Unsinns-Texten. Zum Beispiel "Mr lasse de Dom in Kölle." Was sonst, Bläck Föös? Wollt ihr ihn abreißen? Gern genommen wird natürlich auch "Ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner." Aha. Ach, Tim Toupet, wärst du doch am Ballermann geblieben! Zum Ausgleich ein Stück gut abgehangene Karnevals-Philosophie von Stephan Remmler, immer noch gut: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Jawoll, mein Schatz, es ist vorbei." Zu diesen Wohlklängen ist ein auf Glatteis geratenes Auto kurz vor Fulda zu irgendeiner Karnevalszeit mal durch die Luft geflogen. Ich saß auch drinnen. Das Auto war kaputt, ich nicht. 1952 hat Ernst Neger zum ersten Mal "Heile, heile Gänsje" gesungen. Und dann wieder und wieder und wieder. Über zwei Jahrzehnte lang. Das war der größte Hit der "Fernsehfastnacht". "Heile, heile Gänsje, Es ist bald widder gut." Das haben schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts Mütter ihren Kindern gesungen, wenn sie verletzt oder sonstwie kränkelnd waren. "Heile heile Mausespeck. In hunnerd Jahr is alles weg." Der Fastnachts-Fan Norbert "Die Rente ist sicher" Blüm: "Wenn er das Lied gesungen hat, da hat meine Oma geweint, mein Opa geweint, meine Mutter geweint – da hat sich die Familie Blüm in Tränen aufgelöst."

So ergreifend kann Karneval sein. Jetzt muss unser Forscher leider weg. Er weiß noch nicht, wie er sich verkleiden soll. Von Zeit zu Zeit gluckst er vor Vergnügen, wenn er die Schlachtrufe der Narren probt. "Alaaf!" "Helau!" Und vor allem: "Fölsch Foll hinein." "Das ist ein sprachliches Mysterium", sagt er. Inzwischen muss nur jemand "Hinein" rufen, schon reißt er begeistert die Arme hoch. Vermutlich auch nächste Woche Mittwoch, wenn Foaset längst vorbei ist.

Wie klingt der Karneval? Mal so, mal so. Ein kleines Concerto Carnevale:

Bellini, Samba Do Brazil: https://www.youtube.com/watch?v=kk4uddaHdDE

Elizete Cardoso im Film "Orfeu Negro" (1959), Manha De Carnaval!: https://www.youtube.com/watch?v=nVkDfnGobmI

Schäl Sick Brass Band, Lappemann: https://www.youtube.com/watch?v=8qdMMSr1qv0&list=RD8qdMMSr1qv0&start_radio=1

Brings, Superjeile Zick: https://www.youtube.com/watch?v=jB8CgXOP0Oo

Querbeat, Nie mehr Fastelovend: https://www.youtube.com/watch?v=UhZwKNqDXwE

Trude Herr, In der Spelunke "Zur alten Unke": https://www.youtube.com/watch?v=F0OWvKWbJcI

Die Fuldaer Fastnachtssänger, Ich bin in Fulda verliebt: https://www.youtube.com/watch?v=DMKA_AyoW2E&list=PLYqUh98MVkTGUgg0JxZBHWtWzzWLW_llV&index=1 (Rainer M. Gefeller) +++

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