Echt jetzt! (104)

Unser Mond - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Mond mit Kranichen über der Rhön.
Foto: Michael Otto

10.04.2026 / REGION - Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht. Mit solchen Anleitungen hat irgendwer versucht, mir das Zeichnen beizubringen. Hat nicht gefruchtet. Aber eines habe ich mir gemerkt: da oben ist Leben in der Bude. Der Mann im Mond wacht über uns.


Mal ist er zerbeult wie eine Eier-Pflaume. Mal majestätisch und von rätselhafter Schönheit. Und dann wieder eine kühle, abweisende Sichel. Jetzt starren wir gerade wieder ins Weltall, weil vier tollkühne Menschen unsere große Nacht-Laterne erkunden und sogar sechs Stunden lang echt "hinterm Mond" unterwegs waren. Großartig! Aber was passiert da mit unserem Trabanten? Werden jetzt seine allerletzten Rätsel geknackt? Schluss mit romantischen Gedichten und magischen Momenten? Hey, da haben wir doch auch noch ein Wörtchen mitzureden!

"Der Mann im Mond, der hat es schwer,

Denn man verschont ihn heut" nicht mehr.

Er schaut uns bang" von oben zu

Und fragt: Wie lang" hab" ich noch Ruh?"

Das hat Gus Backus gesungen, 1961. Ein geradezu prophetischer Text. Acht Jahre später landeten Neil Armstrong und Buzz Aldrin da oben und erkundeten mit Hüpf- und Humpel-Schritten als erste die Landschaft. Ihnen folgten weitere, dann war ein halbes Jahrhundert lang Ruhe. Bis jetzt. Das Artemis-Quartett ist nur die Vorhut. 2028 wollen die Amerikaner wieder eine Mond-Landung hinlegen – dann ist ein gewisser Mr. Trump immer noch Präsident (falls er sich nicht vorher um Kopf und Kragen redet). Vielleicht will er ja mitfliegen? Ende des Jahrzehnts werden sicher die ersten Bauzäune und Dixi-Klos aufgestellt (den Nasa-Toiletten kann man bekanntlich nicht wirklich trauen). Ab 2033 soll am Südpol die erste Mondbasis entstehen. Falls die Chinesen nicht schneller sind.

Es gibt Menschen wie die Österreicherin Johanna Paungger, die richten ihr gesamtes Leben nach dem Mond. Wenn zum Beispiel der zunehmende Mond "das Sternzeichen der Waage durchwandert", dann sollte man alles liegen und stehen lassen. Keine Blumen gießen, die bekämen heute Läuse. Nicht Waschen, nicht Bügeln, nicht Fensterputzen. Jeder zehnte Deutsche ist überzeugt, dass der Stand des Mondes Krankheiten befördern oder bremsen kann. "Es gibt Aktienhändler", schreibt "Geo", "die beim Kauf und Verkauf ihrer Papiere zuerst den Erdtrabanten konsultieren". Ein Zahnarzt zieht seinen Patienten nur bei abnehmendem Mond die Zähne. Eine Frau geht nur zum Friseur, wenn der Mond im Sternbild des Löwen steht. Warzen werden gern im Mondlicht besprochen. Die Fruchtbarkeit der Frauen, Autounfälle, Selbstmorde, Schlägereien – überall hat der Erdtrabant seine heilenden und schmutzigen Finger im Spiel. Bloß nicht operieren lassen, wenn gerade der Vollmond auf uns niederblickt: dann dauert die Heilung unendlich lang. Und Vorsicht: Jack the Ripper (Jakob der Aufschlitzer) soll in London Ende des 19. Jahrhunderts zwischen fünf und elf Frauen erdolcht haben – immer, wenn der Vollmond funkelte.

Alles Tinnef, wird in hunderten von Studien klargestellt. Bei Vollmond gibt’s mehr Arbeitsunfälle? Quatsch! Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von 500.000 Arbeitsunfällen. Schuld war alles Mögliche, niemals aber der Mond. Aber mehr Verkehrsunfälle, die gibt’s doch, oder? Ebenfalls Blödsinn! 300.000 Unfälle wurden kontrolliert. Im Winter kracht’s häufiger als im Sommer – der Vollmond aber ist unschuldig. Bei Vollmond werden die Menschen aggressiver – daheim, in psychiatrischen Anstalten, im Gefängnis... Ebenfalls widerlegt, sagt die Wissenschaft! Gibt’s in Vollmond-Nächten wenigstens mehr Geburten? Nein, stimmt leider auch nicht – so die Erkenntnis aus weit über drei Millionen Geburts-Untersuchungen in mehreren Ländern. Wenn der Vollmond am Himmel klebt, werden Hunde nicht bissiger. Bei Mandel-Operationen gibt es keine stärkeren Nachblutungen. Es gibt nicht mehr Selbstmorde oder Gehirnblutungen, nicht mehr Notrufe bei Polizei und Feuerwehren, nicht mehr Entführungen und keinen Anstieg des Vampirismus. Und Jack the Ripper meuchelte nur, wenn ihm danach war. Ohne Rücksicht auf den Mond.

Das juckt die Millionen Menschen freilich nicht, die dem alten Mondglauben verfallen sind. "Der Glaube macht, dass Menschen Horoskope lesen, sich in die Luft sprengen oder bei Vollmond Ochsen melken", spottet der Komiker Dieter Nuhr. Der Mann hätte sich seine Bemerkung wohl verkniffen, als der Mond noch angebetet wurde – mal als Göttin, mal als Gott. Die Ägypter verehrten Isis, "göttliche Muttergestalt", Schutzherrin aller leidenden und hilfsbedürftigen Wesen. Die Griechen nannten ihre Mond-Göttin Artemis, die Römer Luna. Zu Mond-Göttern beteten unter anderem die Germanen, sie nannten ihn Mani. Wie häufig bei unseren eher übellaunigen Vorfahren findet selbst der Überirdische ein grausiges Ende: Am Tag des Weltuntergangs verschlingt der Wolf Managarm ("Mondfresser") den Mond, sein Blut verdunkelt die Sonne...

Der Mond ist der am besten erforschte Himmelskörper. Was wir wissen: Der ständige Begleiter unserer Erde bewegt die Meere – Ebbe und Flut entstehen durch die Anziehungskraft des Mondes, mit der die Ozeane hochgezogen werden wie von einem riesigen Staubsauger. Die stärkste Power entfacht der Mond zwischen Nova Scotia und dem kanadischen Festland: die Flutwellen steigen um 16 Meter und mehr! Sein Licht sorgt dafür, dass wir auch nachts den Weg finden; mancher, der dann heimwärts stolpert statt zu schreiten, freut sich über die "Säufersonne". Zugvögel und Nacht-Insekten orientieren sich am Mond. Der Ringelwurm mit dem einfach zu merkenden Namen Samoa-Palolo organisiert sein Sex-Leben nach dem Stand des Mondes, ebenso wie manche Krabben- und Fisch-Arten. Dabei bringt es der Mond nur auf eine Lichtleistung von 0,5 Lux, das ist kaum heller als eine Kerze. Aber sooo stimmungsvoll!

"Dunkel war’s, der Mond schien helle,

Schneebedeckt die grüne Flur,

Als ein Auto blitzesschnelle,

Langsam um die Ecke fuhr."

Solche Nonsensgedichte kursierten in den 50ern. Das war doch echt kindgerechter Humor! Damals versammelten sich schweigend oder allenfalls flüsternd sämtliche Nachbarn zu einer kostenlosen Vorführung. Auf dem Dachfirst unserer Reihenhäuser spazierte mal wieder, im längsgestreiften Schlafanzug, der älteste Sohn einer Familie aus der Parterre-Wohnung links. "Kein Ton!" hatte meine Mutter mich ermahnt. Wenn der Schlafwandler zur Unzeit geweckt würde, sei ihm der Sturz in den Tod gewiss. Es ging gut aus. Später wurde uns beigebracht, dass der Vollmond den Somnambulen zu seinen nächtlichen Ausflügen animieren würde. Quatsch, sagt die Wissenschaft; der Mond sei auch hier unschuldig. Zu viel Kaffee, Alkohol, Antidrepessiva seien dran schuld. Und manchmal macht sich der Schlafwandler auf die Socken, weil die Blase überfüllt ist.

"La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu." Dieses 1950 entstandenes Wiegenlied haben viele Künstler Kindern gesungen, damit sie besser einschlafen können. In China ist der Mann im Mond ein Hase, in Gambia ein Krokodil (von dem gibt es hoffentlich keine Gute-Nacht-Lieder). Unser Mann hingegen war ein Kerl, der ausgerechnet am Sonntag Reisig geschnitten hatte. Hey, Mann: Schon mal was vom Arbeitsverbot am siebten Tag gehört? Zur Strafe wurde er "für ewige Zeiten" auf den Mond versetzt. Von dort schaut er uns traurig an. Augen, Nase, Mund – das seien alles bloß Krater und Risse in der grauschwarzen Planeten-Haut, werden wir von Wissenschaftlern aufgeklärt. Wisst ihr was: Ihr könnt uns mal. "Ihr habt uns den Mond nähergebracht", hat die Tage die leitende Wissenschaftlerin der Artemis-Mission ihren Astronauten zugejubelt. Das stimmt natürlich nicht: Der Routenplaner zeigt immer noch eine Entfernung von 384.400 Kilometern an. Und was unsere innere Verbundenheit betrifft: da tragen wir unserem verehrten Gestirn lieber mal ein Gedicht vor.

"Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;

Du sagst, du drehest dich um mich.

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, das ich werde

In meinen Nächten hell durch dich."

Ist das nicht romantisch? Der Mond lässt nun mal niemanden kalt. Fast 25.000 Gedichte hat Friedrich Rückert (1788 bis 1866) verfasst, darunter diese schöne Liebeserklärung an unseren Nacht-Begleiter. Hätten Sie’s lieber etwas knapper? Bitteschön, eine poetische Betrachtung in einem Satz, von dem japanischen Zen-Priester Kamasaki Sokan (1465 bis 1553):

"Wer einen Stiel an den Mond fügt, hat einen schimmernden Fächer."

Falls Sie mögen: Ein galaktisches Mond-Konzert. Viel Spaß!

La-Le-Lu Nur der Mann im Mond schaut zu, Heinz Rühmann: https://www.youtube.com/watch?v=XsBIO5tNAyc

That’s Amore, Dean Martin: https://www.youtube.com/watch?v=OnFlx2Lnr9Q

Der Mann im Mond, Gus Backus: https://www.youtube.com/watch?v=AF-FCe_E70w

Man On The Moon, R.E.M.: https://www.youtube.com/watch?v=dLxpNiF0YKs

Moon River, Henry Mancini & Andy Williams in Breakfast at Tiffany’s: https://www.youtube.com/watch?v=Yduryu9aEfw&list=RDYduryu9aEfw&start_radio=1

Mondscheinsonate, Ludwig van Beethoven: https://www.youtube.com/watch?v=E8T17Eg2wbM

Mr. Moon, Dick Hyman im Film Moonstruck: https://www.youtube.com/watch?v=CavhSwUf4sE&t

Moon Song, Emmylou Harris: https://www.youtube.com/watch?v=2vEIFvhxa74&list=RD2vEIFvhxa74&start_radio=1

Der Mond, Deichkind: https://www.youtube.com/watch?v=ZAC-eIuvqhg&list=RDZAC-eIuvqhg&start_radio=1

Bad Moon Rising, Creedence Clearwater Revival: https://www.youtube.com/watch?v=zUQiUFZ5RDw&list=RDzUQiUFZ5RDw&start_radio=1

Moonwalk, Michael Jackson: https://www.youtube.com/watch?v=b6pomaq30Gg

Dark Side of the Moon, Pink Floyd: https://www.youtube.com/watch?v=DLOth-BuCNY&t (Rainer M. Gefeller) +++

Echt Jetzt! - weitere Artikel

↓↓ alle 106 Artikel anzeigen ↓↓

X