Echt jetzt! (106)

Unser Auto braucht Liebe - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Angebetetes Auto auf der IAA 2025, München.
Foto aus der TV-Dokumentation 'My Holy Car'

24.04.2026 / REGION - Haben Sie Ihr Auto noch lieb? Verzeihen Sie diese intime Frage – aber uns Deutschen wird ja nachgesagt, die Zuneigung zum "Kraft-Fahr-Zeug" sei unkaputtbar. Wirklich? Noch 2017 haben in einer YouGov-Studie zwei Drittel der Autohalter (69 Prozent) der Aussage zugestimmt: "Ich liebe mein Auto". Ich bin übrigens nicht gefragt worden, hätte aber auf keinen Fall einen Ehekrach riskiert. 14 Prozent der Befragten gaben ihren Wagen sogar Kosenamen. Dabei hatte unsere Beziehung zum "heiligen Blechle" schon damals viele Stresstests bewältigen müssen. Seither wird unsere Zuneigung immer und immer wieder neu geprüft: Autofreie Sonntage, Diesel-Skandal, Energie-Wende, und jetzt auch noch diese Monster-Spritpreise. Danke, Mr. Trump. Bevor wir allerdings von diesem Geisterfahrer aus Amerika unser Gefühlsleben zerschreddern lassen, gönnen wir uns eine Beziehungs-Beratung. Unser Auto-Schatzi kann doch nichts dafür!



Das Auto. Statussymbol. Motor des deutschen Wirtschaftswunders. Vehikel der individuellen Freiheit. Demonstration unserer Überlegenheit. Taugen all diese Zuschreibungen im "Auto-Land" Germany nur noch für den Müll-Container? 37 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 34 geben an, Smartphones seien ihnen wichtiger als Autos. Genauso viele sagen, sie brauchen keinen eigenen Wagen – Car-Sharing würde ihnen auch reichen. Andererseits: 1950 gab es eine halbe Million Autos in der alten Bundesrepublik, zehn pro tausend Einwohner. Im heutigen Deutschland sind es fast 50 Millionen Autos, 590 pro tausend Einwohner. Tendenz trotz aller Krisenmeldungen: steigend. "Das ist in unserer DNA", sagt Jan Tenhaven, Fernseh-Journalist, in der ARD-Doku "Kraftfahrzeug – Eine deutsche Liebe". Tenhagen, der ursprünglich einen Abgesang auf das Auto produzieren wollte, ist heute überzeugt: "An der Haltung zum Auto hat sich trotz Verkehrswende nichts geändert."

Setzen wir uns doch erst mal hinters Steuer. Da ist man gleich ein ganz anderer Mensch! "Im Auto wird der Mann zum Schwein", hat mir ein westfälischer Kumpel mal eingetrichtert. Andererseits: 98 Prozent der Deutschen halten sich für Spitzen-Autofahrer, "wachsam, ruhig, höflich". In allen anderen Ländern Europas, so eine Umfrage unter 12.400 EU-Bürgern, sitzen nach dem Urteil der deutschen Auto-Helden vorwiegend Nichtskönner und Rabauken am Steuer. Genauso bewerten auch die Italiener, Franzosen, Spanier, Holländer, Polen – sämtliche EU-Bürger halt – das eigene Können und das Unvermögen der anderen. Eine Unart immerhin teilen die Rest-Europäer mit uns: fast die Hälfte der Deutschen geben zu, dass sie eisern auf der Mittelspur der Autobahn fahren. Wer weiß: Nachher passiert auf der rechten Fahrrille irgendwas, und dann lassen uns diese "Idioten", "Blindfische", "Linksblinker", "Verkehrsrüpel" einfach nicht mehr zurück in die goldene Mitte, in der alle sich am wohlsten fühlen.

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war das Auto sowas wie die gute Stube der Fortbewegung. Die Sitze mit "Schonbezügen" vor den Dreckhosen geschützt. Mancher schlüpfte, der Sauberkeit wegen, in eigens bereitgelegte Auto-Schuhe. Am Cockpit durfte ein wenig Zimmerschmuck nicht fehlen – die tanzende Hula-Tante, zum Beispiel, oder der künstliche Fuchsschwanz. Am Rückspiegel baumelte der Geruchsbaum; manche unempfindliche Autofahrer setzen diese Nasen-Folter auch heute noch ein. Hinter dem Rücksitz ist natürlich noch lange nicht Schluss, da befindet sich die Hutablage. Gern genutzt von Hut-Männern im Audi 80, im 200er Benz oder im Opel Kadett. Auf dem Stoff-Regal tobt immer noch der Wackel-Dackel. Der hat gegenüber dem lebendigen Haustier den Vorteil, dass er nicht schmutzt. Und immer noch ist ein Plätzchen frei für die umhäkelte Klo-Papierrolle. Die braucht man heute sogar in den früher wegen ihrer Reinlichkeit gepriesenen Notdurft-Anstalten an deutschen Autobahn-Parkplätzen. Eklig! Wo bleibt die Achtung vor den Auto-Reisenden?

Außen war das Auto damals natürlich auch "tiptop". Samstagnachmittag widmete sich der Papa (und sonst keiner!) der Lackpflege, mit Hilfe eines streichel-weichen Naturschwamms. Kinder wurden zeitig zur Auto-Liebe erzogen. Haben Sie auch Auto-Quartett gespielt? Mein Favorit war ein Mercedes 300 SL Roadster: dunkelblau, rote Sitze, sechs Zylinder, 215 PS. Die meisten Mitspieler gaben dem Jaguar E den Vorzug: nicht enden wollende Schnauze, knallrot, "schönster Sportwagen der Welt", 265 PS. Damals, in den 60ern, wurde noch nicht gemessen, was aus dem röhrenden Auspuff in die Landschaft qualmte.

In Hessen geht’s den Autos gut. 82 Prozent der Haushalte haben ein Kfz. Das Landesamt für Statistik registrierte im vergangenen Jahr 622 Pkw pro 1.000 Einwohner. Osthessen ist eine wahre Auto-Heimat. 650 Pkws zählt der Landkreis Fulda pro 1.000 Einwohner, ein Nachbar-Kreis schneidet sogar noch besser ab: 732 Privatwagen pro 1.000 Vogelsbergern wurden gemeldet. Letzter Platz in Hessen: Frankfurt, mit einer Auto-Dichte von 458. "Die Endstufe der Motorisierung ist erreicht, wenn das Parken mehr kostet als das Autofahren", hat der britische Komiker Peter Sellers gewusst. Selbst in Frankfurt ist es allerdings noch nicht so weit, in Fulda erst recht nicht. Besuchern, denen die hiesigen Parktickets zu teuer sind, wird im Internet geraten, sie sollen ihre Autos einfach in Neuenberg abstellen, zum Nulltarif. Da werden sich die Neuenberger aber freuen!

Der englische Naturforscher Roger Bacon war ein echter Vordenker: Mitte des 13. Jahrhunderts prophezeite er seinen Zeitgenossen: "Eines Tages wird man Karren zu bauen vermögen, die sich bewegen und in Bewegung bleiben, ohne geschoben oder von irgendeinem Tier gezogen zu werden." Haha, was haben die Zeitgenossen gelacht über diesen Spinner. Über hundert Jahre später, 1490, zeichnete Leonardo da Vinci bereits einen selbstfahrenden Panzerwagen. Und im 19. Jahrhundert tobte sich an den Fortbewegungsmitteln eine Technologie-Offenheit aus, von der die heutige FDP immer geträumt hat: Muskelkraftwagen, Segelwagen, Dampfautomobile wie der "Puffing Devil". Der erste, mit Steinkohlengas und Wasserstoff gefütterte Verbrennungsmotor trieb sein Gefährt sensationelle 26 Meter weit. Irgendwann nach 1832 rollte das erste Elektrofahrzeug über die Straßen Aberdeens. "Leise wie ein moderner Tesla", schwärmt ein Autoforscher, 12 km/h flott. Der einzige Nachteil an der Erfindung des Schotten Robert Anderson: die Batterien konnte man nicht aufladen.

Wollen wir nicht endlich mal über die SUVs reden? Das sind diese wuchtigen Auto-Erscheinungen, die uns viel dicker vorkommen als sie sind. Ende März hat eine Frau der Internet-Gemeinde ein Foto aus einem Heidelberger Parkhaus zugeleitet: Ein Mercedes GLK steht seltsam eingequetscht zwischen Wand und Nachbar-Auto. Die Fotografin klagte: "Diese Lücke hier ist so schmal, dass mein Mann direkt an der Wand parken musste, um überhaupt aussteigen zu können. Wer entwirft solche Parkhäuser? Architekten, die grundsätzlich mit dem Fahrrad kommen?" Oho, da war was los. Statt Mitgefühl hagelte es Verachtung. "Das Problem ist nicht das Parkhaus!" "Wer braucht solche Schlachtpanzer?" "Wenn ihr mit dem großen Auto nicht umgehen könnt, kauft euch einfach ein kleineres." SUVs sind trotz dieser Hass-Ausbrüche die meistverkaufte Pkw-Sorte am Markt. Warum?

Chris Bangle, amerikanischer Auto-Designer, weiß Bescheid: "Die Leute wollen einen besseren Überblick haben." Zudem sei es bequemer, in einen "Suff" zu steigen, "als sich in eine Limousine hinabzubeugen." Vor allem aber fühlt man sich sicherer, schließlich "habe ich deutlich mehr Blech um mich." Also stimmt das gar nicht mit der Angeber-Kutsche? Naja... Wer will schon gern eine Ebene tiefer sitzen, in einem Kleinwagen "und sich immer von oben herab anglotzen lassen", sagt Mister Bangle. Den meisten von uns ist das Kreuzfahrtschiff unter den Autos immer noch lieber, als die unheimliche Vorstellung, das rollende Ding brauche uns gar nicht mehr am Lenkrad.

Hat das von uns beherrschte Auto eine Zukunft? Der Philosoph Matthew B. Crawford erzählt eine nette Anekdote. Ein autonom fahrendes Google-Auto fährt an eine Kreuzung, hält entsprechend den Regeln an und bleibt "wie gelähmt" stehen. Alle anderen von Menschen gesteuerten Wagen rollen vorsichtig über die Haltelinien und starten durch, sobald sich eine Lücke auftut. Ein Ingenieur hat sich ereifert, die Menschen sollten sich gefälligst "weniger idiotisch verhalten", schon gäbe es kein Problem mehr. Lustige Idee. Richard David Precht, laut "Zeit" Deutschlands "Bürgerphilosoph", lehnt das autonome Fahren ab. "Wie muss ein selbstfahrendes Auto programmiert werden, damit es im Falle eines tödlichen Unfalls zwischen mehreren Leben auswählen kann?" Also: "ob es die Oma überfährt oder das Kind."

Momentan denken viele: hätte ich mir doch ein E-Auto zugelegt. Beim vom Kriegsherrn Trump angezettelten Sprit-Bingo gibt es nur Verlierer. Da fühlt man sich irgendwie erinnert: Am 19. März 1998 gönnte sich die "taz" die Schlagzeile: "Grüne tanken Mut." Im Jahr der Bundestagswahl hielt die Partei trotzig an ihrer Benzinpreis-Strategie fest: schrittweise Anhebung auf 5 Mark. Eine grüne Bundestagsabgeordnete forderte überdies, die Deutschen sollten zur Schonung der Umwelt "nur alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen". Ein Aufschrei in der Republik, statt der erhofften zwölf gab es bei der Wahl nur 6,7 Prozent. Heute sind die Alptraum-Ideen von vorgestern erschreckend nahe an der Wirklichkeit. Fehlt uns bald für Fernreisen das Flugbenzin? Wie teuer bleibt der Sprit?

Kleines Auto, großes Auto, Sportwagen, Luxus-Limousine, Familien-Van, Cabrio, Geländewagen – auf der Straße müssen sie sich alle den Verkehrsregeln unterordnen. Die rote Ampel herrscht über Rolls und Renault, das Auto ist Demokratie auf Rädern. Der Philosoph Peter Sloterdijk, vom "Deutschlandfunk Kultur" zu "einem der letzten deutschen Großintellektuellen" ernannt, war früher ein beinahe manischer Radfahrer: 130 Kilometer fuhr er Tag für Tag, um "den schädlichen Gedanken davonzufahren". Das kann man auch bequemer haben, wie der Herr Philosoph sehr wohl weiß – in jenem Fortbewegungsmittel, dass uns nicht nur in den Job, sondern auch in unbekannte Regionen befördert. Niemals, sagt Sloterdijk, würde die Gesellschaft das Auto aus Vernunfts- oder Umweltgründen abschaffen: "Seit 20 Jahren führen wir eine ökologische Debatte, und das Automobil steht immer noch strahlend da." Wegen des Autos würden sich die Menschen heute gleichwertig fühlen: "weil der kleine Mann den reichen Herrn jederzeit überholen kann". Auja, ziehen wir uns doch gleich mal eine Runde Freiheits-Rausch rein. Aber schön das Tempolimit beachten! Außerdem wollen wir unserem Gefährt(en) nicht zu viel zumuten. Wie hat der immer noch einzige deutsche Rallye-Weltmeister Walter Röhrl so herzerfrischend gesagt: "Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln. Ein Auto braucht Liebe."

Liebeslieder für Autos? Gibt’s natürlich auch. Hier eine kleine Auswahl.

Queen, I’m in Love With My Car. https://www.youtube.com/watch?v=oaEM4JYFPfw

Jethro Tull, Driving Song: https://www.youtube.com/watch?v=7u8Me9lgosc

Henry Valentino, Im Wagen vor mir: https://www.youtube.com/watch?v=fjc3uwYCdmM

Chuck Berry, Route 66: https://www.youtube.com/watch?v=gn96QzO0PM4&t

Kraftwerk, Autobahn: https://www.youtube.com/watch?v=iukUMRlaBBE

Jonas Blue, Fast Car: https://www.youtube.com/watch?v=5yXQJBU8A28&t

Taylor Swift, Getaway Car: https://www.youtube.com/watch?v=BPuJCRIGs-I

Tracy Chapman, Fast Car: https://www.youtube.com/watch?v=AIOAlaACuv4&t

Wilson Pickett, Mustang Sally: https://www.youtube.com/watch?v=16u6w0cjjrU

Janis Joplin, Mercedes Benz: https://www.youtube.com/watch?v=Qev-i9-VKlY

The Cars, Drive: https://www.youtube.com/watch?v=xuZA6qiJVfU

Markus, Ich geb Gas, ich will Spaß: https://www.youtube.com/watch?v=c3amFy1a6cs&t (Rainer M. Gefeller)+++

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