Echt jetzt! (119)

Macht die Fliege! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Fliegenkopf
Foto: Richard BartzCaliphrodae headCC BY-SA 2.5

24.07.2026 / REGION - Ich kann echt keiner Fliege was zu Leide tun. Aber weshalb habe ich dann diese Patsche in der Hand, frühmorgens am Frühstückstisch? Ein blau-schwarz schimmernder Feind hat sich auf meinem Rührei mit Speck niedergelassen. Das Problem: Wenn ich jetzt zuschlage, kann ich das Rührei vergessen. Und was ist mit dem Tierschutz? Schlag zu, drängt die Frau. Dann gucke ich nochmal hin – das Biest hat sich vermehrt. Vier, fünf, sechs Sch...Fliegen. Zornig schütte ich meine Lieblingsspeise in den Abfall. Bei der Rückkehr auf die Terrasse scheint immer noch die Sonne, der Kaffee dampft, die Biester sind weg. Kein Interesse an Rhabarber-Erdbeer-Marmelade. Bevor’s jetzt weitergeht in die Abründe des Fliegen-Lebens: Seien Sie gewarnt. Wir haben uns echt schon mit appetitlicheren Stoffen beschäftigt.



Zur Vorbereitung auf dieses filigrane Thema mögen ein paar Verse von Wilhelm Busch herhalten, aus seinem Werk "Die Fliege" aus dem Jahre 1861.

Vorspiel:

"Dem Herrn Inspektor tut’s so gut

Wenn er nach Tisch ein wenig ruht.

Da kommt die Fliege mit Gebrumm

Und surrt ihm vor dem Ohr herum.

Und aufgeschreckt aus halbem Schlummer,

Schaut er verdrießlich auf den Brummer."

Finale:

"Rumbums! Da liegt der Stuhl und er.

Die Fliege flattert froh umher.

Da holt er aus mit voller Kraft.

Die Fliege wird dahingerafft.

Und fröhlich sieht er das Insekt

Am Boden leblos ausgestreckt."

Vergleichbares haben wir alle schon erlebt, oder? "Verjage die Fliege auf der Stirn deines Freundes nicht mit einem Beil," rät ein chinesisches Sprichwort. Seltsam, dass man dazu eigens aufgefordert werden muss. Die "Welt", die in anderen Angelegenheiten selten zimperlich ist, beschreibt, wie wir an lauen Sommerabenden in einen Mischmasch von Jagdeifer, Tierliebe und Angst vorm Bußgeld geraten. "Darf man die Tiere einfach töten?" fragt das Blatt. Das Bundesnaturschutzgesetz verfügt, dass es verboten sei, "wild lebende Tiere ohne vernünftigen Grund" umzubringen. Ist ein Angriff auf mein Rührei ein vernünftiger Grund? Die Schwarz-Gelben (Wespen und Bienen) sind bekanntlich sowieso geschützt. Mücken dürfen eins drüber kriegen. Bei Fliegen sind die Rechtsprecher hingegen seltsam unschlüssig. Naturschützer sagen: Man sollte Tiere nicht meucheln, nur weil sie uns unangenehm sind. Auf TikTok klagt ein Tierfreund: "Ich hoffe, niemand tötet mich für das Verbrechen, klein zu sein." Klein und nervig, das ist wohl eher das Problem. In vielen Haushalten liegen die Elektro-Fliegenklatschen parat, die mancher als "Schießgewehr des kleinen Mannes" rühmt. Angeblich viel effektiver als die Fliegenfänger, die früher in jeder Wohnküche von der Decke gebaumelt haben, vollgeklebt mit kleinen schwarzen Leichen. Mal ehrlich: Omas Vorstellung, die ganz kleinen Flug-Viecher würden sich in ihrer Geheimmischung aus Essig, Wasser, Saft und Spüli selbst ertränken, war aus Ergebnissicht ein Witz. Aber niemand wollte es ihr sagen.

Lukian von Samasota, Satiriker im antiken Griechenland, betrachtete die Fliege als beinahe menschengleiches Geschöpf, mit einer "unsterblichen Fliegenseele". Berückend schön sei sie, das Farbenspiel ihrer Flügel "wie Pfauengefieder". Eine gewandte Flugtechnikerin zudem, und dann noch diese melodische Singstimme. Ganz was anderes als das widerliche Schnarren der Mücken oder "das erschreckende Dröhnen der Wespen". Und dann noch die Fliegen-Liebe: "Im Genusse der Liebesfreuden besteht unter den Fliegen die ungebundenste Freiheit. Auch ist dieser Genuss bei ihnen nicht nur vorübergehend. Sondern das Männchen lässt sich vom Weibchen eine gute Weile durch die Luft tragen. Und so geht die Begattung in währendem Flug vor, wodurch ihr Vergnügen keineswegs gestört wird." Aber was kommt schon dabei raus? Noch mehr Fliegen! Auf jeden Menschen kommen nach Schätzung von Insektenforschern 17 Millionen Fliegen. 8,3 Milliarden von uns sollen gerade auf der Welt leben. Wer Lust hat, kann dazu ja mal die Fliegen-Rechnung aufmachen.

"Kein Tier ist dem Menschen ein so treuer, in der Regel lästiger, unter Umständen unausstehlicher Begleiter wie die Stubenfliege (Musca domestica)." Das hat der Insektenforscher Ernst Ludwig Taschenberg geschrieben, im Jahr 1900. Ein Fan der Surr-Gemeinde war er nicht: "Wir alle kennen ihre schlimmen Eigenschaften, ihre Zudringlichkeit und die Sucht, alles und jedes zu besudeln. Eine Tugend wird niemand von ihr zu rühmen wissen." Aus Südeuropa ließ er sich von Kollegen berichten, die von "Myriaden von Fliegen" heimgesucht wurden: "Sie schwärmen über alles Essbare, Obst, Zucker, Milch. Jedes Ding wird in solchen Heeren angefallen, dass es unmöglich ist, eine Mahlzeit abzuhalten." 120 Jahre und einen Klimawandel später sieht’s bei uns fast genauso aus wie in Europas damaliger Hitze-Zone. Im 15. und 16. Jahrhundert waren manche Künstler übrigens von Fliegen geradezu besessen: Sie pinselten auf ein fertiges Gemälde eine oder mehrere (manchmal überdimensionale) Fliegen. Soll ein Scherz gewesen sein, über den sich heute niemand mehr so recht amüsiert. Mitunter sollen Lehrlinge Werke ihrer Meister nachträglich mit Fliegen "verziert" haben. So können selbst Nervtöter zu Kunst-Objekten werden...

Noch gefährlicher als die Fliegenpatschen und all die sonstigen Vernichtungs-Methoden ist für die Fliegen das Fliegen. An der Universität Rostock haben Biologen vor vier Jahren 100 Hausfliegen ihr gesamtes 18 bis 60 Tage währendes Leben beobachtet. Mikrofone haben bei 7,7 Millionen Flug-Bewegungen der kleinen Labor-Stars jeden Flügelschlag aufgenommen, dreimal die Woche kamen die Insekten unters Mikroskop. "Nach etwa sechs Stunden reiner Flugzeit", berichten die Forscher, zeigen sich die ersten Risse in den Flügeln. Wenn sie mit anderen Fliegen zusammenkrachen, beim Sex, bei unvorsichtiger Landung, bei der Flucht vor Libellen werden die zarten Flügel immer weiter ramponiert. Bei vielen Tieren "waren zum Zeitpunkt ihres Todes nur noch Flügelstümpfe übrig"; die Fliegen können nicht mehr fliegen. Wir finden sie dann oft, auf dem Rücken liegend, auf unseren Fensterbänken.

Die Welt der Fliegen ist unübersichtlich und geheimnisvoll. Stubenfliegen können auf unseren Fensterscheiben auf und abwärts marschieren oder sich daran festkleben. Man sieht’s an den Schleimspuren auf dem Glas. Alles an ihnen ist aufdringlich: ihr Surren, ihr Herumfliegen, ihre Neigung, unsere Arme, Beine, das Gesicht als Landeplatz anzusteuern und darauf rumzuwandern. Das kitzelt! Wer weiß zudem, wo unsere Gäste vorher waren? Auf einer Miste? Ach, lassen wir das! Ihre schwarz-blauen Kollegen, die Schmeißfliegen, sind wahre Wuchtbrummen. Sie werfen sich auf alles, was stinkt, um es zu vertilgen. Auch die bis zu 200 Eier dieser Gebärmaschinen plumpsen auf Aas, verdorbenes Gemüse, verrottendes Fleisch. Spätestens nach 24 Stunden kringeln weiße Maden hervor. Was für ein leckeres Nest! Zehn Tage später sind sie fett gefressen.

Und dann ist da noch die Stechfliege, sieht unserem Stuben-Brummer zum Verwechseln ähnlich. Ein Blutsauger, der auch Wadenstecher genannt wird. Weil ihm der Saft aus den unteren Bein-Partien am besten schmeckt? Sie hat einen noch fieseren Verwandten, die Bremse (Mosca di Cavallo). Liebt die Nähe von Pferdeställen und Viehweiden, ihre schmutzigen Stiche sind echt schmerzhaft. Die die Fruchtfliegen (Drosophilidae) hingegen sind einfach nur lästig. Sie steigen in Schwärmen auf, wenn wir einen vernachlässigten Mülleimer öffnen und umkreisen unser Müsli oder die Obstschalen. Körpermaße: winzig (2 Millimeter). Ekel-Faktor: gewaltig. Lieblingsnahrung: Überreife Früchte, Getränkereste – alles, was gärt. Das Mini-Weibchen legt bis zu 400 Eier in verrottende Pflanzenreste und fauliges Obst – da haben die Larven gleich was Anständiges zu futtern. Nach nur zehn Tagen ist der neue Fliegerich geschlechtsreif. Diese Völker werden echt niemals untergehen. Die Weibchen können acht Wochen alt werden, die Männchen schaffen gerade mal zehn Tage.

Am ehesten könnten wir noch die Eintagsfliegen (Ephemeroptera) ins Herz schließen. Viele von ihnen leben nur wenige Stunden, manche bringen es auf drei oder vier Tage. Und was machen sie in der Zeit so? Sie fressen nichts, trinken nichts – sie fliegen nur rum, um "den Partner fürs Leben zu finden", wie das Stuttgarter Naturkundemuseum schreibt. Für Gefühle reicht die Zeit nicht; wenn die Schwärme auffliegen, kommt es in der Luft zum flüchtigen Sex. Das Männchen sackt gleich danach tot darnieder, das Weibchen muss noch zum nächsten Tümpel fliegen, um die Eier abzulegen. Den Vorgang überlebt das Frauchen auch nur kurz.

Ist Ihnen schlecht? Stellen Sie sich nicht so an, nehmen Sie sich ein Beispiel an Erica McAlister. Die Britin ist Insektenforscherin und hat Fliegen lieb: "Die Erwachsenen sind überwältigend schön. Dieses Metallic! Und sie können vergammelnde Kadaver aus bis zu zehn Kilometer erschnüffeln." Ist das nicht allerliebst? "Fliegenlarven töten Blattläuse, klären Abwässer, bringen Schädlinge um." Ohne Fliegenlarven im Wasser würden Fische und Vögel "schlichtweg verhungern". Hoffentlich denke ich daran, wenn morgen früh wieder Schwärme über mein Rührei herfallen.

Interessieren sich die Fliegen eigentlich auch für Donald Trumps Frühstückstisch? Aber sehr! Die Sicherheitsschleusen und erst recht die vergleichsweise ungelenken Bodyguards dürften kein Hindernis sein. Eher schon, dass Mister President häufig auf die erste Mahlzeit verzichtet. Aber wenn er zulangt, dann richtig; dann gibt’s laut dem US-Magazin "People" medium gebratenen Speck mit extralang gebrutzelten Eiern. Das ist doch ein Festmahl für unsere Fliegen! Haben Sie’s gesehen, wie der mächtige Amerikaner sich vergangenen Sonntag stoisch wie eine Betonwalze aufs Siegerfoto der spanischen Weltmeister gedrängt hat? Vielleicht hat ihm da auch jemand zugeflüstet: Mach die Fliege. Aber natürlich so leise, dass man das schon mal überhören konnte. In der jüngsten Vergangenheit haben ja schon allerlei Zelebritäten die Fliege gemacht. Herr Nagelsmann (die deutsche Nationalelf hat er gleich mitgenommen). Mister Keir Starmer war vor einer Woche noch der oberste Brite – und jetzt sagte er beim Exit: "Meine Arbeit ist getan." Wie bitte?! Der Mann ist doch erst 63. Jens Spahn (46), der jüngste Zwangs-Aussteiger, hat jetzt wenigstens eine sinnvolle Aufgabe, als Hausmann und Kindererzieher. Allzu viele Tränen wurden ihm nicht nachgeweint, auch von seinem Chef Merz nicht. Der war im Interview mit seiner etwas fahrigen ZDF-Partnerin derart gut gelaunt beim Thema Spahn, dass man fürchten musste: Gleich holt er den Luftrüssel raus. Das sind diese Papierflöten, die sich auf Kindergeburtstagen beim Reinblasen ausrollen und ganz schrecklich klingen. Da könnten sogar unsere Fliegen ein besseres Abschieds-Lied zustande bringen.

Für den Berliner Blogger und Musiker Johnny Haeusler ist die Fliege "das dämlichste Tier der Welt". Surrt ziellos umher und "stoppt nur, wenn sie irgendwo gegen knallt. Und das tut sie oft. Eigentlich ständig. Der Esel macht IA, die Kuh macht Muh und die Fliege macht Bwwwwwwwwplopp." Bis zu 250.000 Hirnzellen soll unser Insekt spazierfliegen. Ganz nett, aber macht diese Ausstattung unser Tierchen zur Intelligenz-Bestie? Wohl kaum. 90 Milliarden Denk-Zellen sollen wir Menschen unter der Schädeldecke haben. Vielleicht, sinniert die Zeit, fehlt es uns Schlaumeiern deshalb an Mitgefühl für diese summ-dummen Lebewesen. Was ist mit uns los, wenn Fliegen auf unseren Windschutzscheiben zermatschen? "Sind mit den Hunderten von Leben nicht auch Hunderte von Lebensträumen geplatzt?" fragt die Zeit. Ihr habt Probleme! Immerhin wollen kalifornische Forscher beobachtet haben, dass Fliegen im Schlaf mit den Beinen strampeln. Genau wie wir. Ist das nicht niedlich? Oder, ääh, stimmt da mit diesen Forschern irgendwas nicht?

Auch Fliegen hören gern mal zu. Oder vielleicht doch nicht? Egal, hier kriegen sie was auf die Ohren:

So klingt die Fliege: https://www.youtube.com/watch?v=HBtSDl0wFls
Wynonona Judd, Flies On The Butter: https://www.youtube.com/watch?v=CtIjGBV0X6k
Jack Hylton, The Flies Crawled Up the Window: https://www.youtube.com/watch?v=7DfxX36h39o
Depeche Mode, Fly On The Windscreen: https://www.youtube.com/watch?v=KaJLuPMeokI&list=RDKaJLuPMeokI&start_radio=1
The Cramps, Human Fly: https://www.youtube.com/watch?v=XTvrvIqzsZo&list=RDXTvrvIqzsZo&start_radio=1
Miley Cyrus, Fly On The Wall: https://www.youtube.com/watch?v=3RSlhNJFohI&list=RD3RSlhNJFohI&start_radio=1
Papa Roach, Between Angels And Insects: https://www.youtube.com/watch?v=H2jCbXiEQI4&list=RDH2jCbXiEQI4&start_radio=1
Genesis: Fly On A Windshield: https://www.youtube.com/watch?v=G3cnH_kvt58
Mogwai, Killing All The Flies (mit einem Film von Tim Wesoly): https://www.youtube.com/watch?v=kjDSAz6BpNk
Wade Hemsworth: The Blackfly Song: https://www.youtube.com/watch?v=D7gvotoVFlI&list=RDD7gvotoVFlI&start_radio=1
Tim Buckley, Buzzin" Fly: https://music.youtube.com/watch?v=KLfho6ecv_M&list=PLYs5We6mUofXKGewAltjS8QijNGhQwwK6
Curtis Mayfield, Superfly: https://music.youtube.com/watch?v=-cmo6MRYf5g&list=PLYs5We6mUofXKGewAltjS8QijNGhQwwK6
Sternschnuppe, Puck die Stubenfliege: https://music.youtube.com/watch?v=GY-3WTtl4GI&list=OLAK5uy_nzU-faVz6LF_UFXHcfGu91uXJr1wlzNoo (Rainer M. Gefeller) +++

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