Echt jetzt! (115)

Lieben lernen mit dem Igel - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Igitt! Grünzeug futtert der kleine Igel nur im Notfall.
Foto: Lars Karlsson bei Wikimedia

26.06.2026 / REGION - "Manche Menschen gleichen einem eingerollten Igel, der sich mit den eigenen Stacheln peinigt." Verzeihung: Haben Sie eine Ahnung, was uns der große Denker Albert Schweitzer damit sagen wollte? Vielleicht hat er gemeint, dass Igel masochistisch veranlagt sein müssen. Aber nicht doch! Die kleine Kreatur hat sich selbst viel zu gern, und hat genügend Last mit ihren Feinden: Autofahrer, Füchse, Eulen, Rasenmäher, Naturforscher. Dazu Beleidigungen aller Art: Schweineigel. Stachelbär. Heckenschwein. Fiese Unterstellungen kleben an dem sonderbaren Knirps wie Blütenstaub an einer Wespe. Vielleicht traut er sich deshalb nur nachts raus. Ah, seien Sie mal zwei Sekunden still und lauschen Sie: da drüben raschelt was. Das muss einer sein. Oder?



Wir präsentieren voller Stolz eines der rätselhaftesten Tierwesen unserer Zeit: Erinaceus europaeus, der Braunbrustigel. Wir können auch einfach Igel zu ihm sagen. 36 Zähne, Stachelkleid, gedrungener Leib, breite Ohren, kleine schwarze Augen, kurze dicke Beine, plumpe Füße, bis zu 8.000 Stachel. Lange wurde fälschlich behauptet, er könne seine Stacheln wie Pfeile abschießen. Sein Zuhause: Reisig, Hecken, hohle Bäume, Wurzeln, Felsspalten. Ganz Fleißige buddeln sich auch schon mal selbst eine kleine Höhle. Lebt meistens allein, selten in eheähnlichem Verhältnis. Insekten aller Art sind sein Lieblingsfutter. Heuschrecken, Tausendfüßler, Grillen, Küchenschaben, Mai- und Mistkäfern, Larven, Regenwürmer, Nachtschnecken, aber auch kleine Mäuse und Vögel.

Wie bitte, Mäuse? Wie soll denn dieser gemütliche Rundling eine Maus erwischen? Das muss man mal gesehen haben, wie dieser behäbige Schlurfer plötzlich losschießt wie eine taumelnde Kanonenkugel. Man glaubt kaum, dass er Kurs halten kann – aber dann quiekt da jemand ein letztes Mal. Manchmal beißt sich unser unterschätzter Jäger in Blitzesschnelle in ein Mäuseloch. Und dann: wieder dieses Endzeit-Quieken und ein "behagliches Murmeln" des Igels, wie Alfred Brehm gehört haben will. Obst? Nur im Notfall! Gemüse? Nein danke! Falls Sie in Ihrem Garten einen hilflosen Igel treffen: Füttern Sie ihn bloß nicht mit Milch! Unser Freund ist laktoseintolerant, genauso wie bis zu 16 Millionen Deutsche. Nur dass den kleinen Wicht der Milchzucker geradewegs ins Jenseits befördern kann.

Der Igel ist nicht nur ein Vorbild für die gehobene Party-Küche, sondern auch eine Stil-Ikone. Seit den 50er Jahren und bis tief in die 70er kam bei geselligen Anlässen unverzichtbar der Mett-Igel aufs Buffet. Ein Kunstwerk aus Hack und Salzstangen. Man nehme frisches Mett. Würzen und grob in Form fummeln: vorne der spitz zulaufende Kopf, auf der Gegenseite der breitgesessene Hintern. Salzstangen geben erstklassige Stacheln ab, manche wählen stattdessen Zwiebel-Spitzen. Gurkenscheiben für die Ohren und drei Oliven für Nase und Augen, fertig. Der Mett-Igel hockt gern auf einem Bett von Salatblättern. In diesen schwülen Zeiten sollte das gehackte Wundertier zügig vertilgt werden. Sie wissen schon: Salmonellen & Co.

Der würzige Happen ist ein klassisches Bier-Begleit-Gericht und wird von Kerlen bevorzugt. Da der Mett-Igel vermutlich vorwiegend aus nostalgischen Gründen angeboten wird, dürfen die Männer natürlich nur mit dem passenden Haarschnitt ans Buffet: mit der Original-Igel-Frisur. 0,3 bis maximal 3 Zentimeter Haarlänge, überall gleich kurz geraspelt. Dieses pflegeleichte Kopf-Fell haben die US-Soldaten in Deutschland eingeführt. Irgendwann wurde diese stachelige Frisur umgetauft und hieß plötzlich "Mecki". Sie wissen schon, nach diesem kultigen Comic-Igel der Programm-Zeitschrift Hörzu.

Wenn unser Lieblings-Naturforscher Alfred Brehm sich in ein Tier verguckt hat, dann ist seine Zuneigung grenzenlos. "Abends hört man ihn, bevor man ihn sieht: ein leises Rascheln im trockenen Laub", diese gleichmäßig trippelnden waahnsinnig langsamen Schritte. Dann schiebt sich das "niedliche, spitze Schnäuzchen", "eine nette Wiederholung des derberen Schweinsrüssels", ans Licht. "Ein zwar beschränkter, aber gemütlicher, ehrlicher, treuherziger Gesell," gluckst Meister Brehm. "Furchtsam, scheu und dumm, aber gutmütig," sei unser "träges", "schwerfälliges" Tierchen. Wenn’s gefährlich wird, rollt es sich blitzschnell zu einer Kugel zusammen. So schläft es auch. Aber leider merkt der naive Igel nicht, "dass der Mensch so niederträchtig sein kann, ihn aus feiger Bubenmordlust totzuschlagen."

Arthur Schopenhauer war vermutlich kein besonders geselliger Typ. Der Philosoph mit der zerfurchten Stirn folgte seiner überaus pessimistischen Weltsicht: "Alles Leben ist wesentlich Leiden." Das gilt selbstverständlich auch für unsere Beziehungen; deshalb erfand er um 1850 das "Igel-Dilemma". Mit der Tierwelt kannte sich der Groß-Denker vermutlich nicht so aus, jedenfalls hat er fremdartige Stacheltiere mit unseren Igeln gleichgesetzt. In seiner Parabel über "Die Stachelschweine" beschrieb Schopenhauer, was er für unumgänglich hielt: Wenn’s kalt wird, rücken die stacheligen Tiere näher zueinander, "um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen". Aber die Stacheligkeit macht Nähe zu einer schmerzhaften Angelegenheit; bald zerreißt es uns "zwischen beiden Leiden": die "Monotonie des eigenen Inneren" zieht uns zum anderen hin, aber dessen "widerwärtige Eigenschaften" stoßen uns ab. Vor lauter Begeisterung über diese Beschreibung applaudierte dem Meister die Geisteswelt, vorneweg Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud. Schopenhauer rät den Einfühlsamen unter uns, besser Single zu bleiben: "Wer viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg." Als Beziehungs-Ratgeber hat Herr Arthur freilich keinerlei Kompetenz. Er war nie verheiratet und hatte offenkundig auch ein persönliches Igel-Dilemma: "In unserem monogamischen Weltteil heißt heiraten seine Rechte halbieren und seine Pflichten verdoppeln." Der Junggesellen-Spruch ist mir, in knapperer Form, in meiner Jugend begegnet: "Wenn du heiratest, ist die Mark nur noch fünfzig Pfennig wert."

Zwischendurch müssen wir mal dringend unseren Unmut über die tüchtigen Naturforscher des 19. Jahrhunderts anbringen. Selbst der verehrte Herr Brehm konnte es nicht lassen, einem eingefangenen Igel Tabakrauch ins Gesicht zu blasen. Nur um die Erkenntnis zu gewinnen: "Seinem empfindlichen Geruchswerkzeug ist Tabakrauch etwas ganz Entsetzliches: er wird förmlich berauscht von ihm." Ach was! Der irische Naturforscher Dr. Robert Ball hielt einen Igel als Haustier und flößte ihm Branntwein ein: "Mein stacheliger Freund benahm sich ganz wie ein trunkener Mensch. Er war vollkommen von Sinnen, und sein sonst so dunkles, aber harmloses Auge bekam einen eigentümlichen unsicheren Blick und einen merkwürdigen Glanz... Er stolperte, wankte, fiel bald auf diese, bald auf jene Seite..." Haben Sie noch den Nerv für ein weiteres Folter-Experiment? Na gut: Der "Naturhistoriker" Othmar Lenz aus Schnepfenthal in Thüringen hielt eine Igel-Mutter samt Jungen in einer Kiste und ließ eine Kreuzotter ins Gehege plumpsen. "Ich hatte mich im Voraus davon überzeugt, dass diese Otter an Gift keinen Mangel litt, da sie zwei Tage vorher eine Maus sehr schnell getötet hatte." Der Igel umkreiste "unbehutsam" die Giftschlange; die "begann zu zischen und biss ihn mehrmals in die Schnauze." Das Gift hatte keinerlei Wirkung auf den Igel, der endlich blitzschnell den Kopf der Schlange packte und ihn "samt Giftzähnen zermalmte". "So ist’s recht", schrieb dazu der Brehm-Kumpel Karl Müller (1825 bis 1905), Pfarrer und Naturforscher in Alsfeld: "Gerade dem gefährlichsten Gegner zeigt man offenes Visier, und der Angriff ins Gesicht ist allein wahrhaft ritterlich. Harmloser Igel, du trägst deinen Panzer mit Ehren."

Wer solche Forscher kennt, braucht keine Feinde mehr. Aber es gibt sie. "Hunde hassen den Igel aus tiefster Seele." Wütendes Gebell – weil sie sich an dem Stacheltier blutige Nasen holen. Der Fuchs: ein perfider Gegner. Manche rollen den zusammengekauerten Igel vorsichtig mit den Vorderpfoten in ein Gewässer, wo sie ihn ertränken. Oder sie bugsieren die Stachelkugel auf den Rücken – und pieseln ihn einfach voll. Wenn der angeekelte Igel vor Schreck seine Stachel-Rüstung öffnet, beißt der Fuchs zu. Noch gefährlicher ist der Uhu, dessen stahlhartem Schnabel die Stacheln nichts anhaben können. Vor allem aber Autos: Hunderttausende sterben bei Unfällen. Und: "Mähroboter sind Igelkiller", klagt der BUND. In Marburg und den Landkreisen Gießen und Bergstraße gilt ein Nachtfahr-Verbot für Rasen-Roboter – weil die kleinen Stacheltiere immer häufiger verstümmelt oder getötet werden. Die Heinz-Sielmann-Stiftung warnt: "Heimlich still und leise ist das Stacheltier europaweit in Bedrängnis geraten. Die Population ist im Sinkflug."

Gibt’s denn nichts Herrliches im Leben eines Igels? Mann, um einen Stachel hätten wir den Sex vergessen. Paarungszeit war Ende März bis Anfang Juni. Da kriegt man was zu hören. Dumpfes Gemurmel, heiseres Quieken, helles Schnalzen. Wie paaren sich die Igel? "Gaaanz vorsichtig", haben irgendwelche Scherzkekse behauptet – aber das stimmt überhaupt nicht. Erst rotiert das "Igelkarussell" – Herr Igel umkreist schnaufend und fauchend die gnädige Frau. Das kann sich stundenlang hinziehen, weil sie für billigen schnellen Sex nicht zu haben ist. Wird er zu aufdringlich, stellt sie ihre Stirnstacheln hoch und sticht mal kurz zu. Wenn sie endlich von seiner Ernsthaftigkeit überzeugt ist, legt sie ihre Stacheln flach an den Körper. Was für eine Einladung! Liebe bei den Igeln ist, wenn beide unverletzt bleiben... Sieben Wochen später kommen bis zu acht Babys zur Welt: fast nackt, weiß, blind, sechseinhalb Zentimeter lang. Schauen Sie mal: Die ersten Igel-Kids des Jahres sind wahrscheinlich schon da.

Dies ist eine manchmal etwas alberne Hit-Liste für die Tiere dieser Welt. Von Elvis bis James Bond, von den Beatles bis Pink Floyd. Ein Liebeslied an den Igel ist auch dabei, aber erst ganz am Schluss.

Elvis Presley, Hound Dog: https://www.youtube.com/watch?v=aNYWl13IWhY&list=RDaNYWl13IWhY&start_radio=1

Tom Jones, What’s New Pussycat: https://www.youtube.com/watch?v=KAVpqOG-HDY&list=RDKAVpqOG-HDY&start_radio=1

Jefferson Airplane, White Rabbit: https://www.youtube.com/watch?v=WANNqr-vcx0&list=RDWANNqr-vcx0&start_radio=1

Janet Jackson, Black Cat: https://www.youtube.com/watch?v=qH-rPt1ftSo&list=RDqH-rPt1ftSo&start_radio=1

Led Zeppelin, Black Dog: https://www.youtube.com/watch?v=6tlSx0jkuLM&list=RD6tlSx0jkuLM&start_radio=1

R. Kelly, I Believe I Can Fly: https://www.youtube.com/watch?v=G4YF_bUrmf8&list=RDG4YF_bUrmf8&start_radio=1

The Beatles, Rocky Racoon: https://www.youtube.com/watch?v=gkohX1iw98I&list=RDgkohX1iw98I&start_radio=1

Aus James Bond 007 (Dr. No), Three Blind Mice: https://www.youtube.com/watch?v=5BAXBPHBHsE

Pink Floyd: Several Species Of Small Furry Animals Gathered Together In A Cave And Grooving With A Pict. https://www.youtube.com/watch?v=cYfxdFZkM5Y

Lichterkinder, Hallo, ich bin der Igel: https://www.youtube.com/watch?v=bnJVpbgF4TE
(Rainer M. Gefeller) +++

Echt Jetzt! - weitere Artikel

↓↓ alle 120 Artikel anzeigen ↓↓

X