Echt jetzt! (124)

Spatzl, a bissl was geht immer - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Spatz im Winter.
Foto: Sam Mino bei Pixabay

28.08.2026 / REGION - Hallo, Freunde, geht’s noch? Gerade bin ich dabei, eine Wespe mit einem Klecks Leberwurst abzulenken. Man will ja mal ungestört in sein Honig-Brötchen beißen. Aber plötzlich ist solch ein Alarm auf der Terrasse, dass man sogar die hektische Stimme des von sich selbst begeisterten Tim Frühling in der HR-Morgenshow nicht mehr hört. Die Spatzen sind da. Zehn, fünfzehn, zwanzig. Sie zetern und tschilpen und starren auf mein Frühstück. Macht den Abflug, ihr Spatzenhirne! Oder singt wenigstens was Schönes, wie der Spatz von Paris. Ihr könnt natürlich bleiben, wenn einer von euch den Hitler nachäffen kann. Ich habe Respekt vor euch. So viele wollten euch schon um die Ecke bringen – der Alte Fritz, der Mao, irgendwelche Moralapostel. Alle sind sie gescheitert, und so soll’s auch bleiben.



"Sie sind Weltbürger und bilden den wesentlichsten Teil der gefiederten Einwohnerschaft aller Gürtel der Breite oder Höhe, aller Gegenden, aller Örtlichkeiten." Die "menschenwogende Weltstadt" wird von ihnen ebenso bevölkert wie die Einöde. "Nur am Südpol hat man sie noch nicht entdeckt." Tierforscher Alfred Brehm waren auch die kleinsten Kreaturen offenbar großes Interesse wert. Was wollen wir wissen über den "Passer Domesticus"? Der Knirps ist Flexitarier. Meistens futtert er Samen und Körner, manchmal dürfen es aber auch Larven und Insekten sein (deren Überreste er mitunter aus dem Kühlergrill unserer Autos pickt). In verbauten Städten nimmt er auch mit weggeworfenen Blumen, Brotkrümeln und anderen Essensresten vorlieb; was man halt im Abfall so findet.

Der Sperling hat viele Namen. Spatz, Mistfink, Kornsperling, Dreckspatz (wegen seiner Leidenschaft für Sandbäder). Schon seit 10.000 Jahren ist er ständiger Begleiter des Menschen. 20 bis 30 Gramm leichte Geschöpfe. Größte Feinde: Sperber, Turmfalken, Hauskatzen, Elstern, Krähen. Im Winter bleiben sie hier. Bringen das Nest in Ordnung, chillen, ziehen sich warm an: Im Sommer hat der Haussperling durchschnittlich 3.197, im Winter bis zu 3.615 Federn. Spatzen sind gesellig. Futtern, singen, schlafen in Gruppen. Das bietet auch Schutz gegen Feinde. Frau und Herr Spatz schließen eine lebenslange Ehe. Spatzen brüten bis zu dreimal im Jahr, nach zwei Wochen schlüpfen die ersten Küken. Nur die Hälfte der Jungvögel überlebt das erste Jahr. Beim Schafkopf ist der Spatz eine wertlose Karte. Ein Spatzenhirn ist eigentlich ein Blödmann – dabei gelten die Namensgeber als Intelligenzbestien. Aber weshalb haben diese harmlosen Flattertiere bei manchen einen derart schlechten Ruf?

Im 18. Jahrhundert galt das Millionen-Heer der Sperlinge als Schmarotzer, die den Bauern die Samen auf den Feldern wegfraßen. Auch dem "Alten Fritz" (Preußen-König Friedrich der Große) waren die Spatzen ein Gräuel. Er setzte 1744 ein Kopfgeld von sechs Pfennigen aus, um seine Felder vorm Spatzenfraß zu schützen. Der Erlass wurde eilig zurückgenommen – weil sich plötzlich Mücken & Konsorten ungehindert ausbreiten konnten. Eine Kurmainzische Verordnung vom 3. Februar 1745 befand etwas umständlich, "dass durch die des Jahrs hindurch sich in großer Menge einfindenden Spatzen dem Landmann an denen Früchten und Trauben ein ziemlicher Abgang und Schaden zugefügt wird". Allen Bürgern und Untertanen wird befohlen, pro Jahr 20 Spatzenköpfe abzuliefern. Um Betrug zu verhindern, sollten diese von Beamten "sofort verbrannt" werden. Jeder nicht gelieferte Spatzenkopf wurde mit einer Strafgebühr (5 Gulden) belegt.

Der Spatzenhass ging um. Der französische Naturforscher George-Louis Leclerc de Buffon entrüstete sich: "Da Sperlinge faul sind und viel fressen, nehmen sie ihren Unterhalt aus Scheunen, Kornböden, Taubenhäusern"... Da sie überdies "so gefräßig als zahlreich" seien, müssen man sie bekämpfen – zumal "ihre Federn zu nichts taugen", ihr Fleisch "nicht wohlschmeckend" sei und außerdem: "Ihr Gesang beleidigt unsere Ohren, ihre Zudringlichkeit ist beschwerlich." Ein naturforschender Conrad Gesner aus der Schweiz, der sich selbst als Humanist bezeichnete, ließ 1555 die Moralkeule kreisen: Die Spatzen seien "über die Maßen unkeusch", weil der kleine Kerl in einer Stunde zwanzig Mal und im Laufe eines Tages "dreihundert Mal aufsitzt". Igitt! Wie mag der arme Herr Gesner gelitten haben, als er sich diese Schweinerei, im Dienste der Forschung, immer und immer wieder anschauen musste...

Und dann machte auch Mao Tse-tung noch den Spatzenhasser. Von 1958 bis 1961 wurde in China auf Befehl des "Großen Steuermanns" die "Ausrottung der vier Plagen" betrieben. Ratten, Fliegen, Mücken und Spatzen galten als übelste aller Seuchen-Verursacher und sollten weg. Ein geflüchteter Zeitgenosse erinnerte sich "an einen Tag, an dem die ganze Bevölkerung nichts anderes machte, als mit Gongs und Töpfen und allen möglichen anderen Krachmachern auf Straßen und in Höfen herumzulaufen, um die Spatzen aufzuscheuchen. Den ganzen Tag war so laut gescheppert worden, dass die Vögel sich nirgends niederlassen konnten und schließlich tot vom Himmel fielen." Am Ende der Kampagne waren zwei Milliarden Spatzen tot. Auch hier machten sich rasch "andere Schädlinge" breit, zu deren Bekämpfung Vögel aus der verbrüderten Sowjetunion importiert wurden.

"Meine Stimme singt nicht allein, die Stimmen vieler singen in mir." Als Édith Giovanna Gassions am 19. Dezember 1915 in einem schäbigen Pariser Arbeiterviertel zur Welt kam, schien ihr ein Elendsleben sicher. Eine haltlose Mutter, ein verwahrloster Vater. Der Akrobat schleppte sie von einem Tingeltangel zum nächsten – aber dort, auf den abstoßenden Straßenbühnen, begann auch ihr neues Leben. Ein Kabarettbesitzer entdeckte sie und ihre Stimme, er gab ihr eine Perspektive und ihren neuen Namen: Piaf, "der Spatz". Sie sang ergreifend, ehrlich, mitreißend wie niemand vor ihr. Ihre Chansons gingen um die Welt, sie war die Stimme Frankreichs. Die nur 1,47 Meter kleine Frau hatte nicht viel Zeit für ihr exzessives Turbo-Leben; der "Spatz von Paris" starb mit 47. Nur wenig später, in den Sechzigern, wurde Mireille Mathieu als "neue Piaf" gefeiert; ein Spitzname war auch schnell zur Hand: "Spatz von Avignon". Die Mathieu wurde noch erfolgreicher als ihr Idol. Kürzlich wurde sie 80, sie singt immer noch (am 2. November zum Beispiel in der Alten Oper in Frankfurt).

Die Sangeskunst der fliegenden Spatzen fand der gern kritische Meister Brehm kein bisschen erbaulich. "Er ist ein unerträglicher Schwätzer und ein erbärmlicher Sänger. Trotzdem schreit, lärmt und singt der Sperling, als ob er mit der Stimme einer Nachtigall begabt wäre. Schon im Nest tschilpen und stören die Jungen ohne Unterlass." Die Hitliste der Spatzen-Töne ist auch entsprechend armselig: Drüüü. Warnruf – Gefahr aus der Luft! Kew-kew. Feind am Boden.

Terrettett. Siehe Kew-kew. Tschilp. Monotoner, blecherner Dauerton, rhythmisch vorgetragen – das Männchen hätte gern Sex. Wäd-wäd. Das Weibchen eventuell auch.

Erster Juli 1940, Feierabend. Clare Kipps, Zivilschutzbeauftrage in London, seit zwei Wochen Witwe, war auf dem Heimweg. Vorm Eingang ihres Bungalows purzelte ihr ein frisch geschlüpftes Spatzenbaby vor die Füße. Das Küken war ein bedauernswertes Geschöpf, der rechte Flügel verkrüppelt, nackt, blind. Missis Kipps flößte dem Tierchen warme Milch ein, wickelte es in ein warmes Tuch und legte es in eine Puddingschüssel. Frau Kipp hat später ein Buch über den Wunder-Spatz geschrieben: "Zu meiner Verwunderung hörte ich am nächsten Morgen einen schwachen anhaltenden Ton, der vom Schrank herkam, einen unglaublich feinen und doch glücklichen Ton, etwa so, wie ihn eine Stecknadel hervorbringen würde, wenn sie singen könnte." Wenige Wochen später, Anfang September, begannen die Bombenangriffe der Deutschen auf die britische Hauptstadt. Schon bald nahm Clare Kipps das Vögelchen mit bei ihren Einsätzen im Luftschutzkeller. Spatzi konnte nicht fliegen, wurde aber ein Star in den Stunden der Not. Die Kinder nannten ihn Clarence. Er konnte Karten-Tricks, mit Streichhölzern jonglieren, im Ballettschritt herumtrippeln. All das hatte seine Ersatzmutti ihm beigebracht. Wenn sie ihre Hände zu einer Höhle formte und "Fliegeralarm" rief, verkroch er sich rasch in diesem "Bunker". Wenn sie "Entwarnung" rief, kam er wieder heraus – und sein Publikum tobte. Das Meisterstück von Clarence aber war Hitler. Der Spatz wurde auf eine Dose gestellt, hob den lädierten rechten Flügel zum "Führer-Gruß" und imitierte dann eine der berüchtigten Ansprachen des Wahnsinnigen. Clarence quäkte dazu, erst verhalten, dann immer wilder und erregter – bis er unter dem Gelächter der Bunker-Gemeinde von seiner Blechbühne fiel. Der kleine Spatz hatte es raus, wie man die grausamsten Despoten entzaubert: indem man sie veräppelt. Selbst der Verhaltensforscher Konrad Lorenz war begeistert: "Meiner Meinung nach kann über diesen Spatz nicht überschwänglich genug geschrieben werden." Ein Spatz hat eine Lebenserwartung von nicht einmal drei Jahren. Clarence wurde zwölf Jahre alt.

Als "Allerweltsvogel" bezeichnet die Deutsche Wildtier Stiftung den Spatzen. Er lebt am liebsten dort, wo es Menschen gibt. Neben ihrem Männlein sieht das "matt-braune" Frauchen eher unscheinbar aus. Er dagegen macht was her: schwarzer Fleck an Hals und Brust, kastanienbrauner Nacken, grauer Scheitel. Seit 1970 allerdings gelten die Sperlinge als gefährdet, Hamburg hat sie 2018 schon auf die Rote Liste gesetzt. Grund für den Niedergang: Vor allem in den Städten werden die Hausfassaden derart glatt gebürstet, dass keine Nischen für Nester mehr übrigbleiben. Natürliche Grünflächen, heimische Pflanzen, Insekten – alles wird zurückgedrängt oder versiegelt oder von Laubbläsern stubenrein geblasen. Wo soll man denn da Futter finden? "Rettet den Spatz" heißt eine Kampagne der Wildtier Stiftung, die sich vor allem an Kita- und Grundschul-Kinder wendet. Spatzenfreund Janosch ist das Gesicht dieser Rettungs-Aktion. Die Uhr tickt: Noch ist das Spatzenvolk in Deutschland stark. Die Zahl der Brutpaare wird auf bis zu 6,4 Millionen geschätzt. Noch.

In Hans Falladas Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" spielen Journalisten der Lokalzeitung eine zentrale Rolle. Redakteur Hermann Stuff haut gegenüber dem jungen Kollegen Max Tredup schwer auf die Grütze: "Das waren damals noch Mädchen, Tredup. Nicht solche verhungerten Spatzen wie heute!" Der Sperling scheint in Liebes-Angelegenheiten irgendwelche Phantasien anzuregen. "Spatzl" – so nannte der Fremdgänger-König "Monaco Franze" (Helmut Fischer) seine Frau in der genialen TV-Serie. Klingt jedenfalls liebevoller als "Muschi" – so hat Edmund Stoiber laut "Merkur" seine Frau Karin genannt, wenn er nett sein wollte. Das ist auch so ein Kosenamen-Hit, kommt gleich hinter "Hase". Monaco Franze war, von oben betrachtet, treu bis zur Gürtelschnalle. "A bissl was geht immer." Das war einer seiner Lieblingssprüche. Wenn’s ihm zuviel wurde: "Spatzl schau, dass du a Land gewinnst." Und wenn er ertappt wurde, fragte er zärtlich: "Was meinst mit Krise, Spatzl?" Bei manchem Liebestollen spatzt es, dass es nur so piept. Nennen Sie Ihre Liebste oder Ihren Liebsten vielleicht auch so: Spatzbär oder Spatzibärchen? Spätzchen? Spatzibussi? Spatzmaus? Spatzilito? Wenn Ihre Beziehung solche Kosenamen erträgt, wird sie ganz bestimmt ewig dauern. Nicht wahr, Spatzl?

Den Spatzen haben viele was gesungen – auch die große und großherzige Dolly Parton, die vor vier Tagen leider gestorben ist. Bei unserem Konzert für den Vogel-Winzling ist die "Königin der Countrymusik" dabei.

Monaco Franze, Spatzl, schau wia i schau: https://www.youtube.com/watch?v=GzBThOumWIA&list=RDGzBThOumWIA&start_radio=1

Jason Gray, Sparrows: https://www.youtube.com/watch?v=O66NsGMJ7-Q

Whitney Houston, His Eye is on the Sparrow: https://www.youtube.com/watch?v=PDr4wQxJfZ0&list=RDPDr4wQxJfZ0&start_radio=1

Simon and Garfunkel, Sparrow: https://www.youtube.com/watch?v=PSSk6exjHOM&list=RDPSSk6exjHOM&start_radio=1

Marianne Faithfull, Sparrows Will Sing: https://www.youtube.com/watch?v=yHVFarjq-D0&list=RDyHVFarjq-D0&start_radio=1v

Dolly Parton, Little Sparrow: https://www.youtube.com/watch?v=8onPGANk_ys&list=RD8onPGANk_ys&start_radio=1

Christian Morgenstern, Die drei Spatzen (Vertonung Franziska Binder): https://www.youtube.com/watch?v=qerS0DUUKmM

Tanya Tucker, Two Sparrows in a Hurricane: https://www.youtube.com/watch?v=MRXJqnU5yD8&list=RDMRXJqnU5yD8&start_radio=1

Ryan Bingham, How Shall A Sparrow Fly: https://www.youtube.com/watch?v=w5Bv0sB6Jmc&list=RDw5Bv0sB6Jmc&start_radio=1

The Seekers, The Sparrow Song: https://www.youtube.com/watch?v=Ewlj3oYZWqg&list=RDEwlj3oYZWqg&start_radio=1

Appalachian Folk Duet, You’ve Never Heard in the Garden like this: https://www.youtube.com/watch?v=BgCdiSutvxc&list=RDBgCdiSutvxc&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller) +++

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