Echt jetzt! (125)

Lust am Untergang - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

Die Erde geht auf: aufgenommen am 12. Oktober 2015 über dem Compton Mondkrater.
Foto: NASA bei Wikimedia, gemeinfrei

04.09.2026 / REGION - Heute ist mal Schluss mit lustig, wir brauchen eine Fuhre schlechte Laune. Und das geht so: Um 19 Uhr schalten wir das ZDF ein, die "heute"-Nachrichten. Gleich danach das Arte-Journal. Kurz drauf die "Tagesschau" in der ARD. Dann gibt’s eine Tandaradei-Unterbrechung, bis der Höhepunkt auf uns wartet: das ZDF-"heute-Journal", Zentralorgan für alles, was wehtut. Ist die Welt wirklich so schlecht, wie sie uns jeden Tag präsentiert wird? Oder werden wir einfach zu heiß gebadet in einer künstlich erhitzten Nachrichten-Suppe? "Bad News is Good News", haben Amerikaner schon vor über hundert Jahre gewusst – die Leute lesen schlechte Nachrichten am liebsten. Ehrlich gesagt: Ich nicht!



"Wenn ich Nachrichten sehe, höre oder lese, habe ich das Gefühl, dass hauptsächlich negative Schlagzeilen verbreitet werden." Dieser Überzeugung sind laut einer Studie der "Stiftung für Zukunftsfragen" 84 Prozent der Deutschen. Ein Krieg, noch ein Krieg. Flüchtlingskrisen. Das Leben wird teurer. Die Wirtschaft humpelt, die Autoindustrie stottert, die Klima-Krise verbrennt unser Land, die Rente ist bedroht, das Gesundheitssystem marode, die Infrastruktur eine einzige Katastrophe. Unholde regieren die Welt. Und bei uns daheim sind zu viele Nichtskönner am Ruder.

Vor einer Woche meldete die Tagesschau unmittelbar nach dem Auftritt eines gereizten Darms die tödlichen Sturzfluten in Nepal, Neues vom Krieg im Iran, SPD-Kritik am Regierungskurs, Kritik am Instagram-Konzern Meta, Drohnen-Bedrohungen, Streit zwischen Trump und Kanada. 15 Minuten geballte Katastrophe. Aber was soll die Redaktion machen? Das Unheil auf der Welt verschweigen, damit wir besser schlafen können? Ein schwerer Unfall ist eine Nachricht. Dass zugleich über 20 Millionen Menschen sicher zur Arbeit gependelt sind, ist natürlich nicht der Rede wert. Auch etliche klassische Medien suchen ihr Heil inzwischen in der Hysterie. Man will doch den sozialen Medien nicht allein den Tobsuchts-Journalismus überlassen. Wer ins digitale Reich spaziert, weiß längst, dass viele Internet-Touristen dort gerne ihre Hemmungen an der Garderobe abliefern. Die Empörung schlägt Purzelbäume. Vorsicht! Nicht dass vor lauter Wut noch der Kreislauf austickt!

"Willkommen in der Empörokratie", schreibt die "Zeit". Das Hamburger Wochenblatt kommt tatsächlich meistens ohne die üblichen Skandal-Rituale aus. Aber die lieben Kollegen! Der "Spiegel" sieht die Bundeswehr "planlos im Rüstungsrausch" und beklagt: "Der Angriff chinesischer Autobauer trifft die deutschen Konzerne in ihrem schwächsten Moment." Die FR rast in ihrer Online-Wut-Ausgabe immerzu von einer Negativ-Schlagzeile zur nächsten. "Droht den USA eine neue Klopapierkrise?" fragt sie hektisch, und in Frankfurt wird sogar der Wetterbericht dank Saharastaub, Regen und Gewitter zum Kriegsgebiet: "Dann fällt der Himmel als rotbrauner Matsch vom Himmel." Das muss er uns erstmal vormachen, der Himmel.

Wollen wir nicht mal kurz die süßeste Posse der jüngeren Vergangenheit genießen? Willkommen zur Aufführung von "Gib dem Affen Zucker"! Erster Akt: "Die Regierung", melden Medien, wolle dem durstigen Volk eine Zuckersteuer auferlegen. Der Skandal: Der Staat in Gestalt von Finanzminister Klingbeil (SPD) wolle auch unsere zuckerfreien Lieblingsdrinks besteuern, vorneweg Cola Zero. "Bescheuert besteuert" wütet BILD und warnt schon mal vor: "Regierungskrach!" Und gleich noch einen hinterher: "Soll angeblich dem Gesundheitsschutz dienen, entpuppt sich bei genauem Hinsehen aber als: Abkassiersteuer." Die Welt macht einen auf Enthüllungsjournalismus: "Die Quelle für das Zuckersteuer-Gate sitzt in Klingbeils eigenem Ministerium."

Ja, wo denn sonst, fragen wir im zweiten Akt: Der Ober-Sozi ist ja zuständig. Nach Angaben der Bundesregierung arbeiten im Finanzministerium (BMF) 2.321 Mitarbeiter (Stand Januar 2025). Was machen die eigentlich so? Einige Ältere lutschen vielleicht noch an ihren Bleistiften, alle übrigen grübeln, reden, lassen die Finger über ihre Computer-Tastaturen fliegen und drucken, was sie sich so ausgedacht haben. Notizen, Briefe, Anfragen, Protokolle, Analysen, Konzepte, Arbeitspapiere. Auf eine Presseanfrage zur Schaffenskraft seiner Belegschaft teilte das Ministerium 2024 mit: "Schätzungsweise werden im BMF rund 65.000 Vorgänge pro Jahr veraktet." Veraktet, auf solch ein Wort muss man erstmal kommen. Wir ahnen, dass sich zwischen den Aktendeckeln auch allerlei Blödsinn sammelt, wie zum Beispiel die Idee einer Zuckersteuer, für die man gar keinen Zucker braucht. Selbst die an sich humorfreie KI belustigt sich: "Während am Ende nur knapp über hundert Gesetzentwürfe pro Jahr beschlossen werden, sterben tausende Ideen vorher als internes "Arbeitspapier" in den Schubladen der Ministerien." Ich hätte da auch noch einen Vorschlag: Wie wär’s, wegen der gesunden Ernährung, mit einer Fleischsteuer? Muss natürlich auch für vegane Wurstwaren gelten.

Womit wir schon beim dritten Akt wären: Eben noch hatten sich etliche Medien im Zuckerskandal gesuhlt, da verkündet der SPIEGEL den Sieg über die tolldreiste Regierung: "Klingbeil vollzieht Kehrtwende". Man hätte natürlich auch schreiben können: Pardon, liebe Leserinnen und Leser, wir sind auf ein internes Papierchen reingefallen, welches uns irgendwer als Sensation angedreht hat. Aber nix da. Den Kanzler hat die Aufführung sichtbar amüsiert: "Über dieses Thema gibt es keinen Streit. Punkt!"

Wir sehen sie vor uns, diese abgebrühten Journalisten des vergangenen Jahrhunderts. Die Hosen mit breiten Gummibändern vorm Absturz gesichert, Zigarrenstummel im Gesicht und immer auf der Suche nach möglichst fiesen Nachrichten. Am 9. Mai 1918 veröffentlichte das Lokalblatt "Tuckerton Beacon" in New Jersey eine 5-Zeilen-Notiz unter der Überschrift: "Wenn schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind". "Papa", stand da, "dein Willie war heute ein sehr unartiger Junge." "Tatsächlich? Freue mich, das zu hören. Bei deinem Gesichtsausdruck hatte ich schon die Befürchtung, du seiest krank." Das war doch mal nett. Aber es war vermutlich das erste Mal, dass ein Medium schlechte Nachrichten für gut empfunden hat. Ein Teil unseres "Steinzeit-Gehirns", sagen Seelenforscher, hat Gewaltexzesse allerdings recht gern. Im Mittelalter wurden Hinrichtungen zu Volksfesten, da passierte doch mal endlich was. "When it bleeds, it leads", spricht der amerikanische Redakteur – "wenn es blutet, wird es zur Schlagzeile".

Zuviel des Schlechten kann allerdings auch niemand verkraften. "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang", verlangt die Neurologin Prof. Maren Urner in ihrem gleichnamigen Buch. Die Flut von Negativ-Nachrichten führe zu einer Vermüllung unserer Gehirne. Irgendwann gehen wir dazu über, alles schlimmer zu finden als es ist. "Wie hoch ist die Arbeitslosenquote in Deutschland", fragte 2018 das IPSOS-Institut. "20 Prozent", schätzten die meisten Befragten – in Wahrheit waren es damals 5,2. Und wie stark ist unsere Volkswirtschaft? International liegen wir auf Platz 9, war die Einschätzung. In Wahrheit: Platz 4, heute sogar dritter Rang. Derzeit werden in der angeblich todkranken deutschen Wirtschaft wieder positive Zahlen herumgereicht: der Export, vor allem in die EU-Länder, zieht an. Die Auftragsbücher füllen sich. Die Folgen des Iran-Kriegs haben wir besser verkraftet als vorhergesagt. Ein Hauch von Aufschwung weht übers Land. Schon gemerkt? Wahrscheinlich nicht. Niemand will zur Unzeit Hurra rufen. Stattdessen Achselzucken: Wird schon wieder abwärts gehen...

Eine schlechte Nachricht spuckt weitere schlechte Nachrichten aus. Eine Umfrage kommt zu dem Ergebnis: "Merz verliert an Zustimmung." Am selben Abend eine Talkshow: "Ist Merz noch tragfähig?" Am nächsten Tag die Schlagzeile: "In der CDU wächst die Kritik an Merz." Und weiter geht’s: "Merz steht unter Druck." Der "Stern" macht sich echt Sorgen: "Im Herbst könnte es eng für den Kanzler werden. Sieht er die Gefahr überhaupt?" Wie soll der Mann sich aus einem solchen Schlammbad befreien? Schon klar, der Kanzler hat die meisten Scherben, die jetzt unter seinen Schuhen knirschen, selbst zerdeppert. Andererseits macht sich auch eine seltsame Lust breit, ihn zu schlachten. Und was kommt dann? Könnte es sein, dass sein Ruf (und der seiner Regierung) schlechter ist als das, was geliefert wurde? "Ich bin ein lernfähiges System und lerne jeden Tag dazu", hat Merz bei der letzten Bundespressekonferenz vor der Sommerpause gesagt. Mmmh, ja, dann mal los.

Mancher ist längst taub durch die krankmachende Dauerbeschallung, viele wollen nichts mehr hören und nichts mehr lesen. "Wer braucht schon die Zeitung von gestern?", haben die Rolling Stones bereits 1967 gesungen. Haben die Menschen sich nicht damals alle untergehakt und Friedenstänze aufgeführt? Die Erinnerung ist eine Schönmalerin. 1967: Sechstage-Krieg in Nahost. Blutige Schah-Proteste in Berlin. Kulturrevolution in China. 400 Tote bei einem Kaufhausbrand in Brüssel. Der Vietnam-Krieg... Was ist heute anders? Der nicht enden wollende Wettlauf um die gemeinere oder brutalere Beschreibung der Wirklichkeit durch Politiker, Internet-Hasskappen und all jene, die sich berufen fühlen. Und die Schnelligkeit, mit der manche Medien uns rund um die Uhr die brühwarme Suppe ins Haus liefern. Es drängt mich, ausdrücklich zu loben: Osthessen-News beteiligt sich an dem Wettrennen nicht. Die Leserinnen und Leser werden’s euch danken.

Zum üblen Schluss kommt noch die Lust am Untergang, das Krönungsfest aller negativ gepolten Zeitgenossen. Ostwärts, gar nicht so weit weg von uns, will ein Mann bei Wahlen in zwei Tagen die Macht erobern. Wir wollen ihm die Ehre der Namensnennung nicht erweisen, wir können und wollen ihn ja sowieso nicht wählen. Nennen wir ihn einfach Schnurrbart, nach dem Haar-Gebilde zwischen Nase und Oberlippe. "Ich bin der Ulli", so stellt er sich gern vor. Viele Medien sind überfüllt von ihm. Der "SPIEGEL" hat ihm sogar den Gefallen getan, ihn zum "gefährlichsten Mann Deutschlands" zu krönen. Och ja! Als wenn das Gefecht um die Demokratie nicht bedrohlich genug wäre. Wie finden wir da wieder raus? Setzen wir unsere Hoffnung darauf, dass viele echte und Möchtegern-Despoten irgendwann als Witzfiguren enden. Zum Beispiel so: Ein amerikanischer Anwohner des Ontario-Sees hat nach dessen Umbenennung durch Donald Trump in "Lake America" nur verächtlich geschnaubt: "Demnächst nennt er die kanadische Gans vielleicht Donald Duck."

Musik gaukelt uns nichts vor. Lebens-Veteranen, die in ihrem Song-Gedächtnis wühlen, erinnern sich schnell: Früher kann auch nicht alles Sahne gewesen sein. Jedenfalls wimmelt es nur so von Wut und Enttäuschung und ein wenig Ermutigung. Bühne frei!

Joni Mitchell, Big Yellow Taxi: https://www.youtube.com/watch?v=2595abcvh2M&list=RD2595abcvh2M&start_radio=1

Sam Cooke, A Change Is Gonna Come: https://www.youtube.com/watch v=wEBlaMOmKV4&list=RDwEBlaMOmKV4&start_radio=1

Buffalo Springfield, For What it’s Worth: https://www.youtube.com/watch?v=y4aWcdzH0uw&list=RDy4aWcdzH0uw&start_radio=1

Marlene Dietrich, Sag mir wo die Blumen sind: https://www.youtube.com/watch?v=NoAZG_O-5ro&list=RDNoAZG_O-5ro&start_radio=1

Taylor Swift, Peace: https://www.youtube.com/watch?v=HpxX4ZE4KWE

Midnight Oil, Beds Are Burning: https://www.youtube.com/watch?v=_2I9QNU_u_k&list=RD_2I9QNU_u_k&start_radio=1

Nena, 99 Luftballons: https://www.youtube.com/watch?v=Fpu5a0Bl8eY&list=RDFpu5a0Bl8eY&start_radio=1

Plastic Ono Band, Give Peace A Chance: https://www.youtube.com/watch?v=ftE8vr0WNus&list=RDftE8vr0WNus&start_radio=1

Aretha Franklin, Respect: https://www.youtube.com/watch?v=A134hShx_gw&list=RDA134hShx_gw&start_radio=1

Gerhard Gundermann, Gras: https://www.youtube.com/watch?v=ggCfUzstm7Y&list=RDggCfUzstm7Y&start_radio=1

Cat Stevens, Peace Train: https://www.youtube.com/watch?v=M9cJRqsKZKo&list=RDM9cJRqsKZKo&start_radio=1

Barry McGuire, Eve of Destruction: https://www.youtube.com/watch?v=qfZVu0alU0I

Wolf Biermann, Ermutigung: https://www.youtube.com/watch?v=lqkRZCEf6P8&list=RDlqkRZCEf6P8&start_radio=1

The Rolling Stones, Who Wants Yesterday"s Papers: https://www.youtube.com/watch?v=GuyTZJyo-FY&list=RDGuyTZJyo-FY&start_radio=1

Louis Armstrong, What a Wonderful World: https://www.youtube.com/watch?v=H7WhtPQ8UF0&list=RDH7WhtPQ8UF0&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller) +++

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