Was wir lesen, was wir schauen (155)
Henning Mankell, Der Chinese - Brüchige Gewissheiten
18.10.2026 / FULDA -
Mankells Thriller "Der Chinese" beginnt mit einem Schwedenbild, wie es vor allem wir Deutsche lieben – als Ferienidylle und Gegenentwurf. Aber er wäre nicht Mankell, wenn er uns nicht rabiat aus dieser Scandi-Idylle reißen würde. Dass die längst nicht mehr trägt, macht schon der Auftrag des Fotografen Karsten Höglin klar, der eine Dokumentation über Dörfer macht, die auszusterben drohen. So kommt er nach Hesjövallen – und findet dort 19 bestialisch ermordete Dorfbewohner.
Nur drei Menschen haben überlebt, auch alle Haustiere wurden abgeschlachtet. Die Polizei vermutet einen Wahnsinnigen hinter der Tat. Aus ihrer Sicht findet sich erfreulicherweise schnell jemand, der die Tat gesteht und anschließend Selbstmord begeht. Der Fall scheint damit erledigt, obwohl auch bei der Polizei einige Zweifel bleiben.
Die Entscheidung trifft jeder für sich selbst
Gerade an Ya Ru zeigt sich die Schärfe von Mankells Fragestellung. Der Nachfahre eines Ausgebeuteten aus einer Familie, die Maos Kulturrevolution überlebt hat, gehört in der Gegenwart des Romans zu denen, die über andere herrschen können. Und Ya Ru übernimmt die Logik des Unrechts: Das Leben anderer zählt nichts, sobald es seinen Zielen im Weg steht. Bei ihm verbindet sich wirtschaftliche Macht mit einem archaischen Verständnis von Familienehre. Die Demütigung des Vorfahren bleibt eine offene Rechnung, die ein Nachfahre zu begleichen hat. Seine Rache trifft wiederum Nachfahren, und so wird in diesem Verständnis Schuld ebenso vererbt wie die Erinnerung an erlittenes Unrecht.
Mankell ist aber alles andere als ein langweilig-linearer Schriftsteller. Ya Rus Schwester Hong nämlich stellt die Vorstellung ihres Bruders infrage. Auch sie kennt die Familiengeschichte, zieht daraus aber andere Konsequenzen. Man kann es altmodisch finden: Während die Männer das Geschehen über weite Strecken durch Herrschaft und Gewalt bestimmen, geben die Frauen einem anderen Ethos Raum, das von Mitgefühl, Gerechtigkeit und der Verantwortung für das eigene Handeln bestimmt ist. Die Grenze der kulturellen Auseinandersetzung verläuft mitten durch die Familie. Und so steht Hong Birgitta in ihrem moralischen Verständnis näher als ihrem eigenen Bruder. Damit löst Mankell auch elegant eine sonst viel zu einfache Setzung auf – dort die Familie der Täter, hier die der Opfer.
Zwei Gesellschaften und ihre Versprechen
Vor allem durch die beiden Frauen blickt Mankell auf zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften und konfrontiert diese mit ihrem jeweiligen Selbstbild. In Schweden erodiert die Vorstellung solidarischer Sicherheit. In China verträgt sich der kommunistische Anspruch erstaunlich gut mit Reichtum, Machtkonzentration und rücksichtsloser Gewinnmaximierung. Wann gelten welche moralischen Grenzen – und für wen?
Dass Birgitta in ihrer Jugend überzeugte Maoistin war, gibt dieser Gegenüberstellung eine persönliche Schärfe. Bei einer Reise mit ihrer Freundin, einer Sinologin, begegnet sie einem China, das mit ihren früheren Hoffnungen und ihrem konservierten Chinabild aus Jugendtagen nur noch wenig gemein hat. Zugleich bringt Mankell sie dort auf die Spur des Verbrechens. Vielleicht hat hier Gott Zufall das ein oder andere Mal zu häufig Regie geführt – um der Botschaft willen. Mankell schafft es aber, nicht platt das eine gegen das andere System auszuspielen. Gerade mit den beiden Frauenfiguren macht er klar, dass aus ernüchterter politischer Hoffnung eben nicht abzuleiten ist, dass der Anspruch von vornherein falsch war.
Unerhört spannend
Mankell ist ein großartiger Erzähler, auch in diesem Roman. Nur an einer Stelle geht der moralische Gaul mit ihm durch: bei dem langen Exkurs zu Chinas Afrika-Politik. Der gehört zwar zum Grundthema des Romans, doch die erklärende Rede vor dem Zentralkomitee ist überflüssig. Die Figuren und ihre Geschichten haben das längst anschaulich gemacht.
Mankell führt uns durch anderthalb Jahrhunderte und zwei Familiengeschichten. Wie immer geht es auch in diesem Roman nicht nur um Spannung und die Aufklärung des Verbrechens, sondern um weit darüber hinausreichende Fragen: Wer profitiert vom Fortschritt? Wer trägt die Kosten? Und warum sollte die eigene leidvolle Geschichte davor schützen, anderen Leid zuzufügen? Dass wir darüber nachdenken und zugleich unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht, macht die Stärke dieses Romans aus.
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