Was wir lesen, was wir schauen (144)

Jon Fosse, Morgen und Abend - Im Mahlstrom des Lebens

Karges, schönes Norwegen
© Adrian Kirby / Pixabay

17.05.2026 / FULDA - Gibt es größere Themen als den Beginn und das Ende eines Lebens? Vermutlich nicht. Und doch erzählt kaum jemand davon so still, so unaufgeregt und gleichzeitig so eindringlich wie Jon Fosse in "Morgen und Abend". Ein schmales Buch – und eines, das lange nachhallt. "Vermutlich hat es in den letzten Jahren kein traurigeres, aber zugleich auch kein fröhlicheres, tröstenderes Buch gegeben", schrieb Elke Heidenreich darüber. Das ist präzise beobachtet. Denn Fosse erzählt nicht dramatisch vom Leben und Sterben, er erzählt vom Übergang.



In die Welt treten

Im ersten Teil der Erzählung geht es um Marta und Olai, ein älteres Fischer-Ehepaar. Sie haben eine Tochter im Teenager-Alter und bekommen spät noch einen Sohn. Lange erhofft, kaum noch erwartet. Die Geburt ist schwer, die alte Hebamme Anna übernimmt das Kommando – und schickt Olai resolut hinaus:

"Hörst du, was ich sage?, sagt sie
Du bist Fischer,
du weißt, Frauen gehören nicht ins Boot, nicht wahr?, sagt sie
Jau, sagt Olai
Und hier gilt dasselbe
für Männer, du weißt, was sonst passiert, sagt die Hebamme Anna
Es bringt Unglück,
sagt Olai
Genau, Unglück,
sagt die alte Anna"

In diesem Dialog zeigt sich, was Fosses Schreiben so besonders macht: die kreisenden Wiederholungen, der eigentümliche Rhythmus, die scheinbar einfachen Sätze, die wie Wellenbewegungen immer wieder an denselben Punkt zurückkehren. Und die eigenwillige Interpunktion! Dennoch wirkt das nie künstlich oder literarisch geschniegelt. Eher wie eine Sprache, die unmittelbar aus dem Denken und Erinnern der Figuren entsteht.

Während Marta mit der schweren Geburt ringt, steht Olai draußen mit seiner Angst, seiner Hilflosigkeit – und mit dem Wissen um die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens. Der eben erst geborene Johannes erscheint ihm bereits als Teil eines größeren Kreislaufs: "Jetzt muss er hinaus in die kalte Welt und dann wird er, wenn alles herum ist, wenn seine Zeit gekommen ist, sich auflösen und wieder zu nichts werden und wieder dahin zurückgehen." Von Anfang an liegen Geburt und Tod bei Fosse dicht nebeneinander.

Sein Ort auf dieser Welt

Im zweiten Teil ist Johannes alt geworden. Er ist Fischer wie sein Vater und verheiratet mit Erna. Sie haben sieben Kinder, Johannes ist verwurzelt auf seiner Insel im Norden Norwegens. Vermutlich hat er diesen Ort nie verlassen. Und doch liegt in diesem Leben nichts Enges oder Armseliges. Im Gegenteil: Fosses Figuren besitzen eine tiefe Verbindung zur Welt um sie herum – zu Booten, Wetter, Licht, Wasser, Steinen und Stimmen: "… all das kennt er, all das ist sein Ort auf der Welt, es ist seins, alles zusammen."

Das Entscheidende dabei: Johannes bewegt sich bereits im Übergang zwischen Leben und Tod – ohne das selbst ganz zu begreifen. Die Grenzen zwischen Erinnerung, Gegenwart und Wirklichkeit lösen sich langsam auf. Tote erscheinen ihm selbstverständlich, Gespräche fließen weiter, Zeit verliert ihre Ordnung. Gerade dadurch gewinnt die Erzählung ihre eigentümliche Kraft. Fosse erzählt von einem lautlosen Hinübergleiten, es geht ihm nicht um den Realismus des Alterns.

Sehr weit im Norden

Dass dieser Text am norwegischen Nationalfeiertag erscheint, muss fast so sein. Denn kaum ein Gegenwartsautor hat die Landschaft, die Stille und die existentielle Grundierung Norwegens so eindringlich literarisch eingefangen wie Jon Fosse.

Die Handlung spielt auf der Insel Holmen im Saltfjord bei Bodø, am Rand der Lofoten – einer Landschaft aus Meer, Wind, Kälte und karger Schönheit. Schon Edgar Allan Poe ließ dort in seiner Erzählung "A Descent into the Maelström" einen alten Fischer in den gewaltigen Mahlstrom geraten. Auch bei Fosse ist das Meer mehr als bloße Kulisse. Es wird zum Bild des Lebens selbst: etwas Kreisendes, Mächtiges, Unverfügbares.

In Erzählungen der nordischen Mythologie mahlten am Saltfjord Riesinnen die Zeit. Ein schönes Bild auch für Fosses Literatur. Denn hier wird alles langsam durch die Zeit bewegt: Geburt, Erinnerung, Altern, Sterben. Nichts geschieht spektakulär. Und gerade deshalb wirkt alles existentiell.

Es ist nicht das Norwegen der Reisekataloge und spektakulären Fotos. Bei Fosse wirkt die Landschaft archaisch, fast mythisch – geprägt von Meer, Wetter, Arbeit, Schweigen. Ein Ort mit unbändiger Kraft, tiefer Naturverbundenheit und einer existentiell erfahrbaren Gläubigkeit, die größer ist als jede konkrete Religionszugehörigkeit.

Bedeutende Stimme Norwegens

Fosse, der 2023 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, gilt als bedeutendste Stimme der zeitgenössischen norwegischen Literatur und als wichtigster Dramatiker des Landes seit Ibsen.

Oft wird sein Stil mit einem Joyce’schen Bewusstseinsstrom verglichen. Das greift allerdings zu kurz. Seine Sätze explodieren nicht wie bei Joyce, sie kreisen. Egal, ob es um erzählerische oder dramatische Werke geht, sie alle zeichnen sich durch die ungeheure Plastizität der Szenen und die typische Sprache Fosses aus: Wiederholungen, minimale Verschiebungen und rhythmische Satzbewegungen – fast wie Musik. Man gerät in Fosses Sprachfluss hinein, die Wirkung ist hypnotisch und hat etwas Meditatives. Das ist kein Zufall: Fosses Literatur ist tief von einer spirituellen Welterfahrung geprägt. Nicht missionarisch oder frömmlerisch – sondern durchzogen von der Ahnung und der Hoffnung, dass der Mensch nicht einfach im Nichts verschwindet.

Fosse schildert einfache Menschen, die ein einfaches Leben führen. Fischer, Familienmenschen, Menschen, die hart arbeiten. Er verleiht ihnen eine enorme innere Würde, denn ihre Gedanken, Erinnerungen und Ängste werden bei ihm zu etwas Universellem. Es passiert sehr wenig in diesem Buch – in anderen Büchern des Autors übrigens auch – und doch entwickeln seine Texte eine unglaubliche Sogwirkung.

Wir alle wissen, dass unser Leben endlich ist. Und doch leben wir meist, als beträfe uns das nicht. Fosses Kunst besteht darin, diese Wahrheit nicht als Schrecken zu inszenieren, sondern als Teil des Menschseins. Bei ihm endet ein Leben nicht abrupt. Es löst sich langsam aus der Welt heraus – aus Stimmen, Licht, Wasser und Erinnerung.

Vielleicht liegt genau darin die Größe dieser stillen Erzählung. Und vielleicht auch ihr Trost.
(Jutta Hamberger) +++

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