Was wir lesen, was wir schauen (138)

Frederick Forsyth, Der Schakal - Knisternde Spannung bis zur letzten Seite

Hier sitzt die geballte Staatsmacht – Pariser Polizeipräfektur
Foto: © Wikipedia / Chabe01 CC BY-SA 4.0

22.02.2026 / FULDA - Ein Mann plant ein Attentat – und ein Staat gerät ins Schwitzen. 1972 betrat Frederick Forsyth (1938–2025) mit seinem Thriller "Der Schakal" die internationale Bühne – und das glich einem Paukenschlag und das Buch stürmte die Bestsellerlisten. Forsyth erhielt dafür den Edgar Allan Poe Award und den Schwedischen Krimipreis. Schon mit dem "Schakal" zeigte Forsyth, was ihn auszeichnet: Er erzählt Fiktion so glaubwürdig-erschreckend, dass man glatt vergisst, ‚nur' einen Roman zu lesen.


Loner gegen Staatsmacht

Im Zentrum dieses Thrillers steht eine fast unmögliche Figur – ein hoch dotierter Berufskiller, der ein Phantom bleibt. Denn der "Schakal" besitzt kein öffentliches Gesicht, keine Vergangenheit, keine Ideologie. Es gibt nur zwei Konstanten: Präzision und Bezahlung. Sein Auftrag lautet diesmal: die Ermordung des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle.

Forsyth baut auf eine Konstruktion, die verblüffend schlicht ist und genau deshalb so gnadenlos funktioniert: einer gegen alle. Ein Einzelner plant, der Staat reagiert. Ein Profi arbeitet, ein Apparat jagt. Aus dieser simplen Grundform entwickelt sich ein komplexes Handlungsgewebe aus Planung, Tarnung, Logistik, Zufällen – und Zeitdruck. Das ist spannend und präzise komponiert: Szene für Szene, Schritt für Schritt, fast wie ein Uhrwerk.

Ein Thriller wie ein Einsatzplan

Forsyth war ein exzellenter Rechercheur. Bei ihm wird aus dieser Stärke ein Stilprinzip. Die Spannung entsteht nicht aus Explosionen oder Liebesgeschichten, sondern aus Abläufen: aus Pässen, Routen, Waffenbeschaffung, Sicherheitsroutinen, Bürokratie, Fehlerketten. Forsyth schreibt wie ein Reporter mit Thriller-Instinkt: immer wieder baut er Passagen ein, die sich wie Reportagen lesen – trocken, sachlich, überzeugend. Genau das macht den Sog aus. Man liest nicht Action, man liest Machbarkeit.

Seine Figuren sprechen wenig, sie erklären sich nicht, sie funktionieren. Oft sind es Männer aus Militär, Geheimdienst oder Polizei: professionelle Praktiker, die ihren Job erledigen müssen, ohne sich dabei selbst zu inszenieren. Es sind wortkarge Individualisten. Der Schakal ist dabei vielleicht die radikalste Variante: ein nahezu perfekter Spezialist – zugleich so eigenwillig, dass er für Auftraggeber und Behörden unberechenbar bleibt. Gerade diese Mischung aus Kontrolle und Risiko macht ihn gefährlich und unglaublich faszinierend.

Kälte versus Zweifel

Forsyth bildete damit einen Gegenpol zu den Thrillern seines ebenso erfolgreichen Landsmanns John le Carré. Le Carré leuchtet mit George Smiley die Grauzonen der Macht aus: Zweifel, Verrat, moralische Erosion. Forsyth interessieren andere Fragen: Wie läuft es? Wie kann es gelingen – und woran scheitern? Was le Carré als politisches Drama erzählt, erzählt Forsyth als Operation. Le Carré beschreibt den Geheimdienst als moralisches Problem. Forsyth beschreibt ihn als Maschine, die funktionieren muss – und gerade deshalb versagen kann.
Beide Autoren sind Kinder des Kalten Krieges, beide schreiben über Macht, Loyalität und den Preis von Entscheidungen. Aber die Temperatur ihrer Bücher unterscheidet sich: le Carré ist melancholisch und desillusioniert. Forsyth ist kalt, schnörkellos, effizient. Und genau diese Kälte wirkt bis heute.

Ein Stoff, der nach Bildern verlangt

Natürlich hat auch das Kino zugegriffen – und das gleich mehrfach. Fred Zinnemans Verfilmung von 1973 mit Edward Fox und Michael Lonsdale bleibt nahe am Buch und übersetzt dessen Eleganz erstaunlich genau: ein Katz-und-Maus-Spiel, chirurgisch präzise inszeniert, jederzeit politisch aufgeladen. Nicht umsonst gilt der Film vielen als einer der stärksten Thriller der 70er Jahre.

Michael Caton-Jones’ "Jackal" (1997) mit Bruce Willis und Richard Gere ist dagegen eine freie Adaption, die total auf Action und zwei Kino-Stars setzt. Der Stoff wird in die USA und die 1990er Jahre verpflanzt – und verliert dabei genau das, was den "Schakal" so bestechend macht: die bedrückende Plausibilität, die sich nicht aus Show speist, sondern aus Systemwissen.

2024 kam noch eine Serienadaption unter dem Titel "The Day of the Jackal" mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle heraus. Man sieht auch daran, wie langlebig Forsyths Grundidee ist: Ein Einzelner, der den Staat herausfordert, ist auch heute noch das perfekte Thriller-Material. Vielleicht sogar mehr denn je.

Faszinierend bis heute

Forsyth betört nicht durch Psychologie, sondern durch Glaubwürdigkeit. Seine Spannung entsteht nicht aus Effekt, sondern aus Präzision. Und er zeigt etwas, das auch nach fünfzig Jahren beunruhigend aktuell bleibt: Das Unheimliche ist nicht das Böse an sich – sondern seine Professionalität. Der Schakal ist kein Monster. Er ist ein Spezialist. Und gegen Spezialisten wirken selbst Staaten manchmal erschreckend verletzlich. Und deshalb liest man diesen Thriller heute genauso atemlos wie 1972. (Jutta Hamberger) +++

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