Was wir lesen, was wir schauen (143)

Susanne Abel, Du musst meine Hand fester halten, Nr. 143

Die Prügelnonne – links im Bild ihr Designer Jacques Tilly (2010)
© Wikipedia / Jacques Tilly, CC BY-SA 3.0

03.05.2026 / FULDA - Wer ist man, wenn man niemand ist?

Der 8. Mai 1945 ist ein Datum, das sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Er markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, steht für Befreiung, für Neuanfang, für das Versprechen, dass nach Jahren der Gewalt etwas anderes beginnen kann. Es ist ein Datum, das Klarheit suggeriert: Hier endet etwas, danach beginnt etwas Neues.

Die Zurückgebliebenen



In ihrem Buch "Du musst meine Hand fester halten" erzählt Susanne Abel von denen, für die dieses Versprechen nie existierte. Ihr Thema sind die Kinder, die bei Kriegsende zurückblieben – als Waisen, als Flüchtlingskinder, als Suchende. Sie kommen irgendwo unter, bei fremden Familien, in Heimen, in nicht enden wollenden Übergangssituationen. Für diese Kinder gibt es keine Alternative. Sie müssen sich anpassen. Und gleichzeitig müssen sie damit fertigwerden, dass sie etwas verloren haben, das sich nicht ersetzen lässt: Herkunft, Zugehörigkeit, Gewissheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchen ca. 300.000 Kinder ihre Eltern – bis heute sind nicht alle Schicksale aufgeklärt.

Abel greift eine dieser Geschichten heraus, nicht als historische Fallstudie, sondern als Lebensgeschichte. Sie zeichnet die Lebenslinien von Hartmut, genannt "Hardy", und Margret nach, von ihrer Kindheit bis ins Alter, in dem sie längst Großeltern sind. Dabei arbeitet sie mit zwei Zeitebenen, die sich immer wieder ineinanderschieben. Vergangenheit und Gegenwart stehen nicht neben- oder nacheinander, sie durchdringen sich.

Lauter verstörte Kinder

Hardy kommt mit einem Flüchtlingstreck aus Polen, ist zutiefst verstört und spricht kein Wort. Man hält ihn für schwachsinnig. Niemand weiß, was mit ihm geschehen ist. Und niemand weiß so recht, was mit ihm geschehen soll. Er landet in einem katholischen Kinderheim, in dem Ordnung und Disziplin herrschen, aber kaum Zuneigung, geschweige Liebe. Gleichschritt, Arbeit, Schweigen, Gehorsam – und Angst. In diesem Heim werden Kinder verwahrt und weggesperrt. Sie erhalten Nummern statt Namen und werden von den Nonnen auch damit angeredet – Hardy wird zur Nr. 104.

Der Alltag im Heim ist ein Martyrium – weit entfernt von jeder Vorstellung christlicher Nächstenliebe. Prügelnde Nonnen, Medikamentenmissbrauch, körperliche und sexuelle Gewalt sind an der Tagesordnung. Es gibt einen Raum, in dem an jedem Abend die Kinder gezüchtigt werden, die gegen die Regeln verstoßen haben- Regeln, die willkürlich gesetzt und ebenso willkürlich ausgelegt werden. Die Kinder lernen, zu gehorchen und zu funktionieren. Außerhalb dieser Mauern interessiert sich kaum jemand für diese Kinder. Zwar kommt der Suchdienst des Roten Kreuzes, hin und wieder auch Ehepaare, die Kinder mitnehmen, für die meisten aber gibt es kein "Draußen". Die Heimszenen sind kaum zu ertragen.

Keine Befreiung, sondern Unsicherheit

Die Autorin verzichtet konsequent auf große Gesten und dramatische Zuspitzungen. Ihre Sprache ist klar, ruhig, oft beinahe zurückhaltend, immer sachlich. Sie erklärt nicht, sie deutet an, sie lässt Lücken, sie vertraut darauf, dass man sie beim Lesen selbst füllt. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Text seine Eindringlichkeit. Wenn Sätze fallen wie: "Der Krieg war vorbei. Aber in ihr war er noch lange nicht zu Ende", dann wirken sie nicht durch Lautstärke, sondern durch Präzision. An anderer Stelle heißt es: "Man gewöhnt sich an vieles. Aber nicht daran, dass niemand da ist, der einen sucht."

Der Blick wird gelenkt auf einen blinden Fleck unserer Erinnerungskultur. Während der 08. Mai als Tag der Befreiung gefeiert wird, geraten jene leicht aus dem Blick, für die dieses Wort abstrakt blieb – Kinder ohne Eltern, ohne Heimat, ohne Sprache für das, was sie erlebt hatten. Sie wachsen in einer kalten, lieblosen Umgebung auf, und in einer Zeit, in der es nicht üblich war, über Gefühle zu sprechen. Also verstummen sie. Und sie schämen sich – Schweigen und Scham werden zu zwei Seiten einer Medaille. Die Unsicherheit des Kriegs setzt sich fort – nur unter anderen Vorzeichen.

Verdrängen statt Erinnern

Im Heim lernt Hardy die etwas ältere Margret kennen, die sich um ihn kümmert und ihn beschützt. Margret und Hardy werden einander zum Halt – anders ließe sich diese Gegenwart nicht ertragen. Sie versuchen, gemeinsam ein normales Leben zu führen und das Vergangene zu vergessen. Und merken doch, dass ihre Geschichte mit all den ungestellten und unbeantworteten Fragen bis in die Gegenwart hineinreicht und sie vergiftet. Denn auch ihre Urenkelin Emily spürt das und leidet – vor allem unter dem Schweigen ihrer Urgroßeltern. Sie wächst bei ihren Urgroßeltern auf, weil die Mutter ihr keinen Halt geben kann. Und doch wird gerade sie es sein, die damit beginnt, die verschütteten Geschichten freizulegen.

Abel erzählt leise und beharrlich davon, wie sich Erfahrungen von Verlust, Entwurzelung und Sprachlosigkeit in Biografien einschreiben. Sie findet dafür kleine, scheinbar beiläufige Szenen, die das brüchige Gefüge dieser Familie sichtbar machen. So leben Hardy und Margret als Erwachsene in einem Haus ohne Türen, weil Hardy sich geschworen hat, "dass es im Haus niemals Türen geben soll, weil er es nicht ertragen konnte, eingeschlossen zu sein."

Oder diese Familienszene zwischen Margret, Hardy, ihrer Tochter Sabine und Enkelin Julia: "Eigentlich ist es wie immer, wenn die drei zusammen sind, denkt Hardy. Sie reden wild durcheinander, überhäufen sich mit Vorwürfen und hören sich nicht zu." Da ist Margrets und Hardys Urenkelin Emily gerade von Jugendamt abgeholt worden, weil ihre Mutter Julia unfähig sei, für ihre Tochter zu sorgen. Als Hardy und Margret tags darauf beim Jugendamt vorsprechen – wird Hardy sich seiner eigenen Ohnmacht bewusst: "Unfähig, sich zu bewegen. Unfähig, zu reden. Er fühlt sich in sich gefangen. Wie immer, wenn es ernst wird."

Beim Lesen versteht man, wie lange es dauern kann, bis sich Erfahrungen in Worte fassen lassen – wenn es überhaupt gelingt. "Es gab Dinge, über die sprach man nicht. Und irgendwann wusste man nicht mehr, wie es gehen sollte", heißt es einmal. Besser kann man ein transgenerationales Trauma nicht beschreiben.

Susanne Abel hat intensiv recherchiert, sie verbindet Familiengeschichte und Zeitgeschichte miteinander. Am Ende bleibt der Satz, der dem Buch seinen Titel gibt. In der Szene am 24. Dezember 1947 ist er eine zärtliche Geste von Nähe: "Du musst meine Hand fester halten." Beim Lesen verschiebt sich seine Bedeutung. Es ist kein Satz für einen Moment. Es ist ein Satz für ein Leben. Ein Satz, in dem sich all die Liebe, Zuwendung und Wärme kristallisieren, die es im Leben Hardys, Margrets und der vielen anderen Heimkinder nie gegeben hat.
(Jutta Hamberger)+++

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