Was wir lesen, was wir schauen (135)

Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Winter in Schweden
© Unsplash / Christer Lässman

11.01.2026 / FULDA - 100 Jahre und verdammt weise

Einen hundertjährigen Mann zur Hauptfigur eines Romans zu machen, ist literarisch ungefähr so riskant wie eine Komödie über Steuererklärungen. Man rechnet mit gut gemeinter Harmlosigkeit, mit schrulligen Altersweisheiten, mit Sentimentalität oder Allgemeinplätzen. Kurzum: Man erwartet gut gemeinte Langeweile.

Ein Regelbruch mit Folgen



Diese vermeintlichen Naturgesetze hat Jonas Jonasson geflissentlich ignoriert und einen Roman geschrieben, der seine Energie aus lauter Regelbrüchen bezieht. Jonassons Roman ist einer der erfolgreichsten schwedischen Romane der letzten Jahrzehnte. Das ist nicht nur ein Überraschungserfolg, sondern ein kleines literarisches Wunder. Denn Jonas Jonasson bewies 2009 mit seinem Erstlingsroman, dass ein alter Mann, ein offenes Fenster, der entschlossene Wille, seiner Geburtstagsfeier zu entkommen, und ein eigentlich viel zu langer Buchtitel Leser weltweit faszinieren können.

In Schweden wurde das Buch zum meistverkauften Titel des Jahres, allein in Deutschland wurde ein Drittel der sechs Millionen Exemplare verkauft, es wurde in dutzende Sprachen übersetzt. Doch viel entscheidender als der Erfolg ist die Erzählweise dieses Romans: eine absurd-komische Kriminalgeschichte, ein Schelmenstück, ein Loblied auf den Eigensinn – und eine stille Absage an Pathos, Bedeutungsschwere und historische Selbstgewissheit. Angesichts der aktuellen Weltlage vielleicht genau die Art von Widerborstigkeit, die wir für unseren Seelenfrieden gebrauchen können.

Geburtstag? Nein, danke!

Allan Karlsson wird 100 Jahre alt. In dem Malmköpinger Altersheim, in dem er wohnt, soll die typische Jubiläums-Geburtstagsfeier stattfinden, mit Rummel, Reden und wichtigen lokalen Größen. Darauf hat Karlsson allerdings keine Lust und beschließt: Ohne mich. Er flieht aus dem Altenheim – durch das Fenster – und marschiert zum Busbahnhof. Dort trifft er auf einen jungen Mann, der ihn bittet, kurz auf seinen Koffer aufzupassen, während er zur Toilette geht. Karlsson nimmt den Koffer und steigt damit in den Bus nach Strängnäs ein. Unterwegs steigt er aus und trifft Julius Jonsson, einen Gelegenheitsdieb – über Elchgulasch und Schnaps freundet man sich an. Der tatsächliche Kofferbesitzer taucht auch wieder auf und stellt Julius zur Rede, denn Allan ist gerade auf der Toilette.

Klingt schon bis hierher hinreichend schräg, oder? Geht aber so weiter. Julius ist Mitglied einer kriminellen Bande mit dem bezeichnenden Namen ‚Never again‘. Julius und Allan gelingt es, den Mann in einem Kühlraum einzusperren – dann schauen sie nach, was eigentlich in dem Koffer ist, und finden darin 50 Millionen schwedische Kronen. Dummerweise ist der junge Mann am nächsten Morgen tot – im Kühlraum war es halt sehr kalt. Julius und Allan beschließen, sich mit dem Geld aus dem Staub zu machen und die Leiche zu entsorgen. Damit beginnt eine herrlich-skurrile Geschichte, die reich an Absurditäten und tiefer Menschlichkeit ist. Auch eine Elefantendame, weitere Gangster, die Polizei, eine schöne einsame Frau und diverse Reporter spielen dabei eine Rolle.

Ein ständig explodierendes Leben

Parallel dazu wird in Rückblenden Allan Karlssons Lebensgeschichte erzählt – 100 Jahre Geschichte, denn Karlsson war in so ziemlich alle wichtigen politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt: die Oktoberrevolution, den Spanischen Bürgerkrieg, das Manhattan-Projekt, Mao Zedongs Aufstieg, und den Bau der Atombombe. Er trifft General Franco, US-Präsident Harry S. Truman, Chiang Kai-sheks erste Ehefrau, Albert Einsteins Bruder Herbert, Stalin und Churchill – und kehrt nach vielen Abenteuern als 80-Jähriger nach Schweden zurück.

Was diese Aufzählung leicht übersehen lässt: Allan Karlsson ist kein Genie, auch kein Drahtzieher und schon gar kein Abenteurer aus Berufung. Er ist Sprengstoffexperte aus Leidenschaft. Und ein Mann, der erstaunlich wenig Interesse daran hat, Bedeutungen zu konstruieren. Die Welt ist, wie sie ist – und wenn man zufällig dabei ist, wenn Geschichte passiert, dann ist man eben dabei. Punkt. Allan stolpert nicht nur durch sein eigenes Leben, sondern durch das gesamte 20. Jahrhundert. Er tut das ohne Ehrgeiz, ohne Ideologie, ohne moralische Pose.

Verbrechen nach dem Prinzip Zufall

Jonassons Roman ist eine surreale Kriminalgeschichte im doppelten Sinn. Vordergründig geht es um Gangster, Geld, Tote, die Polizei und ziemlich viele Verfolgungsjagden. Diese Kriminalhandlung funktioniert wie ein schiefes Uhrwerk: Nichts greift sauber ineinander, alles wirkt improvisiert, der Zufall regiert. Gerade dadurch entsteht Komik. Die unmöglichen Konstellationen – ein Elefant auf der Flucht, schwer kriminelle Männer mit erstaunlich zarten Seelen, ein hundertjähriger Ausreißer mit stoischer Ruhe – werden nicht überdreht, sondern lakonisch erzählt. Jonasson setzt auf Understatement, das ist vielleicht seine schärfste Waffe.

Gleichzeitig ist der Roman ein klassisches Schelmenstück. Allan Karlsson ist ein moderner Simplicissimus, der sich durch eine Welt bewegt, die sich selbst viel zu ernst nimmt. Diktatoren, Generäle, Präsidenten – sie alle erscheinen bei Jonasson als nervöse Nebenfiguren, während der Mann ohne große Meinung zur Weltgeschichte ungerührt sein Glas hebt. Das entlarvt nicht nur politische Eitelkeiten, sondern auch unsere Vorstellung davon, wie Geschichte "gemacht" wird oder wer ‚bedeutend‘ ist. Bei Jonasson wird Geschichte versehentlich ausgelöst, beschleunigt oder sabotiert – oft durch Menschen, die schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Genau darin liegt der Witz dieses Romans: Die großen Verwicklungen, Brüche und Umbrüche entstehen nie mit Vorsatz, sondern aus Zufall.

Weise genug, sich nicht zu wichtig zu nehmen

Jonassons Humor ist freundlich, manchmal schwarz, aber nie zynisch. Er lacht nicht über seine Figuren, sondern mit ihnen. Selbst die Gangster haben etwas Rührendes, fast Kindliches. Niemand ist durch und durch böse, niemand durch und durch klug, und schon gar nicht ist jemand überlegen. Das macht die Kriminalhandlung nicht harmlos, aber menschlich. Tote bleiben tot, Gewalt bleibt Gewalt – doch das wird nicht zelebriert, sondern als absurde Konsequenz menschlicher Dummheit gezeigt.

In aller Komik bleibt eine tiefe Humanität sichtbar. Allan Karlsson ist kein Held, aber ein anständiger Mensch. Er hilft, wenn er kann, teilt, was er hat, urteilt selten und verurteilt nie. Seine Lebenshaltung ist erstaunlich pragmatisch: Sich zu ärgern, lohnt sich nicht, Angst zu haben, noch weniger. In einer von Ideologien geprägten Welt wirkt das fast revolutionär. Dass ausgerechnet ein Mann, der an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war, diese radikale Gelassenheit verkörpert, gehört zu den stillen, klugen Widersprüchen dieses Buches.

Jonas Jonasson hat mit seinem Erstling einen Roman geschrieben, der leichtfüßig daherkommt, aber lange nachhallt. Man merkt erst später, wie viele Fragen er aufwirft: nach Verantwortung, nach Zufall, nach der Rolle des Einzelnen in der Geschichte. Vielleicht ist das das größte Kunststück dieses Buches: Es tarnt seine Tiefenschärfe hinter Komik und seine Weltsicht als Anekdote.

Am Ende ist man einem alten Mann begegnet, der viel gesehen hat und trotzdem nicht verbittert ist. Ein Mann, der uns ganz nebenbei zeigt, dass Menschlichkeit manchmal genau dort entsteht, wo man aufhört, sich für wichtig zu halten. Getreu Allan Karlssons Motto: "Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt."
(Jutta Hamberger)+++

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