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Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit: Kipp-Punkte der Geschichte

Sternenhimmel.
Foto: Pixabay / Aditya Goswami

05.04.2026 / FULDA - Ist das Leben einzelner Menschen bedeutsam für die Welt gewesen? Gibt es schicksalsträchtige Momente, in denen alles von einer bestimmten Person und ihrem Handeln abhängt? Stefan Zweig (1881-1942) hat diese Fragen in seinem Weltbestseller "Sternstunden der Menschheit" mit einem deutlichen 'Ja!' beantwortet.


Große Niederlagen und wenige Triumphe

1927 erschienen die "Sternstunden" mit den ersten fünf Miniaturen, bis 1940 wuchs die Sammlung auf 14 Miniaturen. Zweig berichtet elegant und leise: "Immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit, in Erscheinung tritt", hat er über seine Sammlung selbst gesagt. Zweig wählt oft Momente, die man eher als Niederlagen oder im Augenblick des Geschehens sogar als unbedeutend einordnen würde, er spricht lieber über Verzicht, Verlust und Scheitern als über Siegerposen.

Zweigs Interesse ist nicht historisch, sondern psychologisch und literarisch motiviert. Er schreibt über Zufälle, deren Bedeutung sich oft erst im Nachhinein erschließt. Deshalb findet man in diesem Buch auch keine Heldengeschichten, sondern Geschichten um mittelmäßige Menschen, die mehr durch Zufall als durch Bestimmung oder Plan in den Mittelpunkt eines historischen Ereignisses rücken. Es ist eine subjektive Auswahl, und genauso widmet Zweig sich den Personen und Ereignissen.

Aus heutiger Sicht erlauben uns die "Sternstunden" einen Doppelblick in die Geschichte: in die Zeit, in der die jeweilige Miniatur spielt, und in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, denn die Texte vermitteln anschaulich, wie man damals dachte, fühlte und urteilte. In diesem Zusammenhang kann nicht unerwähnt bleiben, dass Zweig dem damals üblichen männerzentrierten Geschichtsbild anhängt – Frauen kommen in den "Sternstunden" allenfalls am Rand und als Objekte vor.

Komponieren wie im Rausch

Händel begegnen wir 1741 in einem Moment der völligen Erschöpfung und Krise. Er hat Schulden, dann erleidet er einen Schlaganfall. Die Ärzte glauben zwar an das Weiterleben des Mannes, nicht aber das des Musikers. Aber Händel ist stark – und störrisch. Allmählich besiegt er die halbseitige Lähmung, dann landet ein Text von Jennens auf seinem Schreibtisch. Der hatte schon die Texte zu "Saul" und "Israel in Ägypten" verfasst, die leider beide wenig erfolgreich waren.

Händel pfeffert den Text erst in die Ecke, aber dann leuchtet ihm die erste Zeile "Comfort ye" (sei getrost) entgegen. Er ist wie elektrisiert, die Worte rühren ihn im Innersten an. In nur 24 Tagen komponiert er seinen "Messias". Ein rauschhafter Schaffensakt, weniger gewollt als erlitten. Kunst erscheint hier nicht als Leistung, sondern als Ausnahmezustand.

Letztes Begehren, letztes Entsagen

Goethe erleben wir im Jahr 1823 nicht als den allseits bewunderten Dichterfürsten, sondern als Zauderer. Die berühmte Episode von Marienbad zeigt ihn als Mann, der an sich selbst scheitert, der innehält und den einen, entscheidenden Schritt nicht macht. "Tagebuch innerer Zustände" hat Goethe seine Gedichte einmal genannt. Für keins gilt das mehr als für die "Marienbader Elegie". Zweig schreibt: "Kein Blatt seines Lebenstagesbuches liegt so offen (…) vor uns wie dies tragisch fragende, tragisch klagende Dokument seines innersten Gefühls."

Und so ersteht vor uns dieses "Spätlingsgedicht", ein "geheimnisvoller und zugleich feuriger Lebensaugenblick". Goethe schickt einen Werber zu der 19-jährigen Ulrike von Levezow, aber deren Antwort fällt verhalten aus. Goethe ist hin und hergerissen: Liebt sie ihn so, wie er sie? Kann sie überhaupt mehr als töchterliche Liebe für ihn empfinden? Er zweifelt, und reist ab, das Wagnis der Bindung geht er nicht ein. Zweig interessiert sich genau für diesen Moment des Nicht-Handelns und die verpasste Möglichkeit.

Tragisches Scheitern

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich nur zwei kleine Stellen auf dem Erdball dem Forscherdrang der Menschen verweigert – der Nord- und der Südpol. Viele Expeditionen hatte es gegeben, alle waren gescheitert. 1910 rüsten gleichzeitig zwei Männer für die Expedition zum Südpol, neben Scott auch der Norweger Roald Amundsen. Der Brite Robert Scott will vollenden, was Shackelton einst begonnen hatte. Auf seiner Expedition findet Scott das Winterquartier Amundsens, das deutlich näher zum Pol liegt als seines.

Von diesem Moment an weiß er: Amundsen wird vor ihm am Südpol ankommen. Er könnte aufgeben, aber genau das tut er nicht. Genau dieser Augenblick – das Bewusstsein, zu spät gekommen zu sein – wird zum eigentlichen Zentrum der Erzählung. Größe entsteht hier nicht durch Erfolg, sondern durch Haltung im Moment der Niederlage. Und die ist endgültig: keiner der Scott’schen Mannschaft sollte den Rückweg überleben, sie alle blieben im ewigen Eis.

Der unauffällige Revoluzzer

"Da aber die Nachrichtenagenten nur auf die Leute achten, die viel reden und nicht wissen, dass immer die einsamen Menschen die gefährlichsten sind für jede Revolutionierung der Welt, die viel lesen und lernen, so schreiben sie keine Berichte über den unbeachtlichen Mann", erzählt Zweig. Der Unbeachtliche heißt Lenin, ist aus seiner russischen Heimat geflohen und verbringt seine Tage am liebsten in der Bibliothek. Zweig greift einen Zwischenmoment, und nicht etwa einen heroischen Akt heraus.

1917 fährt Lenin in einem plombierten Zug durch Deutschland. Denn in Russland ist die Revolution ausgebrochen, da will er an vorderster Front dabei sein. Seine Reise hätte ebenso gut scheitern können. Dass er ins zerfallende Zarenreich gelangt, ist ein historischer Zufall, der sich erst im Nachhinein als derart welterschütternd erweist.

Geschichte als Kette von Konstellationen

Zweig hat seine "Sternstunden" nicht linear geschrieben, sie entstanden in verschiedenen Jahren und sehr unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Situationen. Die "Sternstunden" sind kein Sachbuch, sondern eher eine Novellensammlung, in der Zweig Geschichte erlebbar, sichtbar und fühlbar macht. Alle Miniaturen verbindet, dass nicht das ganze Leben zählt, sondern dieser eine Moment, in dem sich etwas bündelt. Geschichte erscheint bei Zweig nicht als Plan, sondern als Kette unwahrscheinlicher Konstellationen, als Abfolge von Augenblicken, die jederzeit kippen könnten – durch Zufälle, Schwäche, Zögern oder Entschlossenheit.

Stefan Zweig selbst hat erlebt, wie schnell Geschichte kippen kann. Der überzeugte Europäer, der an Vernunft, Austausch und kulturelle Einheit glaubte, musste mit ansehen, wie all das innerhalb weniger Jahre zerfiel. Exil, Heimatverlust, Sprachlosigkeit.1942 nimmt er sich gemeinsam mit seiner Frau das Leben.

Vielleicht liegt gerade darin die anhaltende Wirkung der "Sternstunden der Menschheit": Sie erzählen nicht von der Vergangenheit, sondern von einer Möglichkeit. Davon, dass Geschichte nicht langsam und folgerichtig verläuft, sondern abrupt. Dass sie kippt – durch Zufall, durch Menschen, durch Entscheidungen. Das ist beunruhigend, weil wir nie wissen, wie nahe wir genau diesem historische Moment sind und was unsere Rolle darin sein könnte. (Jutta Hamberger) +++

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