Was wir lesen, was wir schauen (142)

Lilly Maier, Arthur und Lilly. Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende

Wien – eine Stadt, deren Häuser viele Geschichten zu erzählen haben
© Jacek Dylag / Unsplash

19.04.2026 / FULDA - "Ich hatte ein tolles Leben"



Am 30. März 2003 steht ein alter Mann vor einem Haus in der Wiener Gussenbauergasse. Haus Nr. 1 ist ein fünfstöckiges Eckhaus aus der Zeit um 1900. Wohnungen mit hohen Decken, Stuck und weitläufigen Räumen. Einst hat er hier gelebt, im Mezzanin – auf gut wienerisch – oder prosaischer: im ersten Stock.

Den Hass besiegen

Ein elfjähriges Mädchen öffnet ihm die Tür. So beginnt eine Geschichte, die Zeit, Kontinente und Generationen überbrückt und ein Kind und einen alten Mann für immer miteinander verbindet. Es ist weitaus mehr als eine Begegnung. Es ist eine Geschichte, die von Überlebenswillen, Liebe und Mut erzählt. Und davon, dass Geschichte nie vergeht, solange Menschen sich erinnern und sie weitererzählen.

Als sie sich treffen, ist Lilly in etwa so alt wie Arthur damals war, als die Nationalsozialisten ihn vertrieben. Lilly Maier schreibt rückblickend: "Ich schreibe dieses Buch fast 15 Jahre nach meinem ersten Treffen mit Arthur Kern. (…) Niemand von uns wusste damals, wie sehr diese Begegnung unser aller Leben beeinflussen würde – und wie eine Wohnung in Wien unsere Familien für immer verbinden würde. Arthur nannte unser erstes Treffen später eines der Highlights seines Lebens."

In den 1930er Jahren lebte in dieser Wohnung die Familie Kernberg. Eine wohlhabende jüdische Familie. Vater Samuel Hersch "Hermann" besaß eine Strickwarenfabrik, in der auch seine Frau Frieda arbeitete. Sie hatten zwei Söhne – Fritz und Oswald. Man reiste viel, man fuhr Ski, das Leben war schön. Mit dem sogenannten Anschluss Österreichs zerbricht diese Welt abrupt.

Flucht mit dem Kindertransport

1939 gelingt es den Eltern, ihren jüngsten Sohn mit einem Kindertransport in Sicherheit zu bringen. Er lernt Ernst Papanek kennen, einen assimilierten Wiener Juden, Sozialisten und Pädagogen aus Leidenschaft. Er verheimlicht den Kindern nichts, sondern informiert sie über die aktuellen Ereignisse. Arthur Kern erzählt Lilly Maier später: "Alle Kinder liebten ihn." Papanek war früh davon überzeugt, dass die jüdischen Kinder ihre traumatischen Erfahrungen nur dann bewältigen könnten, wenn sie sich dem Schicksal der Eltern stellten – diese Erkenntnis setzte sich in der Kinderpsychologie erst später durch.

Über Frankreich wird Arthur schließlich in die USA evakuiert, 1941 kommt er in New York an – allein. Kurz darauf erreicht ihn ein letzter Brief seiner Familie. Ein Segenswunsch zu Bar-Mizwa, voller Hoffnung auf ein Wiedersehen. Der Vater schreibt: "Möge Dir Dein Glück so leuchten und scheinen wie die Sterne am Himmel, und möge es uns beschieden sein, Dich in unsere Arme baldigst schließen zu können, und Dir das Leben so zu verschönern, wie wir es immer dir zu verschönern bemüht waren."

Es bleibt das letzte Lebenszeichen.

Die Eltern Kernberg und Arthurs älterer Bruder Fritz werden 1941 nach Polen deportiert – und ermordet. Oswald "Ossi" Kernberg überlebt – als einziger seiner Familie. Er nennt sich fortan Arthur Kern, macht in den USA Karriere als Raketeningenieur, gründet eine Familie, baut sich ein Leben auf. Und er trifft eine Entscheidung, die sein ganzes weiteres Dasein prägt: "Du musst den Hass im Herzen besiegen. Ich habe schon früh erkannt, dass Hass niemandem etwas bringt. Hass zerstört nur dich selbst."

Der Geschichte ein Gesicht geben

Für die elfjährige Lilly wird die Begegnung mit Arthur zu einem Wendepunkt. Aus Neugier wird Engagement. Aus einer Begegnung wird ein Projekt. Denn sie beginnt zu recherchieren – zunächst über Frieda Kernberg, Arthurs Mutter. Sie beteiligt sich an einem österreichischen Erinnerungsprojekt, das deportierten Jüdinnen und Juden ihre Namen und Gesichter zurückgeben will.

Dann greift das Zufällige – oder das, was man wohl besser Schicksal nennt. Ein Zeitungsartikel über Lillys Recherche erscheint im Kurier. Eine ältere Frau liest ihn – und erkennt auf einem Foto Frieda Kernberg wieder. Valerie Bartos, inzwischen über achtzig Jahre alt, bewahrte über Jahrzehnte hinweg Dokumente der Familie auf: Pässe, Unterlagen, Erinnerungsstücke, sogar eine Mesusa. Versteckt vor den Nationalsozialisten, bewahrt gegen das Vergessen.

Nach mehr als sechzig Jahren schließt sich ein Kreis. Arthur Kern erhält einen Teil seiner eigenen Geschichte zurück – eine Vergangenheit, die ihm genommen worden war und die nun, fragmentarisch, wieder sichtbar wird.

Ein glücklicher Mensch

"Arthur und Lilly" ist ein genau recherchiertes, vielschichtiges Buch, das sich über weite Strecken wie ein Roman liest. Maier gelingt etwas, das vielen historischen Darstellungen abgeht: Sie verbindet das große historische Panorama mit der Intimität einer persönlichen Beziehung. Die Geschichte des Holocaust wird hier nicht abstrakt erzählt, sondern konkret – gebunden an ein Leben, an eine Familie, an eine Wohnung in Wien.

Gleichzeitig ist das Buch auch eine Geschichte über das Erinnern selbst. Darüber, wie Zufälle, Begegnungen und beharrliche Recherche dazu beitragen können, verlorene Biografien wieder sichtbar zu machen. Und es ist eine Geschichte über Generationen: darüber, wie ein elfjähriges Mädchen zur Erzählerin wird – und Verantwortung übernimmt für eine Vergangenheit, die nicht die ihre ist und die doch zu ihr gehört.

Erinnern geht uns alle an

Lesen kann man dieses Buch jederzeit, es wird einen immer berühren. Aber in diesen Tagen trifft es einen anders. Denn rund um den Jom haScho’a, der in diesem Jahr am 18. April begangen wird, wird weltweit der Opfer, besonders aber auch der Märtyrer und Helden des Holocaust gedacht. Ein notwendiger und würdiger Tag, und doch ist er, wie alle Gedenktage, in Gefahr, zu einer bloßen Geste zu werden.

Maiers Buch widersetzt sich dem. Es gedenkt nicht abstrakt. Im Mittelpunkt steht ein Gesicht, eine Stimme, ein Leben, das beinahe ausgelöscht worden wäre – und das sich dennoch nicht vom Hass hat bestimmen lassen. Das Buch zwingt uns dazu, Erinnerung nicht als Pflichtübung abzutun, sondern anzunehmen. Denn Erinnern geht uns alle an.

Vielleicht finden Sie die Headline dieser Buchbesprechung irritierend: "Ich hatte ein tolles Leben." Für mich liegt in diesem Satz die stille Größe dieses Buchs. Denn ihn sagt ein Mann, dem als Kind alles genommen wurde. Arthur Kern lässt sich nicht vom Hass bestimmen und sagt sein Leben lang, dass er ein gelungenes Leben hatte.

Vielleicht ist das die stärkste Form von Widerstand. Vielleicht ist es genau dieses Heldentum, das wir brauchen.

Weiterführende Links

Lilly Maiers Recherche über Frieda Kernberg,

https://www.lettertothestars.at/en/livingmemorial_page6a24.html?lmshow=3&uid=2442&typ=lg


Interview mit Lilly Maier, https://www.nypl.org/blog/2023/10/16/interview-lilly-maier-author-arthur-and-lilly

Youtube – Lilly Maier präsentiert ihr Buch, https://www.youtube.com/watch?v=Rh3lILTxrEc


Steine der Erinnerung (an Familie Kernberg), https://steinedererinnerung.net/wp-content/uploads/9_Broschuere_7-2025_last-version.pdf

(Jutta Hamberger)

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