Was wir lesen, was wir schauen (146)

Ronald Reng, Der deutsche Sommer. Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog

Vor drei Tagen hat die Fußball-WM begonnen.
Symbolfoto: Pixabay

14.06.2026 / FULDA - Vor drei Tagen hat die Fußball-WM begonnen, heute bestreitet das deutsche Team sein Auftaktspiel – gegen Curaçao. "United 2026", was für einen schönen Namen hatte man sich bei der Vergabe der WM ausgedacht! Denn sie wird in Kanada, Mexiko und den USA ausgetragen. Damals wussten wir alle noch nicht, dass Donald Trump sich Kanada als 51. Bundesstaat einverleiben und Mexiko mit einer Mauer abschotten will. Von autoritären Tendenzen in MAGA-USA einmal ganz abgesehen.


Mitfiebern oder nicht?

Vom 11. Juni bis zum 19. Juli heißt es also mitzittern und mitfiebern. Mit der deutschen Nationalmannschaft? Ja, klar, mit der auch, aber auch mit den großartigen Mannschaften aus aller Welt. Die Deutschen werden – angesichts der Infantino-gewollten Aufblähung des Wettbewerbs auf 48 Teilnehmer – wohl ziemlich sicher nicht in der Gruppenphase ausscheiden. Gegen Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador sollte Julian Nagelsmanns Team es nun wirklich schaffen. Das ist doch schon mal was.

Andererseits – wie gern wollen wir uns eigentlich eine WM anschauen, deren Hauptteil in einem Land stattfindet, das sich in rasendem Tempo von der ersten Demokratie in eine Autokratie verwandelt? Jetzt schon steht fest, dass es eine WM der weiten Wege wird – die Klimabilanz dürfte vernichtend ausfallen. Auch die Wetterbedingungen könnten extrem werden – Hitzewarnungen gibt es jedenfalls jetzt schon.

Diskutiert wurde sogar, ob das deutsche Team erst gar nicht anreisen soll. Die explodierenden Transport-, Ticket- und Hotelpreise tun ein Übriges dazu, dass die Begeisterung sich bisher in Grenzen hält. Die Leistungen der Nationalmannschaft waren in der Vorbereitung auch eher durchwachsen. Und die Italiener sind mal wieder nicht dabei. Gute Laune kommt so nicht auf.

Die Leichtigkeit im Sommer 2006

Glücklicherweise hat Ronald Reng sein geballtes Fußballwissen in ein neues und wieder einmal wunderbares Buch gegossen. Erneut treten wir mit ihm eine WM-Zeitreise an, diesmal ins Jahr 2006, als die WM in Deutschland ausgetragen wurde. Wer dabei war, erinnert sich vor allem an die Freude, die herrschte. Ich selbst erlebte die WM in München. Egal, wann man in der Stadt unterwegs war, man traf auf Menschen aus aller Welt, die sich gemeinsam freuten, die Biergärten und Restaurants gemeinsam erkundeten, Trikots tauschten, Fahnen schwenkten. Und die Fahnen! Ja, deutsche Fahnen! An Fenstern, an Autos, in Gaststätten, und natürlich den Public-Viewing-Areas und Fanmeilen, die es 2006 erstmals gab. Auch dass 300 ausländische Polizisten mit den deutschen Kollegen gemeinsam Dienst taten, hatte es noch nie vorher gegeben.

So viel unverkrampften Nationalstolz hatten wir Deutschen uns bis dahin noch nie getraut. Und gleichzeitig wollten wir gute Gastgeber sein – was uns so auch attestiert wurde. Der "Kaiser" hatte die Spiele nach Deutschland geholt und wir waren einfach nur stolz. Die Sportfreunde Stiller hatten mit "54, 74, 90, 2006" DEN Hit der WM geliefert, Angela Merkel besuchte die Fußballer in der Kabine. Jürgen Klinsmann hatte die Spieler ganz anders vorbereitet und eingestelltals als seine Vorgänger vor ihm, und Sönke Wortmann filmte "Deutschland – ein Sommermärchen". Da konnten wir die WM dann nochmals im Kino nacherleben.

Denkt man heute an 2006 zurück, vergisst man schnell, dass die Situation Deutschlands damals gar nicht so rosig war. Die Stimmung war gedrückt, manche Wirtschaftsweisen hielten Deutschland für den kranken Mann Europas, der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr sorgte für Zündstoff, die Arbeitslosenzahlen waren hoch. Da kann man durchaus die ein oder andere Parallele zu 2026 ziehen. Und dann kam dieser Sommer – der so ziemlich alles veränderte.

Zeitreise und Erzählstunde

Ronald Reng ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Natürlich kommen die wichtigsten Ereignisse und Personen der WM vor. Viel spannender zu lesen sind aber die vielen Neben- und Abwege, auf die Reng sich begibt. Wenn er aus der Sicht verschiedener Zeitzeugen von diesem Sommer 2006 berichten lässt. Flo Weber von den Sportfreunden Stiller ist dabei, Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, die Fußballerinnen Alexandra Popp und Tuğba Tekkal, der Astronaut Thomas Reiter, der Erfinder der Fancamps Ulrich Krämer, der damals noch keineswegs allgegenwärtige Jürgen "Kloppo" Klopp, David Odonkor – der Nationalspieler mit Migrationshintergrund (auch so ein Begriff, der damals erfunden wurde) – und viele mehr.

Reng flicht die einzelnen Erzählstränge zu einem dichten Zopf zusammen – er erzählt nicht linear eine Geschichte nach der anderen, sondern greift den Faden immer wieder neu auf. Er schreibt keine klassische Fußballchronik. Er rekonstruiert keine Tabellen, keine Taktikdebatten und keine Turnierdramaturgie. Ihn interessiert etwas anderes: Atmosphäre. Stimmung. Erinnerung. Das Gefühl einer Zeit.

Er erzählt von Menschen, Gesprächen, Zufällen, kleinen Szenen am Rand. Von Biergärten, Fanmeilen, langen Sommerabenden, improvisierter Fröhlichkeit. Und davon, wie plötzlich etwas geschah, womit kaum jemand gerechnet hatte: Die Deutschen begannen, sich selbst ein wenig entspannter zu sehen.

Glücksgefühle und Zuversicht Reloaded?

All das klingt wie aus sehr, sehr ferner Zeit. So fern, dass sie uns heute nichts zu sagen hätte? Die Stimmung im Land ist gedrückt. Wieder wird über wirtschaftliche Unsicherheit diskutiert, über gesellschaftliche Spannungen, politische Radikalisierung und die Frage, wohin dieses Land eigentlich steuert. Doch anders als 2006 scheint heute vielen der Glaube abhandengekommen zu sein, dass sich die Stimmung noch zum Guten verändern könnte oder wir als Gesellschaft Kraft zur Zuversicht aufbringen.

Vielleicht berührt uns Rengs Buch deshalb so sehr? Denn es erinnert daran, dass weder kollektive Gefühle noch die der einzelnen Menschen statisch sind. Dass wir in der Lage sind, Leichtigkeit zu erzeugen. Dass Menschen für einige Wochen erleben können, wie es sich anfühlt, weniger gereizt, weniger misstrauisch und weniger verhärtet miteinander umzugehen. Und wie das noch Wochen und Monate danach wirken kann.

Vermutlich wird die WM 2026 kein zweites Sommermärchen. Unsere Welt ist eine andere geworden. Vielleicht ist auch Deutschland ein anderes Land geworden. Aber genau deshalb lohnt die Rückschau auf 2006. Nicht aus Nostalgie. Sondern als Erinnerung daran, dass Gesellschaften sich überraschend verändern können – wenigstens für einen Sommer.

Vielleicht beginnt gesellschaftliche Zuversicht mit etwas sehr Einfachem: dem Gefühl, sich selbst und anderen nicht dauernd misstrauen zu müssen. (Jutta Hamberger) +++

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