Was wir lesen, was wir schauen (147)

Susanne Glass/Jenny Havemann, Unser Israel gibt es nicht mehr

Jenny Havemann und Susanne Glass bei ihrer Lesung in Fulda
© Jutta Hamberger

28.06.2026 / FULDA - Zwei Frauen, ein zerrissenes Land


Das Buch von Susanne Glass und Jenny Havemann erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft – und von einem Land, das seit dem 07. Oktober 2023 kaum noch wiederzuerkennen ist. Eine Journalistin – sie lebt in Deutschland und war oft im Nahen Osten im Einsatz – und eine Unternehmerin – sie lebt in Israel – haben sich über Social Media kennengelernt, miteinander gestritten und gerungen, sind sich nahe gekommen, wurden Freundinnen. Zusammen haben sie über Israel geschrieben, das Land, das beide lieben.

Freundinnen – mit unterschiedlichen Sichtweisen

Nein, die beiden sind sich nicht bei allem einig. Aber einig sind sie darin, dass unterschiedliche Auffassungen und Sichtweisen nicht zu Hass und Ausgrenzung führen dürfen, dass man Kritik annehmen und sich in die Perspektive des anderen einfühlen muss.

Susanne Glass arbeitet seit 1994 beim Bayerischen Rundfunk und berichtete von 2016 bis 2021 für die ARD aus Tel Aviv. Heute leitet sie das Auslandsressort im BR. Sie zog 2021 aus Israel weg, ist aber weiter oft im Land. So fällt ihr heute deutlicher auf, was für ihre Freundin Jenny Alltag ist: Jede zweite Nacht gibt es in Israel mehrfachen Raketenalarm und alle suchen die Schutzräume auf. Dafür haben sie anderthalb Minuten Zeit. Glass ergänzt: Dass die ständige Bedrohung Normalität in Israel ist, wird in Deutschland so gut wie gar nicht berichtet.

Jenny Havemann wurde in Dnipro/Ukraine geboren und wuchs mit ihrer Familie in Hamburg auf. Sie studierte Linguistik und Literatur und wanderte 2010 nach Israel aus. Dort gründete sie eine Unternehmensberatung, organisiert das deutsch-israelische Medientreffen und lebt mit ihrer Familie in Tel Aviv. Havemann bezeichnet sich als modern-orthodox und nimmt an den Demonstrationen gegen die von Netanyahu geplante Demontage der unabhängigen Justiz teil.

Der schwarze Schabbat als Zeitenwende

In vielen Interviews haben beide gesagt, dass das Miteinander von jüdischen und arabischen Israelis mit Palästinensern zu dem Zeitpunkt, als sie sich kennenlernten, zwar schwierig, aber möglich war. Es gab Begegnungen, es gab Verständnis füreinander. Damals – also vor dem 7. Oktober 2023.

Der Terrorangriff der Hamas war eine blutige Zeitenwende. "Schwarzer Schabbat" wird der Tag in Israel genannt. Er traumatisierte Juden in aller Welt, zwang Israel zu massiven militärischen Reaktionen und löste weltweit eine so nie gekannte Welle von Antisemitismus aus. Vorher fühlten sich Juden und Holocaust-Überlebende sicher in Israel, auch wenn es immer wieder Krisen und Kriege gab. Danach aber war Israel – gegründet als Land, das für immer der sichere Hafen für Juden aus aller Welt sein sollte – das auf einmal nicht mehr.

Die Empathielosigkeit der Welt

Für dieses Buch hat jede ihre eigenen Kapitel geschrieben und mit Fotos angereichert, die das Erzählte dokumentieren. Glass und Havemann erzählen über Geschichten, Begegnungen und Gespräche, von Eindrücken, von Freud und Leid. Darunter sind Kapitel, die einem beim Lesen an die Substanz gehen. Wenn Jenny Havemann davon berichtet, wie sie mit ihren Kindern tagtäglich den Krieg erlebt, wie sie versucht, so viel wie möglich von ihnen fernzuhalten, und doch nicht verhindern kann, dass die Kinder viel mehr verstehen, als einem recht sein kann, tut sich schwer, die Tränen zurückzuhalten.

Wenn Susanne Glass von ihrem Besuch im Kibbuz Be’eri erzählt, wie sie in das Haus ging, in dem ihre Freundin Vivian Silver gelebt hatte, die dort von der Hamas massakriert wurde, reißt uns das beim Lesen genauso den Boden unter den Füßen weg wie ihr vor Ort. Nicht nur, weil Vivian Silver eine Freundin war, sondern auch, weil sie sich ihr Leben lang für Dialog und Frieden eingesetzt hatte.

Wenn Jenny Havemann über den Hashtag #MetooUnlessYouAreAJew erzählt und wie rasend schnell dieser sich in den sozialen Medien ausbreitete, wird man ganz klein und stumm. Denn das geschah, obwohl das Ausmaß sexueller Gewalt gegenüber israelischen Frauen in all seinen grausamen Details schnell bekannt wurde – vieles von den Tätern selbst verbreitet. Als Havemann den Kibbuz Kfar Aza besucht, fragt sie erschüttert: "Die Welt hat uns doch ein "nie wieder!" versprochen – wie konnte so etwas wieder geschehen?"

Beide Autorinnen betonen immer wieder, die Opfer auf beiden Seiten zu sehen. Und doch trifft ein Satz Jenny Havemanns ins Herz: "Natürlich tun mir die Unschuldigen auf der anderen Seite auch leid. Aber wer hat Mitleid mit uns? Niemand hat Mitleid mit uns", zitiert sie die Mutter der von der Hamas getöteten Soldatin Noa.

Das beschreibt eine Erfahrung, die Juden in aller Welt schon wenige Tage nach dem Terrorangriff machten: Sofort wurde relativiert, sofort kam das Wörtchen "ja, aber…" wieder auf. Rasend schnell wurde vergessen, warum Israel sich wehrte und im Gazastreifen militärisch vorging. Viele Juden erlebten damals, dass die Empathie für die israelischen Opfer erstaunlich schnell nachließ. Sehr rasch verschob sich der öffentliche Fokus auf den Krieg in Gaza und das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung. Für viele Israelis und Juden weltweit entstand das Gefühl, dass ihre eigene Angst, ihre Trauer und ihr Trauma kaum noch wahrgenommen wurden. Die einfache Frage "Wie geht es Dir?" wurde viel zu selten gestellt. Und: Juden überall in der Welt wurden quasi in Geiselhaft genommen für die Politik der israelischen Regierung.

Ha Tikva heißt Hoffnung

Israel ist – ganz anders als Deutschland – ein Land, das auf Verteidigung eingestellt ist, vom Tag eins seiner Gründung an. Und Israel hat auf Terrorangriffe immer sehr hart reagiert. Warum? Weil Israel rundum von Feinden umgeben ist, die das Existenzrecht des Landes nicht anerkennen. Deutschland dagegen konnte sich unter amerikanischem Schutzschirm mitten in Europa eine Oase der Gewaltlosigkeit herbeiträumen.

Die beiden Autorinnen verbindet die Hoffnung, dass Israel sich erneuern kann – trotz aller Risse, trotz aller politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen. Gerade deshalb wirkt ein Satz der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, den Susanne Glass zitiert, wie ein moralischer Mittelpunkt dieses Buches: "Ich habe nie gehasst. Hass bringt nichts."

Der Rat dieser beiden lebensklugen Frauen, wie sie mit der Lage seit dem 7. Oktober umgehen, ist einfach und doch so schwer, denn er beinhaltet den Verzicht auf reflexhafte Reaktionen und moralisches Überlegenheitsgefühl: "Es ist ganz fürchterlich. Aber wir sind alle Menschen. Es gibt kein christliches, muslimisches und jüdisches Blut, nur menschliches. Seid Menschen!" Sich zu dehumanisieren, damit wir leichter hassen und töten können, ist der falsche Weg. Die israelische Nationalhymne heißt nicht umsonst "Ha Tikwa" – Hoffnung.

(Jutta Hamberger) +++

Was wir lesen, was wir schaun - weitere Artikel

↓↓ alle 98 Artikel anzeigen ↓↓

X