Was wir lesen, was wir schauen (137)

Collins, Lapierre: O Jerusalem - Kampf um die Stadt des Friedens

Jerusalemer Altstadt vom Dach des Österreichischen Hospizes
© Wikipedia / Berthold Werner

08.02.2026 / FULDA - Man liest "O Jerusalem" wie einen Kriminalroman – und merkt fast nebenbei, dass hier nicht Fiktion erzählt wird, sondern Geschichte. Larry Collins und Dominique Lapierre, das US-französische Bestseller-Duo, macht aus der Gründungsphase Israels eine dichte Erzählung aus Reportage, Chronik und Stimmen-Collage, die man kaum aus der Hand zu legen vermag.



Auf dem nahöstlichen Schachbrett

Minute für Minute und Tag für Tag werden die Ereignisse rund um die Staatsgründung Israels und den Streit um Jerusalem erzählt. Die beiden Autoren verweben dabei unterschiedliche Schicksale, Siege und Niederlagen zu einem unwiderstehlichen Roman. Sie sind präzise in den historischen Eckdaten. Sie nähern sich der Geschichte aus der Innen- wie der Außenperspektive, tasten Interessen und Absichten der Akteure ab.

Genau daraus bezieht das Buch bis heute – mehr als 50 Jahre nach seinem Erscheinen – seine Sogkraft: Es will nicht primär erklären, warum die Dinge so kommen, sondern wie sie sich anfühlen, wenn sie passieren – in den Straßen, an Checkpoints, in improvisierten Lazaretten, in Stäben, die zu lange tagen und zu wenig wissen. Die Aktualität des Buchs ist fast erschreckend, auch wenn sich natürlich in den vergangenen 50 Jahren im Nahen Osten viel verändert hat.

Fast wie im Kino

Das Buch ist auch deshalb so eine wunderbare Lektüre, weil der Stil fast filmisch ist. Collins/Lapierre schneiden Szenen gegeneinander: politische Entscheidung und privates Überleben; britische Verwaltung und lokale Milizen; Funkverkehr und Gerüchteküche. Das Buch arbeitet stark über Verdichtung: Die Geschichte wird als Abfolge von Schlüsselmomenten erzählt, in denen "jetzt" alles kippt.

Sprachlich ist es eine Art "Doku-Action": klare Sätze, viel Bewegung, viele Namen, viele Schauplätze; kaum akademische Distanz, dafür große Anschaulichkeit. Wo andere Jerusalembücher kontemplativ oder theologisch werden, bleibt "O Jerusalem" körperlich: Staub, Hitze, Hunger, Angst, Improvisation.

Nein, das ist kein neutraler Bericht – aber genau darin liegt ja die Stärke des Buchs. Seine Lesbarkeit entsteht aus Inszenierung – aus Perspektivwechseln, dramatischen Einstiegen, pointierten Szenen-Enden. Die Darstellung stützt sich auf umfangreiche Recherchen und zahlreiche Interviews und baut daraus eine narrative Rekonstruktion. Nur: Interviews sind Erinnerungen – und die wiederum sind ein umkämpftes Gelände. Das kann man kritisieren, ich sehe es allerdings eher als dezidierten Hinweis darauf, fluider zu denken und sich nicht auf eingefahrene Narrative zu stützen. Natürlich taugt es nicht als einziges Buch über Jerusalem – die Forschung ist heute weiter, und auch die Geschichte ist nicht stehengeblieben. Aber: Bei welchem Sujet ist EIN Buch allein ausreichend?

Packende narrative Rekonstruktion

In der Rezeption gilt "O Jerusalem" als panoramische Erzählung der Kämpfe um Jerusalem 1948, gestützt auf Stimmen "von beiden Seiten". Gleichzeitig ist der Ton seiner Entstehungszeit in den 70er Jahren unverkennbar: Die beiden Autoren haben einen Hang zur großen historischen Erzählung, zur "Geburtsstunde" als Drama, zur moralischen Zuspitzung in Figuren. Das funktioniert, weil Menschen nicht zu Fußnoten schrumpfen. Es kann aber auch Asymmetrien überdecken: Wer erzählt? Wer handelt? Und wer bleibt ein Effekt der Geschichte?

Angesichts der vielen Regalmeter mit Jerusalem-Literatur – von Roman bis Reiseführer, von Stadt- bis Religionsgeschichte, von Memoiren bis politische Analysen – lässt sich "O Jerusalem" wunderbar als Einstiegsdroge lesen. Das Buch zieht in Bann – und es zwingt zum Weiterdenken. Man kann es als packende narrative Rekonstruktion lesen, genauso aber auch als Zeitdokument darüber, wie einem Weltpublikum in den 1970er Jahren ein Gründungs- und Kriegsstoff erzählt wurde. Und: es gibt nichts Vergleichbares – wie Collins/Lapierre Geschichte aufbereitet haben, ist bis heute einmalig.

Ein faszinierendes Autoren-Duo

Dass "O Jerusalem" bis heute diese Wucht entfaltet, liegt am Autoren-Duo Dominique Lapierre (1931-2022) und Larry Collins (1929-2005). Bereits damals waren die beiden eine Ausnahmeerscheinung. Sie kamen aus verschiedenen kulturellen und journalistischen Traditionen, aber sie waren sich einig in ihrer Überzeugung, dass Geschichte erzählt, nicht einfach nur belegt werden müsse.

Der amerikanische Reporter Collins brachte politischen Instinkt und Gespür für Machtstrukturen ein, der Franzose Lapierre die großen Gesten, Pathos und menschliche Nähe. Gemeinsam entwickelten sie eine Arbeitsweise, die eine frühe Form von "Narrative Nonfiction" oder "True Storytelling" ist – lange bevor das en vogue wurde. Sie reisten gemeinsam, führten Hunderte Interviews, hörten zu, verglichen Versionen, stritten über Gewichtungen. Und sie entschieden sich bewusst gegen die trockene Chronik.

Ihre Bücher folgen demselben Prinzip: Historische Großereignisse als dramatische Erzählung, getragen von Einzelschicksalen. Das machte sie enorm erfolgreich, sie wurden international gelesen und millionenfach verkauft. Das brachte ihnen aber auch Kritik ein: zu emotional, zu stark auf Wirkung bedacht, zu wenig Distanz. All das stimmt – und erklärt paradoxerweise auch ihren Erfolg. Gerade bei "O Jerusalem" zeigt sich diese Doppelhandschrift deutlich: Collins liefert die geopolitische Lesbarkeit, Lapierre die emotionale Zugkraft. Der eine strukturierte, der andere verdichtete. Heraus kommt kein neutraler Blick von nirgendwo, sondern ein bewusst komponiertes Panorama.

Heute – in einer Zeit, da Einzelleistungen vergöttert werden – wirkt das fast anachronistisch. Vielleicht hält sich "O Jerusalem" gerade deshalb so gut: Es behauptet nicht, die Wahrheit zu besitzen, sondern zeigt, wie Geschichte entsteht – aus Stimmen, Interessen, Angst und Hoffnung. Und weil Jerusalem bis heute ein Ort bleibt, der mehr als eine Wahrheit kennt, wie unbequem auch immer einem das vorkommen mag. Letzte Fragen werden hier nicht beantwortet. Aber beim Lesen wird erfahrbar, warum sie bis heute gestellt werden. Vielleicht ist das – bei dieser Stadt – das Ehrlichste, was ein Buch leisten kann.

Zum Weiterschauen:

Historische Buchbesprechung: https://www.youtube.com/watch?v=fs9iw8FPA-Y

Hommage an die beiden Autoren: https://www.youtube.com/watch?v=kQIDGwb1t2A

(Jutta Hamberger)+++

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