Was wir lesen, was wir schauen (140)

Patrick Süßkind, Das Parfum - Ausgestoßener, Eremit, Meister und Monster

Regnerische Avenue des Champs-Elysees in Paris
© Tom Fisk/Pexels

22.03.2026 / FULDA - Patrick Süskinds "Das Parfum" ist ein Roman über Macht, Wahrnehmung und Verführung. Und darüber, wie nah Genie und Abgrund beieinanderliegen. Der Roman hat sich tief in die sinnliche Wahrnehmung seiner Leser eingeschrieben, denn er erzählt eine verstörende Geschichte mit suggestiver Eleganz.

Ein Leben ohne eigenen Geruch



Im Zentrum steht Jean-Baptiste Grenouille, geboren im Paris des 18. Jahrhunderts – auf einem Fischmarkt, zwischen Abfällen, Gestank und Gleichgültigkeit. Früh wird klar: Dieser Mensch ist anders. Grenouille besitzt einen übermenschlich feinen Geruchssinn, kann die Welt in all ihren Nuancen erschnuppern – und bleibt doch selbst geruchlos. Ein Paradox, das ihn zum Außenseiter macht.

Sein Weg führt ihn in die Lehre eines Parfümeurs, später in die Einsamkeit einer Höhle und schließlich zu einem wahnhaften Ziel: Er will den vollkommenen Duft erschaffen. Dafür beginnt er, junge Frauen zu töten, um ihren "Duft" zu konservieren. Am Ende gelingt ihm das Unmögliche – ein Parfum, das Menschen willenlos macht. Doch Grenouilles Triumph ist zugleich seine radikalste Niederlage.

Ein Welterfolg

Süskinds Roman traf bei seinem Erscheinen 1985 einen Nerv – und das gleich auf mehreren Ebenen. Schon die Grundidee war kühn: eine Geschichte über den Geruchssinn, jenes literarisch eher vernachlässigte Sinnesorgan. Während Literatur häufig visuell oder akustisch arbeitet, erschließt "Das Parfum" eine neue Dimension. Man "liest" nicht nur, man riecht – und genau darin liegt die ungeheure Sogwirkung.

Süßkind gelingt im Erzählen die perfekte Balance zwischen Anspruch und Lesbarkeit. Er erzählt nicht hermetisch, sondern klar und zugänglich. Die historische Kulisse, die präzise Dramaturgie, die Spannungselemente eines Kriminalromans – all das macht das Buch massentauglich, ohne je banal und trivial zu werden. Und dann die ultimative Provokation: ein Serienmörder als Hauptfigur, dessen Taten nicht voyeuristisch ausgeschlachtet, sondern ästhetisch überhöht werden. Das irritiert – und fesselt. Bis heute steht das Buch unter den meistverkauften Büchern aus dem Deutschen auf einem Spitzenplatz.

Erzählen wie im Film

Süskind schreibt, als würde er filmen. Er arbeitet mit präzisen Schnitten, klar komponierten Szenen und starken Bildern. Die Beschreibungen sind dicht, oft knapp und zugleich von großer Anschaulichkeit. Dieser Roman denkt in Einstellungen. Das überrascht nicht, denn Süßkind hatte sich bereits als brillanter Drehbuchautor einen Namen gemacht – etwa mit der Kultserie "Kir Royal". Man merkt es diesem Text an. Szenen setzen punktgenau ein, Figuren treten mit dramaturgischem Gespür auf und ab, Spannungsbögen sind präzise gebaut.

Erzählt wird chronologisch und auktorial, beinahe klassisch. Genau darin liegt ein Teil des Erfolgs: Man kann sich in diesen Pageturner hineinfallen lassen und folgt ihm mit wachsender Sogkraft bis zur letzten Seite. Süskind erzählt dabei mit kühler, fast wissenschaftlicher Distanz. Grenouille wird nicht psychologisiert, sondern betrachtet – wie ein Objekt unter dem Mikroskop. Das erzeugt eine eigentümliche Faszination.

Und doch berührt die Figur ein zutiefst menschliches Thema: den Wunsch, wahrgenommen und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Grenouilles fehlender Eigengeruch wird zum Symbol radikaler Unsichtbarkeit. Wer keinen Geruch hat, existiert nicht. Sein mörderischer Weg ist damit auch eine pervertierte Suche nach Identität – und nach Macht über die Wahrnehmung anderer. Grenouille selbst bleibt emotional unzugänglich. Genau diese Kombination aus sinnlicher Überwältigung und emotionaler Kälte macht die eigentliche Wirkung des Romans aus.

Verstörung als Prinzip

Warum also folgt man einer Figur, die so abstoßend ist? Grenouille ist kein Antiheld im klassischen Sinn. Er hat keine moralische Entwicklung, keine Reue, keine Empathie. Wenn überhaupt, dann wächst nur sein Talent – und mit ihm seine Skrupellosigkeit. Er ist, zugespitzt gesagt, ein Monster. Und doch entzieht sich der Roman jeder einfachen Verurteilung.

Das liegt an der beunruhigenden Konsequenz der Romanidee: Grenouille gelingt, wovon viele träumen – er kann Menschen für sich einnehmen, sie manipulieren, sie beherrschen. Sein Parfum ist die ultimative Form von Charisma. Dass dieses Charisma nicht auf Persönlichkeit, sondern auf Täuschung und Verbrechen basiert, macht die Geschichte so verstörend – und so gegenwärtig. Nicht zu vergessen die tiefe Beunruhigung, die dieser Roman auslöst.

"Das Parfum" ist ein Roman, der sich jeder Schublade entzieht. Man kann ihn lesen als historischen Roman, als Künstler- oder Kriminalgeschichte, als philosophische Parabel. Sein Erfolg erklärt sich nicht nur aus seiner Originalität, sondern aus seiner Konsequenz: Süskind erzählt eine extreme Geschichte mit äußerster stilistischer Kontrolle. Er zwingt uns, dorthin zu schauen, wo wir eigentlich wegwollen. Er zwingt uns zur Auseinandersetzung mit unseren Ängsten und unseren dunklen Seiten. Ein unwiderstehlicher Mix.

(Jutta Hamberger)++++

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